Im deutschsprachigen Raum wurde der 1973 geborene amerikanische Schriftsteller Anthony Doerr mit dem hochgelobten Roman „Alles Licht, das wir nicht sehen“ aus dem Jahr 2014 bekannt. Nun sind Doerrs Novelle „Memory Wall“ und sein Roman „Winklers Traum vom Wasser“ auf Deutsch erschienen. Otto A. Böhmer hat sie mit Gewinn gelesen.

Neue Bücher von Anthony Doerr

Mut zur Detailtreue

An der Erinnerung haben wir unsere Freude, wenn sie in Rufbereitschaft bleibt, streikunwillig ist und schöne Geschichten für uns aufbewahrt, von denen wir zehren können, solange es denn geht. Oft aber geht es nicht mehr; die Erinnerung wird erst unzuverlässig, dann bockig, um schließlich ganz den Dienst zu quittieren, den wir uns eher nach Beamtenart, also mit lebenslanger Versorgungsgarantie, vorgestellt hatten. Ist aber nicht: Der Mensch wird gern dement und muss dann unter seinesgleichen aufbewahrt werden.

Von einer dementen alten Frau erzählt die großartige Novelle „Memory Wall“ des amerikanischen Schriftstellers Anthony Doerr (Jg. 1973), der hierzulande vor allem mit dem (zu Recht hochgelobten) Roman „Alles Licht, das wir nicht sehen“ (2014) bekannt wurde. Wer indes bei der Vorstellung, Novellen über demente alte Frauen zu lesen, automatisch schlechte Laune bekommt, dem darf man „Memory Wall“ trotzdem ans Herz legen. Es gibt nämlich noch andere Figuren in dem Buch, die allesamt etwas Anrührendes haben, auch im Scheitern und den vorangehenden Bemühungen, ein Leben, das so wunderbar sein kann, meist aber eher schmählich verläuft, zu durchstehen.

Alma Konachek, 74 Jahre alt, ehemalige Maklerin, lebt in einem Vorort von Kapstadt. Bevor sich die Demenz an ihr zu schaffen macht, hat man es gut mit ihr gemeint: Wie ihr verstorbener Mann Harold gehört sie der reichen weißen Minderheit an, wohnt in einer Villa und hat Geld genug, um sich betreuen zu lassen. Dafür ist vor allem der gutmütige Pheko zuständig, ein alleinerziehender Vater aus den Slums, der sich Mühe gibt, keine bitteren Gedanken aufkommen zu lassen. Als eigentlich schon nichts mehr zu machen ist, lässt sich Alma in einer teuren Klinik zu einer Operation überreden; der Arzt, ein selbstgefälliger Mensch mit dem richtungsweisenden Namen Dr. Amnesty, versucht ihr zu erklären, worum es geht: „Die Wahrheit ist, dass sich die Basis alter Erinnerungen im extrazellulären Raum befindet. Hier in der Klinik zielen wir auf diese Räume, färben sie und schreiben sie in elektronische Modelle ein. In der Hoffnung, beschädigte Neuronen zu lehren, tauglichen Ersatz zu schaffen … Verstehen Sie?“ Nein, Alma versteht nichts. Was ihr widerfährt, ist „eine langsame Zersetzung, ein Leck. Siebzig Jahre Geschichten, fünfzig Jahre Ehe, vierzig Jahre Arbeit für Porter Immobilien, zu viele Häuser, Käufer und Verkäufer, um sie zu zählen – Bratenheber und Gabeln, Romane und Rezepte, Albträume und Tagträume, Hellos und Goodbyes. Konnte das wirklich alles ausgelöscht werden?“ Es kann, was aber noch dauert. Zunächst wird Alma tatsächlich operiert; danach hat sie ein paar lichte Momente, die von der „Memory Wall“ , die man bei ihr zuhause installiert, verstärkt werden sollen. Dort gibt es Fotos, Zettel, Botschaften aus vergangenen Zeiten, die Vertrautes aufrufen können – wenn es denn funktioniert. Hinzu kommen Ton- und Bilddokumente, die ihr, wie in einem von dumpfen Werbepausen unterbrochenen Spielfilm, vorführen, wie es einmal zugegangen ist im Leben der Alma K., deren größte Enttäuschung im Grunde darin bestand, dass ihr Mann Harold, obwohl noch im besten Mannesalter, eines Tages damit begann, sich mehr für Fossilien als für seine Gattin zu interessieren, die zwar auch ins gehobene Alter aufrückt, damit aber nicht werthaltiger wird. An dieser Stelle kommt Luvo, ein vierzehnjähriger Junge, ins Spiel: Er, der selbst am Kopf operiert worden ist und keine nennenswerte Lebenserwartung mehr hat, wie man ihm suggeriert, dringt nachts, angeleitet vom kleinkriminellen Roger, wiederholt in Almas Villa ein und haust sich in ihre künstlich nachbearbeiteten Erinnerungen ein – immer in der Hoffnung, auf den entscheidenden Hinweis zu stossen, wo denn der sagenhafte Fossilienfund stattgefunden haben könnte, den Harold kurz vor seinem plötzlichen Tod angeblich noch getätigt hat. Als die Suche fast schon aufgegeben werden muss, kommt es zu einer märchenhaften Wendung: Luvo weiß, wo er suchen muss, er bricht auf in die Berge. Von nun an ist er als einsamer Held mit Stehvermögen gefragt: „Das ist die Überraschung. Luvo mag das merkwürdige Suchen zwischen den Steinen. Es beruhigt ihn, er verspürt einen gewissen Frieden hier oben auf dem Swartbergpass. Die Wolken sind große silberne Schlachtschiffe, die Abenddämmerungen tauchen sie in goldene Flüssigkeiten. Die“ Halbwüste „Karoo ist ein Ort unverbrauchten Lichtes, der Himmel gewaltig, die Stille allumfassend.“

Am Ende wartet „Memory Wall“ noch mit mindestens anderthalb Überraschungen auf, die Doerrs Novelle zusätzlich spannend machen und den Leser erfreuen. Irgendwie geht es im Leben doch noch gerecht zu, könnte man meinen, besonders wenn ein Autor mit Sprachgewalt und beträchtlicher Empathie im Schreib- und Kommandostand hockt und sich unbeeindruckt zeigt von den Einreden der üblichen Verdächtigen. „Memory Wall“ ist ein sehr zu lobendes Buch, das auch eine knapp bemessene Fülle leuchtender Naturbeschreibungen enthält, die der belesene Individualtourist im Reiseland Südafrika bei Bedarf sogar an Ort und Stelle überprüfen kann.

Wie aus der Zeit gefallen

Anthony Doerrs großer Roman „Winklers Traum vom Wasser“ erzählt vom dunklen Spielgrund unserer Wahrnehmung und den Zumutungen eines Wissens, das seine Verlässlichkeit in entscheidenden Momenten nur simulieren kann. David Winkler, die Hauptperson des Romans, ist ein Mensch, der schon immer wie aus der Zeit gefallen anmutet; mit einer Brille versehen, deren dicke Gläser nur das Nötigste zu ihm durchlassen, entwickelt er schon früh eine besondere Kunst des Sehens, das über das offiziell Sichtbare hinausgreift. Diese Kunst perfektioniert er, ohne es zu wollen, auch in den Nächten, die ihm merkwürdige, vor allem beängstigende Träume auflegen. Schon als Kind, das, behütet von einer finnischen Mutter und einem wortkargen Vater, in Alaska aufwächst, sieht Winkler Dinge, die man besser nicht sehen sollte. Träume sind ihm nicht Schäume, sondern missraten zur Wirklichkeit, die in ihrer Tendenz, sich als unausweichlich zu erweisen, eine existentielle Heimtücke entfalten, von der andere nichts mitbekommen. Sie verwandeln sich damit dem Wasser an, von dem Winkler schon früh fasziniert ist. Wasser, unser eigentliches Lebenselixier, das solange unscheinbar wirkt, wie es vorhanden ist, lässt sich, wenn man genauer, vielleicht: zu genau hinschaut, als nicht haltbarer Grund unserer Wahrnehmungsbemühungen begreifen, die in erster Linie dem Tagesgeschäft dienen, darüber hinaus aber mit Vorsicht zu genießen sind: „Wasser war eine unberechenbare, launische Substanz: nichts Festes, nichts Permanentes und nichts, was so war, wie es schien (…) schon damals spürte er, dass es immer ein Wissen geben würde, das seine eigenen Fähigkeiten überschritt.“ Winkler ist auch als junger Mensch eine eher randständige Figur, die meist unbemerkt bleibt; Freunde hat er nur wenige, von der Liebe kann er nur träumen, was aber auch deswegen nicht ergiebig ist, weil seine privaten Visionen im wiederkehrenden Kern etwas Bedrohliches behalten; sie spielen ihm Ereignisse ein, die tatsächlich geschehen: Ein Mann wird bei einem Verkehrsunfall auseinandergerissen; eine Flut baut sich auf, aber dann es gibt zur Abwechslung auch Erfreuliches: Winkler, der inzwischen in Cleveland (Ohio) lebt und sich dort als weiterhin unscheinbarer Meteorologe betätigt, lernt Sandy, seine zukünftige Frau, in einem Supermarkt kennen – all das passiert, wie es scheinbar passieren muss, wenn man den besonderen Blick hat: „Sah niemand etwas? Konnte die Zukunft des Menschen so unbemerkt aus dem Hinterhalt überfallen?“

Doerrs Roman nimmt Fahrt auf, als er an das eigentliche Herzstück seines Geschehens gelangt: Winkler träumt, wie es in Cleveland zu einem Hochwasser kommt, das schließlich auch die Straße erreicht, in der er mit Sandy und Grace, seiner gerade erst geborenen Tochter, lebt. Bis in furchteinflössende Einzelheiten hinein sieht sich Winkler dabei zu, wie er Grace zu retten versucht, während Sandy womöglich schon verloren, auf jeden Fall aber nicht mehr auffindbar ist. Tatsächlich gibt es die Flut, der Winkler in Voraufführung beiwohnt; sie richtet beträchtliche Schäden an, und es gibt Tote. Ob Grace überlebt, verschweigt sein heilloser Traum, und auch Sandy taucht nicht wieder auf. Winkler ist da schon auf der Flucht; er hat den Traum, der ihm zum ständigen Begleiter wird, nicht mehr ausgehalten. Seine Reise führt ihn, nach wiederum gefahrvollen Wendungen und Aussetzern, auf eine Karibikinsel, wo er bei einer chilenischen Emigrantenfamilie unterkommt, die den Sonderling annimmt, ohne an seine Geheimnisse zu rühren. Winkler, der schon früher nicht sonderlich mitteilungsfreudig war, bleibt als schweigsamer Gast, der seinen Unterhalt mit Gelegenheitsarbeiten bestreitet, die ihm – leider, muss er feststellen – in einem Nachdenken belassen, das ähnlich zwanghaft anmutet wie sein Traum, der noch nicht abgetan ist. Was indes vergehen muss, ist, zumindest unserer gewöhnlichen Auffassung nach, die Zeit: „Er schleppte sich durch die Stunden. Bei Nacht breiteten sich in unfassbarer Zahl die Sterne am Himmel aus und zogen ihre Bahnen am Firmament, um schließlich, einer nach dem anderen, hinter dem Horizont zu verschwinden, während auf der anderen Seite der Erdkugel, am gegenüberliegenden Horizont, neue erschienen.“ Soma und Felix, die ihn bei sich aufnehmen, sind herzensgute Menschen, die Mühe haben, selbst über die Runden zu kommen, aber es sich selbst verbitten, unnötig zu klagen. Sie haben es gelernt, das Leben, das über sie verhängt wurde, anzunehmen, eine Einstellung, die sie an ihre Kinder weitergeben, von denen es Winkler besonders die kleine Naaliyah angetan hat, ein hochbegabtes Mädchen, das es schafft, seine erinnerungsschwere Verstörtheit aufzubrechen, im weiteren Verlauf zu einer Freundin wird, die auch seine Tochter sein könnte, und sich später anschickt, eine Karriere als Entomologin zu machen. Grace aber bleibt unvergessen; Winkler will wissen, ob sie überlebt hat, nur das, glaubt er, zählt noch für ihn. Er schreibt unzählige Briefe an Sandy, die ihn keiner Antwort für würdig befindet, bis sie dann noch antwortet: „Komm nicht zurück. Du bist tot.“ Winkler sieht sich vernichtet, aber inzwischen ist er in einer Weise alt und zäh geworden, die es ihm angeraten sein lässt, ein letztes Mal zu kämpfen, auch gegen seinen Traum und die Botschaften des Scheiterns und Sterbens. Da er mehr als genügsam gelebt und Ersparnisse angelegt hat, kann er in die USA zurückzufliegen.

Anthony Doerr zieht nun den Spannungsbogen seines Romans ein weiteres Mal an; eine zweite Geschichte beginnt, die vom Suchen und Finden erzählt und einige Überraschungen zu bieten hat, von denen an dieser Stelle nichts verraten werden soll. Von der Karibik geht es ins amerikanische Kernland, in dem, wie sich herausstellt, nicht gerade wenige Menschen leben, die Sandy und Grace und manchmal sogar Winkler heißen. Die Geschichte endet, ohne wirklich zu Ende zu sein, in Alaska; für einen Moment bleibt die Zeit stehen, und der Mensch, dem sie gilt, muss sie, gerade auch in der Wiederholung, annehmen: „Winklers Atem beschlug ihm die Brille. Das ganze Tal war in eine riesige, beleuchtete Stille gehüllt. Über ihm hatten sich die Wolken verzogen, und die Sterne brannten am Himmel. Das Licht lag wie ein Glimmen auf der Wiese, und der Fichtenwald war zu einem erleuchteten Königreich geworden, in dem Schneebatzen von Ast zu Ast rutschten. Er dachte: Das hier hat es mein ganzes Leben lang jeden Winter gegeben.“ Es ist, wenn wir Glück haben, eine Heimkehr, in die wir finden; sie kann Abschied bedeuten, aber auch zum Neuanfang werden, auf den sich jedoch verzichten lässt, wenn man die abschließende Müdigkeit spürt und eine Ahnung vom Glück bekommen hat. „Winklers Traum vom Wasser“ ist ein bemerkenswertes, ja ein großartiges, von Judith Schwaab zudem vorzüglich übersetztes Buch, geschrieben von einem Autor, der sich auf die Künste der verfeinerten Beobachtung ebenso versteht wie auf beiläufige philosophische Reflexionen, die in den Weltinnenraum unseres Menschseins führen. Dabei muss man Doerr, der mit Frau und zwei Söhnen in Idaho, einem vergleichsweise unspektakulären US-Staat lebt, gar nicht mal unbedingt als typisch amerikanischen Schriftsteller wahrnehmen; mit seinem Mut zur Detailtreue, auch zu üppig gestreuten Vergleichen, mit denen er es gelegentlich etwas übertreibt, scheint er eher europäische Traditionen zu bedienen, was auch und gerade für seine Naturbeschreibungen gilt, die gegenstandsgetreu sind, aber auch mühelos über Ort und Zeit hinausgreifen. Doerr könnte, wenn es ihm in den Sinn käme, von Idaho aus auch über die Örtlichkeiten rund um Bad Bocklet an der Saale, Feldkirch oder Wanne-Eickel (lat. Castrop-Rauxel) schreiben und zwar so magisch eindringlich, dass sich Einheimische und Fremde dort gleichermaßen wiederfinden. Und, auch das sollte noch einmal erwähnt werden: Anthony Doerr scheut sich nicht, die eine oder andere märchenhafte Volte in seine Geschichten mit einfließen zu lassen (s. „Memory Wall“): Alles wird gut, lernen wir nicht, aber hoffen es, und da das im wahren Leben nicht mehr so recht klappen will, bleiben uns ein paar Bücher, die es, wagen wir mal zu behaupten, durchaus gern haben, wenn sie vorführen dürfen, dass nicht alles so schrecklich ist, wie es gemacht wird. Zum Schluss erreicht Winkler, der mittlerweile in einem Optikergeschäft in Anchorage (Alaska) arbeitet und immerhin zu einem eleganteren Brillenmodell überredet werden konnte, ein Brief von Soma, die nach dem Tod von Felix in ihre alte Heimat Chile zurückkehrt ist; was sie schreibt, ist, wenn man so will, auch eine Botschaft dieses Romans: „Manchmal kann ich gar nicht glauben, dass ich so lange leben darf, um all das noch zu sehen. Nach allem, was passiert ist, nach alldem kann ich immer noch nicht anders, als zu denken, es ist wunderschön. Ist es das nicht, David? Ist das alles da draußen nicht einfach unverschämt schön?“

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erstellt am 06.9.2016

Anthony Doerr
Anthony Doerr

Anthony Doerr
Memory Wall
Novelle. Aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence
Gebunden, 135 Seiten
ISBN-13: 9783406689611
C.H. Beck, München 2016

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Anthony Doerr
Winklers Traum vom Wasser
Roman. Aus dem Englischen von Judith Schwaab
Gebunden, 488 Seiten
ISBN-13: 9783406691614
Verlag C.H. Beck, München 2016

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