Wie kein anderer hat der Frankfurter Theater- und Kunstkritiker Peter Iden die ästhetische Äußerung des Theaters nach deren Wirklichkeitsgehalt befragt und in dieser Verschränkung das Fundament der dramatischen Kunst gesehen.

Sein jüngst erschienenes Buch enthält eine Auswahl aus den Theaterkritiken, die Peter Iden seit den frühen sechziger Jahren bis heute vor allem für die „Frankfurter Rundschau“ geschrieben hat und zeigt die ganze Bandbreite seines kritischen Schaffens. Chronologisch geordnet bilden diese Kritiken eine persönliche Geschichte des deutschsprachigen Nachkriegstheaters.

Faust wird in loser Folge Auszüge aus diesem umfangreichen Werk vorstellen. Wir beginnen mit Peter Idens Blick auf die 1960er Jahre des deutschsprachigen Theaters.

„Ein Datum in der Geschichte des deutschen Theaters“ – so bezeichnete Peter Iden am 2. April 1969 Peter Steins Inszenierung von Goethes ‚Tasso‘ in Bremen.

Nach dem Eindruck zunehmender Bedeutungslosigkeit des Theaters schienen sich hier neue Wege zu einer sprach- und formbewussten dramatischen Kunst zu öffnen, die dabei die realen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse nicht aus dem Blick verliert.

Theater

Die 60er Jahre – Jahrzehnt des Aufbruchs

Von Peter Iden

Gesellschaftlich war das – im Westen, in der Bundesrepublik – zunächst ein Jahrzehnt des Aufbruchs. Das durch den Weltkrieg zerstörte Land war nun (fast) wieder aufgebaut. Man sprach vom deutschen Wirtschaftswunder. Es bildete sich ein neues Selbstbewusstsein. Das bestimmende Gefühl war: Es geht uns gut, vieles ist möglich, Initiative lohnt sich, wer zugreift, kommt weiter. John F. Kennedy war Präsident der Vereinigten Staaten geworden, der Elan seiner Metapher von der „einen Welle, die alle Boote hebt“ („One rising tide lifts all the boats“) entzündete die Lust auf Veränderung und Anfang. Und griff über auch auf die Künste. Avantgarde sein – es war das verlockende Gebot und die Chance der Stunde.

Ab etwa der Mitte des Jahrzehnts begann die Stimmungslage sich zu wandeln. Kennedy wurde in Dallas ermordet. Der Krieg der Amerikaner in Vietnam provozierte die ohnmächtige Wut von Protestbewegungen in den USA und weltweit. In der Bundesrepublik begann die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Jahre des Nazi-Regimes. Der anfängliche Enthusiasmus der Epoche wich zunehmender Skepsis gegenüber dem wirtschaftlichen Erfolg und den hierarchischen Strukturen in der Politik, an den Universitäten wie auch an den Institutionen der Kultur, den Museen, den Theatern. Am Ende des Jahrzehnts dominieren die Zweifel – am Umgang mit der eigenen Geschichte und an den Systemen der öffentlichen Ordnung ebenso wie in Hinsicht auf die privaten Beziehungen und die politisch jetzt mehr und mehr problematisierte Rolle der Frau.
Die Praxis der Theater wurde anfangs bestimmt von den Regisseuren mit großer Vergangenheit. Leopold Lindtberg inszenierte in Salzburg Goethes „Faust“ noch in traditioneller Manier. Von Fritz Kortner kamen aus München andere, vitalere und kühnere Signale. Seine Aufführung von Shakespeares „Was ihr wollt“, erlebt auf einer Tournee-Station im Rahmen der Wiesbadener „Maifestspiele“, weckte das Interesse des jungen Journalisten-Anfängers mit einer lebenslang anhaltenden Nachwirkung.

Es war die beste Zeit, weniger der großen Stadt- und Staatstheater als der mittleren Bühnen. In Darmstadt entdeckte der Intendant und Regisseur Gerhard F. Hering als Nachfolger Sellners Autoren wie Konrad Wünsche und Romain Weingarten, machte aufmerksam auf Sartre, Genet und Samuel Beckett. In Frankfurt kam Hans Günter Michelsen zum Zuge mit kritischen Befragungen der Wirklichkeit und in Ulm probierte Paul Pörtner eine offene Dramaturgie, die den Zuschauer mit hinein nahm in die Entscheidung über den Ausgang eines Handlungsverlaufs. Von stürmischer Heftigkeit waren Hansgünther Heymes hochpolitische Interpretationen von Schillers „Tell“ und dem „Marat“ von Peter Weiss in Wiesbaden. Am Frankfurter „Theater am Turm“, ursprünglich eine Landesbühne, ließ der junge Claus Peymann sich ein auf Peter Handkes frühe, dramaturgisch und in ihrer Tendenz das Publikum aufstörende Absagen an das alte Theater. Das „Theater am Turm“ war auch der wichtigste Schauplatz des ersten internationalen Theaterfestivals in Deutschland, der „Experimenta“, das zurückging auf eine Idee Piscators und von dem Theaterverleger Karlheinz Braun und dem Verfasser zwischen 1966 und 1990 insgesamt sechsmal geplant und realisiert wurde.

Viele Einflüsse kamen von außerhalb des deutschen Sprachraums. Die düsteren Bilder des Theaters von Jerzy Grotowski beschäftigten die jüngeren Regisseure und Schauspieler der etablierten Bühnen. Das New Yorker „Living Theatre“ von Julian Beck und Judith Malina erregte Aufsehen mit den USA-kritischen Gastspielen in Frankfurt und dem turbulenten Auftritt in Avignon, mitten in den Unruhen des Pariser Mai von ’68. In Nürnberg wurde Megan Terrys „Vietrock“ zum Fanal.

Harry Buckwitz hatte sich in Frankfurt dem von fast allen deutschen Bühnen nach der Niederschlagung des Berliner Aufstands vom 17. Juni praktizierten Boykott der Stücke Bertolt Brechts widersetzt, „Puntila und sein Knecht Matti“ wurde zur stärksten Inszenierung der Frankfurter Jahre von Buckwitz. Es war aber Erwin Piscator, der als Intendant der Freien Volksbühne in West-Berlin das Wohlgefühl der Deutschen am nachdrücklichsten unterlief mit seinen Aufführungen der Stücke von Rolf Hochhuth, Heinar Kipphardt, Martin Walser, vor allem mit „Die Ermittlung“, gleichzeitig herausgebracht von mehreren deutschen Bühnen, der Reaktion von Peter Weiss auf den in Frankfurt stattfindenden Auschwitz-Prozess.

Als das Jahrzehnt zu Ende geht, wird das Bremer Theater zum Mittelpunkt. Mit Peter Zadek und dem nach dem Mauerbau von Brechts „Berliner Ensemble“ in Ost-Berlin in den Westen geflohenen Peter Palitzsch, Protagonist schon seiner Zeit als Intendant in Ulm (1959-1962), war Kurt Hübner nach Bremen gewechselt und hat dort es verstanden, erste Kräfte der deutschen Schauspieler zusammenzubringen auch mit den jüngeren, von Hübner früh erkannten Potenzen der Regie und des Bühnenbildes. Peter Stein wird hier in Bildern von Wilfried Minks, der in seinen Entwürfen immer wieder Impulse aus der aktuellen bildenden Kunst (vor allem der Pop-Art) aufnimmt, Goethes „Tasso“ inszenieren und damit der Klassiker-Rezeption eine neue Wendung geben. Der vom Theater Giorgio Strehlers in Mailand kommende Klaus Michael Grüber, später ein Partner Steins an der Berliner Schaubühne, erlebt mit Shakespeares „Sturm“ in Bremen seinen Durchbruch. Und es ist Kurt Hübner, der den Filmemacher Rainer Werner Fassbinder, bis dahin an einem Münchner Kellertheater als Regisseur der Bühne nur Insidern bekannt, für Bremen entdeckt und in einem „Showdown“ herausstellt.

Vorausweisend auf das kommende Jahrzehnt werden die Wiederentdeckung der Stücke Marieluise Fleißer und Ödön von Horváths. Franz Xaver Kroetz, Wolfgang Bauer, Peter Turrini, Martin Sperr, Wolfgang Deichsel schreiben Dialekt- und Heimatstücke, die (wie das kritische Volkstheater des an westdeutschen Bühnen viel gespielten Italieners Dario Fo) das Repertoire erweitern um scharfe, oder böse Blicke auf nur scheinbar vertraute soziale Milieus.

Auszug aus:
Peter Iden: Der verbrannte Schmetterling. Wege des Theaters in die Wirklichkeit, © Europäische Verlagsanstalt

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erstellt am 29.3.2011

Szenenfoto aus Goethes Tasso

Regie: Peter Stein
Bühne: Wilfried Minks
Die beiden Leonoren:
Jutta Lampe (l.) und Edith Clever,
Bremer Theater 1969.
Foto: Günter Vierow

Peter Iden diskutiert mit Hans Neuenfels, Günther Rühle und Oliver Reese in den Frankfurter Kammerspielen anlässlich seiner Buchvorstellung.

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