In seinem Essay untersucht der Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler Friedrich Weltzien zeitgenössische Design-Strategien, die sich als ziviler Ungehorsam definieren lassen. Weltzien möchte zeigen, dass es eine Schnittmenge von Gestaltung und politischem Aktivismus gibt, die sich designtheoretisch fruchtbar machen lässt.

Essay

Fashiondesign als Waffe

Von Friedrich Weltzien

Kriege werden heute oft nicht mehr auf Schlachtfeldern geführt, die sich irgendwo im geografischen Gebiet unserer Erde befinden, sondern immer häufiger im virtuellen Raum des Internets. Es kann effizienter sein, den militärischen Gegner zu hacken, als ihn zu beschießen. So wird beim Gegenüber unter Umständen mehr Schaden angerichtet und werden in jedem Fall auf der eigenen Seite weniger Verluste riskiert als bei konventionellen militärischen Einsätzen.

Nicht erst seit den spektakulären Enthüllungen des sogenannten Whistleblowers Edward Snowden und den nicht abreißenden Geheimdienstskandalen ist klar, dass an der Schnittstelle von Militär und Geheimdienst die Überwachungstechnologie zu den herausgehobenen Interessensbereichen zählt. Für die Feindaufklärung wie auch zur Verhinderung terroristischer Angriffe werden fest installierte oder fliegende Kameras genutzt, von Fahrzeugen oder Laptops aufgenommene Filme gesammelt, auf Sicherheitssysteme, Fernsehbilder, soziale Netzwerke, Spielkonsolen und andere visuelle Daten zugegriffen. Die Bearbeitung dieser ständig wachsenden Datenberge allerdings überfordert jede Personalplanung, denn man müsste Heerscharen von Analysten rund um die Uhr mit der Sichtung beschäftigen. In jedem Augenblick entstehen mehr Bilder, als in Wochen verglichen und ausgewertet werden könnten.

Eine Möglichkeit, dieses Big-Data-Problem zu lösen, bietet die automatische Gesichtserkennung. Auf der Basis von definierten biometrischen Parametern können Softwareprogramme individuelle Gesichter wiedererkennen, auch wenn die Aufnahmen dieser Personen aus unterschiedlichen Perspektiven oder bei differierenden Lichtverhältnissen entstanden sind. Selbst die klassischen Agentenaccessoires Sonnenbrille und Schlapphut bringen die Software nicht ins Schleudern.

So durchsuchen die Rechner eigenständig die eingehenden Bilddaten nach den Signaturen jener Menschen, die vorher als militärische Feinde (oder aus welchen Gründen auch immer als suchenswert) definiert worden sind. Entdeckt das Programm ein solches Gesicht, kann es Alarm schlagen. Auf diese Weise ist zumindest potentiell jeder Mensch jederzeit identifizierbar, lokalisierbar und damit im Extremfall auch einem militärischen Zugriff ausgesetzt. Durch die Möglichkeit, per Satellit oder Drohne jeglichen Winkel der Erde sichtbar zu machen, endet mit dieser Technologie die Option, anonym zu bleiben.

Design ist in dieser neuen Form der militärischen Auseinandersetzung, die gelegentlich als Cyberwar bezeichnet wird, in vielfältiger Weise angesprochen. (1) Im Folgenden soll es aber nicht darum gehen, wie Designer an der Ausgestaltung dieser Technologie befasst sind (so haben beispielsweise Facebook oder Google je eigene Gesichtserkennungssoftware entwickelt), sondern wie Designer mit dieser Situation umgehen. Seit ein paar Jahren existiert ein interessanter Ansatz, Design als Waffe in diese Form der Kriegsführung einzubringen. »Anti-Detection«, »Stealth Wear« oder »Computer Vision Dazzle« heißen Entwürfe von Designern wie Adam Harvey oder Künstlerinnen wie Bronwyn Lewis, die Hairstyling, Make-up und Kleidung dazu nutzen, Gesichtserkennungssoftware zu überlisten und sich somit für die Überwachungstechnologie unsichtbar zu machen. Es geht darum, wie unter diesen Bedingungen Design genutzt werden kann, um Anonymität oder Privatheit zu erhalten oder zu erzeugen.

These ist, dass als Grundlage sowohl der Gesichtserkennung als auch der designbasierten Defensivbewaffnung die Gestalttheorie dient, die insbesondere von Max Wertheimer ab 1910 wahrnehmungspsychologisch ausformuliert wurde. (2) Nach diesen Hypothesen zur Ordnungs- und Mustererkennung wurden im Ersten Weltkrieg auch Tarnanstriche, beispielsweise für Kriegsschiffe, entwickelt. Seit dem Zweiten Weltkrieg gibt es vermutlich keine militärische Kampfausrüstung mehr, die auf Camouflage verzichtet. Anhand der historischen Herleitung dieses Beispiels möchte ich zeigen, dass Design als kulturelle Praxis immer auch militärisch nutzbar ist, ja sogar bestimmte Formen der Kriegsführung erst ermöglicht. Ich will deutlich machen, dass insofern auch Designtheorie nicht unschuldig ist und sich zudem beide – Praxis und Theorie – immer eng bedingen.

Asymmetrie, Privatheit und demokratische Grundordnung

Gesichtserkennung ist gewiss nur eine Waffe im Arsenal der Cyber-Krieger. Das Abfangen und Einfrieren von Geldbewegungen und Konten, das Abhören und Ausspionieren, die Erstellung von Bewegungsprofilen und Gewohnheitsprotokollen, das Hacken von Daten, Einschleusen von Viren und Trojanern, das Blockieren oder Manipulieren von Websites und Kommunikationskanälen, bis hin zur Lenkung unbemannter Drohnen, die Aufklärung betreiben können oder auch Menschen gezielt töten, sind weitere Instrumente. Der Cyberwar, der mit Hilfe der massenweisen Datensammlung geführt wird, bekam insbesondere durch den von den Vereinigten Staaten von Amerika nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ausgerufenen »War on Terror« erheblichen Nachdruck.

Dabei wurde ein Merkmal deutlich: Die Mittel, mit denen die beteiligten Parteien der Auseinandersetzung arbeiten, unterscheiden sich erheblich. In dieser asymmetrischen Kriegsführung steht auf der einen Seite eine technisch hochgerüstete Macht mit erheblichen finanziellen und organisatorischen Ressourcen, auf der anderen Seite eine Formierung uneinheitlicher Gruppen. Es bekämpfen sich nicht mehr zwei (oder mehrere) Streitkräfte, deren Soldaten durch Uniformen und Hoheitszeichen eindeutig markiert sind. Vielmehr ist jetzt eine Partei eher im Sinne einer Guerilla- oder Partisanenarmee aufgestellt, ohne Uniformen, ohne klare Markierungen, ohne von außen erkennbare Struktur. (3) Um eine solche Bedrohung abzuwehren, müssen die Geheimdienste nun notgedrungen alle Menschen überwachen, denn wenn die Angehörigen einer als feindlich eingestuften Kampfeinheit sich nicht zu erkennen geben, könnte potentiell jeder Mensch ein gegnerischer Kämpfer sein.

Naturgemäß hat dann der bei Weitem überwiegende Anteil dieser Daten nicht das Geringste mit einer wie auch immer gearteten Bedrohung durch Terroristen oder andere Feinde zu tun. Viele Menschen sehen folglich Überwachungstechnologien wie die automatische Gesichtserkennung ganz zu Recht als einen erheblichen (und schwerlich legalen) Eingriff in ihre Persönlichkeitsrechte. Die Frage nach Datenschutz und Schutz der Privatsphäre ist ein Problem, mit dem sich demokratische Gesellschaftsordnungen seit jeher auseinandersetzen müssen. Die Definition von Innen und Außen, persönlichem und öffentlichem Raum und an welcher Stelle genau die Grenzen dazwischen verlaufen, gehört seit der Antike zu den integralen Aufgaben der Demokratie. Denn wenn das Volk selbst als Souverän auftritt, darf diese Grenzziehung keine autoritäre Setzung sein, sondern ist vielmehr eine stete Aktivität, die nie zu Ende kommt und immer wieder neu ausgehandelt werden muss.(4)

Über die verbreitete Nutzung von Webcams und Smartphones, über das freiwillige Offnen der Privatsphäre in sozialen Netzwerken, Spielkonsolen, Verkaufsportalen oder Suchmaschinen scheint sich diese Absteckung aber soweit aufzulösen, dass manche Kritiker befürchten, es könnten tatsächlich bald keine unbeobachteten Rückzugsorte mehr existieren. Mit der vollkommenen Transparenz aber hätte auch die politische Struktur, die auf dem Gegensatz von Öffentlichem und Privatem, Allgemeinem und Eigenem basiert, die Demokratie, ausgedient. (5) Und mit ihr, so ließe sich das weiterdenken, letztlich auch die sozialen Konzepte von Individualität, auf denen alle Vorstellungen von Design als kultureller Praxis aufruhen. Der Umgang mit den Medien spielt so gesehen der Überwachungsstrategie des Big Data in die Karten: Wir selbst tragen dazu bei, dass die Grundlagen für Design im Sinne des Ausdrucks einer freien Gestaltung erodieren.

Designaktivismus

Man könnte also sagen, dass Designentwürfe oder Konzepte, die sich für den Schutz von Privatheit (oder anders formuliert: für das Recht auf Anonymität) einsetzen, damit für die demokratische Grundordnung die Basis von Gestaltung als Ausdruck von Individualität stark machen. Menschen, die für den Schutz von Persönlichkeitsrechten gegen willkürliche Verletzung durch Einzelne oder Institutionen einstehen, stellen Überlegungen an, wie man sich gegen die Überwachung und die Sammlung von privaten Daten zur Wehr setzen kann. Eine simple Defensivwaffe besteht darin, die im Laptop integrierte Webcam abzukleben oder den Akku aus dem Handy zu nehmen. Wie man sich aber gegen die Überwachung im öffentlichen Raum wehren kann, wie man die automatische Identifizierung durch Gesichtserkennungssoftware überlisten und ausschalten kann, das ist eine verzwicktere Herausforderung.

Gleichwohl haben sich Gestalter daran gemacht, Ideen für ein solches Ausklinken aus dem Überwachungssystem zu entwickeln, und diese Lösungen besetzen eine interessante Schnittmenge aus Design und Aktivismus. So hat im Jahr 2012 eine Forschergruppe aus Japan ein Instrument vorgelegt, mit dem sich die Face Recognition ausschalten lässt: Die Informatiker Isao Echizen und Seiichi Gohshi haben eine Brille mit integrierten Leuchtdioden gebaut, die – sobald sie eingeschaltet wird – die Erkennung des Gesichtes verhindert.(6) Die Wellenlänge des Lichtes ist dabei so ausgelegt, dass Digitalkameras geblendet werden, menschliche Augen aber nicht. Allerdings ist das Tragen der Brille durch die Stromversorgung etwas unpraktisch und ästhetisch durchaus optimierbar. Derweil ist man offenbar damit befasst, eine markttaugliche Version des »privacy visor« zu entwerfen, die dann sehr günstig (für etwa einen Dollar) zu erwerben sein soll.

Eleganter ist das Konzept von Leo Selvaggio. Der in Chicago lebende Multimedia-Künstler hat eine Maske seines eigenen Gesichtes angefertigt, die im 3-D-Drucker geplottet wird. Wer immer diese Maske aufsetzt, wird zwar von der automatischen Gesichtserkennung erfasst, diese identifiziert die betreffende Person aber als Leo Selvaggio. Damit wird die Face Recognition Software unnütz, denn sie liefert nun sinnlose Daten. Immerhin widerspricht es den formallogischen Prämissen, auf denen jede Computerfunktion basiert, dass die identische Person an mehreren Orten zugleich anwesend ist. Unter dem Namen »URME Surveillance Identity Prosthetic« bietet dieses Produkt eine Identitätsprothese, deren Konzept von der Abkürzung URME (you are me – du bist ich, oder auch: Du Armee) ausgedrückt wird. Der Designer stellt sich selbst als Deckidentität zur Verfügung, hinter der Maske bleibt der Träger anonym.(7) Da der Tragekomfort jedoch zu wünschen übrig lässt, und die Herstellung einen teuren 3D-Drucker erfordert, hat Selvaggio auch eine einfachere Variante aus Papier auf den Markt gebracht, die offenbar ebenfalls befriedigend funktioniert.

Die bislang verkauften Masken aus Kunstharz oder Papier dürften allerdings noch nicht hinreichen, um die Big-Data-Strategie und die sie verfolgenden Geheimdienste ernsthaft aus dem Konzept zu bringen. Die Idee selbst lässt sich aber leicht vervielfältigen – die Verwandtschaft zu der im Umfeld der Occupy-Bewegung und den Netzaktivisten der Gruppe »Anonymous« beobachtbaren Praxis, sich auf Demonstrationen mit Guy-Fawkes-Masken zu tarnen, macht das deutlich. Zumindest lässt sich auf diese Weise ein politisches Statement formulieren.

Ein vergleichbares Konzept, das nicht auf Unsichtbarkeit, sondern auf Verwirrung setzt, stammt von der Modedesignerin und Aktivistin Simone C. Niquille. Mit ihrem Entwurf »Realface Glamouflage« erzeugt sie gewissermaßen eine optische Geräuschkulisse um die Person. (8) Dazu werden fotorealistische Gesichter als Muster auf Stoffe gedruckt, die dann zu Kleidung verarbeitet werden. Die Face Recognition Software erkennt dann nicht nur ein Gesicht pro Person, sondern sehr viele, die darüber hinaus auch noch prominent sind, wie etwa Michael Jackson oder Barack Obama. Niquille nennt das »Face Piracy for Privacy« (9): Man kapert sozusagen fremde Gesichter, um in diesem Schwärm wieder Anonymität zu finden. Bei dieser Strategie besteht in den Maschinenaugen der Überwachungskameras eine Person aus vielen Gesichtern, sie kommt in einer Wolke aus Identifizierungen daher, in der sie selbst nicht mehr erkannt wird. Die Verbindung von Glamour und Camouflage betont dabei das gestalterische Moment: Im Gegensatz zum japanischen Ingenieursprodukt und Selvaggios politischem Statement herrscht hier tatsächlich ein Anspruch von Fashion Design.

Computer Vision Dazzle

Den größten Bekanntheitsgrad unter den Gesichtserkennungspiraten hat wohl der New Yorker Designer Adam Harvey erlangt. Er hat an der New York University einen Master in »Interactive Telecommunication« erworben und im Jahr 2011 seine Abschlussarbeit unter dem Titel »Computer Vision Dazzle« oder kurz »CV Dazzle« vorgelegt.

Wie Niquille nutzt er Techniken des Fashion Design. Allerdings entwirft er für diese Arbeit keine Kleidung, sondern verwendet Schminke und Frisuren, die Wert legen auf scharfe Farbkontraste und Asymmetrien in Kontur und Binnengestaltung.(10) Mit dieser medientechnisch vergleichsweise einfachen Methode gelingt es tatsächlich, die gängigen Softwareprodukte, wie man sie etwa in vielen Digitalkameras oder auf Facebook und Google findet, auszutricksen. Der Computer erkennt in so geschminkten und frisierten Gestalten keine menschliche Figur mehr, die Gesichter werden von der Software nicht erfasst.

Dabei macht Harvey klar, dass es ihm nicht nur darum zu tun ist, schlauer zu sein als die Gesichtserkennung. Ihm ist es wichtig, aus der gegebenen Ausgangssituation heraus eine gestalterische Handschrift zu generieren, einen eigenen, individuellen Ausdruckswillen zu zeigen. Dieser Aspekt ist wohl nicht hoch genug einzuschätzen: Souveränität entsteht nicht aus einer defensiven Position, sondern muss zu einer aktiven und positiven Haltung finden. Auf der Basis seiner Abschlussarbeit entwickelt Harvey seither dieses Konzept für ein Fashion Design der Counter Surveillance weiter – man könnte sagen, Antispionage als ästhetisches Konzept und Geschäftsmodell.

Im Portfolio seines »Privacy Gift Shop« bietet er auch die so genannte »Off Pocket« an, eine Tasche, die elektromagnetische Strahlung abschirmt, und so beispielsweise ein dort untergebrachtes Handy nicht mehr zu orten ist. Zwar kann man auch nicht angerufen werden, solange sich das Telefon in dieser Tasche befindet, aber immerhin ist man selbst in der Lage zu entscheiden, ob man in einem gegebenen Augenblick im Cyberspace sichtbar sein möchte, oder ob man sich lieber aus der virtuellen Öffentlichkeit in die Privatheit, ins Off, zurückzieht.

Im Jahr 2013 erweiterte eine weitere Kollektion Adam Harveys Produktpalette der »New Designs for Countersurveillance«: Das »Stealth Wear«.(11) Das englische Wort »stealth« bedeutet so viel wie Heimlichkeit oder Verstohlenheit und eröffnet ein Assoziationsfeld, das mit Privatheit und Anonymität verbunden ist. Stealth technology, zu Deutsch auch Tarnkappentechnologie, bezeichnet einen Forschungsbereich, die Reflektion eines möglichst breiten Spektrums elektromagnetischer Strahlung zu verhindern. Bei Infrarot- oder Radarstrahlung funktioniert dies offenbar besser als in den Bereichen sichtbaren Lichts.

Seit jeher ist es das Ziel jeglicher Tarnung, unsichtbar zu werden. Das ist in militärischen Auseinandersetzungen von naheliegendem Vorteil. Kulturgeschichtlich ist der Versuch, aus dem Blickfeld der Anderen zu verschwinden, stets eng mit Kleidung verbunden. In der griechischen Mythologie besaß Hades, der Gott der Unterwelt, eine Kopfbedeckung aus Hundefell, die das Augenlicht des Gegenübers verschlucken konnte: den Helm der Dunkelheit. In der Ilias des Homer taucht dieser Helm verschiedene Male im Kampf um Troja auf. Auch die nordische Sagenwelt berichtet etwa im Nibelungenlied von einem Kleidungsstück mit solcher Wirkung. Siegfrieds »tarni« war vermutlich eine »cappa«, also ein Umhang, keine Mütze oder Helm. (12) Zumindest in der Nibelungensage ist dieses Kleidungsstück immer wieder in betrügerische Aktionen eingebunden: Tarnung ist insofern zumindest im transalpinen Kulturraum im Laufe der vergangenen tausend Jahre stets auch mit Rechtsfreiheit und der Umgehung von Gesetzen konnotiert. Wer im »tarni« steckt, ist eben auch juridisch nicht zu belangen.

Wie auch immer: Adam Harvey nutzt diese Terminologie der Verstohlenheit, um Kleidungsstücke zu entwickeln, die nicht die Gesichtserkennung ausschalten, sondern vor der Überwachung durch Drohnen schützen sollen. Für diesen Zweck setzt er beschichtete Stoffe ein, die nicht nur wenig Licht reflektieren, sondern vor allem auch die Wärmestrahlung des Körpers blockieren. Auf diesem Wege soll die nächtliche Überwachung durch Infrarot-Kameras, die Wärmebilder erstellen, erschwert werden.(13) Die Entwürfe nennt er etwa »Anti-Drone Burqa« oder »Anti-Drone Hijab«. (14)

Damit greift er Bezeichnungen für Schleier auf, die in muslimischen Kulturkreisen von Frauen getragen werden, und somit nicht nur als genderspeziflsche Marker fungieren, sondern auch auf ein Weltbild verweisen, das dem US-amerikanischen entgegensteht. In Bezug auf die Golfkriege oder den Afghanistanfeldzug kann man sagen, dass Harvey mit seinen Entwürfen eine Solidarisierung mit Amerikas militärischen Gegnern vollzieht. Seine Kleidungsstücke könnten jedenfalls in einer asymmetrischen Kriegsführung als Defensivwaffe benutzt werden. Unter diesen Tarnmänteln werden nicht nur Frauen für die Nachtsichtgeräte der Drohnen unsichtbar und verschaffen sich so einen gewissen privaten Raum. Unter diesen Mantelschleiern können sich auch Männer als Frauen tarnen und somit eine persönliche Freiheit behaupten. Wie Siegfried, der in seiner Tarnung Brünhild besiegt und sie daraufhin an Stelle Günthers zum Vollzug der Hochzeitsnacht zwingt, sind auch Harveys Entwürfe geeignet, Grenzen von staatlicher Gesetzesmacht wie auch moralischer Zuschreibung, die das Geschlecht betreffen, zu überschreiten. Sie erschaffen einen rechtsfreien Raum und bieten damit eine starke Position für ihre Trägerin oder ihren Träger.

Mode und Gesellschaftskritik

Die Idee von »CV-Dazzle« als einem Entwurf, der eine computertechnologische Funktion mit einem modischen Statement verbindet, hat die Performancekünstlerin Bronwyn Lewis aus Seattle aufgegriffen. Mit Referenz auf Harveys Arbeiten bot sie beispielsweise 2013 unter der Überschrift »Face Recognition Defence« in der Henry Art Gallery in Seattle Workshops an, in deren Verlauf Beauty- und Make-Up-Tutorials erarbeitet wurden, um die Gesichtserkennung von Facebook blind zu machen. (15) Der Bezug, den sie dabei eröffnet, ist größer, als der ihres Vorbildes Harvey. Sie nennt beispielsweise die Subkultur des Drag – also von Männern, die sich als Frauen verkleiden – als Expertise, nicht nur in den Augen der Mitmenschen eine Identität abzulegen und unter einer künstlichen Haut aus Schminke, Kleidung und Frisuren zum Verschwinden zu bringen, sondern nun auch im Angesicht von programmierten Suchmaschinen.

Damit entwickelt sie den Aspekt der modischen Herausforderung weiter und bindet ihr Konzept an zusätzliche Quellen der Inspiration an, die soziales Engagement mit Design zu verquicken wussten. Diese Ressourcen des ästhetischen Untergrunds finden sich auch in der counter-culture aus den jugendbewegten Zeiten nach der 1968er-Revolte. Im breiten Überschneidungsgebiet von Popkultur und Mode, zwischen Protestbewegungen und künstlerischen Experimenten bieten Fashion-Konzepte der 1970er Jahre Formen, die sich im Hinblick auf eine Face Recognition Defense als erstaunlich aktuell erweisen. Insbesondere in David Bowies Kunstfigur Aladdin Sane aus dem Jahr 1973 (ein humanoider Verwandter von Bowies Doppelgängern Major Tom und Ziggy Stardust) findet Bronwyn Lewis den Glamour, von dem bereits Niquille Gebrauch gemacht hat.(16) Aladdin Sane hat einen großen, roten Blitz mit blauer Kontur über die rechte Gesichtshälfte geschminkt, der vom Haaransatz über das rechte Auge verläuft, und dessen Spitze sich bis zum Kieferknochen hinunterzieht.

Die großflächige Verwendung von unmodulierter Farbe, die dominante Chromatik und die scharfen Kontraste, vor allem aber das Ignorieren von Gesichtskonturen und biometrisch relevanten Punkten (etwa Augen- und Mundwinkel, Nasenrücken, Brauen und Wangenknochen u. a.) sowie die Asymmetrie sind Merkmale, die Bronwyn Lewis vom Alter Ego des britischen Sängers übernimmt.

Bowie hat wie wenige andere immer wieder neue Identitäten für sich erfunden, um auf diese Weise eine Freiheit der Individualität zum Ausdruck zu bringen, die sich jeder Kategorisierung entzieht. Damit fungiert er nicht nur als Idealbild eines selbstbestimmten Lebens, sondern passenderweise erzeugt seine unkonventionelle und innovative Schminke zudem die jetzt gewünschte algorithmische Anonymität – wenngleich in den 1970er Jahren die heutigen Möglichkeiten automatisierter Überwachung lediglich Gegenstand dystopischer Zukunftsszenarien im Sinne von George Orwells Roman »1984« oder »Brave New World« des britischen Schriftstellers Aldous Huxley gewesen sein mögen. Das Schreckgespenst eines faschistoiden Totalitarismus, der das Leben eines jeden Menschen so weit durchdringt, dass er Privatheit nahezu vollkommen auslöscht, dient dort wie hier als Horrorvision, die es zu verhindern gilt.

Zur gleichen Zeit existierte noch ein anderes Modell radikaler Individualisierung, das während der 1970er Jahre gerade in Bowies Heimatstadt London zu einer Blüte fand: das Phänomen Punk. Zwischen Bowie und Punk besteht eine enge Beziehung, auch wenn beide durchaus klar zu unterscheiden sind. So lässt sich – obwohl Lewis Punk nicht ausdrücklich erwähnt – in einem Vergleich zu Gesichtsbemalungen der Punks die ästhetische Nähe zum Face Recognition Defence feststellen. Jordan, eine Punkerin aus dem Umfeld von Vivien Westwood, zeigt auf einer Fotografie aus dem Jahr 1978 ebenfalls großflächig und asymmetrisch aufgetragene Schminke, die durch scharfkantige Formen und spitze Winkel auffällt, deren Konturen zudem mit kontrastierendem Schwarz betont sind.(17)

Punk stand für eine Attitüde des zivilen Ungehorsams, für eine Idee von freier Lebensführung, einer Emanzipation von Konventionen und Standards bürgerlicher Normierung, die (so lautet die unausgesprochene Unterstellung) von allen anderen Leuten unhinterfragt gelebt wurde. Auch Punk feierte die Freiheit des Individuums vor den Pflichten der Masse. Allerdings war die Intention der Punkästhetik keineswegs darauf ausgelegt, sich selbst unsichtbar zu machen, sondern ganz im Gegenteil: Sie wollte so viel Sichtbarkeit wie möglich erzeugen. Die Botschaft von Kleidung, Haartrachten und Make-Up lautete: Auffallen, Ausbrechen aus Routinen, den Rahmen sprengen. Zu diesem Zweck dienten im Übrigen auch militärisch besetzte Formen, Materialien und Erkennungszeichen bei Kleidung oder auch bei Körperschmuck wie Tätowierungen oder Piercings.

Unsichtbar werden durch auffällig sein

Dieser doppelte Boden verleiht Adam Harveys Konzept einen besonderen Reiz. Das Unsichtbarwerden im Fokus der virtuellen Überwachungstechnologie erzeugt gleichzeitig und just aufgrund der Mittel von »CV Dazzle« ein herausgehobenes Sichtbarwerden in der physischen Welt der Körper. Daraus lässt sich schließen, dass es nicht nur um eine Bewaffnung mit Defensivausrüstung geht (zu den klassischen Defensivwaffen gehören seit jeher etwa der Schutzschild, der Helm oder auch die Gesichtsmaske) – es geht um Schmuck, um Mode, um den ästhetischen Ausdruck eines kreativen Subjektes. Der Wille zur Tarnung und der Wille zum Selbstausdruck halten sich gewissermaßen die Waage.

Diesen Aspekt der Überkreuzung von Defensivbewaffnung und Beauty stellt auch der kalifornische Designer und Medienkünstler Zach Blas ins Zentrum seiner »Facial Weaponizing Suite« – einer Gesichtsbewaffnung. Zach Blas hat 2008 an der University of California in Los Angeles einen Master in »Design and Media Arts« gemacht. 2011 erstellte er eine Arbeit, für die er die biometrischen Daten mehrerer Menschen miteinander verrechnete und manipulierte, so dass sie nicht mehr als Gesicht lesbar sind. Als Ergebnis kommt er zu weitgehend amorphen Formen, aus denen er dann Masken erstellt.

Die unterschiedlichen Masken und die ihnen zugrunde liegenden Daten orientieren sich an spezifischen Anliegen, deren Kategorisierung über biometrische Daten Zach Blas auf diese Weise thematisiert. So weist eine der Masken, die rosafarbene »Fag Face Mask«, aus den Gesichtern von 36 »queer men« generiert, darauf hin, dass es in den USA Versuche gibt, homosexuelle Männer anhand bestimmter Merkmale automatisch zu identifizieren. (18)

Andere Masken verweisen auf weitere sexistische und rassistische Unterstellungen, die etwa den Umgang mit Immigranten an Grenzübergängen oder Spezifika von Menschen mit Behinderungen betreffen. Die Normierung, die dem Phantasma der universellen Kategorisierung automatischer Gesichtserkennung zugrunde liege, so Blas, könne die individuelle Besonderheit eines Menschen nicht erfassen. Dadurch werden wir in vordefinierte Rollen gezwungen und zum Objekt der Vorurteile von kommerziellen Interessen oder polizeilichen, erkennungsdienstlichen und militärischen Belangen gemacht. Der Widerstand gegen diese normativen Aktivitäten rettet nach Blas nicht nur die demokratischen Werte, sondern auch die Grundlage kreativen Arbeitens und Lebens. Als Vorbild dieser Verknüpfung von Selbstermächtigung und Kreativität verweist Blas auf die russische Punk-Performance-Gruppe Pussy Riot, die ebenfalls Masken als Waffe in ihrem Kampf gegen Sexismus und Machtmissbrauch einsetzen. (19)

Weil aber die Masken zwar als künstlerisches Statement gut funktionieren, im Alltagsgebrauch jedoch hinderlich sind, hat er eine Schmucklinie namens »Face Cage« entworfen. Auch der Face Cage wurde entlang der Biometrisierung von Gesichtern entwickelt, indem Blas die Strukturen, die von der Gesichtserkennung abgetastet werden, aus Edelstahldraht nachmodelliert.

»Digital portraits of dehumanization« nennt er selbst diese Gesichtsraster der Software, die von ihren Programmierern Folterinstrumenten nachgebildet scheinen. (20) Charakteristische Vektoren, die den Augenabstand, die relative Größe der Nase oder die Form der Lippen erkunden, sind durch dieses Schmuckstück aus der Unsichtbarkeit der Datenspeicher zurück auf das Gesicht der Person geholt. Der »Face Cage« soll Public Surveillance nicht nur verunmöglichen, sondern das Überwachen und die Kategorisie-rung durch diese Technologie selbst sichtbar machen. Jeder, der einen Face Cage trägt, drückt sehr deutlich aus: Wir werden beobachtet, wir werden vermessen, wir werden in Schubladen sortiert, wir werden fremdbestimmt. Dies ist eine Form von Gewalt. Lasst Euch das nicht gefallen!

Gestalttheorie

Die Technologie der Gesichtserkennung basiert – das wird hier als These verkürzend behauptet – auf einer etwa hundert Jahre alten Idee. Die Theorie der Gestaltpsychologie besagt im Kern, dass die menschliche Wahrnehmung in der Lage ist, sich aus sehr vereinzelten Elementen ein angenommenes Ganzes zu konstruieren. Um einen Menschen zu erkennen, um ein Gesicht identifizieren zu können, müssen wir es nicht komplett vor uns haben. Schon relativ wenige Merkmale, die in einer eindeutigen Beziehung zueinanderstehen, reichen aus, um eine Figur – eben eine Gestalt – zu erfassen. Der Rest wird von unserem Gehirn ergänzt. Optische Täuschungen, etwa Vexierbilder, spielen mit diesem Effekt, indem in einer Grafik gleich viele Merkmale für zwei unterschiedliche Interpretationsmuster angeboten werden. Unser Bewusstsein identifiziert dann entweder die eine Interpretation oder die andere, es kann auch zwischen beiden Deutungsoptionen hin und her wechseln, aber nicht beide Lesarten gleichzeitig wahrnehmen. Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts begann die Wahrnehmungspsychologie mit der Gestalttheorie zu erforschen, wie viele und welche Reize unser Bewusstsein benötigt, um eine Form, eine Gestalt, eindeutig erkennen zu können.

Diese Forschung bekam im Ersten Weltkrieg einen wichtigen Anwendungsbezug. Im Krieg ist es ebenso bedeutsam, klare Gestalten identifizieren zu können, wie seine eigene Gestalt zu verbergen. Diesen Weg ging die erste Camouflagetechnik dieser Zeit, die so genannte Dazzle-Camouflage oder das Razzle Dazzle Design der britischen Kriegsmarine, auf das sich Adam Harvey nicht nur in seiner Namensgebung bezieht. Im Unterschied zur Tarnung versucht das Razzle Dazzle nicht, sich so gut wie möglich an den Hintergrund anzupassen. Ganz im Gegenteil wird versucht, durch eigentümliche und meist geometrische, unnatürliche Bemalung jene eindeutigen und klaren Merkmale zu verbergen, die die Identifizierung der Gestalt ermöglichen. (21) Die Gestalttheorie fand Eingang in das Militärwesen unter anderem über den Umweg der Zoologie, die sich mit den Tarnfarben der Tiere beschäftigte. So beriet etwa der Zoologe John Graham Kerr im Ersten Weltkrieg die Admiralität der britischen Kriegsmarine unter Winston Churchill in Sachen Tarnanstriche.(22) Ein zweiter Weg verlief über die Bildende Kunst: Maler wie Norman Wilkinson oder Edward Wadsworth wurden damit beauftragt, Dazzle Designs für Kriegsschiffe zu entwerfen. Insbesondere Wadsworth ist dabei eine kunsthistorische Schlüsselfigur, insofern er gemeinsam mit Wyndham Lewis als maßgeblicher Kopf der vortizistischen Strömung in England Anleihen bei Futuristen und Kubisten machte. Diese avantgardistischen Künstlergruppierungen beschäftigten sich in ihrer Kunst ebenfalls mit der Auflösung oder Verunklärung der Gestalt. Auf diese Weise wollten sie die Wahrnehmung der an sich statischen Bilder dynamisieren, um so beispielsweise Phänomene wie Zeit und Bewegung darstellen zu können.

Die aus dieser Theorie resultierende scharfkantige, in stark kontrastierenden Farben ausgeführte Bemalung machte das Schiff zwar alles andere als unsichtbar. Tauchte jedoch ein einzelnes Fahrzeug oder ein ganzer Verband im Periskop eines deutschen U-Boots oder im Fernglas eines deutschen Kriegsschiffes auf, war es schwer, den Bug vom Heck zu unterscheiden oder festzustellen, wo das eine Schiff aufhörte und das nächste anfing. Da jede Bemalung individuell war, konnte auch nicht leicht erkannt werden, um was für eine Schiffsklasse es sich genau handelte. Zudem sollte so erschwert werden, die Bewegungsrichtung und die Geschwindigkeit zu bestimmen, was es den Bordschützen wiederum unmöglich machte, ihre Waffen exakt auszurichten.

Im Jahr 2014 erhielt der deutsche Künstler Tobias Rehberger von der britischen Regierung den Auftrag, eines der letzten drei noch existierenden Kriegsschiffe der Royal Navy aus dem Ersten Weltkrieg in einer Neuinterpretation von Razzle Dazzle zu gestalten. Es ist nicht nur eine Geste der Versöhnung, einem Vertreter des ehemaligen Kriegsgegners einen solchen Auftrag anzubieten, sondern zeigt, dass über dieses Design auch heute noch bedeutsame Inhalte kommunizierbar sind. Es macht zudem den Hinweis möglich, dass die Dazzle-Kampagnen der Jahre 1917 und 1918 zu den vielleicht größten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Grafikerinnen überhaupt zu zählen sind, da es vornehmlich weiblichen Angehörigen von Kunst- und Grafikschulen, allen voran der Londoner Royal Academy of Arts, vorbehalten war, die Entwürfe ihrer männlichen Kollegen an tausenden von Bordwänden in die Tat umzusetzen. Neben Malern und Grafikern waren an diesen Entwürfen auch Bildhauer, Set Designer und andere gestaltende Disziplinen beteiligt.

Schlussstrich: Design ist Öl

Unter Militärhistorikern ist der tatsächliche Effekt der Dazzle-Camouflage im Ersten Weltkrieg umstritten. Es lässt sich schwer klären, ob, und falls, wie viele feindliche Treffer durch diese Form der Counter Surveillance verhindert worden sind. Was aber ohne Zweifel feststeht, ist die Tatsache, dass sowohl die Ästhetik als auch die Konzeption von Razzle Dazzle eine Wirkung auf unser aktuelles Design haben. Wertheimers wahrnehmungspsychologische Studien haben als Grundstein für die automatische Gesichtserkennung einerseits zur Entwicklung von Fotoapparaten geführt, die erst auslösen, wenn sie uns lächeln sehen, oder zu personalisierter Werbung, die auf unser Geschlecht, unser Alter und unsere augenblickliche Stimmung reagiert (und demnächst womöglich noch auf unsere sexuelle Orientierung). Gleichzeitig liefern diese Studien aber auch Denkansätze, die einen Rückzug ins Private erlauben, auch wenn der Laptop noch offen ist, die X-Box vor dem Sofa steht, und das Häkeldeckchen nicht wieder über den Smart-TV gelegt wurde.

Gewiss ist es mühsam, sich immer erst aufwändig schminken, frisieren und kleiden zu müssen, bevor diese Privatheit genossen werden kann. Und gewiss liegt im Vergleich zu früher auch eine Umstellung darin – denn früher hat man sich dann herausgeputzt, wenn der Schutzraum des Privaten verlassen wurde und man sich in das Blickfeld der Öffentlichkeit begab. Womöglich besteht in dieser Pervertierung, in dieser »Umwertung der Werte«, wie Friedrich Nietzsche einen solchen Vorgang beschrieben hat, aber auch ein Kennzeichen unseres Zeitalters. Vielleicht verschwindet die Privatsphäre nicht, sie tauscht nur die Plätze mit den öffentlichen Bereichen. Wir sind so connected, dass das heimelige Zuhause weitaus öffentlicher ist als das Flugzeug, wo wir gezwungen sind, das Handy auszuschalten und mit unseren Sitznachbarn allein gelassen werden.

Man muss das nicht im Aktivistenjargon betrauern, und man muss auch nicht Mode als Kampfanzug und Schminke als Kriegsbemalung begreifen. Womöglich ist sogar die Engführung von Internet und Cyberwar ein Fehler, sofern damit suggeriert wird, es gäbe keine Nutzung, die der Emanzipation, der Freiheit und der Selbstermächtigung diene. Die bemerkenswerte Kongruenz jedoch, die zwischen der Asymmetrie der Dazzle-Beauty und der Asymmetrie der postmodernen Kriegsführung festzustellen ist, verleitet zu der Annahme, dass Demokratie, insofern damit das Recht des Einzelnen auf Individualität und Kreativität innerhalb einer sozialen Gemeinschaft gedacht ist, immer asymmetrisch sein muss.

Für das Design unserer Tage kann das bedeuten: Als Gestalter muss man sich nicht zwangsläufig als Abhängiger eines kapitalistischen Systems begreifen, der diesem System dienlich ist, die Gesellschaft zu penetrieren. Als Gestalter kann man sich vielmehr als Träger jener Auseinandersetzung definieren, in der genau diese Freiheit besteht. Wir sind nur frei, weil und solange wir uns streiten können, Position beziehen und Argumente entwickeln für eine Sache. Design kann und soll ein Argument sein für einen Standpunkt. Ein guter Designer wäre deshalb vor allem ein streitlustiger Designer. Design ist tatsächlich ein Öl, aber nicht zwingenderweise das Schmieröl, das die Maschine am Laufen hält, sondern vielmehr das Lampenöl, das wir in die Flammen der Auseinandersetzung gießen sollten. Oder vielleicht noch besser: Beides zugleich.

Essay aus: Martin Scholz und Friedrich Weltzien (Hg.), Design und Krieg
Mit freundlicher Genehmigung © Dietrich Reimer Verlag, Berlin 2015

Friedrich Weltzien ist promovierter Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler. Er lehrt Kreativität und Wahrnehmungspsychologie an der Hochschule Hannover – University of Applied Sciences and Arts.

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erstellt am 19.9.2016

Adam Harvey, Anti-Drone Burqa
Adam Harveys »Anti-Drone Burqa« aus der Kollektion »Stealth Wear« von 2013: Macht die Trägerin unsichtbar für Infrarotkameras. © Adam Harvey, Quelle: http://ahprojects.com/projects/stealth-wear/
Weiterlesen:

Martin Scholz und Friedrich Weltzien (Hg.)
Design und Krieg
Hardcover, 352 Seiten m. 29 Farb- u. 168 sw-Abb.
ISBN 978-3-496-01543-7
Reimer Verlag, Berlin 2015

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Leo Selvaggio, UPME Mask
Mit dieser »Identitäts-Prothese« wird jeder Mensch für die automatische Gesichtserkennung zu Leo Selvaggio © Leo Selvaggio. Bildquelle: http://leoselvaggio.com/urmesurveillance/
Adam Harvey, CV Dazzle
Adam Harvey untersucht Frisuren und Make-up, unter dem die automatische Gesichtserkennung keinen Menschen mehr sieht. Aus der Serie »CV Dazzle«, 2010 © Adam Harvey. Quelle: http://cvdazzle.com/
Punk ab Vorläufer der Face Pecognition Defence
Jordan 1978: Punk ab Vorläufer der Face Pecognition Defence. Die ästhetische Rebellion der 1970er Jahre funktioniert heute als Versteck vor den Maschinen. © Simon Barker, Quelle: Barker, Simon: SIX. Punk's Dead, London 2012.
Zach Blas, Face Cage
Zach Blas: Face Cage, 2013-2015, © Zach Blas, Quelle: http://www.zachblas.info/projects/face-cages/.

1 Aus der steigenden Zahl von Publikationen zum Thema seien diese exemplarisch herausgegriffen: Singer, Peter: Cybersecurlty and Cyberwar. What everyone needs to knaw, Oxford 2014; Gaycken, Sandro: Cyber-war. Das Internet als Kriegsschauplatz, München 2011.

2 Vgl. hierzu Wertheimer, Max: Drei Abhandlungen zur Gestalttheorie, Darmstadt 1967. Weiterführend auch: Metz-Göckel, Hellmuth (Hg.): Gestalttheorie aktuell. Handbuch zur Gestalttheorie, Bd. 1, Wien 2008.

3 Vgl. Knesebeck, Philipp von dem: Soldaten, Guerilleros, Terroristen. Die Lehre des gerechten Krieges im Zeitalter asymmetrischer Konflikte, Wiesbaden 2014. Allerdings ist nicht notwendigerweise jeder Cyberwar ein asymmetrischer Krieg: Auch hochgerüstete Nationen hacken sich gegenseitig gewissermaßen auf Augenhöhe.

4 Vgl. Schmale, Wolfgang/Tinnefeld, Marie-Theres: Privatheit im digitalen Zeitalter, Wien/Köln/Weimar 2014.

5 Der wohl prominenteste jener Kritiker ist derzeit Jaron Lanier; vgl. Lanier, Jaron: Who owns the fiiture?, New York 2013.

6 Vgl. National Institute of Informatics, Tokyo: Privacy Protection Techniques Using Differences in Human and Device Sensitivity. Protecting Photographed Subjects against Invasion of Privacy Caused by Un-intentional Capture in Camera Images, Press Release vom 12.12.2012, http://www.nii.ac.jp/userimg/ press_20121212e.pdf [01.04.2015].

7 Vgl. dazu die Website von Leo Selvaggio, http://leoselvaggio.com/urmesurveillance/ [01.04.2015].

8 Vgl. ihre Website, http://www.technofle.sh/ [01.04.2015].

9 Ebd.

10 Vgl. Harvey, Adam: “Website, http://ahprojeas.com/ [01.04.2015].

11 Vgl. ebd., http://ahprojects.eom/projects/stealth-wear/#summary [01.04.2015].

12 Vielleicht hat später Harry Potter dieses modische Accessoire von Siegfried geerbt.

13 Verschiedene Armeen nutzen derartige Stoffe für moderne Kampfausrüstungen. Gerüchteweise sollen etwa russische Fallschirmjäger, die im Konflikt mit der Ukraine auf der Krim gelandet sind, mit ähnlicher Tarnkleidung ausgerüstet gewesen sein, die sie für Wärmekameras unsichtbar machen sollten. Es handelt sich also durchaus um einen interessanten Markt, auch wenn bezweifelt werden kann, dass Russland auf der Krim die Rechte des Individuums verteidigen will.

14 Vgl. Harvey, Adam: Website, http://ahprojeas.com/projeas/stealth-wear/ [Ol.04.2015].

15 Vgl. Lewis, Bronwyn: Faclal Recognition Defense Workshop. A Make-Up Tutorial, Henry Art GalUry_Blog 09.04.2013, http://blog.henryarc.org/2013/04/09/facial-recognition-defense-worksliop-a-make-up-tutorial/ [01.04.2015].

16 Vgl. Jonjak, Marti: Worn Out. Bronwyn Lewiss Razzle-Dazzle Camouflage, in: The Stranger, 10.04.2013, http://www.thestranger.com/seattle/worn-out/ContentJoictl6458864 [01.04.2015].

17 Jordan hieß mit bürgerlichem Namen Pamela Rooke. Sie arbeitete in den späten 1970ern für Vivien Westwood als Model und Verkäuferin, spielte in zwei Filmen von Derek Jarman mit, managte die Punkband »Adam and the Ants« und war bei Auftritten von den »Sex Pistols« auf der Bühne, kurzum: ein zentrales Gesicht des frühen London Punk. Vgl. hierzu Colegrave, Stephen/Sullivan, Chris: Punk. A Life Apart, London 2004. Die Makeup-Ästhetik von Jordan wird hier mit den geometrischen Gemälden des Avantgarde-Künstlers Piet Mondriaan verglichen.

18 Vgl. Blas, Zach: Website, http://www.zad1blas.info/projects/facial-weaponi2ation-suite/ [01.04.2015].

19 Zur Rolle von Zach Blas im antirassistischen Aktivismus vgl. Chävez, Helena/Labastida, Alejandra/Medina, Cuauhtemoc (Hg.): Teoria del Color– Color Jheory, Ausst.-Kat. Museo Universitario Arte Contemporanea, Mexico City 2014. Zu Pussy Riots Strategien der Selbstermächtigung vgl. Weltzien, Friedrich: Punk und Kunst-Politik. Pussy Riot in der Geschichte feministischer Performancekunst, in: Liebert, Wolf-Andreas/Westphal, Kristin (Hg.): Performances der Selbstermächtigung Oberhausen 2015 (in Vorbereitung).

20 So Blas in einem Statement auf seiner Website, http://rhizome.org/commissions/proposal/3001/ [01.04.2015].

21 Vgl. Behrens, Roy R.: False Colors: Art, deslgn and modern Camouflage, Iowa 2002.

22 Murphy, Hugh/Bellamy Martin: The Dazzling Zoologist: John Graham Kerr and the Early Development of Ship Camouflage, in: The Northern Marlner XIX, April 2009, S. 171–192, http://www.cnrs-scrn. org/northern_mariner/voll9/tnm_19_171-192.pdf [01.04.2015].