Mit „Der Sandmann“ von Andrea Lorenzo Scartazzini eröffnete die Oper Frankfurt den Premierenreigen der Spielzeit 2016/17. Die Oper nach Motiven der gleichnamigen Erzählung von E.T.A. Hoffmann erlebt in Deutschland ihre Erstaufführung. Uraufgeführt wurde sie 2012 in Basel. „Der Sandmann“ ist unbedingt sehenswert, meint Andrea Richter.

Oper

Clara, Clarissa, Clarissima

Szenenfoto »Der Sandmann«, Oper Frankfurt: Monika Rittershaus

Die Handlung spielt in unserer Zeit: Der Schriftsteller Nathanael kommt mit seinem autobiographischen Roman „Der Sandmann“ nicht voran. In schrecklichen Albträumen arbeitet er sich an seinen aus der Kindheit rührenden Traumata ab. Dort treiben sein grausamer Vater und dessen Freund Coppelius, beide längst verstorbene Geister, mit Menschenexperimenten ihr Unwesen. Sie versuchen, den perfekten künstlichen Menschen zu erschaffen, genauer gesagt, die perfekte Frau. Heraus kommt der Automat Clarissa, die optimierte Version von Nathanaels Freundin aus Fleisch und Blut, Clara. Clarissa ist nicht so schwierig wie Clara, hört immer zu und ist Nathanael stets zu Diensten. Realität, Traum und Vorstellung überlagern sich bei Nathanael. Bis zu seinem Tod.

Ein Rechteck aus grell-weiß leuchtenden Neonröhren vor tiefschwarzem Hintergrund. Tiefe Bläser-Akkorde, sirrende Streicher, geisterhafte Glissandi, ein Chor, der mehr stöhnt als singt, aus dem Off. Schon das Vorspiel lässt Schlimmes erahnen. Langsam dimmt das Neonlicht herunter, ein Zimmer mit Büchern und einem Schreibtisch wird erkennbar. Nathanael sitzt an eine Seitenwand gepresst, windet sich und schreit. Wir begreifen: er hat einen Albtraum. Er ruft verzweifelt nach Clara. Sie eilt herbei, versucht ihn zu beruhigen. „Ist der Sandmann noch da?“ fragt er. „Du bist wach“, antwortet sie. Seit er an diesem Buch arbeite, werde er von diesen Wahnvorstellungen geplagt. Er solle damit aufhören, er brauche ärztliche Hilfe. Eine beklemmende Szene, und der Zuschauer ist bereits tief mit dem Leid des jungen Mannes verstrickt.

Und schon tauchen sie auf, diese Geister, die ihn bedrängen. Immer wieder wird er diesen Schrecken erleben, diese Stimmen, die flüstern, lachen, schreien, reden, singen, beschwören, mal lyrisch, mal dissonant, mal laut, mal leise. Es bleibt die Hoffnung, dass Clara ihn mit ihrer Liebe von ihnen befreien kann. Doch die Geister servieren ihm Clarissa, eine Frau wie aus einem Werbeprospekt. Nathanael verliebt sich sofort in sie, in diesen ja-sagenden Automaten. Sie verfügt über einen Tonvorrat von höchstens sechs Tönen, stets eingebettet in weiche Streicherklänge. Sie muss nicht aufgezogen werden, wie das bei ihrer Kollegin Olympia in „Hoffmanns Erzählungen“ der Fall ist. Jacques Offenbach hat die Puppe E.T.A. Hoffmanns dafür mit kunstvoller Koloratur und großem Tonumfang ausgestattet. Ebenfalls unterschiedlich: Offenbachs Nathanael hält die Puppe für echt, was der Nathanael Scartazzinis schnell nicht mehr tut. Ihm ist durchaus ihre Künstlichkeit bewusst, was die Sache nur schlimmer macht. Der Gedanke an Männer im echten Weltengeschehen mit lebensgroßen Gummipuppen im Bett drängt sich auf. „Leidenschaft für die Frau als Leiche“, heißt es denn auch einmal trefflich.

Labyrinth der Daseinsformen

Der anfängliche Eindruck, zwischen den realen, den wahnhaften und den fürs Buch erfundenen Personen verliefen Grenzlinien, erweist sich schnell als illusorisch. Sie sind entweder fließend oder existieren überhaupt nicht. Clara und ihr Bruder Lothar als Protagonisten der realen, vernünftigen Welt verlieren sich in diesem Labyrinth tatsächlicher, eingebildeter und erfundener Daseinsformen genauso wie der Zuschauer. Alles scheint an den Strippen der Geister, des toten Vaters und seines Freundes Coppelius, zu hängen und von ihnen geleitet zu werden. Letztlich bleibt offen, welche Figuren und Situationen real sind und welche nicht. Aufatmen ist in grotesk- komischen Szenen möglich, die allerdings in kürzester Zeit wieder in den Wahn umkippen, aus dem sie kommen. Das Verrück(t)spiel wird auf die Spitze getrieben, wenn die Musik im krassen Gegensatz zur Handlung steht.

Dem Duo Scartazzini (geboren 1971 in Basel) und Jonigk (geboren 1966 in Eckerförde) ist mit „Der Sandmann“ Musiktheater vom Feinsten gelungen: zeitgemäß, dramatisch und musikalisch spannend, emotional packend und berührend. Scartazzini selbst beschrieb es als „Form und Klang gewordene Innenwelt“. Für ihn muss das Bühnengeschehen die Menschen so stark ergreifen, „als durchlebten sie gleichsam ihre eigene Geschichte“. Seinem eigenen Anspruch ist Scartazzini mit „Der Sandmann“ voll umfänglich gerecht geworden. Nach „Wut“ ist es seine zweite Opern-Komposition. Sie entstand im Rahmen eines Stipendiums des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg. Seine dritte Oper mit dem Titel „Edward II“ wird am 19. Februar 2017 an der Deutschen Oper Berlin erneut im Team mit Jonigk und Loy uraufgeführt werden.

Die musikalische Leitung liegt bei Hartmut Keil, der bis Anfang 2016 als Kapellmeister und Studienleiter zum Ensemble der Oper Frankfurt gehörte. Die Titelpartie singt der zum Ensemble gehörende österreichische Bariton Daniel Schmutzhard. Bis auf den neu zum Frankfurter Ensemble zählenden polnischen Bass Daniel Miroslaw (Lothar) sind die drei weiteren Rollen wie in der Basler Uraufführung besetzt: Die schwedische Sopranistin Agneta Eichenholz (in Frankfurt bisher als Fiordiligi in Così fan tutte zu erleben) gehört zu den bevorzugten Sängerinnen von Christof Loy und verkörpert auch hier die Doppelrolle Clara / Clarissa. Thomas Piffka(Vater) und Hans-Jürgen Schöpflin (Coppelius) sind ebenfalls in Frankfurt mit von der Partie. Unbedingt sehenswert!

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erstellt am 23.9.2016

Szenenfoto »Der Sandmann«, Oper Frankfurt: Monika Rittershaus

Oper

Der Sandmann

Von Andrea Lorenzo Scartazzini
Nach Motiven der gleichnamigen Erzählung (1815) von E.T.A. Hoffmann
Text von Thomas Jonigk

Musikalische Leitung Hartmut Keil
Inszenierung Christof Loy
Bühnenbild Barbara Pral

Nathanael Daniel Schmutzhard
Clara / Clarissa Agneta Eichenholz
Vater Thomas Piffka
Coppelius Hans-Jürgen Schöpflin
Lothar Daniel Miroslaw

Oper Frankfurt

Szenenfoto »Der Sandmann«, Oper Frankfurt: Monika Rittershaus