Der Chimborazo in den ecuadorianischen Anden ist mit seinem schneebedeckten Gipfel nicht nur ein imposant schöner Berg, sondern durch den Bericht Alexander von Humboldts auch in der deutschen Kulturgeschichte eine feste Größe. Mit seinem Begleiter Aimé Bonpland schaffte es Humboldt 1802 bis auf 5600 Höhenmeter. Heute ist der Chimborazo- Gipfel (6267 Meter über dem Meeresspiegel) Herausforderung und Ziel zahlreicher Bergsteigergruppen. Auch Andreas Knebel aus Frankfurt am Main war im April 2016 mit dabei. Hier sein Bericht.

Reisebericht

Die Eintracht zwischen Mensch und Berg

Von Andreas Knebel

Der Chimborazo, Foto: Klaus Geith

Nach einer Zeichnung von Humboldt, um 1800
Nach einer Zeichnung von Humboldt, um 1800

Im September 2015 entschlossen wir uns, den Chimborazo zu besteigen, den mit 6274 Metern höchsten Berg Ecuadors.
Mit meinem Schweizer Freund Marco bin ich schon seit gut 15 Jahren in den Alpen unterwegs, regelmäßig ist auch ein Viertausender das Ziel. Die meisten Touren starteten wir von Zermatt aus, aber auch von Saas-Fee und Pontresina. Jetzt war uns von Anfang an klar, dass der Chimborazo etwas anderes sein würde, nicht nur wegen seiner Höhe und der Entfernung von Europa. Es reizte uns schon länger, auch einmal außerhalb der Alpen auf Bergtour zu gehen. Dass Edward Whymper, der Erstbesteiger des Matterhorns (1), 1880 auch als Erster auf dem Gipfel des Chimborazo war und dass Alexander von Humboldt 1802 mit seinen Begleitern bis auf 5600 Meter Höhe vorgedrungen war, übte eine große Anziehung auf uns aus. Die Tour wurde vom Summit Club des Deutschen Alpenvereins (DAV) durchgeführt und auf zwölf Tage angesetzt, wobei der lange Zeitraum für die Höhenakklimatisation erforderlich war.

Im April 2016 war es dann so weit: Erster Treffpunkt mit unseren Guides war Quito, die höchstgelegene Hauptstadt der Welt. Dort sollten dann noch zwei weitere Bergsteiger zu unserer Gruppe stoßen, nämlich zwei Bayern, Klaus und sein Sohn Max. Beide sollten unsere Tour maßgeblich mitprägen, dazu später mehr. Während sich unsere Schweizer Freunde schon ein paar Tage früher auf den Weg machten, um noch die Galapagos-Inseln zu besuchen, hatten wir uns entschieden, erst nach der Tour noch eine Besichtigung der Stadt Lima in Peru anzuhängen. Sowohl das eine als auch das andere lässt sich hervorragend mit der Chimborazo-Besteigung verbinden.

1 Am 14. Juli 1865. Die gewählte Route führte von Zermatt aus über den Hörnligrat zum Gipfel. Neben Whymper gehörten der erfolgreichen Seilschaft auch seine Landsleute Lord Francis Douglas, Reverend Charles Hudson und Robert Hadow sowie die Bergführer Michel Croz aus Chamonix, Peter Taugwalder und dessen gleichnamigen Sohn aus Zermatt an. Sie setzten sich dabei in einem Zweikampf gegen Jean-Antoine Carrel durch, der zur selben Zeit den Anstieg über den Lion-Grat vom italienischen Breuil versuchte. Beim Abstieg der Seilschaft stürzten vier Männer über die Nordwand zu Tode. Der im Hochgebirge noch unerfahrene Hadow rutschte aus, stürzte auf Michel Croz und zog Charles Hudson und Lord Francis Douglas mit sich. Das Seil, das die Stürzenden und die Überlebenden miteinander verband, war ein ausgedientes Seil, das nur als Reserve dienen sollte; beim Versuch Taugwalders, die Stürzenden zu halten, riss dieses Seil. Edward Whymper und die beiden Taugwalders kehrten heil nach Zermatt zurück. Bei der nachfolgenden strafrechtliche Untersuchung konnte der Vorwurf, Whymper habe das Seil durchschnitten, nicht bestätigt werden.

Foto: Klaus Geith

Ankunft in Quito

Nach einem elfeinhalbstündigen Flug von Madrid kamen wir erwartungsvoll in Quito an und wurden gleich positiv von einem nagelneuen Flughafen überrascht. Ein Fahrer wartete am Ausgang auf uns und brachte uns über eine ebenfalls neue vierspurige Zufahrtsstraße in das rund 45 Fahrminuten entfernte Zentrum der Stadt Quito. Die Lage der Stadt mit ihren rund 2,5 Millionen Einwohnern ist insofern beeindruckend, als sie sich auf 2800 Metern befindet und von hohen Bergen, meist Vulkanen, umgeben ist. Unser einfaches, aber gepflegtes Hotel befand sich im Zentrum von Quito. Unsere Schweizer Freunde waren schon eingetroffen, so dass wir uns kurzentschlossen aufmachten, um uns einen Eindruck von der Stadt zu verschaffen. Mit einem Taxi ließen wir uns zur Neustadt an den Plaza Forge fahren, das neue Zentrum des Ausgehviertels von Quito. Es war mittlerweile 20 Uhr, und der Platz sowie die Straßenzüge, die von ihm ausgingen, waren bereits von fröhlichen, ausgehfreudigen jungen Leuten frequentiert. Ein Lokal schließt hier an das andere, Restaurants, Clubs, Diskotheken – wir waren überrascht, wie lebendig Quito sich uns präsentierte.

Am nächsten Morgen trafen wir auf Emilio, einen unserer Guides, der die nächsten Tage mit uns verbringen und auch die Besteigung des Chimborazos begleiten sollte. Emilio sprach uns auf Deutsch an, denn er hatte mehrere Jahre mit seinen sechs Geschwistern in Deutschland gelebt und in Bonn studiert, ehe er sich vor einigen Jahren entschlossen hatte, wieder nach Ecuador zurückzukehren und als Bergführer zu arbeiten. Emilio führte uns durch die Altstadt von Quito, und wir waren beeindruckt von den zahlreichen Kirchen und Gebäuden aus der Kolonialzeit. Zu unserem Programm gehörte natürlich auch der Besuch des Äquatordenkmals etwas nördlich der Hauptstadt sowie der Besuch einer der modernen, sehr amerikanisch anmutenden Malls, eines der neuen Einkaufs- und Konsumtempel, die auch in Quito Einzug hielten und einen fast vergessen ließen, in Südamerika zu sein.

Der Chimborazo, Foto: Klaus Geith

Über Riobamba zum Basecamp Marco Cruz

Nach zwei Nächten in Quito stand für uns die Überfahrt über die Panamericana nach Riobamba an, der Stadt am Fuß des Chimborazos. Die Panamericana ist jedenfalls in diesem Abschnitt eine gut ausgebaute vierspurige Straße, die an zahlreichen Vulkanen vorbeiführt, unter anderem an dem derzeit aktiven Vulkan Cotopaxi, der mit seinen 5897 Metern für ein sehr beeindruckendes Panorama sorgt.

Auf dieser Fahrt haben wir in La Ciénega eine der ältesten Haciendas Ecuadors besichtigt, in der auch schon Alexander von Humboldt auf seiner Reise durch Ecuador genächtigt hatte. Nach einer Nacht in Riobamba war es dann so weit, wir bekamen einen ersten Blick auf den sich majestätisch am Horizont erhebenden schneebedeckten Chimborazo. Schon der erste Anblick war faszinierend, da sich der Berg scheinbar aus einer Ebene erhebt und auf Riobamba und das Umfeld herabschaut. Am Rande von Riobamba verließen wir unser Fahrzeug und machten uns auf die erste Wanderung, an deren Ende wir unseren Stützpunkt für die nächsten acht Tage erreichen sollten, das Chimborazo-Basecamp auf knapp 4000 Meter Höhe. Vorbei an Lama- und Schafherden, überwiegend durch kniehohes Gras erreichten wir nach circa fünf Stunden gemächlich ansteigendem Fußmarsch eine beeindruckende Anlage, das Marco-Cruz-Basecamp. Auf einer rund 100 Hektar großen Fläche direkt am Fuß des Chimborazos hat Marco Cruz eine Anlage errichtet, die ihresgleichen sucht. Ganz anders als aus den Alpen gewohnt, warteten hier keine Massenlager auf uns, sondern kleinere, durchaus komfortable Häuser mit Zweibettzimmern und jeweils eigenem Waschraum mit Dusche und Warmwasser. In der Mitte der Anlage befand sich das Haupthaus mit Küche und sehr geschmackvollem Gastraum, dessen große Fensterfront den Blick auf den schneebedeckten Chimborazo freigab. Dieses Haupthaus mit einer offenen Feuerstelle und zwei Kaminöfen lud zum Betrachten der vielen Fotos und Gemälde an den Wänden ein. Hier hat jemand mit viel Liebe zum Detail ein Refugium geschaffen, auf das sich bergbegeisterte Besucher freuen können. Wir waren nicht nur bei unserer Ankunft, sondern auch in den darauffolgenden Tagen immer wieder beeindruckt, mit welcher Hingabe und Leidenschaft Don Marco und sein Team für seine Besucher da waren. Don Marco erzählte uns von seinem bewegten Leben, das ihn mehrere Jahre auch nach Chamonix und Berchtesgaden geführt hatte, wo er seine Bergsteigerausbildung absolvierte. Mehr als tausend Mal hat er den Chimborazo bereits bestiegen und wird nicht nur deshalb der „Reinhold Messner der Anden“ genannt. Don Marco (2) begleitete uns in den nächsten Tagen auf unseren Touren auf alten Handelspfaden der Yungas, der bewaldeten Ostabhänge der Anden, zu den „Chamonix Nails”, einer kleinen Felsformation auf 5300 Meter Höhe, die man aufgrund ihrer zackigen Form schon gut aus der Entfernung ausmachen kann, und schließlich auf den Carihuairazo, einen 5025 Meter hohen Berg nördlich des Chimborazos. Trotz seiner mittlerweile 71 Jahre ließ Don Marco es sich nicht nehmen, abends nach den Touren selbst das Essen zu servieren und das Gespräch mit seinen Gästen zu suchen.

2 Marco Cruz, 1945 in San Pedro de Riobamba (Provinzhauptstadt, 125 000 Einwohner) geboren, weiß alles über den Chimborazo. Er ist Volkskundler und Bergsteiger, war dreizehn, als er mit Patres vom Orden der Salesianer Don Boscos zum ersten Mal auf den Gipfel stieg. Marco Cruz „bezweifelt sogar, dass Humboldt bis auf fünftausendsechshundert Meter aufgestiegen sei. Irgendwas müsse bei Humboldts Höhenmessungen gewaltig schiefgelaufen sein. Denn er, Cruz, sei vor einigen Jahren mit Reinhold Messner den Weg Humboldts nachgestiegen, und sie hätten es nicht geschafft, in vergleichbarer Zeit ähnlich weit zu kommen, wie Humboldt es von sich behauptet hat.“ (Stephanie Geiger, F.A.Z., 8.1.2015)

Foto: Klaus Geith

Die Tage der Akklimatisation hinterließen bei uns einen nachhaltigen Eindruck. Die täglichen Bergtouren sorgten für einen gewissen Tagesrhythmus, die gemütlichen Hütten und die gemeinsamen Mahlzeiten im Haupthaus bei fehlendem Internet und sonstiger Ablenkung ließen den Alltag und die damit verbundenen Sorgen und Ablenkungen verblassen. Es machte sich ein völlig anderes Zeitgefühl bemerkbar, wir fingen an, mit der Natur zu leben. Der erste Blick morgens nach dem Aufstehen galt dem Berg, zeigte er sich in strahlendem Sonnenschein oder war er von Wolken verhangen? Der zweite Blick galt den Alpakas, die sich auf dem Gelände um die Lodges herum vergnügten, und den Kolibris, die morgens und auch abends um unsere Hütten herumschwirrten. Ebenso zum Ritual wurde der nachmittägliche Kaffee oder Tee, den wir gemeinsam auf der Steinbank des Haupthauses meistens in der Sonne mit Blick auf den Chimborazo einnahmen. Hier entstand eine Eintracht zwischen Berg und Mensch, wie ich sie vorher in den Alpen noch nicht wahrgenommen hatte.

Der eigentliche Aufstieg auf den Chimborazo, die sogenannte Königsetappe, rückte immer näher, doch nicht jeder von unserem Team sollte sie in Angriff nehmen können. Die ungewöhnliche Höhe kann trotz aller Erfahrungen mit Akklimatisation unerwartete Reaktionen auslösen. Nach der zweiten Nacht im Basecamp fühlte sich Max, ein durchtrainierter aktiver Triathlet, unwohl. Nach unserer Tagestour erschien er nicht zum Abendessen, klagte ein wenig über Kopfschmerzen und allgemeine Erschöpfung. Auch am nächsten Tag wollte er an der Tour nicht teilnehmen, sondern zog es vor, den Tag in der Hütte zu bleiben. Allerdings mussten wir nachmittags feststellen, dass es Max nicht besser ging und sein Zustand sich merkbar verschlechterte. Don Marco veranlasste, dass er umgehend ins Krankenhaus in Riobamba transportiert wurde, wo es einen auf Höhenkrankheit spezialisierten Arzt gab. Auch in dieser Situation beeindruckten uns Don Marco und insbesondere auch seine Frau Ximena, die den Transport organisierte und vor Ort im Krankenhaus die Kommunikation übernahm und sich um die Formalitäten kümmerte. Wie erwartet litt Max unter der Höhenkrankheit. Er hatte bereits ein Lungenödem und wäre ohne die Behandlung im Krankenhaus den lebensgefährlichen Folgen dieses Zustands ausgesetzt gewesen.

Der Chimborazo, Foto: Klaus Geith

Nach einem weiteren Ruhetag, den wir zum Bummel in Riobamba und einem Besuch bei Max nutzten, der sich sehr schnell erholte, auch wenn ihm die Ärzte eine Rückkehr ins Basecamp untersagten, wurden die letzten Vorbereitungen für den Aufstieg auf den Chimborazo getroffen. Zwei weitere einheimische Bergführer, Paolo und Jaime, sollten Emilio zur Seite stehen. Am Abend unseres achten Tages gegen 21 Uhr setzte sich der Tross in Bewegung. Zunächst fuhren wir mit dem Auto vom Basecamp zur Carell-Hütte (3), die sich auf 4800 Metern befand. Gegen 22 Uhr setzten wir uns in Bewegung, zusammen mit drei weiteren Bergsteigern nebst Bergführern, die ebenfalls in dieser Nacht den Aufstieg auf den Chimborazo ins Auge fassten. Die äußeren Bedingungen schienen optimal zu sein, es gab kaum Wind, und ein klarer Himmel eröffnete uns einen wunderbaren Blick auf den Sternenhimmel. Unsere Stirnlampen erleuchteten den Weg. Zunächst ging es über Geröll relativ steil in Richtung Whymper-Hütte, die auf 5000 Metern gelegen ist und die wir rechts liegen ließen. Auf etwa 5100 Metern begann eine durchgehende Eis- und Schneedecke. Wir legten die Steigeisen an und gingen ab diesem Moment am Seil, jeder Einzelne von uns mit einem Bergführer. Von diesem Moment an lagen noch etwa 1100 Höhenmeter vor uns, die wir in den nächsten sechs Stunden erklimmen wollten, um bei Sonnenaufgang auf der Spitze des Chimborazos anzukommen. Auch wenn der Aufstieg technisch keine größeren Anforderungen stellte, wurde schnell deutlich, dass die Höhe und die niedrigen Temperaturen die Kondition jedes Einzelnen doch erheblich beanspruchten. Unsere Gruppe zog sich mehr und mehr auseinander, jeder suchte sein Tempo zu gehen, Schritt für Schritt auf dem Weg nach oben zum Gipfel. Irgendwann stellte sich die Situation ein, die der Bergsteiger so liebt. Nur noch er und der Berg! Von den sechs gestarteten Teams war es schließlich dreien vergönnt, auf der Spitze des Chimborazos anzukommen. Die drei anderen Teams haben vorher aus Erschöpfung abgebrochen. Don Marco, der mit uns den Weg zur Carell-Hütte angetreten hatte, verbrachte die Nacht im Auto am Satellitentelefon, um bei eventuellen Notfällen helfend eingreifen zu können. Er empfing uns alle am nächsten Morgen nach dem Abstieg, der noch einmal drei bis vier Stunden in Anspruch nahm. Gegen Mittag kamen wir schließlich wieder im Basecamp an – völlig erschöpft und doch äußerst zufrieden und glücklich.

3 Benannt nach dem italienischen Bergführer Jean-Antoine Carell, dem Erstbesteiger des Matterhorns am 17. Juli 1865 von der italienischen Seite aus.

Dr. Andreas Knebel ist Rechtsanwalt und Dozent für Steuerrecht. Er lebt in Frankfurt am Main.

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erstellt am 07.9.2016

Die Besteigung des Chimborazo. Foto: Klaus Geith

Alexander von Humboldt und Aimé Bonpland am Fuß des Chimborazo
Humboldt und Bonpland am Fuß des Chimborazo
Um 1802

Brief Alexander von Humboldts an seinen Bruder Wilhelm von Humboldt

„Der kurze Aufenthalt in der ungeheuren Höhe, zu der wir aufgestiegen sind, war höchst trist und furchterregend; wir waren von einem Nebel umhüllt, der uns nur von Zeit zu Zeit die fürchterlichen Abgründe erahnen ließ, die uns umgaben. Kein lebendiges Wesen, auch nicht der Kondor, der auf dem Antisana beständig über unseren Köpfen schwebte, belebte die Lüfte. Moosflecken waren die einzigen organischen Wesen, die uns daran erinnerten, daß wir uns noch auf der bewohnten Erde befanden.“