Die Alte Oper Frankfurt hat ihr diesjähriges Musikfest einem kanonischen Werk der musikalischen Moderne gewidmet, Claude Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“. In verschiedenen Bearbeitungen, in Installationen und Inszenierungen wurde das Werk interpretiert und gedeutet und dabei immer wieder neu kontextualisiert. Stefana Sabin hat sich einen Eindruck von dem Musikfest, das am 8. Oktober 2016 endet, verschafft.

Debussys »Nachmittag eines Fauns«

Musikfest mit Überraschungen

„Ein Wunder! Ihre Veranschaulichung des Après-Midi d’un Faune, die keine Dissonanz zu meinem Text zeigen würde, außer dass sie die Nostalgie und die Stimmung noch eindringlicher zeigt.“ So kommentierte Stéphane Mallarmé die Komposition, mit der sein Freund Claude Debussy sein Gedicht L’Après-midi d’un faune in Musik setzte.

Das Gedicht, zwischen 1865 und 1867 geschrieben und erst 1876 mit Illustrationen von Édouart Manet veröffentlicht, gibt den inneren Monolog eines Fauns, also des altitalischen Naturgottes, wieder, der aus dem Nachmittagsschlaf erwacht und über seine Träume nachdenkt. In doppeldeutigen Sprachbildern mit klangmalerischen Wortschöpfungen versuchte Mallarmé die Befindlichkeit der Figur zwischen wirklichem und geträumtem Erleben darzustellen – eine Stimmung, die er in Debussys Musik aufs Vortrefflichste wiederfand.

Mallarmé nannte sein Gedicht eine Ekloge, womit er auf das Fragmentarische hinwies – eine ekloge ist ein Auszug, ein Zitat aus einem größeren Text. Debussy nannte seine Komposition, die 1894 uraufgeführt wurde, eine sinfonische Dichtung und gab ihr den Titel Prélude à l’après-midi d’un faune, womit er keine Vertonung des Gedichts, sondern ein Vorspiel ankündigte. „Die Musik dieses Préludes ist eine sehr freie Veranschaulichung von Mallarmés schönem Gedicht“, erklärte Debussy. Besteht das Gedicht aus 110 Alexandrinern, so besteht Debussys Komposition aus 110 Takten. Das Gedicht wird dem literarischen Symbolismus zugerechnet, Debussys Komposition dem musikalischen Impressionismus. Beide Werke sind auf untrennbarer Weise miteinander verbunden – und mit dem gleichnamigen Ballett von Vaslav Nijinsky.

Debussys kanonischem Werk – und indirekt seiner literarischen Inspirationsquelle – hat die Alte Oper Frankfurt ihr diesjähriges Musikfest gewidmet und ein vielfältiges Programm zusammengestellt, das Orchesterkonzerte ebenso wie kammermusikalische Abende, Klanginstallationen ebenso wie Textinszenierungen und Performances geboten und somit ein Stück des traditionellen Musikrepertoire in neuen und manchmal überraschenden Bearbeitungen vorgestellt.

Debussys Musik und zeitgenössischen Stücke

Zu den Höhepunkten dieses Musikfestes gehörten die Aufführung einer Prélude-Fassung für zwei Klaviere durch das GrauSchumacher Piano Duo und die Uraufführung eines neuen Stücks des serbischen Komponisten Marko Nikodijevic durch das hr-Sinfonieorchester, aber auch die originellen Bearbeitungen und Interpretationen des Frankfurter Ensembles Interface, eines 2009 gegründeten Sextetts, das an mehreren Abenden sogenannte Nach(t)konzerte gab, also kurze Konzerte im Anschluss an den Abendkonzerten gab und Debussys Musik mit zeitgenössischen Stücken – zum Beispiel mit dem sphärischen Klang von Giacintos Scelsis Hyxos von 1955 – konfrontierte.

Das GrauSchumacher Piano Duo – Andreas Grau und Götz Schumacher – umrahmte seine virtuose Interpretation der Fassung für zwei Klaviere, die von Debussy selbst stammt, durch Stücke von Ravel und den Monologen von Bernd Alois Zimmermanns von 1964. Die beiden Pianisten artikulierten die in Zimmermanns Komposition überblendeten Zitate besonders klar und ließen somit manche überraschenden Verwandtschaften zwischen der avantgardistischen und der impressionistischen Melodik erkennen. Aber ihre Virtuosität wurde vor allem in ihrer Interpretation der Urfassung von Ravels Valse deutlich, als sie mit kontrollierter Energie von der Walzerseligkeit zur impressionistischen Harmonik und schließlich zu den kraftvollen Dissonanzen des Finale wechselten.

Auch das hr-Sinfonieorchester paarte Debussy mit Ravel – Debussys La mer erklang neben Ravels Klavierkonzert für linke Hand. Der französische Pianist Jean-Efflam Bavouzet, der sich mit seiner Ravel-CD einen Diapason d’Or erspielt hat, wird als „impressionistischen Interpreten“ bezeichnet und tatsächlich entfaltete er mit einem ebenso leichten wie präzisen Anschlag die ganze Suggestivkraft der Ravelschen Musik – und erntete begeisterten Applaus! Dagegen wirkte das Auftragsstück von Marko Nikodijevic, ein Postludium für Orchester, wie ein ferner Reflex auf das zentrale Werk des Musikfests. Nikodijevic knüpfte an Debussys – und Mallarmés – Vorstellung und Darstellung von Zeit, indem er durch spiralartige Entwicklung des musikalischen Materials dem horizontalen Verlauf der Zeit entgegenzuwirken versuchte und zu einem „Ort ohne Zeit“, wie er sagte, also zum Stillstand zu gelangen.

Das Musikfest endet am Samstag, dem 8. Oktober, mit einem großangelegten Konzert mit dem Ensemble Les Siècles unter der Leitung von François-Xavier Roth: dabei wird Debussys Prélude noch einmal erklingen, diesmal umrahmt von afrikanischen Balafonmusik und von javanischer Gamelanmusik. Diese exotische Klänge sollen an Debussys Faszination mit außereuropäischen Musikkulturen erinnern und sein eigenes Werk kontextualisieren.

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erstellt am 05.10.2016

GrauSchumacher Piano Duo, Foto: Alte Oper Frankfurt / Achim Reissner

Musikfest »Nachmittag eines Fauns«

25. September bis 8. Oktober 2016

Alte Oper Frankfurt

Claude Debussy
Claude Debussy um 1908

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Claude Debussy: Complete Works for Piano
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Chandos Records, 2012

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Leon Bakst, Plakat für Vaslav Nijinskys Ballett »Nachmittag eines Fauns«, 1912
Leon Bakst, Plakat für Vaslav Nijinskys Ballett »Nachmittag eines Fauns«, 1912