Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt und der Regisseur Jürgen Flimm führten am Opernhaus Zürich zwischen 1996 und 2001 drei Mozart-Opern auf, die der Komponist einst mit Lorenzo da Ponte schuf. Die Aufzeichnungen von „Don Giovanni“, „Così fan tutte“ und „Le nozze di Figaro“ sind nun auf DVD und Blu-ray erschienen, und Thomas Rothschild hat sie sich angesehen.

Mozart in Zürich

Die Referenz

Dass es einen Mangel an DVD-Aufnahmen von Mozarts Da Ponte-Opern gebe, lässt sich nun wahrlich nicht behaupten. Aber vieles spricht dafür, in Harnoncourts zweitem Zürcher Zyklus (1996-2001) nach dem ersten Versuch mit Jean-Pierre Ponnelle in den späten achtziger Jahren so etwas wie Referenzaufführungen zu sehen.

Dem Regisseur des Zyklus Jürgen Flimm sind schöne Details eingefallen. Wenn etwa Figaro den zum Militär entlassenen Cherubino aufzieht – eine der im Grunde grausamsten Szenen in Mozarts Opernwerk –, spricht aus ihm zugleich die Eifersucht auf den Pagen, diesen unschuldigen Don Giovanni, und auf den Grafen, dessen Avancen an Susanne er durchschaut hat. An einigen wenigen Stellen, an denen die Musik es suggeriert, durchbricht Flimm die realistische Konzeption der Inszenierung und lässt die Darsteller andeutungsweise tanzen: ein Hauch von Marthaler bricht bei Felsenstein ein. Selten wird, wie hier, unter dem Dirigat von Nikolaus Harnoncourt, so hörbar, dass die Musik nicht nur gestisch, sondern auch dialogisch ist, dass Mozart die Lügen, die Ausflüchte, die abgebrochenen Sätze komponiert hat. Der Perfektionist der Texttreue verzichtet auch nicht auf die Arien von Marcellina über die Untreue der Männer und von Basilio über die Vorzüge einer Eselshaut im vierten Akt, die die Handlung zwar nicht vorantreiben und auch musikalisch nicht zu Mozarts besten gehören, die aber die beiden Charaktere aufwerten und ihr Profil stärken.

In „Don Giovanni“ inszeniert Jürgen Flimm die Begegnung des Titelhelden mit Zerlina als hocherotische Verführung, in die Cecilia Bartoli als Elvira wie eine Rachegöttin einbricht. Er bemüht sich nicht um eine Rehabilitierung Don Giovannis. Der ist, verkörpert von Rodney Gilfry, dem Almaviva des Zürcher „Figaro“, bei ihm nicht der liberale Hedonist inmitten prüder Spießer und noch nicht einmal ein charmanter Verführer à la Anatol, sondern ein skrupelloser Vergewaltiger. Und auch Leporello, eindrucksvoll gesungen und gespielt von László Polgár, ist bei Flimm nicht die mehr oder weniger komische Dienerfigur, sondern ein komplexer, fast furchterregender Charakter. Und doch gönnt Flimm Don Giovanni ein Fortleben über den Choral der Moralisten hinaus.

Den Protagonisten des Zürcher Ensembles begegnet man in „Così fa tutte“ wieder. Eine bessere Besetzung wird man zurzeit kaum finden als mit Cecilia Bartoli als Fiordiligi, Liliana Nikiteanu, dem Cherubino aus dem „Figaro“ und der Zerlina aus „Don Giovanni“ als Dorabella und Agnes Baltsa als Despina. Das Abschiedsquintett im ersten Akt erklingt mit so unbeschreiblicher Innigkeit, dass man schon ein Herz aus Stein und Ohren aus Pappmaschee haben muss, um davon nicht berührt zu sein. In „Così fan tutte“ gibt es ja keine zentrale Figur wie beispielsweise in „Don Giovanni“. Deshalb ist der Zusammenklang der Stimmen von besonderer Bedeutung. Cecilia Bartoli und Liliana Nikiteanu bilden stimmlich ein Paar, das die Erfordernisse dieser Oper ideal erfüllt. Den Don Alfonso singt Carlos Chausson, der Zürcher Figaro, als Ferrando und Guglielmo trifft man wieder auf Roberto Saccà und Oliver Widmer, die im „Don Giovanni“ als Don Ottavio und Masetto zu sehen und hören sind. Fehlt nur Isabel Rey, die Susanna aus dem „Figaro“ und die Donna Anna aus „Don Giovanni“. Für sie gibt es keine Rolle.

Jürgen Flimm hat sich bei „Cosi fan tutte“ für den Mittelweg zwischen Psychologisierung und Stilisierung entschieden unter differenzierter Beachtung der Symmetrie, die bei dieser Oper wie bei keiner anderen die dramaturgische wie die musikalische Struktur bestimmt. Meist werden die Mozart-Opern in helle Farben getaucht. Erich Wonder hat dem gegenüber düstere Bühnenbilder entworfen, die nichts von heiterem Rokoko an sich haben.

Die ungewohnten Tempi, die auf einem genauen Studium von Mozarts Partituren beruhen, haben nicht nur Freunde und erst recht nicht nur Nachahmer gefunden. Sie bleiben zum Teil irritierend und lassen andererseits der Regie Raum für Details, die ansonsten kaum möglich wären. Nicht nur der Regie. Bei Harnoncourt spielt das Orchester niemals nur die Rolle des Begleiters. Die Instrumentalstimmen sind gleichberechtigte Partner der Vokalstimmen, und immer wieder hat man den Eindruck, dass die Sänger nicht so sehr mit einander wie mit einzelnen Instrumenten und Orchestergruppen in den Dialog treten. Was, wenn nicht dies, würde die Oper gegenüber dem Sprechtheater auszeichnen?

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erstellt am 11.8.2016

Nikolaus Harnoncourt
The Mozart / Da Ponte Operas
Arthaus Musik, 2016

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