Ein wilder Edler war Jean-Jacques Rousseau eher als der edle Wilde, den er als Gegenstück der durch Zivilisation und Kultur verdorbenen Zeitgenossen imaginierte. Mit intellektuellen Freunden wie d’Alambert und Diderot, die ihm halfen, hat er sich gewöhnlich zerstritten. Voltaire aber hat ihn gleich verspottet. Otto A. Böhmer hat den Schweizer Philosophen bei einem Spaziergang beobachtet.

Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau

Man kennt mich

Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau war auf seinem Spaziergang, so schien es, ein Stück weit vom Weg abgekommen; eben noch stapfte er mit grimmiger Miene durch angenehm kühlen Laubwald, und nun stand er auf einmal im Freien: Vor ihm lagen Wiesen und Felder, und vom blassblauen Himmel brannte eine unnachgiebige Sonne. Der Philosoph schwitzte unter seiner Pelzmütze; die Haare klebten ihm am Schädel, und seine Gedanken waren wie abgeschlagen und beschwert. Die Mütze jedoch behielt er auf; mit ihr verband er die hartnäckige Hoffnung auf Glück und seine mit den Jahren, Jahrzehnten bärenstark gewordene Wut auf alle Heuchler, Herzverräter und Heiligen des Scheins. Der Weg führte in einer leichten Kehre bergab, das immerhin war angenehm; in der Senke schlängelte er sich an Weideflächen vorbei, auf denen stumpfsinnige Kühe grasten, die den Philosophen kaum eines Blickes würdigten. Tiere sind die besseren Menschen, dachte Rousseau, das ist zumindest mir wohlbekannt. Im übrigen habe ich einen mörderischen Durst. Ich werde versuchen, auf jenen neuen Waldsaum zuzugehen, der dort, wenn mich meine geschundenen Augen nicht täuschen, am Horizont aufgetaucht ist. Rousseau nahm sich vor, an etwas Angenehmes zu denken, aber es wollte ihm wieder und wieder nur eine Quelle vor Augen kommen, die ihm kaltes Wasser kredenzte. Er beschleunigte seinen Schritt, und tatsächlich schienen die grünschwarzen Bäume näherzukommen, die sich kühl gaben, sommers wie winters, und den Menschen, die noch sehen konnten, die Stille einweihten, jene leise Gleichgültigkeit, die er einmal als die große Schwester des Mitleids bezeichnet hatte. Als Rousseau den Wald erreichte, atmete er tief durch; „ich habe das Böse und das Gute mit dem gleichen Freimut erzählt“, rief er zu den Wipfeln hinauf, aus denen ihn ein paar wahrheitsliebende Vögel beschimpften. „Ich habe nichts Schlimmes verschwiegen“, rief er, „und ich habe nichts Gutes zugesetzt. Ich lese in meinem Herzen, und ich kenne die Menschen. Also wird sich wohl auch eine Quelle für mich auftun, aus der ich trinken kann.“

Er war nicht überrascht, als er an der nächsten Kehre tatsächlich auf ein Rinnsal stieß, das vom Hang herabplätscherte und zu Tale sprang. Rousseau trank, bis ihm die Kälte auf den Magen drückte; mit beiden Händen schöpfte er dann Wasser und warf es sich ins Gesicht. Schließlich nahm er, nachdem er sich vorsichtig umgeschaut hatte, die Pelzmütze ab, ging auf die Knie und drückte den Kopf in die Nässe. Es war ihm, als presste man ihm kühl-glitschige Moosballen aufs Haupt, und er lachte so laut, dass auch die letzten zänkischen Vögel verstummten und davonschwirrten. Zufrieden ging der Philosoph weiter; er fühlte sich so gut wie schon seit langen Stunden nicht mehr. Was mir der Tag wohl noch alles bringen mag? dachte er. Sicher nur Gutes! Der Weg führte bergauf, aber der Anstieg war durchaus erträglich; auf der Kuppe vor ihm standen die Sonnenstrahlen wie ein Fangzaun vor den lichter werdenden Bäumen. Rousseau dachte daran, dass er einst unter einem Baum der Erkenntnis gesessen hatte, in der Nähe von Schloss Vincennes, und die allerwesentlichsten Gedanken waren, Stechblitzen gleich, über ihn gekommen; „hätte ich jemals nur einen Bruchteil dessen schildern können, was ich unter diesem Baum gesehen und gefühlt habe“, murmelte er, „mit welcher Klarheit hätte ich dann all die Widersprüche unserer sozialen Ordnung aufzeigen können – und mit welcher Deutlichkeit hätte ich beweisen können, dass der Mensch von Natur gut ist und nur die Einrichtungen es sind, die ihn schlecht machen. Aber“, fügte er, nicht ohne Selbstzufriedenheit, hinzu, „ein großer, ein berühmter Philosoph bin ich auch so geworden. Man kennt mich, und man schätzt mich nicht!“ Als er die Anhöhe erreichte, sah er ein kleines Waldgasthaus vor sich. Das kommt fürwahr wie gerufen, dachte er. Nach dem kalten Wasser könnte ich mir nun ein Glas Wein gönnen. Vor dem Haus saßen einige Menschen, die ihn anstarrten und alsbald die Köpfe zusammensteckten, um über ihn zu tuscheln. „Das ist der Lohn meines Ruhmes“, brummte er und setzte sich an einen freien Tisch. „Es schreckt mich nicht mehr; wenn sie mich nur in Ruhe lassen.“ Der Wirt kam und erkundigte sich nach seinen Wünschen; auch er beäugte den Philosophen interessiert, wobei er sich allerdings Mühe gab, etwas diskreter als die anderen Gäste zu wirken, denen förmlich die Augen ausfallen wollten vor ungezügelter Neugier. Ein älteres Weib tat sich dabei besonders hervor; sie verrenkte sich den Hals und stach mit dem Blick auf ihn ein wie ein auf Verfolgung vereidigter Habicht. Zu guter Letzt hielt sie es nicht mehr aus; sie stand auf und setzte sich zu Rousseau an den Tisch. „Verzeihen Sie, Monsieur“, sagte sie, „aber sind Sie nicht der bekannte Philosoph Voltaire?“ „Nein, Madame, der bin ich nicht“, knurrte Rousseau. „Ich bin nur ein einfacher Mensch, der Durst hat und gern allein am Tische sitzt.“ „Aber Sie müssen es sein“, rief die Frau. „Mit dieser seltsamen ostdeutschen Kappe auf dem Kopf und dem noch seltsameren slowenischen Gewand. Sie sind es, Monsieur, leugnen Sie nicht: Sie sind der einzige und große Voltaire, der den Satz sagte: Ecrasez l’infame – vernichtet die Schändliche …“ „Madame“, brüllte Rousseau, „wenn Ihr noch einmal diesen Namen in meiner Gegenwart nennt, werde ich Euch, so wahr ich mir helfe, freihändig erwürgen, unter Tränen der Freude in mein armenisches Gewand wickeln und den Berg hinabrollen lassen! Dick genug, um zu rollen, seid Ihr ja …“ In diesem Augenblick kam der Wirt und brachte den Wein. „Aber, aber, Madame“, sagte er tadelnd zu der Frau. „Wisst Ihr denn nicht, wer dieser Herr ist? Es ist der vortreffliche Diderot, Frankreichs Stolz und unter den Lebenden unser gewaltigster Philosoph …“

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erstellt am 14.9.2016

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

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