David Hume warf gern einen nüchternen Blick auf die irdischen Verhältnisse. So sah er den freien Willen nur im Rahmen der äußeren Bedingungen walten. Und doch gab es für den schottischen Philosophen in Frankreich eine Situation – so berichtet Otto A. Böhmer – in der er es selbst wagte, die äußeren Bedingungen zu verändern.

Der Philosoph David Hume

Ein dicker Engländer

Der Philosoph David Hume, der sich seit geraumer Zeit wie ein öffentlich ausgehängter Sandsack fühlte, auf den jedermann nach Bedarf kräftig einschlagen konnte, war, so als befände er sich auf einer unheilvollen Flucht, in das Nest La Tour d’Aigues in der Vaucluse gekommen und hatte dort im einzigen Gasthof des Ortes Quartier bezogen. Hume ging es nicht gut, was man ihm vom Äußeren her gar nicht ansehen mochte; noch immer war er bestens im Futter, und noch immer glänzte sein breites Gesicht wie von zärtlicher Feindeshand poliert. In den Schründen seiner Seele aber, von der er ohnehin keine allzu gute Meinung hatte, spürte er die feinen Demütigungen, die man ihm zugefügt hatte. Vor einer Ewigkeit nämlich, so kam es ihm vor, war der Philosoph in die Dienste eines geisteskranken Marquis’ getreten, dem er als schlecht bezahlter Gesellschafter die düstere Zeit vertreiben sollte. Das Geld war es gewesen, welches Hume zur Übernahme dieser seltsamen Tätigkeit veranlasst hatte: Er war, wie er konzedieren musste, nahezu zahlungsunfähig, als er den Marquis kennenlernte, der ihm zunächst wie ein sympathischer und den Geisteskünsten durchaus aufgeschlossener Wohltäter vorkommen wollte. Dann aber verkehrte sich die anfängliche Erleichterung in ihr Gegenteil.

Hume nahm einen Schluck von dem Rotwein, den ihm der Wirt auf sein Zimmer gebracht hatte; der Wein war gut, weit besser als befürchtet. Noch immer zitterten die Hände des Philosophen, aber nach einem zweiten und dritten Glas Wein, das er sich gönnte, wurde er ruhiger. Er legte sich aufs Bett und schloss die Augen. – Als er dem Marquis auf sein Schloss gefolgt war, begann die denkwürdige Leidenszeit des Philosophen. Es war, als ob sein neuer Herr in vertrauter Umgebung sein wahres Gesicht zeigen müsste: Der Marquis ließ ihn nicht mehr aus den Fängen. Ständig wollte er Hume an seiner Seite sehen: „Ihr seid mein Gesellschafter“, schnarrte er. „Nun leistet auch etwas für Euer Geld.“ „Ich habe noch gar kein Geld aus Eurer Hand gesehen“, wagte der Philosoph zu entgegnen, und der Marquis brüllte: „Unverschämtheit. Ihr seid maßlos und unverschämt, ein dicker Engländer mit einem Gesicht wie ein ausgewalzter Hefeteig.“ „Ihr seht auch nicht viel besser aus“, sagte Hume, worauf der Marquis seinen Stock nach ihm warf, der sein Ziel jedoch deutlich verfehlte. – Im Schloss war es dunkel und kalt; die Wände nässten, die Türen quietschten, und die Dielen knarrten. Es gab nur noch zwei Bedienstete, die es im Bannkreis des Marquis ausgehalten hatten: Richard, ein uraltes Männchen, das durch die Räumlichkeiten schlurfte wie ein Vollstreckungsgreis der überirdischen Heimholungsdienste, und Marthe, die Köchin, der es gelang, jede Mahlzeit zu einem Abenteuer für Vorgewarnte werden zu lassen. Was den Philosophen am meisten nervte, war die Tatsache, dass der Marquis ihn auf Schritt und Tritt verfolgte; er stieg ihm nach, ließ ihn nicht mehr aus den Augen: Wenn Hume sich in die Bibliothek begab, um ein Buch zur Hand zu nehmen, war der Marquis an seiner Seite; er hielt vor der Tür Wacht, wenn der Philosoph auf dem Abtritt thronte, und er stieg sogar des Nachts zu ihm ins Bett und lag dann dort, kalt und gleichmäßig grunzend, ein noch lebender Toter, der dem Philosophen den Angstschweiß auf die Stirn trieb und nur auf jenen einen, verzeihlichen Fehler zu warten schien, den der Sterbliche begeht, wenn sein Stündlein geschlagen wird und man die Zeit einläutet, in der er nicht mehr ist. Hume wurde buchstäblich um den Schlaf gebracht; er schleppte sich durch die Tage wie ein übernächtigtes Gürteltier, dem der Wanst platzen wollte vor schierer Angst und ohnmächtiger Wut. Die meiste Zeit schwieg der Marquis; er starrte den Philosophen aus triefigen Sehschlitzen an und leckte sich die Lippen. Er will mich fressen, dachte Hume. Und ich hoffe, dass er sich den Magen an mir verdirbt. „Also gut“, sagte der Philosoph eines Tages zu seinem Peiniger, „versuchen wir es mit der Philosophie.“ „Ein Philosoph wollt Ihr sein“, höhnte der Marquis, der neben ihm saß und mit einem Brieföffner spielte. „Ein Philosoph. Ich will geisteskrank sein, wenn es Euch in Eurem verpfuschten Leben gelingt, einen einzigen klugen Gedanken zu fassen und ihn auszuspucken, ohne dass er zu Speichel wird.“ „Unsere Vernunft“, sagte Hume und stand auf, „unsere Vernunft kann niemals ohne den Beistand der Erfahrung auskommen.“ Er fing an, auf und ab zu gehen, und der Marquis ließ ihn erstaunlicherweise gewähren, „Die richtige Urteilskraft“, fuhr der Philosoph fort, „beschränkt sich, alle weitliegenden und hohen Forderungen beiseite lassend, auf das gewöhnliche Leben und auf solche Gegenstände, die der täglichen Praxis und Erfahrung angehören. Das Ganze der Welt ist ein Rätsel, ein unerklärliches Mysterium. Zweifel, Ungewissheit, Enthaltung des Urteils sind das einzige Ergebnis, zu dem die schärfste und sorgsamste Untersuchung uns führen kann.“ Hume machte eine kleine Pause. „Und doch gibt es eine elementare Gewissheit“, sagte er dann und deutete auf den Marquis. „Wenn man einem Dummkopf gegenübersteht, einem Quälgeist, der Qualen bereitet, ohne ein Fünkchen an Geist zu haben, dann ist das unmittelbar gewiss und bedarf keines Zweifelns.“ Der Marquis heulte auf vor Wut und warf seinen Brieföffner nach dem Philosophen. – In diesem Augenblick schreckte Hume hoch. Es war dunkle Nacht, und neben ihm lag, kalt atmend und doch schlafend, der Marquis. Das war mein Zeichen, dachte der Philosoph. Der Traum meiner Flucht! Vorsichtig erhob er sich von seinem Gefangenenlager, nahm seine Kleider und verschwand. Am Morgen würde er das Nest La Tour d’Aigues in der Vaucluse erreichen und im einzigen Gasthof des Orts Quartier beziehen. Dort war er, bis auf weiteres, sicher; der Alte nämlich, der den Sackschlaf des Bösen schlief, hatte schon lange keine Träume mehr.

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erstellt am 21.8.2016

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Der Philosoph David Hume
Der Philosoph David Hume. Gemälde von Allan Ramsay, 1766, National Gallery of Scotland. Abb.: Google Art Project