„Unter Waffen – Fire & Forget 2“ heißt eine Ausstellung in Frankfurt, die Waffen und Militärästhetik in Mode, Design, Kunst und Alltagskultur nachspürt. Die Schau beschäftigt sich auch mit der Frage, wie uns der Anblick von Waffen affektiv berührt. „Fire & Forget 2“ ist unterhaltsam und tendiert stellenweise zu einem Kuriositätenkabinett, meint Ellen Wagner.

Ausstellung

Bummeln übers Minenfeld

Manchmal sagt ein Blick mehr als tausend Worte. Gerade weil er vieles unausgesprochen lässt. Weil er schmerzverzerrt, stumpf, erwartungsfroh, ruhig und entschlossen sein kann und trotzdem unter seiner Oberfläche noch ganz anderes bereithält. Weil er in seiner immensen Aufladung stets durchsetzt mit Leerstellen bleibt. Ein Blick kann ganz bewusst eingesetzt werden und steht doch immer nur zu einem gewissen Grad unter der Kontrolle desjenigen, der mit einem bestimmten Anblick konfrontiert wird.

Auch die von Ellen Blumenstein, Daniel Tyradellis und Matthias Wagner K kuratierte Ausstellung „Unter Waffen – Fire & Forget 2“ im Frankfurter Museum Angewandte Kunst lebt von der Spannung zwischen einer sinnlich wahrnehmbaren Oberfläche und dem, was diese unweigerlich verbirgt. Die Schau beschäftigt sich mit der Frage, wie uns der Anblick von Waffen – beim Erleiden, Beobachten und Anwenden von bzw. bei der Reflexion über Gewalt – affektiv berührt, und will die Ambivalenz zwischen Faszination und Furcht unmittelbar spürbar machen.

Eindringlicher Blick

Dies gelingt ihr auch dadurch, dass sie einen besonderen Fokus auf die Gesichter legt, die uns aus einzelnen Werken adressieren und eine Art Rahmen für die Ausstellung bilden: Gleich zu Beginn trifft man in Sharif Wakeds Video „To Be Continued“ (2009) auf einen jungen Mann, der nicht zuletzt durch die gut sichtbar vor ihm deponierte Waffe wie ein Selbstmordattentäter in einem Märtyrervideo wirkt. Ein eindringlicher Blick aus dunklen Augen und der fremdartige Klang der arabischen Sprache stützen diesen Eindruck für den des Arabischen nicht mächtigen Betrachter. Wakeds Protagonist aber kündigt keine Bluttat an, sondern rezitiert Geschichten aus 1001 Nacht, die Prinzessin Scheherazade erzählte, um ihre Ermordung durch den König bis zu ihrer Begnadigung hinauszuzögern.

Auch das Ende des Rundgangs ist von einer intensiven Blickbeziehung geprägt: Rabih Mroué reiht in „Double Shooting“ (2012) 70 gedruckte Stills aus einem syrischen Handyvideo aneinander. Die einzelnen Bilder zeigen – wie bei einem Daumenkino, das man nicht durchblättert, sondern physisch durchlaufen muss, – einen Scharfschützen, der ein Ziel außerhalb des Bildfeldes anvisiert, sich dann langsam umblickt, entdeckt, dass er beobachtet wird und den Lauf des Gewehrs auf den Beobachter richtet. Dessen Perspektive nimmt nun der Ausstellungsbesucher ein. Mit dem Erreichen des letzten Bildes löst der Betrachter selbst den „Schuss“ aus – ein akustisches Signal, das offenlässt, ob der Handyfilmer seine eigene Liquidierung gefilmt hat oder doch noch einmal mit dem Leben davongekommen ist.

Das Museum Angewandte Kunst präsentiert eine Folgeversion der Ausstellung „Fire & Forget. On Violence“, die 2015 im KW Institute for Contemporary Art in Berlin gezeigt und für Frankfurt um weitere Werke und Objekte aus dem Produkt- und Modedesign ergänzt wurde. In drei räumlich voneinander abgesetzten Quadranten behandelt sie vier Themenbereiche und lehnt sich im Ausstellungsdisplay an die Ästhetik von Verkaufsmessen an. Dabei gibt es zwar Erläuterungen zu den einzelnen Exponaten, aber keine übergreifenden Saaltexte. Deren Funktion übernehmen Aufsteller in der Art von Werbebannern, auf denen eingängige „Slogans“ in die verschiedenen Bereiche einladen und viel Raum für unterschiedliche Ausdeutungen lassen.

Mehrdeutige Untertitel

Der Quadrant END OF DISCUSSION befasst sich mit dem Augenblick, in dem die Entscheidung fällt, ob in einer Situation, etwa in einem Polizei- oder Militäreinsatz, Gewalt anzuwenden ist, und, falls ja, welche Form und welches Ausmaß diese annehmen soll. In „A Tank Translated“ (2002) übersetzt Omer Fast einen israelischen Panzer in eine Installation aus vier Monitoren, deren Anordnung im Raum der Verteilung der Besatzungsmitglieder im Fahrzeug folgt. Die Monitore zeigen Interviews mit dem Kommandanten, dem Fahrer, dem Lade- und dem Richtschützen. Jeder Soldat wird zu seiner im Einsatz jeweils auf eine bestimmte Aufgabe fokussierten und daher stets eingeschränkten Perspektive auf das Geschehen befragt. Die Videos sind mehrdeutig untertitelt: Mal wiederholt sich der Text in einer Version, die jede Aussage in eine negative Formulierung verkehrt, mal verschwinden einzelne Wörter und scheinen sich damit selbst zu hinterfragen. Immer wieder werden die Berichte der Soldaten durch manipulierte Untertitel mit der Tätigkeit des Filmemachers selbst parallelisiert. Die Schwierigkeit der (medialen) Übersetzung von persönlichen Erfahrungen und individuellen Wahrheiten in „objektive“ Bilder, die nicht nur von der Sichtweise des Dokumentierenden, sondern auch von den Interessen der Geld- und Auftraggeber der Aufnahmen geprägt sind, wird mehr als offensichtlich.

In einem zweiten Sektor des Quadranten geht es unter dem Motto HIGH INTENSITY um Military-Looks und Camouflage in Marketing und Design. Herzstück des Bereichs ist eine 3D-gedruckte Liberator-Pistole, arrondiert von Videoclips, die für die Bundeswehr werben oder zum Bau von DIY-Waffen anleiten. Hier zeigt sich besonders, wie die an Messekojen angelehnte Ausstellungsarchitektur die Exponate warenähnlich werden lässt und, wie Blumenstein erläutert, beim Besucher ein Gefühl des „Haben-Wollens“ erzeugen soll.

Die auf dicht gedrängte, eng getaktete Erlebnisse ausgerichtete Präsentation schafft das Gefühl, „mittendrin“ und unmittelbar involviert zu sein. Zugleich schränkt sie den Raum, der einem einzelnen Werk gegeben wird, sichtlich ein. Dennoch verstärkt die Spannung zwischen dem Überfluss einer vertraut und befremdlich zugleich wirkenden Produktwelt und reduzierter auftretenden (Video-)Arbeiten den Eindruck, dass in der Ausstellung lediglich die Spitze des Eisberges zusammengetragen wurde.

Bushs Atomkoffer

Wie selbstverständlich Waffengewalt heute zu unserem Alltag gehört, als Ordnungsmaßnahme, politisches Druckmittel oder Freizeitvergnügen – in virtuellen Computerspielwelten oder auf der Jagd in der Natur –, zeigt sich im Quadranten CHOOSE YOUR ENEMY. In besonderem Maße verwischen hier die Grenzen zwischen Spiel und Ernst, Freund und Feind, Opfer und Täter. Korpys und Löffler z. B. haben nicht nur beim Berlin-Besuch von George W. Bush den immer in der Nähe des Präsidenten bereitgehaltenen Koffer gefilmt, der der Autorisierung eines Atomschlags dient („The Nuclear Football“, 2004), sondern auch Polizisten, die im Selbstversuch für den Gebrauch von Elektroschockpistolen geschult werden („Gesang der Jünglinge“, 2009). Die Arbeiten zeigen Personen, denen zum Schutz der Allgemeinheit die Macht verliehen wurde, Menschen auszuschalten und ganze Landstriche auszulöschen. Klar ist dabei in jeder Sekunde, dass diese Macht weder vor Fehlentscheidungen noch vor Verantwortungsmissbrauch schützt und auch diejenigen, die über sie verfügen, verändert, ihr Selbstbewusstsein steigern, sie abstumpfen oder auch zerbrechen lassen kann.

„Fire & Forget 2“ ist unterhaltsam und tendiert stellenweise zu einem Kuriositätenkabinett, so absurd erscheinen manche der durchaus für den normalen Hausgebrauch gestalteten Designobjekte. Trotzdem ist die sinnliche Oberfläche der Ausstellung eine permanent zum Zerreißen gespannte, die man nicht komplikationslos überquert. Auch die Präsenz abwesender Gesichter ist dabei nicht zu unterschätzen – z. B. in Jon Rafmans Video „A Man Digging“, das aus einer Aneinanderreihung von Computerspielszenen besteht. Ohne in das Geschehen eingreifen zu können, ist man gezwungen, seinen Blick über tote, mit dem Gesicht meist abgewandte Körper in Shopping Malls, U-Bahn-Waggons, Luxuslofts und Diskotheken schweifen zu lassen. Die Hintergründe der Massaker sind unklar, es bleibt bei reinen Oberflächen.

I remember that when I was a kid, I could not read images as intended. I would just see a face, a stance, a gesture, always fraught with an emotion I couldn’t name. This meant that emotions came through with so much directness, even if the functions were unclear. They lived in a single image, frozen forever in the singularity of their drama. All was mystery, except for the one clear instant. (Jon Rafman: A Man Digging.)

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erstellt am 19.9.2016

Rabih Mroué: Double Shooting (2012), Ausstellungskopie (Ausschnitt), Installation einer Reihe von 70 Videostills. Courtesy der Künstler und Galerie Sfeir-Semler, Hamburg/ Beirut

Ausstellung in Frankfurt

Unter Waffen – Fire & Forget 2

10. September 2016 – 26. März 2017

Museum Angewandte Kunst

Extranight: Extranight Gun (2015), Aluminium, ABS-Kunststoff, NCVM-Beschichtung; 21 × 62 × 14 cm. Courtesy Extranight, Gland. Foto: Jean-Luc Brigot

Sadak AW 2016 “Borders”, 2015. Foto: Ryan Tandya, © Sadak

Korpys/ Löffler: Gesang der Jünglinge (2009), Video (Still), Farbe, Ton; 14:22 min. Courtesy Meyer Riegger, Berlin/Karlsruhe

Jon Rafman: A Man Digging (2013), Videoinstallation; 9:07 min. Courtesy der Künstler und Collection Majudia, Montreal