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Seit Beginn der Aufstände gegen das syrische Regime haben sich Syriens Frauen aktiv und mutig an verschiedensten Aktionen beteiligt. Die zunehmende Militarisierung der Revolution und die Entwicklung hin zu einem Krieg auf verschiedenen Ebenen hat den Frauen jedoch zusätzliche Bürden auferlegt und sie in prekäre Lebenssituationen gebracht, beschreibt die Sozialwissenschaftlerin Huda Zein.

Stimmen aus Syrien

Der lange Weg der Frauen

Von Huda Zein

Infolge der exzessiven Gewaltanwendung durch das Assad-Regime und durch die aktive oder passive Intervention regionaler und internationaler Staaten entwickelte sich der revolutionäre Prozess in Syrien zu einem Krieg auf drei verschiedenen Ebenen: einem nationalen Befreiungskrieg, einem Bürgerkrieg und einem Stellvertreterkrieg. Alle drei Kriegsformen offenbaren täglich und auf erschreckende Weise, wie alle politischen, sozialen und wirtschaftlichen Strukturen der syrischen Gesellschaft zerstört werden. Assads Kriegsmotto des „Alles oder Nichts“ und seine daraus resultierende Politik, die sich in dem Slogan: „Assad für immer oder wir brennen das Land nieder“ manifestiert, werden durch eine maßlose Gewaltanwendung umgesetzt. Indem das Assad-Regime die eigene Bevölkerung von Anbeginn an als ein „Niemand“ verleugnete und das eigene Überleben von der Vernichtung jeglicher Form des Widerstandes, des gesellschaftlichen Zusammenhalts und der revolutionären Praxis abhängig machte, wurde deutlich, dass es zur Erreichung seines Ziels vor nichts zurückschrecken würde und seine institutionelle Gewalt auf die Sozial- und Infrastruktur der syrischen Gesellschaft richtete. Entschlossen und rücksichtslos lässt das Assad-Regime zu, dass die Zerstörung die gesamte syrische Gesellschaft in all ihren Komponenten umfasst. Die systematische Anwendung von Gewalt erstreckt sich infolgedessen bis in den Alltag der syrischen Bevölkerung.

Zu der erschreckend hohen Zahl der Getöteten, Gefangenen, Verletzten, Vertriebenen und Verschwundenen kommt noch ein weitere fataler Umstand hinzu: Die Verarmung der syrischen Bevölkerung, der Zusammenbruch der Infrastruktur aller Widerstandsstädte und der Zerfall sozialer Strukturen. Mit anderen Worten: Die syrische Gesellschaft verliert ihre Konsensfähigkeit. Der auf drei Ebenen geführte Krieg stellt die Syrer vor existenzielle Herausforderungen. Er greift tief in ihre nationale Identität ein und wirkt sich bis in die kleinste soziale Zelle der Gesellschaft, die Familie, aus.

Die Emanzipation der Frau als entscheidendes Ziel

Diese Entwicklungen haben auch die Rolle der Frau entscheidend verändert.

Frauen sind in einer Revolution und im Krieg unentbehrlich. Im Rahmen eines revolutionären Prozesses gäbe es ohne Frauen keinen Bewertungsmaßstab für die Befreiung, und in einem Krieg käme es nicht zur höchsten Stufe der Erniedrigung.

Die Emanzipation der Frau gilt in einem revolutionären und kriegerischen Ringen um die Befreiung der gesamten Gesellschaft als letztes und entscheidendes Ziel – auch wenn die Militarisierung und die Islamisierung des Kampfes in Syrien das Frauenthema zum großen Teil verdrängt und damit verleugnet haben.

In diesem Zusammenhang stellen sich folgende Fragen: Welche Bedeutung haben der revolutionäre Prozess und der Krieg in Syrien für die syrischen Frauen? Wie entwickelten sich demnach das Bild, die Rolle und die soziale Lage der Frau innerhalb von Revolution und Krieg in Syrien? Konnten sich die Frauen in Syrien durch die revolutionäre Praxis emanzipieren und wurden sie infolge der Militarisierung der Revolution wieder in ihre alten Positionen zurückgedrängt? Wie beeinflussen Militär und Krieg die Konstruktion von Geschlecht? Gibt es eine innere Wende innerhalb der neuen Frauenbewegungen und können sich die Frauen dabei gemeinsam und langfristig organisieren?

Seit Ausbruch der Revolution im Jahr 2011 und bis heute gibt es bezüglich der Frauenfrage in Syrien zwar erste Analyseansätze, jedoch noch keine reflektierten Untersuchungen über die veränderte soziale Lage der Frauen. Denn die syrische Gesellschaft erlebt seit mehr als drei Jahren einen explosiven revolutionären Moment, was impliziert, dass die Distanz, die umfassende Untersuchungen zu diesem Thema erlauben würde, bisher fehlt.

Man kann deshalb noch nicht von der Geschichte der Frauenbewegung in der Vorrevolution, während der Revolution oder in der Nachrevolution – bzw. vor, während oder nach dem Krieg – sprechen. Genauso schwierig ist es, ein überschaubares Bild von den zahlreichen Zusammenschlüssen syrischer Frauen in den letzten drei Jahren zu erhalten, denn noch keine der neu entstandenen oder entstehenden Organisationen von Frauen hat eine intakte Institutionalisierungsform gefunden. Allen Formen der syrischen Frauenbewegung mangelt es an einem festen organisatorischen Gefüge sowie an einer übergeordneten konstruktiven Organisationsstruktur.

Trotzdem kann man festhalten, dass die syrischen Frauen von Beginn an für die Befreiung des Landes vom Totalitarismus des Assad-Regimes und für ihre Befreiung aus den Fängen oppositioneller Warlords islamistischer oder sonstiger Couleur kämpfen. Aber auch auf politischer und sozialer Ebene sind sie dabei, sich ihre Gleichberechtigung zu erkämpfen.

Seit Beginn des Volksaufstands im März 2011 wurden zahlreiche neue Frauenorganisationen gegründet. In eine neue Phase trat diese Gründungswelle allerdings mit der veränderten Situation der syrischen Frauen nach der Bewaffnung des oppositionellen Kampfes gegen das Assad-Regime.

Ein neu entdecktes Bewusstsein

2011 setzte bei den Frauen ein Prozess der allgemeinen Bewusstwerdung ein. Niemals zuvor hatten sie so viel über die Veränderungsprozesse innerhalb der Gesellschaft, über ihre politische Partizipation und die Notwendigkeit aktiver Mitwirkung an politischen Entscheidungen diskutiert. Das neu entdeckte Bewusstsein war das Resultat tief greifender gesellschaftlicher Veränderungen, welche die Frauen dazu zwang, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen und darüber bewusst zu werden, dass die Schaffung einer gerechteren Gesellschaft nur mithilfe ihrer aktiven und kreativen Mitgestaltung möglich ist. Wie bei vielen Syrern, die gegen das Assad-Regime protestierten, wurde auch bei den syrischen Frauen sowohl im Kampf gegen Assad und als auch später gegen die radikale islamistische und opportunistische Opposition eine kraftvolle Kreativität freigesetzt.

Frauen beteiligten sich konsequent an Demonstrationen, diskutierten untereinander lebendig über die Situation und ihre Aufgabe in diesem historischen Moment, entwarfen Slogans und Flugblätter, planten mit den lokalen syrischen Komitees neue Aktionen, schlossen sich politischen Organisationen an und bildeten eigene Gruppen, welche manchmal nur aus sieben, acht oder zehn Frauen bestanden. So entstanden zahlreiche Organisationen und Vereine wie „Syrian Women’s Network“, „Musawa (Gleichheit): Women’s Study Center“, „Syrian Women’s Forum for Peace“, „Syrian Womens Association“, „Syrian Women for Democracy“, „Damascus Girls Assembly“, „Soriyat for Humanity Development“, “Souriyat without Borders”, “Shawischka Association” usw. Es waren politische oder soziale Zusammenschlüsse, von denen einige auch gemeinsam mit Männern aktiv waren.

Viele Frauen wurden vom Regime auf unterschiedliche Weise angegriffen, inhaftiert, gefoltert oder getötet. Zudem wurden etliche Frauen kollektiv an verschiedenen Orten (z.B. in der Nähe von Damaskus und Homs) tagelang von Soldaten oder Sicherheitskräften eingesperrt und vergewaltigt.

Nach der Bewaffnung der Opposition seit Ende des Jahres 2011, insbesondere nach dem Ausbruch aller drei zuvor erwähnten Formen des Krieges, veränderte sich die Lage der syrischen Frauen grundlegend. Immer mehr übernahmen sie im Laufe des Krieges „die Arbeit der Männer“, mit der Folge, dass die Bürde des täglichen Lebens schwerer auf ihren Schultern lastete.

Ferner kam es infolge der Kriegsrealität zu einem Zusammenbruch des normalen Alltags, viele Frauen verloren aus verschiedenen Gründen ihre Männer oder mussten selbst nicht nur Angehörige, ihre Häuser und Städte, ja, sogar die Heimat zurücklassen. Während sie einerseits lernten, die neuen unerträglichen Lebensbedingungen selbstständig zu bewältigen, wurden sie andererseits wieder an den Punkt null zurückversetzt und sahen sich gezwungen, einen reinen Existenzkampf zu führen. Dies führte zu einem Verlust von Bindungen innerhalb der Familie, häufig verloren die Frauen die Aufsicht über ihre Kinder. Darüber hinaus mussten Millionen Kinder und Jugendliche ihre Schul- oder Universitätsausbildung abbrechen, Millionen leben als Flüchtlinge, ohne Arbeit oder Perspektive.

Wie im Krieg üblich, sind es heutzutage die syrischen Frauen, die sowohl für das existentielle Überleben als auch für die Aufrechterhaltung des Familienzusammenhaltes sorgen, denn die Flucht aus dem eigenen Heim zieht erhebliche Konsequenzen für den Zusammenhalt der Familie nach sich.

Millionen sind auf der Flucht

Wie schwierig die Situation der familiären Beziehungen ist, wird am UNO-Bericht von Anfang 2014 deutlich, der von der schlimmsten Flüchtlingskrise seit dem Völkermord in Ruanda spricht. „Täglich fliehen mehrere tausend Flüchtlinge aus Syrien in die Nachbarländer Türkei, Libanon, Jordanien und Irak. Drei Viertel der Flüchtlinge sind Frauen und Kinder.

Und der UNO-Jahresbericht von 2015 bezeugt, dass die Zahl der syrischen Binnenvertriebenen und Flüchtlinge im Jahr 2015 ca. 12 Millionen betrug und das macht die Hälfte der Bewohner in Syrien aus, denn „mit 4,9 Millionen Flüchtlingen, ist Syrien das Land mit den meisten Flüchtlingen. Dazu kommen 6,6 Millionen Syrer, die im eigenen Land vertrieben wurden.“

„Es ist erschreckend zu beobachten, dass jene straflos bleiben, die Konflikte auslösen. Gleichzeitig scheint die internationale Gemeinschaft unfähig zur Zusammenarbeit, um Kriege zu beenden“ so der UN-Flüchtlingskommissar Guterres.

Krieg geht einher mit der Rechtlosigkeit der Frau. Dazu gehört seit jeher die Ausübung sexueller Gewalt bis hin zur Vergewaltigung. Nicht anders im heutigen Syrien, wo sich ein Zustand von Rechts- und Gesetzlosigkeit breitgemacht hat. Das Assads-Regime – Armee und Sicherheitskräfte – betrachten oppositionelle syrische Frauen oder Angehörige von Oppositionellen als Beute. Sie werden gefoltert, während der langwierigen Belagerungen zusammen mit ihren Kinder ausgehungert, sexuell missbraucht und systematisch vergewaltigt. Die meisten Vergewaltigungen finden in Gefängnissen statt, doch auch bei Razzien gegen Oppositionelle wurden deren Angehörige im Hause vergewaltigt. Mitunter kommt es vor, dass Sicherheitskräfte dem Bruder oder dem Vater befehlen, die eigene Schwester oder Tochter zu vergewaltigen, was mit deren Tod endet, weil sie sich weigern, dem Befehl Folge zu leisten. Ehemals inhaftierte Frauen erzählen von kollektiver Vergewaltigung im Gefängnis. Dabei geht es bei dieser Art organisierter Gewalt nicht um Sexualität an sich, sondern allein um die Demonstration von Macht und um die Demütigung und Erniedrigung der ganzen Familie als eine Kriegsstrategie.

Eine andere Form von sexueller Gewalt übte das Regime beispielsweise aus, indem es inhaftierte Frauen zu Falschaussagen zwang, die im syrischen Fernsehen ausgestrahlt wurden. Als Beispiel ist hier die Geschichte der jungen Rawan Qaddah (geb. 1997) zu erwähnen: Rawan berichtete im September 2013 im staatlichen Fernsehen, dass ihr Vater sie gezwungen habe, mit Kämpfern zu schlafen und sogar er selbst sich an ihr vergangen hätte. Rawan wurde zuvor auf dem Weg zur Schule von der Armee entführt, um ihren gesuchten Vater zu zwingen, sich den Sicherheitskräften zu stellen. Genauso wie andere inhaftierte Frauen wurde sie zu diesem Geständnis genötigt.

Wichtig zu erwähnen ist, dass sexuelle Misshandlung nicht nur vom Assad-Regime begangen wurde und wird, sondern auch von einigen bewaffneten Gruppen, wenn auch eingeschränkter in Umfang und Form. Unter sexueller Misshandlung wird hier nicht nur Vergewaltigung gezählt, sondern auch die Erzwingung und Durchsetzung bestimmter Vorschriften (Kleidungs- und Verhaltensregeln).

In diesem Zusammenhang berichtete Human Rights Watch im Januar 2014 von einer massiven Verletzung der Frauenrechte: Die islamistischen Rebellengruppen „Nusra-Front“ und „Islamischer Staat“ (IS) hätten unter Androhung von Strafen, Frauen und Mädchen befohlen, Kopftücher zu tragen und sich mit langen Übergewändern zu verhüllen. Das Tragen von Jeans, körperbetonter Kleidung, knöchelfreien Röcken und Kleidern sowie Make-up seien verboten. 

Diese Verbote seien in Städten wie Idlib und in Teilen von Aleppo verhängt worden.

Innerhalb von wenigen Jahren hat sich z.B. das Flüchtlingslager Zaatari zur viertgrößten Stadt Jordaniens entwickelt. In dem Lager hat sich ein Geschäft für Heiratsvermittler entwickelt, wenn auch in Grenzen.

Diese arrangierten Ehen finden hauptsächlich in mittellosen Familien statt, die alles verloren haben. Reiche Kunden aus den Golfstaaten suchen sich dort junge Flüchtlingsfrauen und nutzen die extrem schwierigen alltäglichen Lebensbedingungen vieler Familien aus.

Die syrischen Frauen lassen sich nicht entmutigen

Doch trotz starker Marginalisierung nach der Bewaffnung des oppositionellen Kampfes, trotz fehlender Organisationsstrukturen und trotz der zusammengebrochenen Wirtschaft und der katastrophalen und unerträglichen Lebensbedingungen lassen sich die syrische Frauen nicht entmutigen und kämpfen weiter gegen Tod, Krankheit, Hunger, Armut, Vertreibung und Bombardement an.

So schließen sich überall Frauen und Frauengruppen zusammen, um Vertriebene und Flüchtlingen im In- und Ausland zu unterstützen. Obwohl viele von ihnen aufgrund ihrer Aktivitäten inhaftiert wurden, steigt das Interesse an der Teilnahme oder Organisation von Frauenprojekten, Seminaren, Workshops, Ausbildungskursen usw. stetig an.

Der Weg aus dem revolutionären Prozess hin zur Befreiung der Gesellschaft ist offensichtlich noch lang. In Syrien geht es um einen existenziellen Kampf im wahrsten Sinne des Wortes, um Leben und Tod, wobei auf der einen Seite die syrische Bevölkerung steht und auf der anderen mehrere feindliche Parteien, unter denen mittlerweile die zahlreichen ausländischen Besatzungs- und Kampfkräfte, wie die russische und iranische, gezählt werden. Der grausamste Feind der syrischen Bevölkerung bleibt allerdings das Assad-Regime, welches der Ursprung des Leids und des Krieges ist, der Grund für den Zerfall des syrischen Staates und der sozialen Strukturen sowie der Hauptverantwortliche für das Blutvergießen in Syrien und der Vertreibung der 12 bis 13 Millionen Syrer.

Wir müssen uns dessen bewusst sein, dass Krieg keineswegs Freiheit ermöglicht, sondern zu Unterdrückung und Grausamkeit führt – besonders im Hinblick auf die Frauen. Auch Revolution ist nicht mit Freiheit gleichzusetzen. Denn auch wenn sie einerseits das Potential der Freiheit in sich birgt, steht auf der anderen Seite die Wirklichkeit der Unterdrückung. Die syrischen Frauen müssen ihre Befreiung, ihre Freiheit und ihre Rechte mit den richtigen Mittel und dem richtigen Bewusstsein erkämpfen. Der schmerzhafte Weg der revolutionären und kriegerischen Praxis in Syrien hat vieles zerstört, die Menschen, den inneren Zusammenhalt von Familie und Gesellschaft, Staat, Infrastruktur, soziale Strukturen. Zugleich wurden jedoch neue Lebenswege für Syrer und Syrerinnen und die Chance auf einen Neubeginn eröffnet.

Die Lage der Frauen hängt eng mit der Situation der gesamten Gesellschaft zusammen. Die vollkommene – und nicht nur die formelle – Befreiung der Frau wird erst mit einer neuen Gesellschaftsordnung möglich sein, keineswegs aber durch die Ersetzung des Präsidenten oder des alten Regimes durch ein neues. So wie die Unterdrückung der Frau als erste soziale Unterordnung in der Geschichte betrachtet werden muss, wird die Gleichberechtigung der Frauen die letzte Stufe der Emanzipation der Gesellschaft sein. Denn zur Aufhebung der männlich dominierten Gesellschaft bedarf es mehr als den Sturz einer Diktatur. Somit bleibt die Befreiung der Frau ohne eine umwälzende wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung eine Utopie, genauso wie die Enttäuschung über die Lage der Frauen nach den revolutionären Volksaufständen einem utopischen Verständnis von Emanzipation entsprang. Der Befreiungsprozess ist immer ein langer Weg, den die Frauen und Männer in der Lebenspraxis und abhängig von den gesellschaftlichen Bedingungen einschlagen müssen.

Illusionäre Utopien über einen friedlichen und reibungslosen Weg zur Freiheit, der keinen Preis einfordert, sind Verblendung und Selbstbetrug. Der Befreiungs- oder Umwälzungsweg der syrischen Frauen stellt in ihren Augen nicht das Wunder dar, zu dem es westliche Medien stilisieren, um es ihrem klassischen Bild der unterdrückten arabischen Frau entgegenzusetzen. Denn die Frauen in der syrischen Gesellschaft sind Vernunftmenschen genau wie die Frauen in Deutschland und Europa. Die syrischen Frauen schreiben ihre Geschichte selbst, stufenweise und immer gebunden an die gesellschaftlichen Veränderungen und kämpfen währenddessen unablässig weiter. Ihr Überlebens- und Befreiungsweg beginnt mit ihrem Kampf gegen eine Existenz am Abgrund und führt zur radikalen Verantwortung für das eigene Leben und das Leben der eigenen Familie durch die Versorgung mit Grundnahrungsmittel, die Sicherung eines Minimums an Sicherheit und den Zusammenhalt der Familie.

Der Befreiungsweg der Frauen ist ein unaufhaltsamer Prozess und kein punktuelles Ereignis, das die „fortgeschrittene Welt“ ungeduldig und herablassend erwartet. Sie sollte sich weniger utopische Vorstellungen machen und stattdessen eine tiefere Erkenntnis über die Frauen in der syrischen Gesellschaft oder überhaupt in der arabischen Welt erstreben und über die historischen Entwicklungen reflektierter nachdenken.

Der Text wurde in dem Buch „Innenansichten aus Syrien“ (Hg. Larissa Bender) Edition Faust, Frankfurt 2014, veröffentlicht. Die vorliegende Fassung wurde von Huda Zein im September 2016 aktualisiert.

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erstellt am 05.9.2016

Huda Zein, Foto: © Larissa Bender
Huda Zein, Foto: © Larissa Bender
Das Buch zum Thema

Larissa Bender (Hg.)
Innenansichten aus Syrien
Broschiert, 296 Seiten, mit Abbildungen
ISBN: 978-3-9815893-7-5
Edition Faust, Frankfurt am Main 2014

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Zur Person

Huda Zein

Huda Zein studierte Soziologie in Damaskus sowie Philosophie und Islamwissenschaft in Freiburg. Anschließend promovierte sie 2006 in Freiburg im Fach Soziologie zu Aspekten gesellschaftlicher Entfremdung. Derzeit arbeitet sie als Dozentin am Orientalischen Seminar der Universität Köln. Als promovierte Soziologin und Islamwissenschaftlerin beschäftigt sie sich mit den gesellschaftlichen Strukturen im arabischen Raum und seit 2011 besonders mit der Lage in ihrem Heimatland Syrien. Ihr besonderes Augenmerk gilt dabei der Rolle der Frau im Veränderungsprozess.