Heute reist man in die entlegensten Ecken der Welt, gierig nach einem Blick in die Lebenswelten fremder Menschen und Kulturen. Im 19. Jahrhundert importierte man afrikanische Stammesangehörige als Attraktion für Zoo und Zirkus. Das Buch „MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit“ berichtet über diese dunkle Seite westlicher Sensationslust. Ein Ausschnitt daraus ist bei Faust-Kultur nachzulesen.

Buch und Ausstellung »MenschenZoos«

Eine koloniale Begegnung

Von Albert Gouaffo

»MenschenZoos« – Video zur Ausstellung (2015) von Harald Ortlieb

Im Auftrag Carl Hagenbecks machte 1885 der Kaufmann Fritz Angerer, der vorher vier Jahre an der Goldküste in verschiedenen Faktoreien zugebracht hatte, eine Kamerun-Expedition, um Kameruner anzuwerben und ethnographische Gegenstände für Schauzwecke der Firma Hagenbeck anzusammeln. Die Hagenbecksche Expedition nach Kamerun wurde im September 1885 ausgerüstet und Fritz Angerer damit beauftragt. Er konnte am 24. April 1886 in Duala einen Reisevertrag mit dem Prinzen Samson Dido von Didotown unterzeichnen, der im Auftrag des deutschen Gouverneurs amtlich bescheinigt wurde. In dem Vertrag heißt es:

Folgender Vertrag wurde zwischen Carl Hagenbeck in Hamburg, durch dessen Vertreter Fritz Angerer und Samson Dido, Didotown, in Kamerun abgeschlossen. 1) Carl Hagenbeck engagiert Samson Dido mit Familie im Ganzen acht Personen nach Deutschland zu reisen den Leuten ihre Sitten und Gebräuche von Kamerun zu zeigen. 2) Carl Hagenbeck verspricht Samson Dido mit Familie freie Reise und Verpflegung hin und zurück und während ihres Aufenthaltes in Deutschland ferner ein festes Salair von MK 400.00 (vierhundert Mark) monatlich.

Unter Sitten und Gebräuchen wird das schon erwähnte Programm verstanden: Vorführung von lebhaften Tänzen, vom Trommelkonzert, vom Gefechtsübungen, von Kanufahrten und von der Trommelsprache. Fritz Angerer hatte unter äußerst schwierigen Bedingungen neun Monate (von der Abfahrt von Hamburg im 1. Oktober 1885 bis zur Rückkehr mit einer fertigen Kameruner Truppe am 27. Juni 1886) gebraucht, um Prinz Dido mit Gefolge zu Schauzwecken nach Deutschland zu bringen. Die Truppe gab Gastspiele in Hamburg, Berlin, Leipzig und Dresden. Die Initiative war nach Ansicht der Veranstalter ein Erfolg. Wenn die hohen Reise-, Träger- und Verpflegungskosten in Kamerun sowie die Kosten für die Schaustellungen in Deutschland zusammengerechnet werden, und wenn man davon ausgeht, dass die Eintrittspreise für Gastspiele zwischen 25 und 50 Pfennig lagen, dann kann sich jeder ein Bild der Besucherzahl dieser Kameruner Schaustellung von Carl Hagenbeck machen.

Völkerschauen als interaktive Veranstaltungen stehen an der Schnittstelle zwischen Theater und medienwirksamen Shows im freien oder in geschlossenem Raum wie Spielen, Festen, Zeremonien, Tänzen, politischen Veranstaltungen usw. Völkerschauen finden im Zirkus, in Vergnügungsstätten, auf Welt- und Kolonialausstellungen, im Theater, in den zoologischen Gärten u. a. statt. Kultur erscheint im Medium der Völkerschauen als Aufführung. Theatralität meint, – um mit Erika Fichte-Lichte zu sprechen – den Aufführungscharakter kultureller Handlungen. Aufführung als leibliche Ko-Präsenz von Akteuren und Zuschauern, die sich zu einer bestimmten Zeit, an einem bestimmten Ort versammeln und eine Spanne Lebenszeit miteinander teilen, ist unmittelbar mit Begriffen der Inszenierung, Körperlichkeit und Wahrnehmung verbunden.

Der Körper auf der Bühne

Inszenierung ist von Aufführung zu trennen. Inszenierung ist als intentionaler Prozess zu denken, in dem mit unterschiedlichsten Verfahren ermittelt wird, welche Elemente in der Aufführung erscheinen sollen. Die Auswahl der Elemente kann durchaus nach dem Gesichtspunkt erfolgen, ob sie dem Inszenierenden als geeignet erscheinen, als Zeichen für bestimmte Bedeutungen zu fungieren. Inszenierung lässt sich entsprechend als Vorgang der Planung, Erprobung und Festlegung von Strategien bestimmen, nach denen die Materialität der Aufführung performativ hervorgebracht werden soll. Körperlichkeit spielt bei der Aufführung eine entscheidende Rolle. Der Körper auf der Bühne als ein an den Zuschauer gerichteter Text lässt sich in zweierleiweise lesen: einmal als symbolischer, bzw. semiotischer Körper, also als der Körper an und mit dem individuelle Bedeutungen ausgedrückt und übermittelt werden können, einmal als Einschreibefläche kultureller Muster. Völkerschauen als Aufführung außereuropäischer Kulturen operieren durchgehend nach dem Modell des Theatralen, das Erika Fischer-Lichte beschreibt. Die Funktion des Regisseurs bzw. des Inszenierenden wird bei den Völkerschauen vom Impresario übernommen. Die Wahrnehmung der Zuschauer von Völkerschauen wird wesentlich von dieser inszenierenden Instanz vorgesteuert. Als massenwirksames kommerzielles oder politisch-orientiertes Spektakel, das auf der Sehenswürdigkeit des außereuropäischen Fremden, vor allem auf dessen kultureller und somatischer Fremdartigkeit fußt, sollen Völkerschauen den Wünschen und Erwartungen der Zuschauer Gestalt verleihen. Den Körper als Bedeutungsträger einzusetzen, bedeutet, aus ihm Zeichen zu machen, ihm seine Leiblichkeit zu nehmen. Hier entpuppt sich der Machtcharakter körperlicher Darstellung. Der Körper ist Darstellungsmittel in ein instrumentelles Verhältnis zum Selbst gesetzt. Er wird ein Ausstellungsstück, eine Körperhülle, da er als Darstellungsstück keine Eigeninitiative mehr besitzt. Der Inszenierende verfügt über ihn als Bedeutungsträger und nutzt ihn zur Gestaltung des eigenen Selbst.

Bei den Völkerschauen erfüllt der Körper verschiedene Funktionen, sei es in Vergnügungsstätten, in zoologischen Gärten oder an anderen Orten. Als Objekt, also theatralisches Zeichen hat er vor den Zuschauern die Funktion eines Exponats in einem Museum. Der Beschauer gibt seinen Sinnen freien Lauf, bewundert die Formen des Schaustücks, dessen Schönheit und misst ihm Bedeutungen bei. Das Schaustück selbst strahlt eigene vom Inszenierenden aufbereitete Bedeutungen aus. Der Beschauer nimmt den Körper als Text wahr, der eine eigene Grammatik und Syntax hat.

Ein Modell des Körpers als Exponat bietet uns ein Bild aus der Schaustellung des Prinzen Samson Dido aus Didotown.

Zwei Formen von Fremdheit

Ein Afrikaner sitzt barfüßig in ruhiger Haltung auf einem europäischen Stuhl, der Blick ist wahrscheinlich auf den Fotografen gerichtet. Um die Hüften ist ein Samttuch geschlungen. Er trägt an jedem Handgelenk eine breite Elfenbeinmanschette und dazu noch ein geringeltes kragenloses Hemd und ein westliches Jackett mit weißem Einstecktuch. Das Ganze krönt der Zylinderhut. Hinter dem Stuhl steht eine körperlich viel kleinere Frau, die dem Mann mit einem gewaltigen Sonnenschirm Schatten spendet. Obwohl sie auch barfüßig ist, trägt sie europäische Kleidung. Der Hintergrund des Bildes zeigt eine europäische Landschaft mit Laubbäumen – das Bild wurde in der Flora in Berlin-Charlottenburg, einem damaligen großen Vergnügungsetablissement mit Palmengarten, im Jahr 1884 aufgenommen. Zwischen den Bäumen und den ausgestellten Personen steht unübersehbar ein kräftiger Holzzaun.

Bezogen auf die Diskurse der Völkerschauen des 19. Jahrhunderts haben wir es in dem beschriebenen Bild mit zwei Formen von Fremdheit zu tun, nämlich einer körperlichen und einer kulturellen.

Körperlich zeichnet sich der Prinz Dido von Kamerun durch seinen wohlproportionierten Körperbau aus. Er wirkt fremdartig durch seine Bekleidung. Die kleine Dame neben ihm mit dem schweren Sonnenschirm, die jüngste von seinen sechs Frauen (13 Jahre alt), verstärkt noch die Fremdheit des Prinzen. Es wird hier die rassische Differenz inszeniert, die wohl auf die Faszination des Körpers konzentriert ist.

Auch wenn Prinz Dido im Bild durch seine herrschaftliche Pose seinen Anstand und Stolz markiert, wird – mit Blick auf das Publikum – doch besonders sein ‚halbwilder’ Charakter und die ‚Komik’ seines Auftritts betont. Der Erinnerung des Malers Heinrich Leutemann, des Freundes von Carl Hagenbeck, der ihm die Idee der anthropo-zoologischen Ausstellungen gegeben hat, ist noch ein Jahr nach dem Gastspiel von Prinz Dido in Leipzig (August 1886) das Image des halbwilden Kameruners zu entnehmen:

Mit Frauen und Kindern dagegen, wenn auch ohne Thiere, aber auch mit einer sehr anziehenden Sammlung afrikanischer Erzeugnisse, kam 1886 auf H’s Veranlassung der „Prinz Dido von Didotauwn“ [sic A. G.] nebst einigen andern Schwarzen aus Kamerun, der seit 1885 überall in Deutschland genannten deutsch-afrikanischen Colonialerwerbung, nach Deutschland. Schöne, theilweise herkulische Gestalten von tadelloser Schwärze, konnten sie nicht verfehlen, ebenfalls aufsehen zu machen, insbesondere auch als Beweis, welche Erscheinung diese bloss [sic A. G.] noch Halbwilden bieten. Jedenfalls war der Herr „Prinz“ mit seinem Cylinderhut, seinem europäischen Rock und dem Lendenschurz um die im Uebrigen nackten Beine ein sehr spaßhaftes Bild des halbwilden Negers, mochte [sic A. G] dies auch zuletzt selbst einsehen, denn in Leipzig zog er schließlich Hosen an.

Wie könnte es anders sein, wenn die Schaustellung des anders Aussehenden im imperialen Europa einen herabwürdigenden Beigeschmack beinhalten sollte, um die Schaulust des Publikums zu stimulieren, wenn es darum ging, die Ungleichheit zwischen den Rassen zu zeigen. Die indirekte Infragestellung des Titels „Prinz“ im Falle der kamerunischen Schaustellung versteht sich von selbst. Die Figur Samson Dido aus Didotown konnte ein Prinz sein, aber Prinz für afrikanische Verhältnisse. Dass der Kameruner Prinz vom Kronprinzen Friedrich Wilhelm, dem nachmaligen Kaiser Friedrich im Muschelsaal des Potsdamer Schlosses empfangen wurde, zeigt den widersprüchlichen Charakter von Völkerschauen und vor allem ihre offiziellen und offiziösen Aspekte. Völkerschauen scheinen ein Volksbetrug zu sein, denn im Gegensatz zum Theater, dessen Inszenierungscharakter dem Zuschauer bewusst ist, operieren Völkerschauen mit einem Authentizitätsmythos. Der zur Schau Gestellte hatte daher einen Vertrag mit festen Richtlinien unterschrieben und wusste genau, welche Rolle er vor dem Publikum zu spielen hatte. Der Metallzaun war eine zusätzliche Sicherheit für die Veranstalter, damit das Geheimnis nicht gelüftet wurde, wenn die ‚Exponate’ Kontakte mit den Besuchern aufnahmen.

Wenn aber Prinz Dido außerhalb der Bühne betrachtet wird, bekommt der Leser ein ganz anderes Bild von ihm.

Zwischen Anerkennung und Faszination

Er wurde in Leipzig wie ein ‚Staatsmann’, also als Botschafter der neu erworbenen Kolonie, nach seinem königlichen Stande empfangen. Das Leipziger Tageblatt berichtet:

Prinz Dido von Kamerun kam ½ 6 Uhr mittels der Berliner Bahn hier [in Leipzig, A. G]. an und wurde vom Direktor des zoologischen Gartens, Herrn Prinkert, empfangen. In vierspännigem Galawagen mit Vorreiter nahm der braunfarbige Prinz nebst seinen zwei Frauen und seinem Sohne Platz, begleitet von Herrn Prinkert; in den zwei folgenden Equipagen saßen das Gefolge, sowie die Vertreter Hagenbeck’s und der afrikanische Agent. […] Die Fahrt bis nach dem zoologischen Garten war selbstredend der Gegenstand großer Aufmerksamkeit des Publikums.

Es herrscht in der Schilderung des Ansehens des Prinzen Dido eine Mischung aus Anerkennung durch die Gastgeber und aus exotischer Faszination der Leipziger Bewohner, die in den Werbeanzeigen der Presse schon von der Ankunft des Prinzen vorweg unterrichtet waren. Auf der einen Seite ist der feierliche Empfang durch den Direktor des Leipziger zoologischen Gartens als Werbestrategie anzusehen, durch die der Karawane von Prinz Dido und Gefolge mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Auf der anderen Seite hat dieser Empfang des Ehrengastes mit Werbung nicht zu tun, auch wenn in seiner Präsentation in der Zeitung seine Hautfarbe ein exotisches Unterscheidungsmerkmal ist (der „braunfarbige Prinz“). Die Tatsache, dass er vom Direktor des zoologischen Garten selbst abgeholt wurde und dass er vorne im Galawagen mit seiner Familie saß, während sein Gefolge und sein Anwerber Fritz Angerer hinterher im separaten Wagen kamen, könnte auch die Anerkennung seiner Würde bedeuten:

Noch am gestrigen Abend bezogen die Afrikanischen Gäste die für sie im Skating Rink des zoologischen Gartens bereiteten Gemächer, welche durch die Kunst des Dekorateurs in einer deren Rang entsprechenden Weise hergestellt worden sind. Außer den Wohn- und Schlafräumen ist unter Anderem dem braunfarbigen Prinzen aus dem Kamerunlande und seinen Angehörigen ein prächtig ausgestatteter Empfangssalon zur Verfügung gestellt, in welchem er schon heute einige Besuche entgegennahm.

Die Redaktion des Leipziger Tageblatt insistiert auf dem Rang und der besonderen Stellung des Prinzen. Wie jede respektierte Autorität wird der Prinz in einem ordentlichen Gemach unterbracht. Es mag sein, dass der Skating Rink für die Unterbringung eines solchen Gastes nicht angebracht ist, aber aus praktischen Gründen – der Prinz sollte täglich und dies zwei Wochen lang Schaustellungen im zoologischen Garten anbieten – wurde die ihm angemessene Unterkunft aufgebaut. Wie jede hohe Persönlichkeit hatte er einen Empfangssalon zur Verfügung, in dem er Besuche entgegennahm.

Am Rande von Schaustellungen wird der „Halbzivilisierte“ aber auch zum Mittelsmann für Handel in der Kolonie. Geschäftsleute liefen ihm nach, und boten ihm persönliche Führungen in ihren Betrieben an. Die Geschäftskreise sehen im Kameruner Prinzen einen ‚Multiplikator’ des ‚Deutschtums’ in Übersee und geizen nicht mit Fertigprodukten aus ihren Industrien, die dem Prinzen als Andenken geschenkt werden:

Der braunfarbige Prinz Dido von Didotown besuchte am Montagvormittag die Hutfabrik des Herrn Hoflieferant Haugl in der Rosenthalgasse hier. Herr Haugl, welcher persönlich die Führung des Prinzen in seinem Etablissement übernahm, erklärte demselben in eingehendster Weise die Hutfabrikation. Großes Interesse erweckte bei dem Häuptling aus Kamerun die Fabrikation eines Stücks Filzes. Herr Haugl ließ in die Maschine auf der einen Seite ein Packet Wolle einlegen, welches auf der anderen Seite als ein Stück Filz herauskam, auch die Walkerei und und Appreturwerkstatt fanden lebhafte Aufmerksamkeit des Prinzen. Herr Haugl, verehrte seinem Besucher zum Andenken einen Klapphut, welche Art von Kopfbedeckung bis jetzt in Kamerun noch nicht eingeführt sein soll; für diese freundliche Aufnahme von Seiten des Herrn Haugl ließ der Prinz seinen Dolmetscher danken und unter freudigen Zurufen des inzwischen vor dem Geschäftslocal angesammelten Publicums [sic a. G.] fuhr der Prinz zur Besichtigung einer größeren hiesigen Druckerei.

Bindeglied zwischen Imperium und Kolonie

Im welchen Sinne der Prinz Dido die Erfahrungen seines Deutschlandaufenthalts nach seiner Rückkehr in Kamerun verwerten könnte, steht noch nicht fest. Als Lieferant des Rohstoffs Baumwolle, die dem Betrieb von Herrn Haugl zugute kommen könnte, müsste der Prinz im Kontext einer Realpolitik des Betriebs im Auge behalten werden. Vorab war das gegenseitige Kennenlernen am Wichtigsten.

Die defizitäre und zugleich bedrohliche Fremdheit des Prinzen Dido im Zoo tritt in den Hintergrund, und er wird jetzt nur noch als Partner bzw. Kulturvermittler zwischen der Kolonie und der Metropole im Interesse des vaterländischen Wohlergehens behandelt:

Morgen, Montag gegen Abend, hält in unserer Stadt ein seltsamer Gast seinen festlichen Einzug, nämlich Prinz Dido aus dem Kameruner Lande mit seinen zwei Frauen und seinem ganzen Gefolge. Wir haben es hier, wie gleich von vornherein bemerkt sei, nicht mit einem jener exotischen Gäste zu thun, die sich von Zeit zu Zeit zu uns verirren, um hier besehen zu werden, nein, die Herkunft des Prinzen Dido ist eine ganz unzweifelhafte, er ist in der That ein Fürst in dem neuen deutschen Reichslande und steht mit dem hier wie überall in Deutschland populär gewordenen King Bell in naher Blutsverwandtschaft. Dieser Douallafürst ist zu uns gekommen, um das Land kennen zu lernen, von dessen Größe und Macht jetzt soviel erzählt wird in dem schwarzen Erdtheile, er will mit den Leuten in Beziehung treten, die man nicht mit Unrecht seine Reichsbrüder nennt, und er wird zurückgekehrt nach seiner Heimath, viel zu erzählen haben von dem, was er in Deutschland gesehen und erlebt hat. Insofern hat Prinz Dido eine Culturmission zu erfüllen, deren Bedeutung und Tragweite namentlich in Berlin auch anerkannt wurde, denn hier wurde dieser exotische Gast von dem Kronprinzen des deutschen Reiches und von der Kronprinzessin feierlich empfangen und begrüßt.

Prinz Dido wird mit dem regierenden „Oberhäuptling“ der Dualla, Rudolf Dualla Manga Bell, in Beziehung gesetzt. Er ist mehrmals mit ihm verschwägert. Obwohl sein exotischer Charakter nicht bezweifelt wird, steht dieser aber nicht im Vordergrund. Der „exotische Gast“ ist ein Fürst und konnte unter Umständen auch König werden. Er ist ein Vertreter des „neuen deutschen Reichslandes“. Von der „Größe“ und „Macht“ Deutschlands wird er während seines viermonatigen Aufenthaltes in Deutschland genug Beweismaterial sammeln, obwohl er, wie es im Zitat heißt, mit Recht kein „Reichsbruder“ ist. Prinz Dido ist ein Bindeglied zwischen Imperium und Kolonie. Die hierarchische Beziehung, die ihn mit seinen „Reichsbrüdern“ verbindet, ist charakteristisch für die koloniale Begegnung.

Abschließend lässt sich feststellen, dass Völkerschauen als kulturelle Erwerbsbranche mit der Neugier und den Wünschen der Besucher operiert. Völkerschauen behaupten, ihre Besucher zu belehren, ihr Wissen über die Fremde zu erweitern. Sie operieren mit der Vielfalt der Menschenspezies, aber wie der Vergleich von Programmen verschiedener Veranstalter gezeigt hat, geht es im Grunde nur um einen Betrug, d. h. um die Gleichschaltung aller Afrikaner als Wilde oder Halbwilde. Der Völkerschaubesucher bekommt das serviert, wovon er schon zu Hause geträumt hat und dialogisiert im Kontakt mit den so genannten wilden Fremden mit sich selbst. Es geht um ein trompe l’oeil entertainement, das mit Originalitäts- und Authentizitätseffekten spielt. Zu Einzelfällen – wie im Fall des Prinzen Dido – treten konkrete geschäftliche und diplomatische Interessen neben die angebliche Belehrungsabsicht. Die Inszenierungsmodi der Völkerschauen scheuen nicht im Übrigen vor Aufwand ergänzender Dokumentation zurück. Die zur Schaugestellten werden durch Vertrag, aber auch durch Gitter oder sonstige Barrieren daran gehindert, ihre eigene Innensicht der Dinge zu geben. Der Körper wird zum Exponat und zur Widerspiegelung exotischer Sehnsüchte oder zur Projektionsfläche negativer Fremdbilder der Zuschauer. Dies kommt besonders bei der Zelebrierung des eigenen nationalen Stolzes oder der rassischen Hierarchie zum Tragen.

Der Artikel beruht auf dem stark gekürzten Vortrag von Albert Gouaffo am 3.10.2005 in Withmann College Walla Walla (Washington)

Aus der Publkation »MenschenZoos«, S. 296 – 303, mit freundlicher Genehmigung © Les Éditions du Crieur Public, Hamburg

In der vorliegenden Fassung wurde auf Fußnoten verzichtet.

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erstellt am 14.8.2016

Prinz Dido
Prinz Dido, Abb. aus: John Hagenbeck, Fünfundzwanzig Jahre Ceylon, 1922
Die Publikation zum Thema:

Sandrine Lemaire, Éric Deroo, Pascal Blanchard, Nicolas Bancel, Gilles Boëtsch
MenschenZoos – Schaufenster der Unmenschlichkeit
Broschiert, 508 Seiten
ISBN-13: 9783981506204
Les Éditions du Crieur Public, Hamburg 2012

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Prinz Samson Dido, 1886

Titelseite »Lustige Blätter«, 1911