Undine Gruenter ist heute praktisch in Vergessenheit geraten. Dabei hat die früh verstorbene Schriftstellerin in ihrem Schreiben etwas versucht, was alle Zeiten überdauern müsste: Die Welt über die Beschreibung ihrer Reste zu verstehen. Aus dem, was übriggeblieben ist, sei es von der Liebe oder nach dem Tod, ist das herauszulesen, was vielleicht die Essenz menschlicher Beziehungen darstellt. Gruenter thematisiert in ihren Epiphanien unter anderen die Frage, was eigentlich von den Glücksversprechungen bleibt, nach denen jeder strebt, und die, je versteckter sie wirken, erst einmal entdeckt werden müssen. Reste überdauern, auch wenn sie oft scheinbar unbedeutend und winzig sind, unruhige Zeiten. Sie sind Erscheinungen der Wirklichkeit, die von der Autorin poetisch festgehalten, Momente blitzartiger Erkenntnis entstehen lassen. Riccarda Gleichauf

Buchauszug

Epiphanien, abgeblendet. 56 Prosastücke

Von Undine Gruenter

I

Eines Tages trat er ins Zimmer, legte sein Notizbuch auf den Tisch, blickte gedankenverloren in die kahlgewordenen Bäume vor dem Fenster und begann ohne weiteren Aufschub mit seinem Vortrag. Ein gelehrter Vortrag, versteht sich, eine Abhandlung über den Text, der sich selbst schreibt und die Welt aufsammelt als Reste. Vor dem Fenster brach die Dunkelheit ein und ins Zimmer die Kälte, und immer noch sprach er, während ein eisiger Windhauch zwischen den Wänden wehte.

Aber die Liebe, sagte sie und blickte ihn an. Pst, pst, machte er und legte ihr die Hand aufs Gesicht.

VII

Ich will dein Skelett, sagte der Mann.

Sie standen sich in der Mitte des Zimmers gegenüber, drei Schritte voneinander entfernt, unfähig, sich zu bewegen, unfähig, den hasserfüllten Blick voneinander zu lösen. Seit dem Morgen standen sie dort, die Köpfe dicht unter der niedrigen Decke, die Hände zu beiden Seiten herabhängend, und im Quadrat des Balkongitters fiel die Sonne orangerund in den Abend. Die flachen Knöpfe in der Mitte ihres engen Kleides bildeten eine faltige Linie, schwarze Narbenstiche. Auf der Tafel bogen sich die unberührten und üppig aufgebauten Früchte nach der Wärme des Tages, in den Gläsern hatte sich hauchfein Staub angesammelt, und auch die Kerzen schrumpelten weich und welk in den Abend. Ein Korken war zwischen die Silberschüssel und gläsernen Aufsätze gerollt, an den Tischenden ragten zwei Stühle mit hohen Lehnen steif ins sich verwischende Licht, und eine abgelöste Traube fiel lautlos auf den Steinboden.

Ich will dein Skelett, sagte der Mann mit glitzerndem, hellem Blick, ich will, was übrig bleibt, wenn alles verzehrt ist, das Rückenmark, das entbeinte Fleisch, die Austerngallerte der Augen. Ich will dein Skelett, wiederholte er, die Nägel, die Zähne und das Haar.

Die Hand der Frau beugte sich wie ein Fühler und umschloß den obersten ihrer Knöpfe. Nimm, was du brauchst, sagte sie, auch das Herz, die Hand und das Haar, riß den Knopf ab, einen zweiten, und drückte sie ihm auf die Augen. Nimm, was du brauchst, sagte sie, ich kann nichts verweigern, denn der Liebe gebe ich alles – und dem Geliebten bleibt nichts. Denn du wirst traurig sein, ohne meine Haut, und du wirst meine Knochen ins Meer werfen oder an einer Straßenecke zurücklassen wie abgenagtes Hühnerbein. Es wird nichts bleiben, sagte sie, wenn du alles gewonnen hast, weder die Asche des Skeletts, noch ein halbmondförmiger Nagel, nicht einmal eine Schaumkrone auf einer Welle im Morgengrauen.

So, mit zwei abgerissenen Knöpfen, mit eingedrückten Augen, waren sie sich näher gekommen. Und eine Falte, von ihrer eigenen Schwere erdrückt, fiel aus dem seitlich gerafften Vorhang.

XII

Eines Tages kehrte der Mann ins Zimmer zurück und sagte, er habe sich geirrt. Die Welt als Reste zu denken sei Frevel, und er zerriß die Seiten seines Notizbuchs. Eine Architektur für Selbstmörder, sagte die Frau und schloß das Fenster.

Die Tür öffnete sich, der Mann betrat das Zimmer und legte ein Notizbuch auf den Tisch. Vor dem Fenster stob ein Schwärm Raben in den Himmel.

Aber die Liebe, sagte der Mann. Pst, pst, sagte die Frau und verfolgte den Flug der Raben.

XXIV

Er verließ – „eines Tages“ – das Zimmer, und im Aschenbecher lag ein pergamentdünner Streifen verkohlten Papiers, das er am Tag zuvor angezündet hatte. Der Streifen hatte sich von beiden Enden her eingerollt, und die ausgeglühten Schriftzeichen kräuselten sich verblasst und krakelig wie die Beine einer Spinne. Neben dem Aschenbecher lag das geschlossene Notizbuch. Sie streute den Papierstreifen, der bei der Berührung in pulverfeinen Staub zerfiel, zwischen zwei leere Seiten des Notizbuchs und kniff die Seiten an den Rändern zusammen.

Aber die Liebe, sagte sie und schloss das Notizbuch. Pst, pst, sagte sie, sie schläft in den Resten der Asche.

Auszug aus: Undine Gruenter, Epiphanien, abgeblendet. 56 Prosastücke

siehe auch

Romanauszug: Gerlind Reinshagen, nachts

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erstellt am 12.8.2016

Vorhang auf!

Heute müssen Autorinnen zum Glück nicht mehr heimlich und unter Pseudonym an Küchen- oder Esstischen schreiben. Dennoch erhält so manches Werk aus weiblicher Feder nicht die öffentliche, dauerhafte Resonanz, die ihm zustünde. In loser Folge stellt Faust-Kultur besondere, lesenswerte Bücher vor und gibt ihnen die Bühne zurück, die sie verdienen.

Undine Gruenter, Foto: © Suhrkamp Verlag
Undine Gruenter, Foto: © Suhrkamp Verlag

Undine Gruenter
Epiphanien, abgeblendet
56 Prosastücke
Taschenbuch, 112 Seiten
ISBN-13: 978-3833306693
Berlin Verlag, 2010

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