Über Deutschland – 1937

Der Verzicht auf Freiheit

Von E. M. Cioran

Von jeher haben die Menschen nach Freiheit gestrebt und sich gefreut, sooft sie sie verloren. Mehr noch. Sie haben verzweifelte Anstrengungen unternommen, sie zu verlieren. Anders lassen sich das rasende Bestreben, liberale Herrschaftsformen aufzulösen, und das leidenschaftliche Schwärmen für die Diktatur nicht erklären. Der Freiheitsüberdruß ist eine der schwerstwiegenden und verstörendsten Erregungen, die der Mensch erfahren kann, weil dieser, da ihm die Achse im Innern seines Wesens fehlt, sich durch das, was er nicht ist, zu retten versucht. Sogar in den Schreckensherrschaften ist sich der Mensch seiner selbst sicherer als in den Phantasien der Demokratie. Denkfaulheit und die Angst, sich in der Welt monadisch abzukapseln, lassen ihn mit Freude und behaglicher Ergebung die Imperative und die Befehlsgewalt der Diktatoren hinnehmen. Eine Epoche unumschränkter Freiheiten, »aufrichtiger« und äußerster Demokratie, die sich unbestimmt verlängerte, wäre der unvermeidliche Zusammenbruch der Menschheit. Die Sterblichen haben nur die mit Leidenschaft geliebt, von denen sie geknebelt wurden. Und wen haben sie zum Mythos gemacht? Die Henker ihrer Freiheit.

Ich glaube, es gibt – selbst in Deutschland – wenige Menschen, die für Hitler größere Bewunderung hegen als ich. Und ich will ihm nichts von seinem monumentalen Nimbus nehmen, wenn ich an die ironische Beobachtung erinnere, die ich machte, sooft ich ihn von der Menge umjubelt sah. Dann schien mir, daß alle diese Sterblichen die Hand zu ihm erhoben, um ein Joch zu erbitten, unter das sie alle passen könnten, und nach einer Strafe lechzten, die nicht auf sich warten lassen dürfte. Ein Diktator hat die Seele eines messianischen Henkers, von Blut und Himmel befleckt.

Die Menge will, daß ihr befohlen werde. Die erhabensten Visionen und Ekstasen, mitgeteilt durch Engelsflöten, können sie nicht so in Bewegung setzen wie ein Militärmarsch. Adam ist Feldwebel gewesen. Wie konnten wir alle nicht verstehen, daß es kein größeres Unglück für die Menschen gibt, als wenn sie genötigt werden, zwischen Gut und Böse zu wählen? Wenn alle Probleme beseitigt würden, dann könnten sie die Freiheit bis zuletzt hinnehmen, doch solange sie die Qual des Denkens und des Unlösbaren drückt, gehen sie in der unendlichen Sahara der Freiheit unter.

Nach der Diktatur sehnen sich insbesondere zwei gegensätzliche Arten von Menschen. Einerseits der ewige und unverantwortliche Pöbel und andererseits vereinzelte Geister, die sich aus einem Übermaß an Verfeinerung und Problematisierung für keinen Wert mehr entscheiden können und sich dem Strom von Ansichten überlassen, den diktatorische Energie und diktatorischer Imperialismus erzeugen.

Jeder, der das Bauerntum unseres Landes mit seiner einfachen und unentwickelten Psychologie ein wenig kennt, muß mehr denn überzeugt davon sein, daß es nichts anderes erwartet, als von der Freiheit, von allen ihren Fiktionen und Illusionen entgiftet zu werden. Ein wahrer Schrei nach Diktatur und ein unbezwinglicher Haß auf eine sinnlose Freiheit. Für diejenigen Gesellschaftsschichten, die nicht unmittelbar an der Geschichte teilhaben, gibt es keine größere Tragödie als die Demokratie. Im Weltprozeß ist das Bauerntum in ein Werden hineingezogen worden, mit dem es nichts verbindet. Die Demokratie vermochte das Bauerntum nicht zu einer Wirkkraft der Geschichte zu machen, so daß der ewige Pöbel zu einer Verantwortung verpflichtet wurde, zu der er sich nicht wesenhaft berufen fühlt. Die Bauern möchten, daß alles über ihre Köpfe hinweg entschieden werde, und so ist die Diktatur ihr irdisches Paradies. Wenn sie wissen, daß ein Mensch, ein einziger, für sie denkt, leidet und sich einsetzt, unter der Bedingung, daß sie auf die Illusion ihrer Individualität verzichten, wird keiner von ihnen zaudern, diese Illusion zu opfern. Die ahistorische Menge hat nur ein einziges Ideal: den Verlust der Freiheit. Andere sollen Verantwortung übernehmen; sie will nicht urteilen, und aus Angst vor Anarchie begeistert sie sich für die Schreckensherrschaft. Im übrigen würde sich ohne die Intoleranz der Anführer so eine Gesellschaft in weniger als einem Tag in eine Schar Kannibalen verwandeln und sich bis zum Tagesende durch Selbstzerfleischung zum Verschwinden bringen.

Von allen Werten, zu denen sich die Menschheit bekannt hat, »verschleißt« sich keiner stärker als die Freiheit. Die Empfindung der Unzuträglichkeit wird dramatisch. Und so ist bei den Intellektuellen unserer Zeit eine sonderbare Unterwerfungswut, eine Notwendigkeit der Verblendung, eine Wollust des Niederkniens entstanden. Niemand will mehr frei sein. Darin muß der Ursprung der Leidenschaft für die Rechte oder die Linke gesucht werden.

Die Rhythmik der Weltgeschichte ist nichts als das Schwanken zwischen Freiheit und Terror. Jede Epoche erfährt kraft der schicksalhaften Einseitigkeit des eigenen Prinzips eine innere Verneinung. Die Freiheit hat die Grenze ihrer Möglichkeiten erreicht und erfährt in ihrem Exzeß ihre Verneinung. Wer den Fluch der Freiheit nicht versteht, kann sich in den zeitgenössischen Diktaturen nicht zurechtfinden. Die Rechte und die Linke werden auf den Trümmern der Freiheit errichtet.

Auf diesen Trümmern werden auch die Mythen errichtet.

Der Individualismus führt zu Atomisierung. Aber in der Atomisierung kann nichts Wirksames mehr geschaffen werden. Deshalb ist heute die Formel der Typisierung durch Diktatur die einzige Rettung. Und da alle Ideale eine Nichtigkeitsäquivalenz haben, warum sollte der Wille eines einzigen Ideals eine einzige Ordnung der Geltungen durchsetzen! Bedeutet es denn, daß nur diese wahr sind? Nein, sondern nur: fruchtbar. Ein Politiker auf der Suche nach der Wahrheit ist eine Ungeheuerlichkeit. Vielmehr findet der Politiker stets einige fruchtbare Fiktionen, die er mit Naivität oder Schlauheit als Wahrheiten durchsetzt. Glaubt denn jemand ernstlich, der Hitlerismus sei »wahr«? Theoretisch läßt er sich lächerlich machen. Praktisch haben seine Formeln ihre Wirksamkeit und ihren Wert bewiesen. Übrigens sind Historismus und Fiktionalismus korrelativ. Die Wahrheit ist übergeschichtlichen Wesens, und das Werden ist nichts als eine Wiege der Täuschungen.

Je mehr Schwäche jemand für die Ewigkeit hat, desto weniger ist er Politiker. Es gibt aber manche, bei denen ein exzessives Verstehen des Transhistorischen sich mit einem besonderen politischen Instinkt verbindet. Sie sind zeitlebens dazu verurteilt, zwischen Eitelkeiten und Transzendenz zu schwanken, zwischen regelmäßig wiederkehrenden Anfällen von Verklärung und Trivialität. Das Leben ist im übrigen nur für Menschen aus einem Guß, eingefleischte Dummköpfe und Anbeter der ewigen Dummheit gemacht. Einem in himmelblauen Trauerflor eingehüllten Herzen ist das Schauspiel der Welt durch ontologischen Überdruß, eine feinstoffliche Klosterlangeweile oder eine elementare Bordellangeweile entstellt. Alle Klarsichtigkeit ist verbrecherisch. Deshalb: Die Diktatur komme!

Der große Vorteil der Diktatur ist, daß man individuell nichts riskiert; es ist kollektiver Aufstieg oder Absturz. Und es ist überaus aufschlußreich, daß jene Menschen sich zur Diktatur bekennen, die ihr persönliches Schicksal anwidert. Sie wollen kein Schicksal mehr haben. Kein Einzelschicksal.

Hitler und Mussolini werden von all jenen Menschen angebetet, die ihr Selbst mit Freuden aufgegeben haben. Wenn man es nicht mehr für bedeutsam hält, die Illusion der Individuation zum Mittelpunkt seiner selbst zu machen, hebt man sich durch den Kult des Mythos geistig auf, und somit ist die Diktatur ein politischer Triumph und eine geistige Niederlage.

Um die Diktatur zu verstehen, muß man Zynismus und Enthusiasmus richtig zusammenzusetzen wissen. Sonst wird das ganze Leben zu einer Reihe von Überraschungsvariationen auf der Tonleiter des Schwachsinns. Machiavelli, die französischen Moralisten und in unseren Tagen Spengler sind die einzige Schule, in der man lernen kann, sich nicht lächerlich zu machen. Wenn sich viele Menschen einem beliebigen Glauben verweigern, tun sie dies aus Furcht vor dem Lächerlichen, diesem Laster der Intelligenz. Die Diktatur löst diese Probleme und Unruhen dadurch auf, daß sie sich nicht mehr dafür interessiert, daß sie die Beschäftigung damit nicht mehr erlaubt. Brutalität ist die einzige Lösung für die Desillusionierung der Intelligenz. DieW elt von heute sieht sich vor die Wahl gestellt zwischen Paradoxon und Militärmarsch, zwischen dem Mißbrauch der Intelligenz und einer Vorahnung von Stärke. Und sie hat ihre Wahl getroffen. Nur Rumänien verharrt an der Schwelle der letzten Entscheidung.

Auszug aus: E.M. Cioran, Über Deutschland, Aufsätze aus den Jahren 1931-1937, Berlin 2011 © Suhrkamp Verlag

erstellt am 05.4.2011

E. M. Cioran  ©  Suhrkamp Verlag
E. M. Cioran © Suhrkamp Verlag

E. M. Cioran
Über Deutschland – Aufsätze aus den Jahren 1931–1937
Aus dem Rumänischen und mit einem Nachwort von Ferdinand Leopold
Suhrkamp, Berlin 2011

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Fritz J. Raddatz zu diesem Buch in Die Welt :

»Empörend, luziferisch, ruchlos und in seiner historischen Analyse hochbrisant: E.M. Ciorans konsequenter Irrweg zum Faschismus. Das Buch macht uns zum Zeugen eines intellektuellen Selbstmords. Es ist dadurch auf verführerische Weise spannend – ein Hitchcock in Worten; denn man liest und liest (wie man des Thrillers Königs Bilder sieht) mit steigenden Gruseln, anfangs atmosphärisch gebannt, das Unheil nur ahnend. . Ein apokalyptischer Taxifahrer. Sein Hohn lustbetont und seine Endzeitvisionen mit Schalk in den Augen psalmodierend. Die irratio war sein Credo. Wie früh und wie stark – das führen diese Texte vor.«