1971 in Dnepropetrowsk (heute: Ukraine) geboren, kam Dmitrij Belkin 1993 als „Kontingentflüchtling“ nach Deutschland. Der Historiker, Ausstellungsmacher und Publizist lebt mit seiner Familie in Berlin. Belkins Buch „Germanija“ ist eine intellektuelle Autobiografie und ein Bildungsroman: „Wie ich in Deutschland jüdisch und erwachsen wurde.“ Aus dem postsowjetischen Dnepropetrowsk führt es nach Tübingen, Frankfurt und in die USA, um schließlich in der Berliner Gegenwart anzukommen. Das Buch ist eine persönliche Zwischenbilanz und zugleich das Porträt einer Einwanderergeneration. Faust-Kultur veröffentlicht daraus einen Auszug, der zwischen 2010 und 2013 in Frankfurt spielt. Belkin erzählt von seinen Ausstellungsprojekten zur russisch-jüdischen Einwanderung, zu Axel Springer und Fritz Bauer, sowie von der ungewöhnlichen Bar-Mizwa-Feier seines Sohns. (el)

Originaltext

Deutsches Judentum 2.0

Von Dmitrij Belkin

Meine Ausstellungen

Das Leben gab mir mit der Frankfurter Ausstellung „Ausgerechnet Deutschland! Jüdisch-russische Einwanderung in die Bundesrepublik“ Gelegenheit, meinen eigenen Weg zu reflektieren und die Geschichten, die dahinterstehen, auch der Öffentlichkeit zu präsentieren. Zugleich kennzeichnete die Arbeit an dieser Ausstellung auch das Ende meiner rein akademischen Beschäftigung mit jüdischer Geschichte. Ich freute mich darüber, endlich aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft heraustreten zu können und ein breiteres Publikum mit Ideen, Objekten, Bildern und Texten zu erreichen.

So gelang es uns, den Blick der Öffentlichkeit und der Presse auf die russisch-jüdische Einwanderung und den Kontakt beziehungsweise den nicht vorhandenen Kontakt zwischen den Einwanderern und Deutschland zu richten. Helmut Kohl und Michail Gorbatschow verfassten Grußworte zum Ausstellungskatalog, in der Paulskirche fand die Eröffnung mit siebenhundert Gästen statt, darunter der damalige und heutige Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Mit dabei war auch der eingangs erwähnte Kurt Schatz, der einst bei der Botschaft die Anträge entgegennahm, die Auswanderungswilligen interviewte und dann über ihr Schicksal entschied. Dan Diner hatte bereits im Vorfeld dieser Ausstellung auf einer Konferenz über das Ende des bundesrepublikanischen Judentums gesprochen, das durch diese, unsere Einwanderung ausgelöst worden sei. Mit dieser dramatischen Aussage zeigte er, wie stark sich das jüdische Leben in Deutschland innerhalb der vergangenen zwanzig Jahre verändert hatte.

Dabei waren Wladimir Kaminer und seine ironischen Geschichten aus den Neunzigerjahren. Mit dabei auch viele russisch-jüdische Ex-Wohnheimbewohner aus diversen Städten und Dörfern, deren Biografien wir erzählten und die einige Gegenstände zeigten, die sie mit nach Deutschland gebracht hatten. Ich freute mich über ihr Vertrauen in die Art und Weise, in der ich ihre und unsere so wertvollen Geschichten und Erinnerungen dokumentieren und der Öffentlichkeit präsentieren würde. Den Deutschen zeigen, wie wir sind und welche Verdienste wir haben! Unsere Geschichte im Museum ausstellen! So lautete der Tenor zahlreicher Zuschriften von „Mit-Russen“, die ich in jenen Monaten erhielt. Ja, ich glaube, die Ausstellung wurde zu einer Brücke zwischen den auf den ersten Blick nicht kompatiblen Welten Deutschlands und der russisch-jüdischen Einwanderer.

In diesem Deutschland, das seine Juden ausgerottet und verbannt hatte, sollte es plötzlich ein „neues deutsches Judentum“ geben, das ich in der Ausstellung provokant und selbstbewusst „deutsches Judentum 2.0“ genannt hatte? „Völlig unmöglich“, sagten Cilly Kugelmann und Micha Brumlik, die bisher neben Dan Diner zu den wichtigsten intellektuellen Stimmen des bundesrepublikanischen Judentums zählten. „Wir sind doch gar keine Deutschen“, „alles Mögliche, nur nicht das“, „was haben wir schon mit diesen Deutschen gemeinsam“, „kein Weg als Jude und Deutscher“ und so weiter – so redeten sie. Diese Positionen nahm und nehme ich ernst, aber ich denke und fühle anders. Das Recht, dieses Andersdenken zu artikulieren, musste erkämpft werden. Ein intergenerationelles Problem im deutschen Judentum – gewiss spannend für den Historiker, nicht so einfach für den Zeitgenossen.

„Was seid ihr denn sonst?“, wollte ich die deutsch-jüdischen Intellektuellen fragen und fragte sie auch. Die Antworten waren nie konkret, eher reflexartig – nie, nie, nie würde sich ein Jude mit diesem Land identifizieren. Möglicherweise existierte ein kleiner Verfassungspatriotismus auf der Ebene eines Personalausweises und des Wahlrechts, mehr aber nicht! Denkt doch an die Nazis und ihre Kinder und Enkelkinder! Denkt doch an den latenten Antisemitismus in Deutschland! Denkt doch an die nationalistischen Rudimente des Faschismus in Deutschland! Denkt doch an diese Vorurteile gegenüber dem Fremden – und den Fremden!

„Seid ihr, sind wir alle nicht gelegentlich auch Träger dieser Vorurteile?“, fragte ich meine Freunde vorsichtig. Leben wir nicht alle ein normales deutsches Leben in Deutschland? Gehen wir mit diesen angeblichen permanenten „Problemfällen“ nicht auch ins Bett, schließen wir mit ihnen nicht auch enge Freundschaften? Hat diese Trennung – „die Deutschen und wir“ – nicht eher etwas Künstliches und Dauerneurotisches? Sollen wir das weiterhin so stilisiert darstellen und, vor allem, weiterhin so leben?

Während der Diskussionen zur Ausstellung habe ich ein differenzierteres Hören gelernt und realisiert, dass ein innerjüdischer Diskurs über Deutschland zu den gefährlichsten Minenfeldern meines bisherigen intellektuellen und politischen Lebens in Germanija [„Germanija“ ist das russische Wort für „Deutschland“ – Anm. d. Red.] gehörte. Ich selbst war wahrscheinlich am meisten überrascht darüber, dass ich nun plötzlich in der Situation war, in der ich Deutschland gegen Vorwürfe verteidigen würde – vor wenigen Jahren wäre das in meiner Vorstellung noch undenkbar gewesen. Doch es war mir inzwischen so wichtig, eine einigermaßen sachliche Diskussion über „Juden und Deutsche“ führen zu können, statt immer wieder nur zu hören: „Nie wieder Deutschland!“. Dabei wollte ich gar nicht Deutschland verteidigen, sondern die Gegenwart verteidigen – und musste doch einsehen, dass andere diese Gegenwart anders empfanden. Ihre Wahrnehmung der Gegenwart war geprägt von den Holocausterfahrungen ihrer Eltern und von der ganzen Wucht ihrer Lebens- und Familiengeschichten im Frankfurt der Fünfziger- und Sechzigerjahre. Deshalb hieß es: Kein „deutsches Judentum 2.0“, überhaupt kein deutsches Judentum mehr – höchstens die Juden in Deutschland, ein fragiles Provisorium, so wie der Zentralrat heißt: der Zentralrat der Juden in Deutschland, auf keinen Fall der „deutschen Juden“!

Offenbar erreichte die Ausstellung nicht nur Juden, sondern auch viele Nichtjuden – und das war von uns, den Ausstellungsmachern, ja auch beabsichtigt. Ralf Kürsten, der aus der Generation meiner Eltern stammte und mir während meiner letzten Frankfurter Jahre zu einer wichtigen Bezugsperson und einem engen Freund wurde, sagte mir bei einem gemeinsamen Kaffee: „Weißt du, du hast mich befreit Mir nicht das Schuldgefühl genommen, aber die Angst, über die Juden (und mit den Juden) zu sprechen. Ich kann mit dir reden und bei deiner Ausstellung auch lachen, lernen, nachdenken, einverstanden oder polemisch sein – aber ich muss nicht gleich pietätvoll erstarren.“

Über diese Worte freute ich mich sehr, denn ich merkte, wie stark auch auf der anderen Seite etwas in Gang gekommen war. Wir konnten jetzt über Deutschland reden, und sie konnten über das Judentum sprechen. Wir konnten gemeinsam auf Entdeckungsreise gehen, und zwar auf dem Gebiet des jeweils anderen. Wir Kontingentflüchtlinge mussten unser Bild von Deutschland korrigieren, während die Nachkriegsgeneration in Germanija, das wurde mir immer klarer, einen riesigen Gesprächsbedarf jenseits der Psychotherapie- und Familienaufstellungsräume hatte, in denen der böse Opa, der – wie Harald Welzer in seinem Buch erläuterte – jahrzehntelang kein Nazi war, im Zentrum stand und die Gegenwart blockierte. Und diese Entdeckungsreise konnte nur im Gespräch erfolgen.

Aus diesen Gesprächen über die Deutschen und die Juden nach dem Holocaust entstand auch die Idee zu meiner Axel-Springer-Ausstellung, die wir „Bild dir dein Volk!“ genannt haben und ebenfalls im Jüdischen Museum in Frankfurt zeigten; später wurde sie auch noch vom Stadtmuseum Berlin übernommen. In dieser Ausstellung ging es um den Verleger Axel Springer, sein Medienreich und sein Bild vom Judentum und von Israel, ein christliches, philosemitisches, Israel-verliebtes Bild, das sehr viel mit Schuldgefühlen Springers zu tun hatte und dieses Land – die Bundesrepublik der Nachkriegszeit – entscheidend prägen sollte. Verbreitet wurde dieses Bild von der Bild-Zeitung, und manchmal frage ich mich, in welche Richtung sich das Weltbild der Deutschen in den Sechziger- und Siebzigerjahren entwickelt hätte, wenn die Springer-Blätter anders, nämlich betont antisemitisch, berichtet hätten.

Während der Arbeit an der Ausstellung erinnerte ich mich daran, was mich in meiner Tübinger Zeit besonders verwirrt hatte: Meine Kollegen an der Universität nannten die BiW-Zeitung immer ein „rechtes“ oder „faschistisches“ Blatt. Zugleich aber war es eigentlich das einzige mir bekannte Medium, dessen Tenor eindeutig israelfreundlich war. Bedeutete dies folglich, dass Antifaschismus in Germanija anti-israelisch war und Faschismus wiederum pro-israelisch? Meine damalige Naivität half mir fünfzehn Jahre später, die Kernfragen des deutsch-jüdischen Verhältnisses nach der Shoah anzusprechen. Zum Beispiel die Frage, ob ein Nazi fünfundzwanzig Jahre nach dem Krieg philosemitisch agieren und zum besten Freund Israels avancieren konnte. Ja, konnte er: Verwirklicht haben das philosemitische Projekt bei Axel Springer die Journalisten: Neben aus der Emigration zurückgekehrten Juden gab es darunter auch viele ehemalige Nazis.

Springer ist bis heute ein gut funktionierender, Juden und Israel liebender und das Jüdische schätzender Medienkonzern, und das gilt bei weitem nicht für jede linksliberale Zeitung dieses Landes. Braucht man diese Liebe überhaupt und lullt sie einen nicht ein wenig ein? Ja, das tut sie bestimmt, denn natürlich werden die jüdischen Themen im Verlag in Watte gepackt – noch mehr als sonst in der deutschen Gesellschaft. Ich habe Axel Springer und sein Haus nie gehasst, anders als so viele aus der älteren (und jüngeren) Generation. Ich brauchte ihn also auch nicht wieder heiß zu lieben, wie einige der gleichen Herrschaften es nach Jahren des Hasses tun. Das erlaubte mir eine Reflexion über das Haus. Die Axel-Springer-Ausstellung war für mich endlich ein Projekt über Deutschland, und manchmal dachte ich mir: Eigentlich hätte ich erst nach dieser Ausstellung die deutsche Staatsbürgerschaft verdient, denn erst dann hatte ich das Gefühl, die Bundesrepublik mit ihren Widersprüchen, Schuldgefühlen, ihren gekränkten Nationalismen, ihrem Antikommunismus und Antisemitismus und ihrem wachsenden, bisweilen krankhafte Formen annehmenden Philosemitismus wirklich zu verstehen.

Fritz Bauer. Schwieriger Umgang mit dem Guten

Fritz Bauer ist heute überall. Der Frankfurter Generalstaatsanwalt, der die für die Bundesrepublik so wichtigen Auschwitz-Prozesse in den frühen Sechzigerjahren ins Rollen brachte und den Israelis entscheidende Hinweise für das Aufspüren des Naziverbrechers Adolf Eichmanns (die Banalität des bürokratischen Bösen!) gab, ist im heutigen Deutschland populär geworden. Er schwäbelt in Kino und TV, schaut uns durch seine Intellektuellenbrille aus zahlreichen Zeitungsartikeln an, raucht ununterbrochen seine starken Zigaretten, vor seiner berühmten schwarz-weißen Tapete mit quadratischem Mustern sitzend, in diversen Videoausschnitten, die deutschlandweit zu sehen sind.

Der jüdische Sozialdemokrat Fritz Bauer, der im skandinavischen Exil überlebt hatte, ergänzte in den letzten Jahren im Bewusstsein eines breiteren Publikums die Galerie der wenigen Helden der Bundesrepublik, also der ungebrochen guten Akteure der deutschen Geschichte nach 1945, die keine Nazis oder Kollaborateure waren. Ausgerechnet mit diesem einsamen Kämpfer für juristische und moralische Gerechtigkeit im Deutschland nach Hitler bekam ich in Frankfurt meine ersten beruflichen Schwierigkeiten, als ich vorschlug, eine Ausstellung über ihn zu konzipieren.

Doch im Unterschied zu den „Russen“ und zu Axel Springer passten im Fall Bauers, so mein Eindruck, Ambivalenzen nicht mehr ins Bild. Widersprüche und Abweichungen sollten draußen bleiben und Bauer stattdessen als Held in seinem schwierigen Kampf gegen das „dunkle Deutschland“ gezeigt werden: gegen die Globkes und Filbingers dieser Welt, die gegen Bauer intrigiert hatten, um als hochrangige Mitarbeiter des bundesrepublikanischen Justizapparats die Aufklärung ihrer Verbrechen aus der Nazizeit zu blockieren.

Der Mythos „Bauer allein gegen alle“, der auch im Umfeld meines Institutes gepflegt wurde, überzeugte mich nicht Ich kannte das sowjetische System gut genug, um zu wissen, dass Mitspielen und Loyalität auf diversen Ebenen manchmal auch für Dissidenten notwendig ist, dass man „gut“ und „böse“ häufig gar nicht so genau unterscheiden kann, jedenfalls nicht derart radikal voneinander trennen, wie es die pathetische und de facto etwas selbstfixierte Bauer-Forschung tat. Nach der in der Forschung herrschenden Meinung habe Bauer den Deutschen den rechten Weg zeigen wollen – gegen den Widerstand der bundesrepublikanischen Gesellschaft, die nach dem Krieg im Wesentlichen immer noch aus Nazis und Verbrechern bestanden habe. Die Guten seien rar in dieser Gesellschaft gewesen, und umso wichtiger seien sie für uns heute. Als Beispiele, als Symbole, als Lehrer der Nation. Jeder, der etwas gegen Bauer oder seine Adepten sagte, griff damit die Gerechtigkeit, ja, das Gute schlechthin an. Natürlich ist dieses Bild auch von mir etwas überzeichnet, dennoch stand für mich fest: Diese Art der Schwarzweißmalerei wollte ich nicht betreiben, denn ich bin mir bis heute sicher, dass die gesellschaftliche, politische und moralische Realität nicht so eindeutig zu beschreiben ist.

Ich wäre bereit gewesen, die Geschichte eines stillen, mit nicht wenigen Komplexen versehenen schwäbischen Mannes zu erzählen, der Jude war und sein Judentum kaum artikulierte – weder privat noch öffentlich; der ein Sozialdemokrat war und als solcher viel zu selten in Erscheinung trat; der höchstwahrscheinlich homosexuell war und als deutscher Beamter sein Schwulsein verstecken musste; der ein deutscher Kulturnationalist war (wie man seinen mit Schiller-Zitaten geschmückten Artikeln entnehmen kann) und als solcher die Nation umerziehen wollte, weil der Nationalsozialismus der deutschen Kultur massiv geschadet hatte.

Ich wollte das Spiel „Bauer versus deutsche Gesellschaft“ nicht mitmachen. Meine Erfahrungen aus der Sowjetunion hatten mich gelehrt, dass man es sich mit der pauschalen Verurteilung der Menschen zu einfach machte – zu komplex war das Leben in solchen totalitären Systemen. Zugegebenermaßen habe ich mir die damit verbundene Frage trotzdem nicht gestellt: Wäre es möglich gewesen, beispielsweise eine Ausstellung zu Lenin im russischen/ukrainischen Lenin-Institut der frühen Achtzigerjahre mit solchen Ambivalenzen versehen zu realisieren? Ein solches Ausstellungskonzept, sogar der Hauch seiner Andeutung, wäre für den Kurator in der Sowjetunion nicht nur karriereschädigend gewesen, sondern hätte auch eine Freiheitsstrafe nach sich ziehen können. Das alles stand hier, in Frankfurt, nicht auf dem Spiel, sondern hier ging es um etwas anderes: darum, Ambivalenzen zu verstehen und auszuhalten.

Die meisten meiner Kollegen jedenfalls konnten meine Zweifel nicht nachvollziehen. Mein schwieriger Kampf gegen den Bauer-Kult endete mit einem zu erwartenden Fiasko; ich musste das Projekt an die intelligente, ruhige, sich von den Kämpfen um diverse politisch-intellektuelle Kuchenstücke bewusst distanzierende Kollegin Monika Boll abgeben, die die Ausstellung wunderbar sachlich, in einer Distanz zur schwierigen Bauer-Gemeinde und gleichzeitig mit Empathie zu Fritz Bauer selbst umsetzte. Wir konnten danach über uns und unsere Rollen in diesem komplexen Stück ausgiebig lachen.

Heute würde ich mir übrigens zutrauen, eine Lenin-Ausstellung zu konzipieren – in Kiew oder in meinem Dnepropetrowsk, dem heute namenlosen Dnipro, wo die Lenin-Denkmäler von den permanent fotografierenden und postenden, euphorisierten, de facto armseligen Massen, kaputtgeschlagen und abgetragen wurden.

Bar Mizwa im Rothschild-Palais

Mein Sohn Mark kann, was ich nicht kann: Er kann warten. Er muss sich dafür gar nicht überwinden – er bleibt gelassen und ruhig, mein Junge. Nein, nein, er zittert tatsächlich in seinem Inneren, wenn etwas Wichtiges ansteht, aber er wird es nicht auf Papas blöde hektische Weise (ich muss das jetzt sofort haben/erledigen/bekommen, sonst geschieht eine Katastrophe) zeigen. Er lebt einfach. Kann es sein, dass ein Aufwachsen ohne tägliche Katastrophen dabei doch irgendwie ein wenig hilfreich ist?

Die Brüche der Eltern, die Einwanderungs-, Ankommens-, Ein- und Übertrittsgeschichten, Sprachen, Egoismen, Nostalgie und Unfähigkeit, all das, was uns quält und unsere Welten nicht zusammenkommen lässt, bekommt unser Sohn Mark natürlich mit. Dann ist all das wieder weg, und es wird spannend und schön um ihn herum. Das, was man hier Muttersprache nennt, ist für ihn Deutsch, während die Sprache seiner Mutter Russisch ist – eine Sprache, die er ebenfalls ganz vernünftig beherrscht.

Es wurde Zeit, dass er Bar Mizwa wurde, wie es sich in einer guten jüdischen Familie gehört – wir haben die unterbrochene Linie wieder hergestellt und wollten „normal“ sein! Wir lebten in Frankfurt, einer Stadt, die Bar-Mizwa-Feiern in der Bar des Interconti für zigtausend Euro anbietet, inklusive prominente Bands, Schokoberge und repräsentative Geschenke. Wenn Marks Freunde Bar Mizwa wurden, waren Ljuda [Dmitrij Belkins Frau Ljudmila – Anm. d. Red.] und ich häufiger auf solche Feste eingeladen, zu denen wir gerne gingen: weil die Feste schön waren, es dort viel Schokolade gab und sie mich stark an mein Dnepropetrowsk erinnerten. So würde es feiern, mein Dnepropetrowsk, wenn es zivilisierter, deutscher und nicht übermäßig dem Alkohol verfallen wäre. Dann würde womöglich ein Frankfurt daraus: Frech, reich und irgendwie mild in seiner Fähigkeit, weiterzugeben, alle an der Feier teilhaben zu lassen, zumindest für einen Abend. Jüdischer Dickens. Jüdisches Frankfurt des frühen 21. Jahrhunderts. Frankfurter Schule!

Ich wusste also nicht, ob eine solch aufwendige Bar-Mizwa-Feier wirklich notwendig war, aber andererseits stand sie für so vieles, vor allem für das Erwachsenwerden unseres Kindes. Als ich in Marks Alter war, kann ich mich nur daran erinnern, wie wir Geburtstage gefeiert haben, meinen zehnten, elften, zwölften und dreizehnten.

Ich weiß noch, wie Gäste zu uns in die Karl-Liebknecht-Straße kamen und fragten, wo hier die Toilette sei. Na, da drüben, im Hof ich erröte noch heute, wenn ich daran denke. Bar Mizwa war ich jedenfalls nicht.

Mark ging in Frankfurt auf eine jüdische Schule, die zu den guten Schulen der Stadt zählte, zum Glück aber längst nicht nur von Juden besucht wurde. Selbst wenn man jüdisch ist, so denke ich, soll man nie in einer ausschließlich jüdischen Gesellschaft weilen – das reduziert das Leben stark. Es ist toll, einen funktionierenden religiösen und kulturellen Ausgangspunkt zu haben, aber man sollte auch die anderen Seiten der Gesellschaft kennen. Das gilt übrigens, wie ich finde, für alle Religionen.

Stefanie arbeitete in leitender Position in einer Frankfurter Bank, und ihr Sohn, Jonas, ging ebenfalls auf die jüdische Schule. Obwohl die Familie nichtjüdisch ist, erhielt Jonas nun eine jüdische Erziehung. „Es ist besser, eine religiöse Grundlage zu haben. Und da die christliche Kultur eine jüdische Basis hat, ist es besser, gleich bei dieser Basis einzusteigen“, sagte Stefanie. Sie erzählte von einer Bergbesteigung mit ihrer Familie in Bayern. Sie wanderten und wanderten, der Weg war steil und steinig, schließlich war die Bergspitze in Sicht. Diese wird im katholischen Bayern durch ein riesiges Kruzifix markiert. Sie blickten nach oben und Jonas, der christliche Schüler der jüdischen Schule, sagte: „Endlich. Wir sind am Ziel. Da steht der Moses!“

Auch wir waren nun irgendwie am Ziel. Vor uns stand das Rothschild-Palais in Frankfurt Der Weg dahin war ein langer, vielleicht nicht so ein steiniger wie der Aufstieg „zum Moses“ in Bayern, aber es war unsere Emigration und ein Aufwachsen unseres Tübinger-Frankfurter-New Yorker Sohnes – die Feier im Palais sollte unsere Liebe zum jüdischen Frankfurt markieren. Und unsere Liebe zu Mark zeigen.

Die Feier wird ein Kompromiss sein. Wir hatten einen leicht abnehmenden, doch vorhandenen Bezug zum Egalitären Minjan, den Liberalen in der Gemeinde, und ihrer intellektuellen Rabbinerin Elisa Klapheck. Marks Vertrauensrabbiner jedoch war Andy Steiman, ein eher traditioneller Rabbiner, der aus den USA stammte und seit Jahrzehnten in Frankfurt lebte. Seine Vorfahren kamen aus Odessa. Marks Religionslehrer hingegen, Asaf Grünwald, war ein orthodoxer Israeli mit deutschen Wurzeln, der auch als Vorbeter in der Frankfurter Westend-Synagoge tätig war.

Asaf, der traditionelle Mann der synagogalen Trennung zwischen Männern und Frauen, ermöglichte uns ein Zusammensitzen von Frauen und Männern bei der Bar Mizwa von Mark, indem er einen kleinen Trick anwandte. Der Gottesdienst, beschlossen er und Andy, solle nicht wie üblich am Samstag, sondern an einem Donnerstag stattfinden: Dann könnten unsere Gäste gemischt sitzen, und Asaf, der Orthodoxe, könnte vor einem liberal ausgerichteten Publikum die Funktion eines Kantors ausüben.

Mehr als hundert Gäste kamen. Nichtjüdische, die sich auf die Zeremonie freuten und offen waren für alles; jüdische, die sich über eine solche – für sie neu gestaltete – Zeremonie wunderten. Mittendrin unser cooler Sohn, der ganz gegen seine Art an diesem Tag im Mittelpunkt stehen würde. Und seine treuen Begleiter, seine liebevollen Eltern: Ljuda und ich. Ich musste mich erst mal anfreunden mit der mir ungewohnten Rolle der dritten Geige, die mir aber zunehmend gefiel. Außerdem freute ich mich über meinen Sohn mit seinem ironischen Lächeln, der auch mich irgendwie erwachsener machte. Auch meine Eltern waren gekommen. Mein Vater trug eine Fliege, die meine Mutter ihm in einem Esslinger Second-Hand-Laden (wo sonst) für 50 Cent gekauft hatte, und bewies damit wieder mal einen unnachahmlichen Stil.

Im Foyer des Rothschild-Palais wurde gerade eine Ausstellung aufgebaut – „Juden und Geld“. Das Museum erzählte politische Wirtschaftsgeschichten und spielte mit dem ewigen Vorurteil – „die Juden sind reich“. Diesem Klischee entsprachen wir an diesem Tag leider überhaupt nicht: Wir waren „Juden ohne Geld“, „Russen“, die keine Oligarchen waren …

Meine Gefühle gegenüber Mark und Ljuda waren für mich an diesem Tag stärker als die des Ankommens – in Deutschland, im Judentum, in der Familie. Ich suchte einen Weg zu einem Gipfel, wo diverse Mosese und Jesuse stehen, nicht den Gipfel selbst – der Weg zum Tempel ist wichtiger als der Tempel selbst. Und der schöne, immer selbstbewusster werdende, kleine große Mann, so schlank und imposant in seinem Anzug, den ich damals im Bauchsack getragen hatte, war einfach da.

Mark las den Wochenabschnitt, die Parascha Schelach Lecha, vor: Moses entsendet nach einer langjährigen Wanderung durch die Wüste seine Botschafter, damit die Männer das Land Kanaan, das künftige Heilige Land, auskundschaften. Die Männer sollen herausfinden, was das Land hergibt und den Menschen zu bieten hat

Viele der Männer kehren gar nicht mehr zurück – in ihre „himmlische Sowjetunion“. Es waren die typischen Themen und Probleme der Migranten. Alles kam mir so bekannt vor in diesem alten Text Ein Ankommen: Mark-Mosche Belkin, der Bar Mizwa, war dieses Ankommen. Wir beobachteten, waren gleichzeitig da und nicht da – und waren vor allem eines: unendlich stolz!

Dieses Fest wurde für einen lokalen jüdischen Sender gefilmt, und vor der Kamera standen drei Generationen der Belkins: mein Vater, ich und mein Sohn. Der frisch gebackene Bar Mizwa durfte die Fragen des Journalisten, eines netten, in Frankfurt lebenden Australiers, auf Englisch beantworten – in einer Sprache, die seine Großeltern noch weniger als sein Deutsch verstanden. Zähneknirschend und gleichzeitig lächelnd nahm ich den Scherz des Kameramanns auf, der feststellte, dass mein Sohn doch am besten von uns dreien aussehe. Als der Redakteur auch noch meinen Vater interviewte, mussten wir für ihn übersetzen.

„Was bedeutet dieser Tag für Sie?“, wurde mein Vater gefragt „Ein Belkin hat Bar Mizwa“, antwortete er – „ich kann es kaum glauben! Und wissen Sie, heute denke ich zum ersten Mal seit Jahren, es gibt vielleicht einen Gott, der das möglich macht.“

Ich hoffe sehr, dass keiner meine Tränen sah, weder mein Vater noch die Kamera oder die Fernsehzuschauer.

Auszug aus: Dmitrij Belkin, Germanija. Wie ich in Deutschland jüdisch und erwachsen wurde
Mit freundlicher Genehmigung © Campus Verlag, Frankfurt am Main 2016

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erstellt am 06.9.2016

Dmitrij Belkin © Gerhard Pauly
Dmitrij Belkin, Foto © Gerhard Pauly

Dmitrij Belkin
Germanija. Wie ich in Deutschland jüdisch und erwachsen wurde
Gebunden, 202 Seiten
ISBN-13: 9783593505800
Campus Verlag, Frankfurt am Main 2016

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Zur Person

Dmitrij Belkin

Dmitrij Belkin, geboren 1971 in der Ukraine (damals UdSSR), kam 1993 als „Kontingentflüchtling“ nach Deutschland. In Tübingen schloss er sein Studium der Geschichte und Philosophie mit Promotion ab. Nach Stationen u.a. beim Jüdischen Museum Frankfurt und beim Fritz Bauer Institut ist er heute als Referent beim jüdischen Ernst Ludwig Ehrlich-Studienwerk (ELES) und als Publizist in Berlin tätig, wo er mit seiner Familie lebt.