Seine erste Publikation, „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ wurde sofort verboten, und gegen ihren Verfasser, Ludwig Feuerbach, wurde wegen Religionskritik polizeilich ermittelt. Die Kritik an Religion und Christentümelei hat der Philosoph lebenslang betrieben und selbst im Wald, wo Otto A. Böhmer ihn sah, musste er sich Revierkämpfen stellen.

Der Philosoph Ludwig Feuerbach

»Grüß Gott, Herr Oberforstrat!«

Der Philosoph Ludwig Feuerbach war der Meinung, dass ihn, nach einigen unnötigen, das Nachdenken eher lähmenden Entbehrungen, endlich anhaltende Begünstigung ereilt hatte. Es ging ihm gut, fand er; er fühlte sich wohl, und die Not, mit der er sich früher, notgedrungen, manches Mal hatte einlassen müssen, wilderte nun in anderen Revieren und machte um seine Person einen Bogen. Feuerbach führte die Begünstigung, die man ihm zuteil werden ließ, auf den Umstand zurück, dass er sein Glück gefunden hatte; der Philosoph war vor kurzem in den Stand der Ehe getreten, die sich ihm von Anfang an überaus freundlich darbot: Bertha Löw nämlich, seine junge Frau, hatte ihre bemerkenswerte Schönheit als Mitgift eingebracht, aber auch ein Schloss, ausgedehnte Ländereien, einige Wälder und regelmäßig eingehende Revenuen aus der väterlichen Porzellanfabrik. Nicht nur den Reichtum empfand der Philosoph als angenehm, sondern auch die Tatsache, dass seine Frau ihn in Ruhe ließ; sie hatte sich seiner Meinung angeschlossen, dass er ein Denker war, dem es gelingen musste, Großes auszuhecken. So hatte sich Feuerbach eine komfortable Einsamkeit geschaffen, in der ihn Bertha, getragen von Hochachtung und einem erfreulich zärtlichen Gefühl, mit dem Nötigsten versorgte. Um die Dinge, die es täglich zu regeln galt, kümmerten sich der Verwalter und, in Maßen, auch des Philosophen sehr verehrte Frau. Feuerbach rüstete sich zu seinem gewohnten Spaziergang: Er stieg in die Schaftstiefel, an denen noch der Lehm seiner letzten Wanderung klebte, und zog die derbe dunkelgrüne Allwetterjacke an, in der er, wie Bertha scherzhaft festzustellen pflegte, wie ein Forstmann aussah. Der Philosoph verließ das Schloss; am Himmel zogen träge Wolken dahin, und ein kühler Wind wehte. Feuerbach nahm seinen Standardweg, der an den Äckern vorbei in den Wald führte; hier atmete er auf, so als sei er endlich in Sicherheit; die große Welt, von der er in seinem Schloss ohnehin nicht mehr viel erfuhr, war in seinem Wald nur noch als ein fernes Rauschen zu vernehmen. Kein Lärm mehr, keine Fehden; keine Amtsgeschäfte, keine Regierungskrisen, und noch längst nicht der mancherorts gern herbeigeredete Aufstand des biederen Volkes. Man lebt auf Widerruf, dachte der Philosoph, aber auch in meinem rundum gesicherten Dasein, das ich keineswegs als vorbildlich begreifen will, bleibe ich ein gehorsamer Diener meiner selbst. Wenn es dereinst einmal anders – und wieder schlechter – kommen soll, werde ich einen langgezogenen Fluch zu meinem Himmel emporschicken, der sich direkt über meinem Wald auftut, und sonst nicht weiter klagen. Man ist so frei, wie man sich fühlt; da kann es schon vorkommen, dass die Nachtragenden dieser Welt – sie alle maskieren sich hingebungsvoll unter der Ungunst der Umstände – doch noch zum letzten Gefecht antreten und mit herrlichen Verlusten schließlich obsiegen. Der Weg führte in einer leichten Kehre bergan; von oben kam dem Philosophen ein Wanderer entgegen. „Grüß Gott, Herr Oberforstrat!“ rief der Mann. „Herbst wird es, und das nicht zu knapp.“ Feuerbach nickte; man scheint mich für den Förster zu halten, dachte er. Auch nicht schlecht. Es geht eben nichts über eine dezente Dienstkleidung, die gerade dem Philosophen wohl von Nutzen ist. Auf einer Anhöhe blieb er stehen; hier oben trat der Wald zurück, und man hatte einen fernen Blick hinunter ins Tal. Feuerbach setzte sich auf eine Bank; im Gebüsch hinter ihm zeterte der Vogel, der ihn immer beschimpfte, wenn er sich zur Ruhe setzte. Die gewohnte angenehme Müdigkeit überkam den Philosophen, und bereitwillig schloß er die Augen. „Grüß Gott!“ hörte er da auf einmal eine schnarrende Stimme. Woher kennt er meinen Namen? dachte Feuerbach und riskierte einen Blick. Vor ihm stand ein Mann, der nun wirklich aussah wie der Förster. „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ fragte er und ließ sich auf der Bank nieder. „Man hat ja gern ein bisschen Gesellschaft in der Einsamkeit, finden Sie nicht?“ – „Nein“, sagte Feuerbach. „Finde ich nicht.“

„Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle“, schnarrte der Mann, der nicht nur wie der Förster aussah, sondern auch ein so gerötetes Gesicht hatte, als unterläge er dem unentwegten Zuspruch fabelhaft-sündiger Gedanken. „Angermaier ist mein Name, ich bin der Oberforstrat des hiesigen Reviers.“ „Macht nichts“, erwiderte der Philosoph, „Sie müssen sich nicht entschuldigen.“ „Wissen Sie“, sagte der Mann, „ich habe Sie noch nie hier gesehen. Mit wem habe ich das Vergnügen?“ „Das weiß ich nicht“, sagte Feuerbach. „Ich kennen Ihre näheren Lebensumstände nicht.“ „Mein Herr!“ rief der Mann und sah den Philosophen streng an. „Ich finde Sie, mit Verlaub, recht unhöflich und etwas seltsam dazu. Sie sollten wissen, dass ich nicht nur der Oberforstrat des hiesigen Reviers bin, sondern auch ein namhafter Gelehrter, der in seiner karg bemessenen freien Zeit schon zwei Bücher geschrieben hat. Ich habe, das darf ich in aller Bescheidenheit sagen, die durch Kant auf den Weg des Atheismus gebrachte Philosophie auf den Pfad der Tugend zurückgeführt. Meine Werke sind nicht sehr bekannt geworden, aber dafür waren sie, zumindest im hiesigen Revier, von durchschlagender Wirkung, wenn Sie verstehen, was ich meine.“ „Ich denke schon“, sagte Feuerbach. „Sie sehen mich zutiefst beeindruckt. Neben einem Mann wie Ihnen, Herr Angermaier, kann ein schlichter Waldläufer wie ich sich nur klein vorkommen, wenn auch nicht unbedingt hässlich.“

Er erhob sich und deutete eine knappe Verbeugung an. „Gestatten Sie, daß ich mich empfehle. Vor der Philosophie habe ich einen eigenartigen Respekt. Ich selbst allerdings glaube nur das, was ich sehe, wobei mir oft genug die Augen übergehen. Leben Sie wohl, mein Herr, und kultivieren Sie unerschrocken die Wildnis Ihrer Gedanken. – C’est la différence: In mir steckt, bis auf weiteres, noch ein Fremder; hinter Ihnen aber steht, wie ein Mann, das ganze hiesige Revier …“

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erstellt am 27.9.2016

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Der Philosoph Ludwig Feuerbach
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