Christoph Meckel hat einen Band mit Gedichten und Radierungen, „für Clarisse“, veröffentlicht. Wer ist Clarisse? Das ist ein Traumkind unbestimmten Alters, dem man gerne Verse schenkt. Bernd Leukert hat sie mit Gewinn gelesen.

Christoph Meckels „für Clarisse“

Ein Hund mit neunzig Zähnen

Einst wollte er, bevor der alte Ewige nach ihm brüllt, im Abgrund seiner Verse untertauchen. Doch dann taucht er ab und zu auf und legt uns seinen Fang vor. Im Schlagschatten der gesammelten Gedichte „Tarnkappe“, die Christoph Meckel zu seinem 80. Geburtstag veröffentlicht bekam, ist der neue Gedichtband „für Clarisse“ fast gar nicht bemerkt worden. Wer ist Clarisse? „Clarisse ist ein Kind, und eine Kunstfigur.“, schreibt Meckel: „Ihre anarchischen Kräfte, zwielichtig, strahlend, unschuldig oder grausam, erscheinen märchenhaft, unerschöpflich, selbstverständlich wie Schlaf und Vogelschrei, und sind ein Immunsystem gegen Ideologie jeder Art und Abart.“ Das heißt nun nicht, daß uns in den Gedichten Clarisse als Charakter vor Augen tritt. Clarisse bleibt eine fiktive Adressatin. Sie hat, wie Meckel im ‚Nachsatz’ bemerkt, „jedes Alter zwischen dem fünften und dem achtzehnten Jahr.“ Mehr muß man auch nicht wissen. Denn die 62 Gedichte beschäftigen sich nicht mit ihr, sie sind nur an sie gerichtet. Die Altersspanne und die darin möglichen Altersstufen der Adressatin geben dem Dichter allerdings Modi vor, die eine Verständigung erst ermöglichen. So spricht er mit dem Gedicht „Und du?“ vermutlich die ganz junge Clarisse an:
Die Schnecke/ hat ein Haus/ ohne Fenster,// der Wiedehopf/ eine Feder/ ohne Hut,// der Teufel/ einen Pferdefuß/ ohne Pferd.// und was hast du?

Das Gedicht „Adieu“ dagegen kann nur der älteren Clarisse gelten:
Das Meer/ wurde in die Luft gesprüht/ Azrael reiste ab/ mit Containern voll Knochen/ Trauermäntelchen/ flog in den Stein/ verschwand für immer.// Das Unsichtbare nimmt zu/ wer geht kommt nicht wieder.

Meckel nimmt es mit der ganzen Anspruchspalette auf, ohne je kindertümelnd oder kumpelhaft zu werden. Auf spielerische Weise variiert er zuweilen den schlichten Ton von Kinderliedern und wendet ihn ins Ungeheure wie im „Kuckuck“: Ich hab meinen Kuckuck/ zur Abdeckerei gebracht. oder im „Bericht vom Kind“: Es war der Hund/ mit den neunzig Zähnen,/ neunzigmal Hunger auf das Kind. Einige der Gedichte behalten ihr Geheimnis, andere lassen nach mehrfachem Lesen ihren doppelten Boden ahnen, kurz: Was da so leichtfüßig durch die Verszeilen tanzt, erweist sich im erinnerten Nachklang als ein merk-würdiger, faszinierender Besucher, der nicht vorhat, wieder zu gehen.

„für Clarisse“ ist in fünf Kapitel unterteilt, wobei das mittlere ganz aus traumhaft surrealistischen Radierungen besteht, die Meckel zwischen 1970 und 2004 im Tiefdruckverfahren hergestellt hat. Sie tragen Titel wie „Staub- und Steinchenmarkt“, „Weltkarte“, „Ausziehhäuser“, „Balsam Vogelfänger“, „Landschaft für Clarisse“, „Eisgang“ oder „Die Treppe“, sind also visuelle Gedichte im Zentrum des Buches. Sie sind eingefaltet, also ausklappbar und als Bildpoesie lesbar wie der eigentümliche Wortkosmos, der sie umgibt.

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erstellt am 19.8.2016

Christoph Meckel
für Clarisse
Gedichte und Radierungen
Reihe Staben, Band 03
Broschiert, 140 Seiten
ISBN 978-3-936826-74-6
Gutleut Verlag, Frankfurt am Main 2015


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