Dr. Guido Westerwelle oder

Von Bad Honnef nach Bonn

Von Jürgen Roth

Bonn. Er lebt noch immer in Bonn, partiell, von Zeit zu Zeit, wenn es sein enormer Terminkalender erlaubt. In Bonn. Bonn. Bonn. Bonn. Bonn. „Man roch die Provinz, das Muffige enger Gassen, verbauter Stuben“, heißt es in Wolfgang Koeppens Bonn-Roman Das Treibhaus. „Freude. Joy. Joie. Bonn“ lautet der aktuelle Slogan der Stadt. Jener einstigen Bundeshaupt- und heutigen Bundes-, UN- und Telekom-Stadt, in der Guido Westerwelle sein Leben ver- und rumbringt, insbesondere an seinen „freien“ Tagen, wie sich das für einen deutschen Liberalen schickt. Bonn. Es ist der schiere Name. Und eine Heimsuchung, ja: eine Versuchung. Man kommt da nicht mehr weg. Und muß aber erst mal hin- und darob von irgendwo herkommen.

Keine zwanzig Kilometer vom ehemaligen politischen Zentrum der Bundesrepublik entfernt liegt Bad Honnef, jene „Stadt im Grünen“, die sich ein wenig scheu an den Sockel des Siebengebirges schmiegt, eines bescheiden anmutenden Mittelgebirges vulkanischen Ursprungs, das zum Rheinischen Schiefergebirge gehört, das ich auf dem Amos-Comenius-Gymnasium in Bonn-Bad Godesberg in Geographie und auch schon in der Grundschule Am Domhof in Godesberg-Mehlem immer sehr gut durchgenommen habe. In dieser Stadt, in Bad Honnef, erblickten allerlei Genies das wärmende Licht der Welt, etwa Franz „Goldköpfchen“ Brungs, der am 2. Dezember 1967 beim legendären 7:3 des 1. FCN gegen den FC Bayern dem Maier Sepp fünf Eier ins Netz haute, oder der ziemlich berühmte CDU-Bundestagsabgeordnete Georg Kliesing. Nicht zu schweigen sei hier zudem von Peter Hintze (CDU), der in der Nachbargemeinde Königswinter, die gleichfalls nicht zu unterschätzen ist, womöglich segensreich als Pfarrer wirkte, bevor er den Kommunisten Beine machte (Stichwort: „Rote Socken“-Kampagne), bis in der Union die Korken krachten und bei der PDS die Knochen knallten.

Und: Westerwelle Guido, amtlich in die Welt gepreßt am ersten Tag nach den Weihnachtsfeierlichkeiten Anno 1961.

Und das nicht aus Zufall. Zwar hatte Guido mit diesem Termin, den er sich ausgesucht hatte, um den Erdkreis zu betreten, den er dereinst verändern, beherrschen und mit eindringlichen Reden überziehen würde, seiner Mutter Erika das Fest versaut, denn an eine gepflegte Mastgans und die dazugehörigen Flaschenportionen Rotwein und die Schachtel Zigaretten danach war für sie unter den Umständen nicht zu denken gewesen; aber Guido hatte damit eben eine außerordentlich rare pränatale Entschlußkraft oder Weitsicht unter Beweis gestellt, ziehen wir in Betracht, daß Honnef exakt dreiundzwanzig Monate zuvor, am 27. Januar 1960, den Zusatz „Bad“ erhalten hatte, mithin zur Kurstadt geadelt worden war, was das Diktum Alexander von Humboldts unterstrich, daß dieser von Gott bevorzugte Flecken auf Grund des ganzjährig milden, regelrecht kuscheligen Klimas das „rheinische Nizza“ sei. Und in Nizza, dem unangefochten verbrummtesten und degoutantesten Geldgammlernest Europas, werden ja Weltshowstars gemacht oder immerhin ausgiebig hofiert.

Nun, ein solcher, ein Showman, wollte Westerwelle werden, und Bad Nizza paßte da ausgezeichnet. Allein, was ihm an der „Siebengebirgsstadt“ schon arg stank, war, daß sie dem Rhein-Sieg-Kreis angehört und deshalb das Autokennzeichen SU (= Sowjetunion) hat. Damit war und ist er bis heute nicht einverstanden, dagegen rebellierte er bereits im Mutterleib. Das ging ihm gehörig auf den Zeiger, der durch und durch liberale Geist in ihm in seiner Mutter begehrte dagegen auf, und zwar heftig. Nur allzu folgerichtig, daß Westerwelle siebenundvierzig Jahre später wissen ließ: „Ich habe nicht für die deutsche Einheit gekämpft, damit heute Kommunisten und Sozialisten was zu sagen haben.“ Wobei wir uns schüchtern zu fragen wagen, wann, wo und wie Guido für die deutsche Einheit gekämpft haben mag, aber lassen wir das.

Bad Honnef war ja zuzeiten, früher, eine Stadt mit „komplizierten und unklaren Besitzverhältnissen“ (Netz) gewesen. Fehden und Gefechte für und für. „Aus einer dieser Besitzstreitigkeiten ging Herzog Wilhelm von Jülich und Berg als Sieger hervor“ (Wikipedia), hernach Dr. Westerwelle. Und der erinnerte sich, als er auf irgendeiner Penne herumwuselte, an die Verwüstung Honnefs im Truchsessischen Krieg, item daran, daß hier alsdann – in dieser Reihenfolge – der Schwede, der Franzos’, der Engländer und die Kommunisten aufräumten und ganz ordentlich herumfuhrwerkten, zumal die Rothemden, die in der Weimarer Republik laut Internet eine starke Ortsgruppe in Honnef installiert hatten, und Ruhe kehrte in diesem unvergleichlichen Sauladen schließlich erst ein, als der künftige, für dieses Amt samt der mit ihm verbundenen Verantwortung geradezu prädestinierte Außenminister geboren wurde, jener Mann, der nie würde vergessen, daß die Behörden seiner Heimatstadt im Hitler-Krieg ausgerechnet vornehmlich Frauen aus der Sowjetunion als Zwangsarbeiter beschäftigt hatten. Das durfte nie wieder passieren! Nie wieder Frauen! Aus der Sowjetunion!

Gut, gutmütig, wie Westerwelle in seinen Anfangslebensjahren durchaus gegebenenfalls war, sah der nachmalige „Chef der Hoteliers- und Apotheker-Partei FDP“ (Spiegel) im übrigen über dies und das hinweg und ästimierte an seiner Heimatstadt vor allem die Villen; die Landhäuser; die prunkvollen Gebäudlichkeiten an der Hauptstraße; die schmucken Kirchen und den Kursaal, in dem ehedem die saubere Gesellschaft fünfe gerade sein gelassen hatte. Das alles hatte echt was, und wenn Guido durch seinen Lieblingspark streifte, den Park Reiterhof – bereits mit sechs bewies er eine ungeheure Selbständigkeit, indem er seine Sonntagsspaziergänge ohne elterliche Aufsicht absolvierte –, dann keimte in ihm wiederholt die Absicht, Populist oder Politiker oder bestenfalls beides zu werden. Ja, regelrecht wonniglich ward ihm zumute, malte er sich aus, es der Welt und den Feinden der Freiheit richtig zu zeigen und sie in den Sack zu stecken und draufzuhauen, ja, die wahre vox populi in der res publica zu verkörpern und den Schandmäulern und Defätisten knallhart die Meinung zu geigen.

Die Westerwelles lebten damals in der Marienstraße in Königswinter, einem Ort gleich neben Bad Honnef – in einer ruhigen Luxusnebenwohnstraße mit vielfältigem Baumbestand, Pferdekoppeln und stattlichen Nobelhäusern. Warum Bad Honnef und nicht Königswinter die Stadt in Nordrhein-Westfalen war und ist, deren Einwohner über das höchste Durchschnittseinkommen verfüg(t)en, leuchtete Guido auf seinen romantischen Wandertouren im Geiste eines August Wilhelm Schlegel und eines Ernst Moritz Arndt hinauf zum Kloster Heisterbach oder auf die Margaretenhöhe nicht ein, aber egal, viel intensiver beschäftigte sich der Sproß einer ehrgeizigen Anwaltsfamilie (Mutter wie Vater Advokat!) mit diesem faszinierenden, ahnungsvoll in ihm grummelnden rheinisch-adenauerischen Machtwillen, kein Wunder, hatte der geniale Conny doch an der Grenze zu Königswinter in Bad Honnef-Rhöndorf residiert und die Fäden gezogen.

Auch richtete der junge Guido nicht selten sehnsuchtsvoll den Blick hinauf zum majestätischen, im Sonnenschein weißgelb glühenden Gästehaus der Bundesregierung auf dem Petersberg, das nur einen Kieselsteinwurf entfernt über seinem Kopfe thronte. In den eindrucksvollen Gemächern des wuchtigen, im Stil der deutschen Renaissance erbauten Anwesens hatte Konrad Adenauer im November 1949 bei der Entgegennahme des Besatzungsstatuts den Hohen Kommissaren der Alliierten protokollarisch getrotzt und demonstriert, was es heißt, ein deutscher Kanzler zu sein. Es war erhebend, jedesmal aufs neue, und Guido beschloß endgültig, Politiker zu werden.

Unten, in der Marienstraße, ließ er seinem Entschluß Taten folgen. „Am heute greisen Nachbarn schult ein damals gerade mal schreibfähiger Guido die rhetorische Cleverneß“, verrät ein Porträt des stern vom 7. März 2009. „‚In Grund und Boden gequasselt‘ habe der altkluge Knirps ihn, erinnert sich der Nachbar amüsiert, mit einem ‚oberlehrerhaften Ton‘.“

Drüben, auf der Westseite von Vater Rhein: Bonn. Bonn. Bonn-Bad Godesberg. Ich weiß, wovon ich rede. Gegenüber, op de schäl Sick, besuchte Guido Westerwelle die Realschule Oberdollendorf, weil er nach einem Jahr auf dem Gymnasium auf Grund extremer Leistungsverweigerung mit Pauken und Trompeten von ebenjenem hatte heruntergenommen werden müssen. Ich hingegen, der ich alberne sieben Jahre jünger bin als unser Außenminister und 1974 von Hamburg nach Bonn versetzt worden war, blieb brav und stellte auf dem Amos lediglich einen Jahrgangsrekord in Sachen Klassenbucheinträge, Rügen, Blaue Briefe und Nachsitzen auf.

Wurde ich nicht wegen Obstination aus dem Schwimmverein geschmissen – ich war im GSV, wir trainierten im Kurfürstenbad an der prächtigen spätklassizistischen Kurfürstenallee, vis-à-vis erstrecken sich der Kurpark und die Rigalsche Wiese, an deren Ende die Godesberger Stadthalle kauert, in der sich die SPD coram publico zur Volkspartei gehäutet hatte, linker Hand findet man die Redoute, vor der ich mal Helmut Schmidt und Leonid Breschnew observierte –, dann verliebte ich mich, erst in Elisabeth, später in Martina. Das Herz schmerzte furchtbar beinah’ alleweil.

Während Guido Westerwelle mittlerweile in der Bonner Nordstadt „einen kleinen Kreis eingeschworener Vasallen“ (stern) agitierte – nach der Scheidung hatten der Vater und die vier Söhne „ein elegantes Stadthaus“ (ebenda) in der Heerstraße bezogen –, saß ich oft am Fenster meines Zimmers und schaute in den Regen. Ich mochte es, wenn es regnete, wenn es stark regnete, wenn die Straße leer war, wenn die Wassertropfen in den Baumkronen klebten, wenn die Erde und die Wiese schimmerten, wenn es draußen still war. Ich mag es noch heute.

Wir lebten in einer schlichten Beamtensiedlung in Lannesdorf. Zwischen den drei oder vier Hochhäusern des Viertels sah man am Horizont das fein gezeichnete, wie hingetuschte Siebengebirge. Der Petersberg war ein Blickfang, auch die Burgruine Drachenfels. Nach Königswinter kam ich nur, wenn wir in den Ferien die Rheinfähre Mehlem–Königswinter benutzten, um auf die Autobahn zu gelangen.

„Im Wohnzimmer der Heerstraße“, ein Stockwerk über der Kanzlei des gefürchteten „Dr. Dr. Westerwelle“ senior, traf sich Guidos „Clique“, ein Jungmännerbund, dem Nestor „Guido Geschichten erzählt oder Kassetten vorspielt. […] Die Jungs sind unkritische Bewunderer und ein dankbares Publikum, der dicke Guido blüht auf.“ (stern) Die „Villa Kunterbunt“ – ein erstes Zentrum der Macht und ihrer Ergreifung? Realsymbolisch mitten ins Herz der Hauptstadt gepflanzt? Formte sich dort, unweit der Adolfstraße, unweit des abscheulich klotzigen, den Geist der Staatsapparate widerspiegelnden Stadthauses, jener unwiderstehliche Durchstecher, der es mit aller Gewalt und halt volles Rohr wissen will? Jener Polithochkaräter und charismatische Choleriker, von dem unsere Spitzennachrichtenmagazine heute schwärmen? Als Provinzparvenü und Kolossalopportunist?

Und: Fielen dort, unterm Dach der Casa Heerstraße, wo die Idee reifte und zum Plan ausreifte, endlich Deutschland an sich zu reißen und zur Not kurzen Prozeß zu machen und alles kurz und klein zu hauen, um die Republik zu retten und zu revolutionieren im Geiste und Sinne Genschers, im Geiste also der Tradition und im Sinne des festen Vorsatzes, eine „geistig-politische Wende“ herbeizumauscheln, wenn nicht gar mir nichts, dir nichts brachial zu erzwingen, fielen sie dort vielleicht zum erstenmal, die zwei Sätze, die Leben und Tun, Denken und Streben des Dr. Guido Westerwelle beherrschen wie die Mantras die Mönche des Ostens?

„Es muß gelten: Keine Leistung ohne Gegenleistung.“ – „Was ich sage, zählt.“

Ich konnte es damals nicht wissen, und ich gestehe, ich weiß es auch heute nicht. Guido war es jedenfalls längst gelungen, via Kennedybrücke über den Rhein zu setzen – ein Katzensprung (Google maps: 12,3 Kilometer), der sich als Tigersprung entpuppte. In der hiesigen Realschule markierte Guido nunmehr unglaublich erfolgreich den Max, legte sich gezielt „den Ruf eines vorlauten Widerborsts“ zu, der – vorerst! – prima vista nur eines wollte: „erkannt und gehört werden“ (stern). Ein Lehrer: „Guido hat sich gerne in den Vordergrund gespielt.“

Bonn. Bonn-Innenstadt. Eine mehr als zweitausendjährige Geschichte. Römisches Lager. Residenz der Kölner Kurfürsten. Geburtsstadt Beethovens. Napoleonische Herrschaft. Die Preußen gründen die Universität neu. Die Briten ziehen ab. Bonn wird „Oberzentrum“. Parlamentarischer Rat, Bundeshaus, Adenauer. Macht, Magie, Ministerien. Langer Eugen (Gerstenmaier). Überall „Jungen, die schon Beamtengesichter hatten“ (Koeppen), vor einer so schwammigen, seifigen „Flußlandschaft“ (Heinrich Böll), daß einem blümerant werden kann. Kann! „Bonn ist die größte deutsche Stadt, aus der noch nie ein Verein in der Fußballbundesliga spielte.“ (Wikipedia) „Bonn zählt zu den wärmsten Regionen Deutschlands“ (ebenda). Bonn. In dieser Atmosphäre, in der der „Kampf um Anerkennung“ (Hegel, Habermas, Honneth) die Köpfe zum Dampfen brachte, startete Guido durch, noch ohne Mobil. Ich fuhr zur selben Zeit viel mit dem Fahrrad herum, zum Beispiel durch die Deichmanns Aue, vorbei an der imposanten amerikanischen Botschaft, hinunter zum Rhein. Der Wind wehte sachte, mein Ziel war das Freibad Rüngsdorf im Godesberger Villenviertel. An Sommertagen eine lichte, freundliche Gegend, geschmückt mit dem schön geschwungenen Sprungturm.

Oder ich radelte Richtung Süden aus Mehlem hinaus und weiter durch die malerischen Obstwiesen zwischen Niederbachem und Oberbachem. Oder mein Weg führte mich die steile Straße hinauf zum Godesberger Stadtteil Heiderhof, einer Trabantensiedlung aus den sechziger Jahren. Friederike weihte mich in die Geheimnisse der Intimität ein. Daß das in unmittelbarer Nachbarschaft zu Herbert Wehner geschah, dem „Strategen vom Heiderhof“ , fiel mir erst jüngst auf.

Guido entdeckte seine Liebe zur modernen Kunst, womöglich weil er ausgesprochen ausdauernd vor dem Zaun des Bundeskanzleramtes neben dem Bundesaußenministerium in der Adenaueralle herumlungerte und dabei nolens volens auf Henry Moores Plastik „Large Two Forms“ starrte. Guido trank Milchkaffee auf dem Marktplatz und ergötzte sich am zierlichen Rokoko-Rathaus mit seiner zum Teil rosa Fassade. Guido flanierte über die Poppelsdorfer Allee und nahm in einem der schicken Cafés gepflegt einen Cappuccino zu sich. Guido passierte das „Bonner Loch“ vor dem Hauptbahnhof, eine „Problemzone“ voller Obdachloser und Drogengesindel, die er zu seiner persönlichen Speakers’s Corner umzufunktionieren gedachte, und erreichte den Hofgarten hinter dem Hauptgebäude der Universität, dem ehemaligen Kurfürstlichen Schloß. Noch verschmutzten keine fanatisierten, vom Osten aufgehetzten und bezahlten Friedensdemonstranten die schnuckelige Wiese. Er blickte hinüber zur Alma mater, und es schoß ihm durch den Kopf: Ich will da rein!

An den Wochenenden knatterten Vater Westerwelle, Guido und seine Burschen in den Hunsrück. In einer alten Wassermühle mit Ställen und Pferdekoppeln ließen sie es krachen. Es „wurde gekocht, ‚gebrutschelt‘, wie Guido das nannte“, „tagsüber gingen die Freunde in die kleine Sauna im Schuppen“ .

Unter der Woche packte Guidos Team, das unterdessen geschlossen aufs Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium gewechselt war, weil man sich „die Leistungsschiene“ total zu eigen gemacht hatte, das Unternehmen Jahrgangseroberung an. „Um jeden Millimeter im Terrain habe Guido gefeilscht, diskutiert, gerungen. Um die Noten, aber sehr schnell auch um die Deutungshoheit in der Schule.“

In der Schülerzeitung Ventil, deren Redaktion Guido dirigierte, „debattiert er den Begriff der deutschen Nation, rezensiert Ballettstücke“ (man möchte es eher nicht nachlesen). „In den Freistunden ging die Clique in den Teeladen in der Kaiserpassage und diskutierte Politik […], und am Wochenende, da ging man auch schon mal ins katholische Jugendheim St. Sebastian, Cola trinken und Fete machen!‘“ (Sämtliche Zitate aus dem gutunterrichteten stern. )

Ein Prachtleben, fürwahr. Einer, der geradezu süchtig „Licht auf sich lenken“ muß – so charakterisiert der Spiegel Dr. Guido Westerwelle, den „ewigen Praktikanten“, als Entrüstungsbulldozer, als Trickser und skrupellosen Fummler, der schwer zum politischen Exzeß neigt. So bringt man es zu was, und sei es zum Außenminister ohne Fremdsprachenkenntnisse.

In der Schule kursierte ein „Schwarzbuch Westerwelle“, „gesammelte Westerwelle-Schmähungen in gebundener Form“. Guido scherte das nicht. Unbeirrt quakte, dozierte, blökte er in einem fort, er, der berufene „Anti-Sozialist, Anti-Gleichmacher, Anti-Öko, Anti-alles-Linksintellektuelle“ .

Man zieht den Hut. 1980 baute Guido, der kommende Elitemensch, sein Abitur, mit „bestenfalls durchschnittlichen“ (stern) Ergebnissen. Wir zogen 1981 weg. Guido studierte Jura an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität zu Bonn, na klar. Bonn. Bonn. Mal die Koffer packen, was anderes sehen, raus aus Vaters Schoß, ins Ausland gar? Ach was. Lieber stante pede die topfortschrittlichen Jungen Liberalen mitgründen und ihnen im Alter von zweiundzwanzig Lenzen gleich stramm vorstehen, erfahrungsgesättigt und weltgewandt. In Bonn. Wo denn sonst. In diesem von jeder Lebenswirklichkeit abgeschotteten Beamten-, Politiker- und Diplomatensumpfloch, diesem stickig-bräsigen Soziotop der narzißtisch verbogenen, verzogenen, Dünkel und Ignoranz ausschwitzenden Pilotenkofferträger.

Ich studierte später auch, brauchte aber nicht vierzehn Semester bis zum Abschluß wie er. Daß Guido Westerwelle 1994 an einer genuin sozialdemokratischen Einrichtung zum Dr. jur. promoviert wurde, an der Fernuniversität Hagen, wundert mich nicht. Das gehört sich so für einen eisernen FDPler, der Gewerkschaften für eine „Plage“ und den „demokratischen Sozialismus“ für „eine Art vegetarischen Schlachthof“ hält.

Apropos: Dr. Guido Westerwelle ist „Rechtsanwalt in Bonn“ (www.bundestag.de).

erstellt am 03.4.2011

Westerwelle in Bonn
Westerwelle in Bonn