Die Kunsthalle Schirn in Frankfurt zeigt eine Ausstellung mit Wiener Farbholzschnitten um 1900. Diese sind von bemerkenswerter Modernität, findet Isa Bickmann, doch mit der Ausstellungsarchitektur aus verschachtelt und schräg stehenden Wänden kann sie sich nicht anfreunden. Es gibt auch noch einen weiteren Umstand, der einen kritischen Kommentar geradezu herausfordert.

Ausstellung in Frankfurt

Der Farbholzschnitt in Wien um 1900

Ludwig Heinrich Jungnickel, Lawntennis, 1905/06, Schablonenspritztechnik auf Papier, 29,6 x 55,2 cm, Privatsammlung Deutschland

Der Farbholzschnitt ist ein Hochdruckverfahren, bei dem für jede gedruckte Farbe eine eigene Druckplatte angefertigt wird. Die Mischung aus Handwerk, hoher Imaginationskraft und innovativer Bildmotivik hat die alte Holzschnitttechnik in Wien um 1900 zu einer Blüte gebracht, die nun in der Frankfurter Schirn Kunsthalle eindrucksvoll präsentiert wird. Zu sehen sind 240 Werke, manche bereits auf die Abstraktion vorwegweisend, andere stark am japanischen Farbholzschnitt orientiert – der den Hype eigentlich ausgelöst hatte. Dass es sich um ein Forschungsdesiderat handelt, macht der österreichische Kurator der Ausstellung, Tobias G. Natter, in seinem Katalogbeitrag deutlich, der auch auf die Vorgeschichte des Wiederauflebens der neuen-alten Technik eingeht. Die 1897 gegründete Wiener Secession war mit vier Ausstellungen ein Impulsgeber. Natter nennt „die V. Ausstellung (1899/1900), die unmittelbar anschließende VI. Ausstellung (1900), die XIV. oder sogenannte Beethoven-Ausstellung (1902) sowie die XX. Ausstellung (1904).“ Auch die Zeitschrift Ver Sacrum bot eine wichtige Plattform für den Farbholzschnitt.

Ein weiterer Punkt und in der Ausstellung gleich zu Beginn mit schönen Beispielen dargestellt ist die Japonismus-Mode, die sich in Frankreich schon seit den 1860er Jahren bei vielen Künstlern und Dichtern, von Edmond de Goncourt bis Gauguin und van Gogh, zunehmender Beliebtheit erfreut hatte und schlussendlich auch nach Österreich schwappte. Emil Orlik (1870-1932) ist hier ein wichtiger Rezipient, der ebenfalls mit guten Werken in der Schirn vertreten ist. Manchmal ist der Japonismus nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Bei Rudolf Kalvach, Triester Hafenleben VI/4, 1907/08, zeigt er sich z. B. in der Staffelung von übereinander angeordneten Bildebenen.

Die Wiener Kunstgewerbeschule ist ein weiterer Faktor. Das Besondere an der 1867 gegründeten Institution: Im Gegensatz zu anderen Akademien europaweit waren Frauen von Anfang an zugelassen. Daher sind in der Ausstellung auch Künstlerinnen, wie Maria Vera Brunner (1885-1965) zu entdecken, die 1902 mit einer kleinen schwarz-weißen Arbeit, einem Schablonendruck, die Hüte und Ponchos zweier Ball spielender Mädchen derart abstrahiert, dass diese nur aus Punkten und Strichen bestehen. Marie Uchatius (1882-1958) oder Broncia Koller-Pinell (1863-1934) sind weitere Namen, die man sich merken muss.

Die meisten Exponate sind motivisch dem Symbolismus und Jugendstil verhaftet, an Hodler muss man das eine oder andere Mal denken. Deutlich zeichnen sich abstrakte Tendenzen ab. Der Mut zur leeren, d.h. undifferenzierten Fläche, Muster, die für Vorsatzpapiere entworfen wurden, deuten auf jene ganzheitliche Vermischung von Kunst und Handwerk, die später zum zentralen Konzept des Bauhauses wird und die im Untertitel der Ausstellung „Kunst für alle“ auch von der Verfügbarkeit des Holzschnitts mittels Preis und Auflagenmenge spricht. Der frühe Expressionismus deutet sich an, aber noch steht der Holzschnitt im Zeichen des Jugendstils, wenn Schwarz als Umrandung der Farbflächen dominiert, so wie es übrigens auch Kandinsky in seinen frühen Farbholzschnitten angewendet hat (vgl. „Die Nacht“, gr. Fassung, 1903, Lenbachhaus, München).

Eine düstere Atmosphäre

Doch, welch ein unruhiges Labyrinth ist diese Ausstellung! Schmale, tiefschwarze Wände verschachteln die Räume und schaffen eine düstere Atmosphäre. Was die Situation bedrohlich werden lässt, ist die Aufstellung der Wände. Sie stehen nicht im Lot, vielmehr scheinen sie sich auf den Betrachter stürzen zu wollen: ein expressionistisches Szenario, das der in Frankfurt tätige Theaterregisseur Ulrich Rasche ersonnen hat. Er hat sich zum Ziel gesetzt, ein „geordnetes Chaos“ und gleichzeitig „Assoziationen sowohl an innerstädtische Strukturen als auch an den Wald“ darzustellen, so ist es in der Pressemappe zu lesen. Die Aufgabenstellung für die Ausstellungsarchitektur ist nicht schwer zu erraten: Wie kann man kleine Formate, an die man nah herantreten muss, in den großen Räumen der Schirn präsentieren, so dass trotzdem Intimität erreicht wird und die Exponate nicht an langen Wänden verloren wirken? Allerdings war diese Art der Raumbewegung erst in expressionistischen Szenarien zu erleben, auch wenn sie bei manchen Künstlern des Fin de siècle bereits anklingen wie bei Munch, Beardsley oder Vallotton. Räume, die im Sinne eines Subjektivismus, die innere Befindlichkeit auf expressive Weise dramatisieren, sind um 1900 noch fern. Auf deutschen Theaterbühnen in den späten 1910er Jahren entwickelt, erlangten sie erst mit dem Film „Das Kabinett des Dr. Caligari“ (1920) Berühmtheit, dessen Ausstatter Hermann Warm, Walter Reimann und Walter Röhrig – allesamt aus dem näheren Umfeld von Waldens „Der Sturm“ – den Albtraum gestalteten. Ihnen vorgegriffen hatte schon der dänische Drehbuchautor und Filmregisseur Stellan Rye (1880-1914), der 1914 erstmals expressionistische Dekorationen in dem Film „Das Haus ohne Tür“ eingesetzt hatte. Aber sie fremdeln doch deutlich mit stilistischen Merkmalen der Kunst um 1900, vor allem dann, wenn symbolistische, Jugendstil- oder Japonismus-Motive auf schwarzgefärbte Grobspanplatten treffen, sondern nähern sich eher dem Ende der in der Schirn ausgestellten Epoche.

Im Anschluss, vom 19. Oktober 2016 an, zeigt die Wiener Albertina jene Exponate aus ihrem Bestand, die sie an die Schirn verliehen hat. Alle anderen Werke gehen zurück an die Besitzer, darunter viele Privatsammler. Und da stutzt man beim Lesen der Schilder: Mehrfach findet sich der Hinweis „Privatsammlung, courtesy Natter Fine Arts“. Das ist der Name des Ausstellungskurators. Auf dessen Website heißt es: „Natter Fine Arts steht Ihnen bei der Bewertung von einzelnen Kunstwerken und ganzen Sammlungen gerne zur Verfügung. Die Expertise dafür kommt zum einen aus der jahrzehntelangen internationalen Museumstätigkeit von Tobias G. Natter. Zum anderen ist er am Handelsgericht Wien als allgemein beeideter und gerichtlich zertifizierter Sachverständiger eingetragen. Gleichzeitig ist Natter Vetting-Juror der weltweit führenden Kunstmesse The European Fine Arts Fair Maastricht. Im Rahmen unseres Beratungsangebotes übernimmt Natter Fine Arts auch die Vermittlung von Kauf und Verkauf.“

Hatten wir in den letzten Jahren mehrfach erlebt, wie sich potente Galerien mit ganzen Ausstellungen in Museen einkaufen, um durch eine institutionelle Ausstellung eine Wertsteigerung von Kunst und Künstlern zu erreichen, wird hier nochmals eine Grenze überschritten, wenn der Kurator selbst als Referenz auftaucht. Ein sich wissenschaftlich seriös darstellendes Thema erhält damit einen unguten Beigeschmack.

Kommentare


Eva Claudia Scholtz - ( 12-09-2016 12:38:23 )
Super Recherche, liebe Frau Bickmann!
Danke für den schönen Beitrag.

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erstellt am 31.8.2016

Ausstellungsansicht Kunst für Alle. Der Farbholzschnitt in Wien um 1900, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2016, Foto: Norbert Miguletz

Ausstellung

Kunst für Alle. Der Farbholzschnitt in Wien um 1900

Bis 3. Oktober 2016

Schirn Kunsthalle Frankfurt

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Anton Eichinger, Till Eulenspiegel, um 1903, Farbholzschnitt auf Japanpapier, teils mit Aquarellfarbe überarbeitet, Blatt: 30 × 28 cm, Universität für angewandte Kunst Wien

Rudolf Kalvach,Triester Hafenleben VI/4, 1907/08, Holzschnitt aquarelliert, zwei Abzüge auf Japanpapier, zwei auf Pergamin, 45,7 × 34 cm, Courtesy Giorgio Uboni

Emil Orlik, Drei Mädchen beim Brettspiel, 1906/08, Farbholzschnitt auf Japanpapier, Bild: 22,2 × 29 cm, Wien, Sammlung Eugen Otto, Foto: Norbert Miguletz

Karl Anton Reichel, Weibliche Aktstudie, 1909, Farbholzschnitt, Blatt: 38 × 52 cm, Albertina, Wien © Albertina, Wien

Broncia Koller-Pinell, Mädchen mit rotem Haar, um 1905, Farbholzschnitt auf Japanpapier, Blatt: 19,5 × 19,5 cm, Universität für angewandte Kunst Wien, Kunstsammlungen und Archiv