Wer sich, angesprochen durch den Trailer, auf einen durchweg amüsanten Filmabend einstellt, wird enttäuscht. Die lustigsten Szenen sind, wie so oft, schon im Vorfilm enthalten. Trotzdem lohnt es sich unbedingt, Todd Solondz' „Wiener-Dog“ anzusehen, meint Riccarda Gleichauf.

Filmkritik

Tierische Projektionsfläche

Ein niedlicher Dackel auf Reisen wird zum Spielball der Akteure. Seine erste Station ist bei einem leukämiekranken Jungen, den er durch seine bloße Anwesenheit erfreut. Leider füttert dieser ihn mit Müsliriegeln, was seinen Magen kollabieren lässt. Der Vater muss den Hund zum Einschläfern in die Tierklinik bringen. Dort wird er von der einsamen Arzthelferin entführt und erfährt eine Auferstehung von den Scheintoten.

So steht die Konfrontation mit dem Tod als Erzeuger von Emotionen am Anfang der kurzen, zunächst linear erzählten Geschichten über die Reise des Hundes, einem Tier, das wie zufällig Menschen zusammenführt und ihnen einen Sinn im Leben gibt. Wunderbar komponiert fügen sich scheinbar unzusammenhängende, paradigmatische Versatzstücke aneinander. Noch Stunden nach dem Kinobesuch erlebt man immer wieder Aha-Effekte. Es leuchtet einem plötzlich ein, was der eine rätselhafte Teil im Gesamtzusammenhang bedeutet. Zum Beispiel die Szene mit dem mittlerweile erfolglosen Filmemacher, gespielt von Danny De Vito in einer für ihn untypischen, ernsten Rolle. Er soll von der Filmhochschule entlassen werden, weil er bei den jungen Student/innen unbeliebt ist und als „Dinosaurier“ gilt. Der Arzt prognostiziert der übergewichtigen, traurigen Gestalt, dass sie eine „tickende Bombe“ sei und unbedingt Sport machen müsse, um nicht bald das Zeitliche zu segnen. Der Filmemacher, „Dave Schmerz“, entwickelt sich tatsächlich zur hochexplosiven Bombe – nur anders, als man es erwartet.

Der treue, ahnungslose Menschenbegleiter, der von seinen Herrchen und Frauchen mit Bedeutung aufgeladen wird, ohne dass es ihn interessieren würde, löst durch seine bloße Anwesenheit Begeisterung aus. Er drängt den Gedanken an den Tod, der die ganze Handlung durchzieht und immer wieder auch intertextuell angedeutet wird, in den Hintergrund. Die glückliche, schrille, sich fast überschlagende Kinderstimme zu Anfang des Filmes, dieser bewundernde Satz: „It`s a wiener-dog!“, setzt sich fest ins Gehör. Die Szenen zeigen eine bedingungslose Akzeptanz und Liebe zu einem Lebewesen, mit dem man sich doch nicht einmal richtig unterhalten kann. Aber vielleicht ist das gerade der Grund für die heilsame Wirkung des Vierbeiners auf andere.

Nach Kind, Tierarzthelferin und Filmemacher macht der Dackel Halt bei einem geistig behinderten Ehepaar und zuletzt einer schwerkranken, gefühlskalten Mutter.

In der letzten Geschichte entzieht sich der „Wiener-Dog“ dann überraschend seinem passiven Objektstatus. Die tierische Projektionsfläche setzt sich in Bewegung und stellt die Ohren auf Durchzug. Er endet irgendwie als das, wozu er von allen Besitzern gemacht wird:

als Kunstobjekt.

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erstellt am 29.8.2016

Film

Wiener-Dog

Regie Todd Solondz

wienerdogmovie.com/

Filmtrailer »Wiener-Dog«