Die Komödie „Harold und Maude“ handelt von der Liebe zwischen dem 18-jährigen Harold, dem es Vergnügen bereitet, seine Umgebung mit makabren Späßchen zu erschrecken, und der 80-jährigen Maude. Manfred Langner hat die Komödie in Stuttgart auf die Bühne gebracht. Sehenswert ist die Inszenierung wegen Anita Kupsch, einer idealen Besetzung für Maude, meint Thomas Rothschild.

Theater

Ein Lob der Anarchie

Die schrullige Alte gehört zum Bestand des Theaters und des Films, von der bösartigen Variante wie etwa der Großmutter in Ödön von Horváths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ oder der Hausbesitzerin Gilz in Elias Canettis „Hochzeit“ bis zu der gleich doppelten liebenswerten Ausführung in „Arsen und Spitzenhäubchen“ oder Mrs. Wilberforce aus den „Ladykillers“. Eine der zauberhaftesten betagten Damen ist die weibliche Titelfigur aus Hal Ashbys „Harold und Maude“ von 1971. Das Drehbuch hat Colin Higgins geschrieben. Manfred Langner, der Intendant der Schauspielbühnen in Stuttgart, hat es bearbeitet und selbst Regie geführt.

Das Stück handelt von der Liebe zwischen dem achtzehnjährigen nekrophilen Harold, dem es Vergnügen bereitet, seine Umgebung mit makabren Späßchen zu erschrecken, und der achtzigjährigen Maude. Sie personifiziert wie Bertolt Brechts „unwürdige Greisin“ ein Lob der Anarchie, des Rechts auf ein lustvolles Leben, auch im Alter.

Sehenswert ist die Inszenierung wegen Anita Kupsch, einer geradezu idealen Besetzung für Maude. Sie verleiht der Figur eine Mischung aus Naivität und Schlitzohrigkeit und wirkt von Anfang bis Ende wie ein Fels in der Brandung des Boulevards. Johannes Hallervorden, der tatsächlich achtzehnjährige Sohn des berühmten Komikers gleichen Namens, agiert zu hölzern, um ihr als Gegenüber gewachsen zu sein, und die übrigen Darsteller in jeweils mehreren Rollen lassen jene Szene, in der Schmierenschauspieler parodiert werden, auf verräterische Weise wie ein Selbstporträt erscheinen. Von Anita Kupsch hätten sie (und die Regie) lernen können, dass weniger mehr ist. Sie verzichtet auf exzessive Gestik und rettet mit ihrer unpathetischen Sprechweise auch die eine oder andere poetische Passage vor dem Kitsch.

Aber über Humor lässt sich noch weniger streiten als über Geschmack. Die einen finden es komisch, wenn sich jemand falsche Zähne in den Mund steckt, andere zerkugeln sich über stotternde oder schielende Comedians, wieder andere tun es nicht unter den Marx Brothers. Das dankbare Premierenpublikum lachte vernehmlich über Dialoge wie diesen: „Früher hat er fürs Fernsehen gearbeitet – Er hat Dachantennen montiert“ und quittierte die Darstellung einer watschelnden Robbe mit Sonderapplaus. Da kann der Kritiker nur verstummen.

Die Entstehungszeit des Films wird mit den Beatles und mit Manfred Mann herbeizitiert, aber auch der offenbar für jeden Kontext geeignete Jazzwalzer von Schostakowitsch muss seinen Dienst erfüllen.

„Harold und Maude“ ist eine Koproduktion der Stuttgarter Komödie im Marquardt mit dem Berliner Schlosspark Theater. Dessen Hausherr ist Dieter Hallervorden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

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erstellt am 18.9.2016

Szenenfoto Harold und Maude, Komödie im Marquardt, Stuttgart. Foto: Sabine Haymann

Theater in Stuttgart

Harold und Maude

Komödie von Colin Higgins

Inszenierung Manfred Langner
Ausstattung Barbara Krott
Mit Anita Kupsch, Susanne Theil, Stephanie von Borcke, Markus Bader, Johannes Hallervorden, Klaus Krahn

16. September bis 13. November 2016

Komödie im Marquardt

Szenenfoto Harold und Maude, Komödie im Marquardt, Stuttgart. Foto: Sabine Haymann