Der bekannteste Holzschnitt zeigt Ulrich von Hutten in der Rüstung, auf dem Haupt aber trägt er die Dichterkrone aus Lorbeerblättern, die der vor allem lateinisch schreibende Renaissance-Humanist 1517 in Augsburg verliehen bekam. Der Literaturwissenschaftler Herbert Jaumann verweist auf die vertrackte Rezeption des Reichsritters von Hutten.

Essay zu Ulrich von Hutten

Der Dichter als Ritter gegen den Rest der Welt

Mit Ulrich von Hutten, humanistischer Poet, Vagant und schließlich politischer Aktivist auf eigene Rechnung, hat es eine besondere Bewandtnis – mit seinem vielgestaltigen Werk aus lateinischen Versen und Dialogen, historisch-politischen Deklarationen und Flugschriften und der dramatischen Biographie ohnehin, aber ganz besonders mit den Problemen einer historisch angemessenen Einordnung und Interpretation von alledem. Geboren wurde er 1488 als Spross einer Familie von reichsritterlichen Grundherren auf der Steckelburg inmitten von Buchenwäldern, nicht denen bei Weimar, sondern bei Schlüchtern am Nordrand des Spessart, südlich von Fulda, und gestorben ist er im August 1523 mit fünfunddreißig Jahren auf der Insel Ufenau im Zürichsee an den schweren Folgen einer Syphilis, mit der sich der Zwanzigjährige um 1508 in Leipzig infiziert hatte.

Eben erst in den höfischen Dienst des allmächtigen Albrecht von Brandenburg aufgenommen, der Erzbischof von Magdeburg und von Mainz und seit 1518 Kardinal war und mit dem er in Frankfurt an der Oder einst studiert hatte, beginnt der politische Durchbruch des dreißigjährigen Hutten mit der ‚Türkenrede’ des Jahres 1518 (ein 2., vollständiger Druck 1519). Darin ruft Hutten, wie um diese Zeit auch andere Publizisten im Reich, an die Adresse Kaiser Maximilians I. zum Kampf gegen die osmanische Bedrohung auf, und in einer Beilage zu der ein Jahr darauf gedruckten Version formuliert er zum ersten Mal die These über die nicht zuletzt finanzielle Ausbeutung Deutschlands durch die päpstliche Kurie (die „Romanisten“) und ihre klerikalen und fürstlichen Helfershelfer (die „Kurtisanen“). So zeichnen sich in dieser Schrift „die beiden Hauptstoßrichtungen ab: der Kampf gegen das Papsttum als weltliche Macht und die Bekämpfung des deutschen Territorialfürstentums“. Zentral werden für Hutten in den folgenden Jahren „der Gedanke einer politischen Generalreform im Reich gegen die reichsschädigende Libertät der Landesfürsten und die Hoffnung auf die romfeindlichen Stände“, so Heinrich Grimm. Wie der zunächst wichtigste Schutzherr und Mitstreiter Franz von Sickingen eine Art deutscher Condottiere, so ist Hutten von der Renaissance-Idee bestimmt, dass Macht nicht auf Legitimität und Tradition, sondern auf Usurpation beruht.

Solidarität mit Luther und den Seinen

In den Zielen und Begründungen erweitert, vertieft und radikalisiert wurde Huttens Kampf durch die Reformation Luthers. Schon 1518 schreibt Hutten in einem Brief an den Rheinischen Humanisten-Freund Hermann von Neuenahr von einem „Wittenberger Mönchsgezänk“ – eine Wendung, die im übrigen generell charakteristisch ist für die frühe Wahrnehmung der Reformation, die von der damaligen Öffentlichkeit nicht mit dem Thesenanschlag von 1517, sondern erst mit dem Auftreten Luthers vor dem Reichstag und dem neuen Kaiser in Worms 1521 beginnt. Die Reichsacht gegen Luther durch das Wormser Edikt betraf auch den bereits als prominenten Anhänger geltenden Reichsritter Hutten. Dieser beginnt etwa zur gleichen Zeit, die meisten seiner Schriften in deutscher Sprache drucken zu lassen, und ist in seinem Verhältnis zu Luther – beide haben sich nie persönlich getroffen – durch die gemeinsame, wenngleich verschieden motivierte antirömische Politik bestimmt – wobei man ihn, mit der Formulierung Max Webers, eher zu den „religiös Unmusikalischen“ rechnet sollte. Zu seiner wiederholt geäußerten und immer wieder bewiesenen Solidarität mit Luther und den Seinen bewog Hutten die Hoffnung auf Bundesgenossen und die Stärkung seiner politischen Sache, kaum jedoch ein Interesse an der Reform des Glaubens und der Kirche, so wie Luther seinerseits den politischen Bestrebungen eines humanistischen Poeten, eines adligen Reichsritters und ehemaligen kurerzbischöflichen Consiliarius ziemlich fern gestanden und dem gelehrten Humanisten Erasmus Misstrauen entgegengebracht hat.

Huttens Rolle des säkularen Humanisten (anders als Konrad Celtis, auch anders als Johannes Reuchlin, dem Hutten im „Judenbücherstreit“ entschieden zur Seite steht), des am Ende einsamen und verlorenen Kämpfers für die ‚deutsche Nation’ gegen Klerus und Fürsten und alle die vielen anderen modern klingenden Parolen, Etiketten und Ehrentitel haben im 19. und 20. Jahrhundert zu Fehldeutungen geführt, unter denen die der NS-Historie nur die gröbste ist. Fast jedes der Prädikate und jede der Kategorien, die den Hutten-Darstellungen in Monographien oder auch belletristischen Werken wie bei Conrad Ferdinand Meyer zugrunde liegen, hatte eine andere historische Bedeutung als diejenige, die um 1900 und den Jahrzehnten danach so hoch im Kurs stand. Auf diese Weise ist Hutten zum exemplarischen Fall einer ideologischen Verzerrung geworden, deren kritische (und dazu lehrreiche) Auflösung in den groben Zügen einfach, im Detail jedoch nicht so leicht und bei weitem noch nicht geleistet ist. Man kann das u. a. in den Untersuchungen von Wilhelm Kreutz (1984) nachlesen.

Demontierung der Hutten-Legende

Erstaunlich ist allerdings, dass die Kritik des anachronistischen Hutten-Bildes seit dem 19. Jahrhundert und die dadurch ermöglichte Befreiung der Forschung keineswegs zu einer ‚nachhaltigen’ Bemühung um den historischen Hutten geführt hat, die über deren Aufschwung im Hutten-Gedenkjahr 1988 hinaus (und nur wenigen Arbeiten davor und danach) angehalten hätte. Man kann solche vergeblichen Korrekturen bereits im Fall des heute ganz vergessenen Reformationshistorikers Paul Kalkoff (1858-1928) studieren. Kalkoff, ein Schüler Hermann Baumgartens, kritisierte Hutten streng von Luther her und gelangte zu einem ganz anderen Hutten-Bild, das wenig später auch von dem in die USA emigrierten Historiker Hajo Holborn abgelehnt und darüber hinaus von allen Seiten geschmäht wurde. Inmitten der ideologisch aufgewühlten Zwanziger Jahre unternahm Kalkoff nicht mehr und nicht weniger als eine Demontierung der nationalideologischen Hutten-Legende: „Da nur kritisch erforschte Geschichte als solche gelten kann, musste ihr die vielen deutschen Herzen teure Legende von Hutten und Sickingen als den Vorkämpfern der kirchlichen und geistigen Freiheit, den Bannerträgern des nationalen Gedankens geopfert werden“, steht im Vorwort zu seinem zweiten Buch über „den geschichtlichen Ulrich von Hutten“ von 1925. Kalkoff geriet so zwischen alle Stühle, gewiss den für einen Kritiker als Konsensverweigerer einzig möglichen und ehrenvollen Standort. Aus dieser Position hat man seine Arbeiten bis heute nicht wieder hervorgeholt – kein Wunder natürlich in unserem Zeitalter des Totalopportunismus gerade auch der akademischen Eliten.

Allein der schmale Band von Helmut Spelsberg lässt sich nun als eine späte Wiederaufnahme jener jubiläumshistorischen Initiativen begrüßen, die nun schon wieder fast dreißig Jahre zurückliegen. Spelsberg hat den großen Katalog der denkwürdigen Hutten-Ausstellung des Landes Hessen 1988 aus Anlass des 500. Geburtstages mit einer annotierten Werkbibliographie versehen, der wohl brauchbarsten seit Benzing. Die Beschreibungen der einzelnen Drucke, deren Zahl (67) gleich geblieben ist, und die Bemerkungen zum Inhalt der Texte bilden die Grundlage für den zweiten Teil von Spelsbergs neuem Buch, der leicht überarbeiteten und erweiterten Bibliographie von 1988. Neu hinzugekommen ist ein 1. Teil, die Biographie Huttens in sieben Kapiteln, in denen zuverlässig die wichtigsten Aspekte behandelt werden, darunter die Studienaufenthalte in Italien und der Status als Poet des lateinischen Humanismus, die Greifswald-Rostocker Episode (1509/10) und die Familienfehde mit Herzog Ulrich von Württemberg, die Tätigkeit als Rat an den Höfen des Kardinals Albrecht von Brandenburg, „Huttens vereitelter Weg zu den Habsburgern Karl V. und Ferdinand I.“, der Wormser Reichstag und der Aufenthalt auf Sickingens Ebernburg, das Verhältnis zu Luther und der Reformation, der „Pfaffenkrieg“ und die Flucht nach Mühlhausen und Basel, der Bruch mit Erasmus und das Ende auf der Insel. Die Erzählungen bieten einen sehr guten Überblick und berühren alle wichtigen Probleme, wenn auch ganz ohne vorausweisende, neue Aspekte der Interpretation. Spelsbergs Huttenbild ist – kein Wunder, möchte man sagen – frei von den alten Verzeichnungen und Verzerrungen, und der Verfasser scheint zu glauben, sich deshalb aller kritischen Abgrenzungen von älteren Auffassungen enthalten zu können. Also keinerlei Heroisierung, aber auch keine kritische Auseinandersetzung mehr mit der älteren Forschung. Doch vielleicht ist eben das der Grund dafür, dass sich Spuren der alten Faszination erhalten haben: Und heute ist es nicht mehr die für den tragisch gescheiterten Nationalhelden, sondern eher für die Melancholie der Vergeblichkeit, die man auch aus dem Buchtitel heraushören kann, der klingt, als ginge er auf ein Zitat zurück. Es gälte aber, eine neu begründete Faszination für diesen besonderen Autor der Frühen Neuzeit begreiflich zu machen.

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erstellt am 07.8.2016

Ulrich von Hutten
Ulrich von Hutten, Holzschnitt von Erhard Schön um 1522

Helmut Spelsberg
Aber Hutten kehrte nicht um
Betrachtungen zu Leben und Werk Ulrich von Huttens
Broschiert, 163 Seiten
ISBN: 978-3-7720-8586-4
Narr Francke Attempto Verlag, Tübingen 2015

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Weitere Quellen zu Ulrich von Hutten

Helmut Spelsberg: Veröffentlichungen Ulrichs von Hutten. In: Ulrich von Hutten. Ritter, Humanist, Publizist, 1488-1523. Bearbeitet von Peter Laub. (Kassel) 1988, S. 412-441.

Josef Benzing: Ulrich von Hutten und seine Drucker. Eine Bibliographie der Schriften Huttens im 16. Jh. Mit einem Beitrag von Heinrich Grimm. Wiesbaden: Harrassowitz 1956.

Heinrich Grimm: Ulrich von Hutten. Göttingen: Musterschmidt 1971.

Herbert Jaumann: Artikel Hutten, Ulrich von. In: Deutscher Humanismus 1480-1520. Verfasserlexikon. Herausgegeben von Franz Josef Worstbrock. Bd. 1. Berlin: De Gruyter 2008, Sp. 1185-1237. Darin auch die Forschungsliteratur seit David Friedrich Strauss (1858/60).

Wilhelm Kühlmann: Edelmann – Höfling – Humanist. Zur Behandlung epochaler Rollenprobleme in Ulrich von Huttens Dialog Aula und in seinem Brief an Willibald Pirckheimer. In: Höfischer Humanismus. Hrsg. von August Buck. Weinheim: VCH Acta Humaniora 1989, S. 161-182.

Wilhelm Kreutz: Die Deutschen und Ulrich von Hutten. Rezeption von Autor und Werk seit dem 16. Jahrhundert. München: Fink 1984.

Paul Kalkoff: Ulrich von Hutten und die Reformation. Leipzig: Haupt 1920, und ders.: Huttens Vagantenzeit und Untergang. Der geschichtliche Ulrich von Hutten und seine Umwelt. Weimar: Böhlau 1925.