Bodo Kirchhoffs neues Buch ist ein Roman, der sich als Novelle präsentiert. Bei „Widerfahrnis“ handelt es sich um eine Liebesgeschichte, die nach nur wenigen Seiten an Fahrt gewinnt. Es ist eines der besten Bücher, die Bodo Kirchhoff je geschrieben hat, meint Martin Lüdke.

Lüdkes liederliche Liste

Bodo Kirchhoff: Widerfahrnis

„Diese Geschichte, die ihm noch immer das Herz zerreißt“, ist tatsächlich ein starkes Stück. Das Wort, richtig verstanden: eine Sensation. Denn Kirchhoff zielt nicht (mehr) auf bloße Effekte, sondern auf den großen Wurf. Dabei gibt er sich bescheiden, erzählt – scheinbar brav – seine Geschichte. Die Steine, die er seinen Lesern dabei in den Weg gelegt hat, sind gut versteckt. Naturgemäß handelt es sich wieder um eine Liebesgeschichte. Wie spätestens seit „Infanta“, 1990, alle seine Geschichten. Jetzt ein: „Er und die Frau, die er kaum kennt, aber schon nicht mehr verlieren will.“ Roadmovie dazu, mit den entsprechenden Abenteuern, vom Tegernsee bis nach Taormina. Flüchtlingsdramen am Rande und wirklich überraschende Wendungen. Allerdings bleibt „Widerfahrnis“, um mich so kryptisch auszudrücken, wie sich der Titel gibt, im Konjunktiv. Durch das ganze Buch hindurch blinzelt uns der Autor an, ebenso unauffällig wie verschmitzt. Oft kaum wahrnehmbar. Denn ihm liegt offenbar viel daran, den hohen Anspruch, oder um Thomas Bernhard zu bemühen, den „höchsten“ Anspruch, den er verfolgt, sorgfältig zu verbergen. Denn erst einmal gilt: Herzzerreißend soll die Geschichte sein. Sie ist es. Und bodenständig soll sie bleiben. Macht sie. Aber!

Dieses „Aber“ wird noch zu erklären sein.

Wir haben die Kunst, um an der Wahrheit nicht zugrunde zu gehen. Diese bittere Erkenntnis, die Nietzsche einst formulierte, wird von Bodo Kirchhoff in seinem neuen Roman, der sich als „Novelle“ präsentiert, wie nebenbei, das heißt unauffällig aufgenommen und fast triumphal gegen ihren Urheber gewendet.

Die Vergangenheit hat Julius Reither, vormals Frankfurter Kleinverleger mit Kleinstbuchhandlung, hinter sich. Er wollte sich nicht länger Illusionen machen, weil er so richtig wie nüchtern vermutete, „dass es allmählich mehr Schreibende als Lesende gab“. Er ist in einem Gewerbe alt geworden, das, von einigen älteren Damen abgesehen, kaum mehr Reputation einbringt und schon gar keinen Gewinn mehr abwirft. Sein Zwei-Mann-Unternehmen ist liquidiert, die „Parterreetage“, in der er sein Geschäft betrieb, verkauft, sein Auto abgeschafft. Jetzt hockt er, rüstig noch und schon rentenberechtigt, fernab der Großstadt, in landschaftlich reizvoller und schneereicher Umgebung, weit weg von überall, in einer Wohnung mit Blick auf „Wiesen und Berge“. Hier, im Weissachtal, unweit vom Tegernsee, will er nun seinen Lebensabend verbringen. In einer dieser postmodernen Anlagen, die es wenigen Seniorenpärchen und um so mehr alternden und alten Frauen ermöglichen, auf gepflegten Wanderwegen dem absehbaren Ende ihrer Tage entgegen zu hinken. Das heißt, realistisch betrachtet, auch seine Zukunft hat Julius Reither bereits hinter sich. Gute Nacht.

Eine Zigarette, eine Flasche Roten aus Apulien, dazu ein schmales Buch, das er in einem Regal der Anlage eher zufällig aufgestöbert hatte. Und wieder ist ein Tag vergangen. Die Alten sind zwar zu Senioren geworden, aber an ihrer Lage hat sich wenig geändert. Bevor es das Fernsehen gab, saßen diese Herrschaften, wenn es das Wetter ermöglichte, vor der Haustür und warteten. Oder sie lehnten am offenen Fenster, auf ein Sofakissen gestützt, und registrierten aufmerksam den Stillstand in den Dörfern und kleinen Städtchen. Ihre ‚transzendentale Obdachlosigkeit’ war vielen dieser Leute noch keineswegs bewusst. Die Trostlosigkeit ihrer Lage wurde ihnen später vom Fernsehen sowohl vorgeführt wie dann auch gemildert. Doch Reither besitzt kein Fernsehen, dafür die nötige Phantasie, die ihm seine verbliebene Hoffnung zur Geschichte formt. Er setzt alles ein.

Genauer gesagt: er hört jetzt Schritte, vor seiner Wohnungstür. Leonie Palm, die schreibende Frontfrau des Lesekreises alternder Damen, geht, offenbar noch etwas unschlüssig, auf und ab. Und schon ist Bodo Kirchhoff wieder bei seinem Thema der letzten Jahrzehnte. Der lieben Liebe. Nach nur wenigen Seiten gewinnt die Geschichte buchstäblich an Fahrt. „Zwei, die Pleite gemacht haben, Sie mit einem Verlag, Reither, und ich mit einem Hutladen“ – die beiden haben sich gefunden und sitzen alsbald in dem BMW-Cabrio der guten Frau, Richtung Süden. Es sind, vorsichtig gesagt, zwei Menschen in reiferem Alter, die sich auf dieser Fahrt eher zaghaft einander annähern. Verwundet beide, durch ihre gescheiterten Lebensentwürfe, mit Leonies Hüten war ebenso wenig Staat zu machen wie mit den Druckwerken verdruckster Zeitgenossen. Und große Beziehungskünstler waren sie beide nicht. Auf jeden Fall haben sie sich, immer weiter Richtung Süden unterwegs, viel zu erzählen. Vor allem von ihren Niederlagen im Leben.

Es ist sicher eines der besten Bücher, die Bodo Kirchhoff je geschrieben hat. Denn es ist keineswegs allein die Handlung, auf die er vertrauen kann. Dabei geht es, durchaus, hoch her. Nicht ohne Grund nannte er diesen Roman „Novelle“. Der sogenannte „Falke“ aus der Novellentheorie, gemeint ist der Moment, an dem Handlung abrupt umschlägt, dieser Umschlag verdankt sich hier einem jungen Flüchtlingsmädchen, das urplötzlich alle Träume aller Beteiligten wie Seifenblasen zerplatzen lässt. Und dann hockt er da, der Ex-Verleger, ein Häufchen Elend am Straßenrand, von Gott und Welt verlassen, bis, wie in einem Märchen, Taylor kommt, ein Nigerianer und zugleich ein Engel, der ihm mehr als erste Hilfe leistet. Kaum zu glauben, aber davon gleich.

Kirchhoff kann sich solche Eskapaden, Sommerkleid und Sandalen im Schnee, das dunkelhäutige Mädchen, und den Engel, der genau dann kommt, wenn er gebraucht wird, deshalb leisten, weil er auf doppelten Boden arbeitet.

Die Geschichte wird aber, wie angedeutet, nicht nur von der Handlung getragen, sondern, mindestens im gleichen Maße, von Kirchhoffs Sprache. Der Rhythmus seiner Sprache erzeugt nämlich einen Sog, und, mehr noch, eine kraftvolle Dynamik. Die langsame, allmählich tastende Annäherung der beiden Protagonisten, Leonie und Reither, steht in einer Spannung zur schnellen Fortbewegung in dem BMW-Cabrio. Die Landschaft fliegt vorbei, die beiden Lebensgeschichten werden entwickelt. Nur hat Reise, wie sich bald herausstellen wird, kein Ziel. Und doch einen deutlichen Zweck. Denn schließlich wird, von Anbeginn an und auf der ganzen Fahrt lang immer mal wieder, vermeintlich grundlos, auf die Bremse getreten. Das fängt mit dem allerersten Satz an, der „Geschichte, die ihm immer noch das Herz zerreißt“, und endet erst auf der letzten Seite mit der Bemerkung „womit die Geschichte“ denn „enden sollte“. Also: Konjunktiv. Reither hatte sein Leben lang die Manuskripte anderer Leute beurteilt, das heißt abgelehnt, seltener korrigiert und gedruckt. Jetzt hat er sich offenbar selbst eine, besser gesagt: seine (!) Geschichte geschrieben. Eine Geschichte, die ihm „das Herz zerreißt“. Immer wieder sind Bemerkungen eingestreut, die das (allerdings nur Lesern, die sehr genau lesen) sichtbar machen. Leser, die darüber hinweglesen, das geht ganz leicht, bleibt eine, zuweilen etwas ausgebeulte, jedenfalls herzzerreißende Geschichte. Leser, die genauer lesen, können erkennen, dass in Kirchhoffs Novelle „Widerfahrnis“ noch ein ganzer Roman steckt. „Widerfahrnis“, das sei, meint Reither, „die Faust, die einen unvorbereitet trifft“, und gesteht dazu, den Titel lasse er „gelten“.

Auf diese Weise demonstriert Kirchhoff, wie es immer noch möglich ist, mit der Kunst über die Wahrheit hinwegzukommen.

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erstellt am 21.8.2016

Bodo Kirchhoff
Widerfahrnis
Novelle
Gebunden, 224 Seiten
ISBN-13: 9783627002282
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main, 2016

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