1590, zwei Jahre, bevor die Heilige Inquisition nach ihm griff, lebte der Philosoph Giordano Bruno in Frankfurt am Main. Dort, weiß Otto A. Böhmer, hatte der weise Ketzer, der schon in vielen europäischen Städten die Frommen gegen sich aufgebracht hatte, die Gelegenheit, sich mannhaft zu bewähren.

Der Philosoph Giordano Bruno

Schöne Träume

Der Philosoph Giordano Bruno, der nun schon recht lange nicht mehr jung war, hatte sich, den zumeist dürftigen Umständen gehorchend, in der Stadt Frankfurt am Main niedergelassen. Es war schon kurios: In Frankfurt, dessen leicht muffiges Klima ihm von Anfang an überhaupt nicht behagte, schlief er wie nie zuvor in seinem Erdendasein; und es war ihm gelungen, in der Stadt einige wohlhabende Gönner kennenzulernen, die ihn alsbald für einen bedeutenden Denker hielten, sich aber standhaft weigerten, auch nur eine einzige Zeile von ihm, dem Philosophen, zu lesen. Einer dieser Gönner war der steinreiche Handelsherr Possmann, ein ebenso korpulenter wie extravagant-heiterer Bursche, der den Philosophen öfter zu sich einlud oder Spazierfahrten mit ihm in der vergleichsweise lauschigen Umgebung von Frankfurt unternahm.

An einem schönen Spätsommertag hatten Possmann und der Philosoph sich zu einer Fahrt ins Grüne verabredet. Auf dem Weg zum Hause des Handelsherrn dachte Giordano Bruno über die merkwürdigen Träume nach, die ihn in den vorangegangenen Nächten mit einem fast planmäßig zu nennenden, sanft-tückischen Zuspruch, aus dem Wahnwitz erwuchs, heimgesucht hatten. Sie waren nicht unangenehm, diese Träume, nein, das nicht; eher gaben sie sich lächerlich, spielten mit ihm, einem inzwischen doch schon zweiundvierzig Jahre alten Mann, und beharkten ihn mit jenen dunklen Wunschvorstellungen, denen er als Knabe, als Kind mit eisgrauen Augen, noch nachhängen durfte. Vier Nächte hintereinander hatte sich Giordano Bruno als Held gesehen; er lag im Bett, eingerollt in sein bretterschweres Laken, und das Gesindel der Welt stieg im Traum zu ihm herab: Diebe, Mörder, Fallensteller und die noch verfügbaren freiberuflichen Halunken. Sie lauerten ihm auf, stellten ihm nach; wüste Drohungen stießen sie aus und waren bis an ihre fauligen Zähne bewaffnet. Er aber, ein Philosoph, schwach in den Armen und bärenstark im Geiste, ließ sich davon gar nicht beeindrucken: Er lachte und wurde zum Held. Er war der Held des Tages, aber es gab keine Bewunderer, die ihn feiern wollten in dieser Nacht, und so wachte er schließlich auf, in gekrümmter Haltung, aber sehr zufrieden und noch immer mit einem Gefühl enormer Stärke versehen, das ihn auch jetzt nicht verließ, als er auf dem Wege zum prächtigen Stadtdomizil des stets frohgemuten Handelsherrn Possmann war. Bruno fand, dass die Leute, denen er begegnete, anders aussahen als sonst; sie senkten den Blick, wagten nicht, ihm in die Augen zu schauen. Ja, es wird wohl schon so sein, dachte der Philosoph, über Nacht bin ich, unwiderruflich, zum Helden geworden.

Possmann wartete vor dem Haus auf ihn; die Kutsche war angespannt. „Ihr seht, mit Verlaub, noch recht verschlafen aus, mein guter Bruno“, sagte er. „Ich hatte schöne Träume“, entgegnete der Philosoph. „Und wie es scheint, reichen sie weit hinein in den Tag.“ – Sie fuhren aus der Stadt hinaus; die Luft blieb muffig, aber die Landschaft veränderte sich: Am Horizont sah man dunkelgrüne Waldberge; eine matte Sonne stand am Himmel, und das Land wurde auf einmal weit. Wälder taten sich auf; die Kutsche schien auf einem Weg zu sein, der zielsicher von allen mühsam errichteten menschlichen Behausungen wegführte. Possmann schwieg, was insofern verwunderlich war, weil es überaus selten vorkam. Er lächelte auch nicht vor sich hin, sondern schaute vergleichsweise ernst und verbiestert drein, so als setze ihm ein hartnäckiges Problem zu, das mit Geld allein nicht aus der Welt zu schaffen war. „Und Ihr glaubt es wirklich und wahrhaftig“, meinte er schließlich, „Ihr glaubt, dass da noch andere Himmelskörper existieren, auf denen es Leben geben könnte?“ – „Ich glaube es nicht nur, ich weiß es“, sagte der Philosoph. „Ebenso wie diesen herrlichen Planeten, den wir Erde nennen, gibt es noch unendlich viele andere, die einen besonderen Abstand voneinander halten und durch eigene Schwerkraft in ihrer Bahn gehalten werden. So entsteht dauerndes Leben und dauerndes Licht. Es sind flammende Körper, die den Ruhm der göttlichen Majestät verkünden und das Werk seiner Hände sind. Von hier aus kommen wir zur Anschauung der Gottheit – nicht als einer, die außerhalb unserer selbst wäre, für sich seiend und in großer Entfernung von uns, sondern als einer, die in uns selbst ist. – Diese Gottheit ist uns innerlicher, als wir uns selber innerlich sein können.“ – „Gut gebrüllt, Herr Philosoph“, sagte Possmann. „Auch wenn ich Euch nicht ganz folgen kann.“

In diesem Augenblick kam die Kutsche abrupt zum Stillstand. Unfreundliche Stimmen waren zu hören; dann wurden die Türen aufgerissen. „Das sind Räuber“, flüsterte Possmann noch, bevor man ihn und den Philosophen aus dem Wagen zerrte. Es waren vier verwegen aussehende Gestalten, die sie umringten; der Anführer, ein wahres Galgenvogelgesicht, fuchtelte mit seiner Pistole herum und brüllte: „Geschmeide und Geld. Alles, was wertvoll ist.“ – Bruno lachte; er erinnerte sich an seine Träume und fühlte sich stark. „Aber meine Herren“, sagte er und ging auf die Räuber zu. „Wir wollen doch gar nichts kaufen. Gleichwohl schätze ich mich glücklich, dass Sie es wagten, uns anzuhalten. Denn damit geben Sie mir die Gelegenheit, mich zu beweisen. Der Held nämlich ist Held auch am Tag, nicht nur im Schutze der Nacht. Gestatten Sie zunächst, dass ich mich von der Qualität Ihrer Waffen überzeuge?“ Der Philosoph griff nach der Pistole des Anführers, der darob so verblüfft war, dass er sie ihm widerstandslos überließ. „Meine Herren Halunken“, rief Bruno. „Es wird Zeit: Zurück in die Wälder!“ Er schoss in die Luft, und die Räuber, alle verdutzt, ja fast einfältig dreinblickend, stürmten davon. – „Sehen Sie, mein lieber Possmann“, sagte der Philosoph zu dem verdatterten Handelsherrn. „So einfach ist es, ein Held zu sein. Was ich schon immer ahnte, weiß ich nun: Die Nacht macht uns stark, und der Tag muss es büßen.“

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erstellt am 10.8.2016

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

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