Ewart Reders Roman „Reise zum Anfang der Erde“ spielt im Jahr 2029. Darin kämpft die Selbsthilfe-Kommune „Zusammen=Arbeit“ gegen die Abholzung eines Waldes und zugleich gegen das Gefühl, überflüssig zu sein. Reder hat eine komplexe und grenzüberschreitende Erzählung für das 21. Jahrhundert geschaffen, meint Matthias Abel.

Ewart Reders Roman »Reise zum Anfang der Erde«

Den Eurozentrismus zu Grabe getragen

Das Thema könnte aktueller nicht sein: In einer Selbsthilfe-Kommune namens Zusammen=Arbeit am Holsteiner Wittensee kämpft eine Gruppe Menschen gegen die Abholzung eines Waldes durch einen Rohstofffonds und zugleich gegen das Gefühl, überflüssig zu sein. Was die höchst unterschiedlichen Personen eint, ist, dass sie alle durch das Netz der spätkapitalistischen Gesellschaft gefallen sind, in der es immer weniger Arbeit gibt und in der zugleich der Wert der Menschen immer ausschließlicher anhand von Arbeit bemessen wird. Dass der Roman dabei im Jahr 2029 spielt, vergisst der Leser vermutlich rasch. Zu sehr klafft schon heute die Schere zwischen Arm und Reich, zu deutlich schon heute die Aushöhlung demokratischer Strukturen durch die internationale Finanzwirtschaft, zu lebensnah und facettenreich die Schilderung der Charaktere, die in der Zusammen=Arbeit nach einer neuen Form des Zusammenlebens suchen – und sich dabei selbst im Wege stehen.

Geschickt führt Reder den Leser anhand von zwei Neuankömmlingen, der lebenshungrigen Berit und dem arbeitslosen Unternehmensberater Paul, in das komplexe Beziehungsgeflecht innerhalb der Kommune ein. Für alte und neue Mitglieder gilt, dass sie erst wieder ein Verhältnis zur Natur, in und um sich, aufbauen müssen. Natur, das bedeutet in Reders Roman mehr als nur Umwelt. Natur, das ist auch ein noch weitgehend unerschlossenes Reservoir an Beziehungen, die Menschen untereinander sowie mit ihrem Planeten verbinden können, ein Reservoir an Erzählungen. An vielen Stellen rückt Reder die Naturphänomene in metaphorische Beziehungen zur Literatur. Schon das erste Kapitel beginnt mit dem Satz: „Die Sonne sah auf den Marktplatz herab wie der Geist eines vorlauten Erzählers auf das Blatt Papier.“ An anderen Stellen flüstert der Wind Namen, setzt Erinnerungen oder Gedanken in Gang, führt Menschen zusammen. An einer der stärksten Stellen im Buch wird der Tod einer alten Frau aus Böhmen als Heimkehr in die Landschaft ihrer Kindheit geschildert, die zugleich mit der Erzählwelt in Adalbert Stifters „Bergkristall“ verschmilzt. Sanft durchdringen sich Bilder der biblischen Apokalypse mit Reders unvergleichlich lakonischem Humor, wenn er etwa die Personen am Sterbebett als Rilkesche Todesvögel am Himmel der inneren Landschaft der alten Frau auftreten lässt, die sich gegenseitig nicht ausreden lassen. Noch in der fast Proustschen Sterbefantasie arbeitet Reder in den Gesprächen der Vögel das Schicksal der Gruppe ein. Hier taucht zum ersten Mal das Motiv der Vergewaltigung auf. Das ist eine der Stärken des Buches, nicht individuelle Geschichten, sondern das Schicksal einer Gemeinschaft, den Einfluss der Gruppe auf alle ihrer Mitglieder untereinander sichtbar zu machen. Obwohl sie die alte Frau kaum kannte, löst deren Tod in Berit, einem der beiden Neuankömmlinge in der Gruppe, einen inneren Prozess aus, der dazu führt, dass sie nach jahrzehntelanger Vermeidung, endlich wieder Kontakt zu ihrem Vater aufnimmt.

Allegorie des Raubtierkapitalismus

Anders das zweite neue Mitglied, der ehemalige Unternehmensberater Paul, dem es nicht gelingt, die Muster seines bisherigen Lebens abzulegen. Auch in der neuen Gemeinschaft wendet er seine erprobten Strategien an, um Einfluss zu gewinnen und andere Menschen, auch sexuell, zu unterwerfen. Paul ist vielleicht die interessanteste Figur des Buches, auch wenn Reder dazu neigt, ihn zur Allegorie des Raubtierkapitalismus zu überfrachten. Je mehr über die Vorgeschichte der Kommune bekannt wird, umso deutlicher tritt Pauls Verstrickung in den illegalen Aufkauf des norddeutschen Naturschutzgebiets durch den Rohstofffond zutage. Damit nicht genug, stellt sich der Manager auch noch als der Täter heraus, der vor Jahren ein weibliches Gruppenmitglied brutal vergewaltigt hat. Bis zu den Enthüllungen fasziniert die Lebhaftigkeit, mit der seine Unausgeglichenheit geschildert wird, das Unvermögen, seine Instinkte zu zügeln.

Doch an dieser Stelle wenige Figuren herauszugreifen, wird der Schilderung komplexer Gruppenzusammenhänge in Reders Roman nicht gerecht. Alles steht in diesem Buch mit allem in Beziehung – Natur, Ökonomie, Menschen. Reder erzeugt ein barock anmutendes Erzähl-Uhrwerk, bei dem alle Teile ineinandergreifen und aufeinander einwirken. Wie alles im Roman kein Zufall, dass gerade die Figur, die oft als Sinnbild für den Erzähler herhält, der 90-jährige Gründer der Kommune, Heinrich, ein Ingenieur ist. „Wer glaubt, er versteht einen Menschen, hat nur das Interesse an ihm verloren“, meint dieser einmal in Bezug auf Paul. Und mit dieser Aussage scheint er so etwas wie Reders Credo beim Schreiben zu formulieren. Denn keine der Figuren, obgleich sorgsam ausgearbeitet, ist ohne Geheimnis. Personen bleiben uneindeutig, ein Schweigen umgibt sie, das bis in die intimsten Selbstgespräche reicht. Vieles bleibt unausgesprochen. Zur Sprache kommt nur, was in der Begegnung zwischen den Menschen aufblitzt. Oft bleiben die Figuren weiße Flecken füreinander, die es zu beschriften, auszumalen gilt. Auch das trifft ebenso auf die Selbstbeobachtungen der Figuren zu. Die Kommune bildet hierbei eine Art Spielfeld, auf dem die Teilnehmer imaginäre Selbstbilder entwerfen und darin Handlungsmöglichkeiten für sich erschließen können, im Auge und Spiegel der anderen. Das fast romantische Experiment mit der schöpferischen Einbildungskraft ist das Movens der Erzählung und Erzählweise in Reders Roman. Immer wieder gewinnt er so seinen Figuren neue, überraschende Facetten ab. Fast jedes Kapitel bis zur Mitte des Buchs behandelt die Begegnung zweier Menschen. Später erweitert er die Szenen sukzessive um mehr Figuren.

Wirkliche Dialoge finden jedoch zunächst nicht statt. Vielmehr lösen die Begegnung mit anderen in den Personen lange, innere Monologe, Reflexionen und Assoziationsbewegungen aus. Erst allmählich gelingt es einigen Figuren, sich füreinander zu öffnen. Bis dahin braucht es rund 100 Seiten, keine Seite zu viel. Nach einem längeren Selbstgespräch bemerkt etwa Paul, der ehemalige Unternehmensberater, dass er Heinrich, dem alten Gründer der Gruppe, vertraut, und ist von sich selbst überrascht. Diese Mikroereignisse sind die eigentlichen Momente, auf die Reder abzielt. Durch Begegnungen können sich Menschen ändern, sich überraschen, sich selbst fremd werden, neu erfinden. Immer wieder schafft der Autor neue Bruchstellen, Reflexionszonen, springt zurück und fängt das Geschehen aus einer distanzierten Perspektive ein, indem er neue Figuren einführt, etwa den chinesischen Austauschstudenten Bin, der eine fast geisterhafte Existenz besitzt, bevor er drastisch in die Handlung eingreift.

An der Grenze zum Sprachexperiment

Utopischer Kern des Romans bleibt dabei die Unvorhersehbarkeit der einzelnen Figuren wie auch des Geschicks der gesamten Kommune. Stilistisch gelingt dies durch eine Pluralität von Erzählweisen. Jedes der kurzen Kapitel könnte eine einzelne Kurzgeschichte sein, mit einem eigenen Rhythmus und Tonfall. An manchen Stellen geht Reder wortwörtlich bis an die Grenze zum Sprachexperiment. Experimentieren, sprachlichen Strukturen nachspüren, Sätze bilden, hinterfragen, mit Redewendungen und Sprichwörtern spielen, im Assoziieren, Rauschen und Sprachspielen erprobt er Formen, um über die Gegenwart, die flüchtigste aller Gegenwarten, in ihrer Überschreitung von äußeren und inneren Grenzen, zu sprechen. Das prägt auch die Perspektiven und die Choreografie der Erzählbewegungen. Mal dringt er in die intimsten Gedanken seiner Figuren ein, um danach in eine fast phänomenologische Außenperspektive zu wechseln, die wie eine Kamera im Gleitflug auf das Geschehen herabblickt und sich diesem alsbald wieder nähert. Ein Buch, das unentwegt in Bewegung ist, Figuren aus der Perspektive anderer betrachtet, Momente, die eben noch im Hintergrund stattgefunden haben, plötzlich in den Vordergrund holt. Fast impressionistisch gleiten die vielen Details zu Ländern, Figuren und Lebensweisen im sprachlichen Fluss am Leser vorbei, bis dann einzelne Gegenstände und Momente wieder ganz deutlich und einprägsam zum Innehalten zwingen. Leitmotive, Geschichtsfäden setzten sich zusammen. Allmählich, ganz behutsam, webt Reder, erst gegen Mitte des Buches, immer stärker das Afrika-Motiv in seine Sprachtextur ein. Der Kontinent bildet die letzte große Leerstelle im Roman, die es imaginär zu besetzen gilt. Am Ende des Romans brechen einige Mitglieder der Zusammen=Arbeit dorthin auf. Eine Provokation, sicherlich. Europa, Deutschland, die Kommune in Holstein, all das ist letztendlich nur ein Vorspiel, ein Nachspiel, ein Spielfeld, auf dem die Figuren lernen, ihre Vergangenheit hinter sich zu lassen, oder sich jedoch immer tiefer in diese zu verstricken. Im Grunde besteht der Roman so aus einer Kette von Abschieden. Schon im ersten Kapitel verlässt Berit ihre Wahlheimat Frankreich. Der Tod der alten Tschechin bildet da nur den Höhepunkt. In einer Reminiszenz an den fantastischen Realismus überlebt diese ihren eigenen Tod jedoch, kommt im Sarg zu sich und wünscht sich eine Zigarette. Dennoch mildert die Beerdigung den Wendepunkt der Romans, die Abkehr von Europa und dem Eurozentrismus, der hier sinnbildlich mit der sich in die Vergangenheit zurücksehnenden Frau zu Grabe getragen wird. Mal werden diese Abschiede sinnlich, körperbezogen und erfahrungsgesättigt geschildert, wie im Falle der lebenshungrigen Berit, mal minimalistisch, präzise dem inneren Gedankenfluss lauschend, wie etwa bei der jungen Umweltschützerin Elke. Stets prägt eine Melancholie das Geschehen, niemals Wehmut. Stets leuchtet hinter allen Ereignissen eine Art Vorfreude auf ein kommendes Geschehen auf, das aber meist im Ungesagten verharrt. Das gilt auch für das zukünftige Geschehen in Afrika, das der Roman nicht mehr schildert. Nur im letzten Kapitel folgt der Autor seinen Figuren auf ein Filmfestival in Abidjan, das auf einem Luxusdampfer stattfindet. Somit blendet Reder zwei große Bilder ineinander, die der französische Philosoph Michel Foucault einmal als Beispiele für Heterotopien angeführt hat. Das Schiff und das Kino. Beides sind besondere Orte, Orte, die mit allen anderen Orten in Beziehung treten können und diese so spiegeln, verändern, umkehren und auf den Kopf stellen können. Reder stellt mit dem biblischen Arche Noah Motiv, das Europäer nach Afrika emigrieren lässt, die gegenwärtigen Flüchtlingsbewegungen auf den Kopf.

Auch erzählerisch ist der Roman eine groß angelegte Heterotopie, neu, aufregend und an keiner Stelle naiv. Kein Zweifel, Reder kennt die großen Erzähler der Moderne, von Joyce über Döblin bis hin zu De Lillo. Immer wieder adaptiert er Stilformen des 20. Jahrhunderts, nicht, um ein postmodernes Spiel mit Zitaten zu betreiben, sondern um sich der Gegenwart von unterschiedlichsten Seiten zu nähern, sie zu belauern, neue Ausdrücke abringen zu können. Sprache als konkrete Arbeit an Erkenntnisformen für die Möglichkeiten und Handlungsspielräume des Einzelnen in einer scheinbar restlos durchrationalisierten und ökonomisierten Welt. Bei aller fehlenden Naivität fehlt Reders Text die abgeklärte Gleichgültigkeit, der selbstgefällige Zynismus, der die Postmoderne kennzeichnet. Hier ist ein Autor, der bei aller Vorsicht, die er beim Formulieren walten lässt, an die Sprengkraft der Montage, an die soziale Wirksamkeit des literarischen Experimentierens, an das Neue glaubt. In dieser Sprache wird die Wirksamkeit des Erzählens erfahrbar, das neues Hoffnungspotenzial erschließt. Darin ist der Text schön und provozierend zugleich, denn in einer Zeit, in der Michel Houellebecqs larmoyanter Zynismus als „state of the art“ gilt, ist der Versuch, einen optimistischen Roman zu schreiben, wohl die größte aller literarischen Provokationen.

Ewart Reder hat mit „Reise zum Anfang der Erde“ ein faszinierendes Sprachkunstwerk und zugleich eine komplexe und in mehrfacher Hinsicht grenzüberschreitende Erzählung für das 21. Jahrhundert geschaffen.

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erstellt am 29.8.2016

Ewart Reder
Ewart Reder

Ewart Reder
Reise zum Anfang der Erde
Die Geschichte der Zusammen=Arbeit
Roman
Hardcover, 348 Seiten
ISBN 978-3-86638-195-7
Axel Dielmann Verlag, Frankfurt am Main 2016

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