In seinem neuen Buch beschreibt Didier Eribon eine Rückkehr nach Hause, in die Arbeitervorstädte von Reims, in ein Milieu, das der Autor, wie er über einige Jahrzehnte hin meinte, hinter sich gelassen hatte. „Rückkehr nach Reims“ ist eine ergreifende Biographie und zugleich eine hellsichtig scharfe politisch/soziologische Analyse, meint Martin Lüdke.

Lüdkes liederliche Liste

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims

Warum, frage ich mich jetzt schon seit Tagen, tue ich mich so schwer mit diesem faszinierenden Buch: „Rückkehr nach Reims“. Das heißt: mit dieser Beschreibung einer Rückkehr des Autors Didier Eribon nicht nur in seine Heimatstadt, dieses Transparent für Champagner & Kathedrale, sondern einer Rückkehr nach Hause, in die Arbeitervorstädte von Reims, in ein Milieu, das der Autor, wie er über einige Jahrzehnte hin meinte, hinter sich gelassen hatte. Mit dieser seltsamen Gemengelage, in der sich Scham und Wut, Stolz und Enttäuschung ebenso verquicken, wie die Gefühle mit eiskalter Analyse.

Das Buch ist wirklich eine Wucht. Eine ergreifende Biographie und zugleich eine hellsichtig scharfe politisch/soziologische Analyse. Ein mächtiges Pamphlet gegen das Versagen der (nicht nur) französischen Linken und ein schonungsloses persönliches Bekenntnis. „Die Wiederentdeckung dieser ‚Gegend meiner selbst’, wie Genet gesagt hätte, von der ich mich so sehr hatte lossagen wollen.“ Faszinierend, weil da ein Mensch seine eigene, doppelt schmerzhafte Geschichte begreifen will. Packend, weil diese schreckliche und doch so berührende Geschichte tatsächlich begriffen wird, und zwar als eine ganz alltägliche. Der Autor zählt unterdessen zu den bekanntesten und bedeutendsten französischen Intellektuellen der Gegenwart. Er beschreibt seinen sozialen Aufstieg nicht nur als Klassenverrat, sondern vor allem als Verrat an sich selbst.

Der Einfluss seiner beiden Hausheiligen, Michel Foucault, mit dem er befreundet war und über den er 1889 eine noch immer gültige Biographie herausgebracht hatte, und Pierre Bourdieu, dem er vieles verdankt und dessen theoretische Werkzeuge er überzeugend zu gebrauchen weiß, der Einfluss dieser beiden Vor-Denker zieht sich durch das ganze Buch, das, paradoxerweise gerade deshalb, so originell geworden ist.

Didier Eribon wurde 1953 in Reims geboren. Der Vater war Hilfsarbeiter, die Mutter arbeitete als Putzfrau. Der Vater schaffte es immerhin bis zum Vorarbeiter, die Mutter ging später in die Fabrik, um ihrem Sohn, Didier Eribon also, bei der Finanzierung seines Studiums helfen zu können. Und dann das? „Mehr als zwanzig Jahre hatten meine Eltern dort“, in einer Vorstadt von Reims, „gelebt, ohne dass ich mich zu einem Besuch hatte durchringen können.“

Offene und versteckte Gewalt

Er hatte mit seinen Eltern, ja mit seiner Familie überhaupt gebrochen. Auch als er von seiner Mutter erfährt, dass sein Vater vor einer Stunde gestorben ist, reagiert er erschreckend kalt: „Ich mochte ihn nicht. Ich hatte ihn nie gemocht. (…) Die Abgründe, die sich in meiner Jugend zwischen ihm und mir aufgetan hatten, waren mit den Jahren größer, wir füreinander Fremde geworden. Nichts verband uns, nichts hatten wir gemeinsam. Wenigstens“, diese Ergänzung ist wichtig, „glaubte ich das oder hatte es so sehr glauben wollen, weil ich dachte, man könne ein Leben losgelöst von seiner Familie leben und sich neu erfinden“. Erst nach dem Tod seines Vaters kommt Eribon, zwar nicht mit der Familie, doch mit seiner Mutter wieder ins Gespräch. Wir tauchen (als Leser) tief in das Milieu dieses Arbeiterhaushalts ein, erkennen die offene, aber auch die versteckte Gewalt und verstehen sehr bald, warum die Kluft, die sich zwischen dem Jungen, der sich zum Intellektuellen entwickelt, und seiner Familie, die naturgemäß in ihrem Milieu verharrt, schließlich unüberwindbar wird.

Der junge Didier Eribon war aber nicht nur das Kind aus der Unterschicht, das sich für seine Herkunft schämte, er war darüber hinaus auch noch schwul, was ihm in der Familie, in seiner zackig homophoben Umgebung, den Ruf einer Schwuchtel einbrachte. Im Laufe seiner intellektuellen Entwicklung lernte er es, sich zu seinen sexuellen Neigungen zu bekennen. Er schrieb Bücher darüber, die breite Resonanz fanden und zum Beispiel auch in der berühmten und einflussreichen Fernsehsendung „Apostrophe“ mit Bernard Pivaut diskutiert wurden. Als sein Vater ihn im Fernsehen sah, soll er geäußert haben, dass er jedem, der etwas gegen Schwule sage, eins „auf die Fresse“ geben werde. Und einer seiner Brüder verbot seiner Frau, sich in Zukunft noch einmal abwertend über Homosexualität zu äußern. Das alles erfährt Eribon später von seiner Mutter. Und ihm wird klar, wie viel leichter es ihm gefallen war, über sexuelle Scham zu schreiben als über soziale. Er hat seine Herkunft verleugnet, seine Sprache der veränderten sozialen Stellung angepasst, seine Gestik, sein Vokabular, seine Aussprache permanent kontrolliert, um ja nichts über seine Herkunft zu verraten. Eribon war überfordert, um an zwei Fronten zugleich zu kämpfen. Weil ihm die Anerkennung als Schwuler wichtiger war, da sah er seine Zukunft, versuchte er seine Herkunft zu verdrängen, auch wenn er immer wieder, noch einmal nach dem Tod seines Vaters, darauf gestoßen wird. Er gehe nicht zur Beerdigung des Vaters, sagte er einem Freund, seine Mutter aber wolle er besuchen. Dieser Freund, naturgemäß ein „Erbe“, entgegnete ihm, er „müsse ja sowieso zur Testamentseröffnung nach Reims“. Das war spontan dahingesagt und machte doch augenblicklich wieder die Kluft sichtbar. „Testamentseröffnung! Großer Gott! So etwas gibt es in meiner Familie nicht. Was sollte auch vererbt werden?“ – dachte er und murmelte wohl so etwas wie jaja.

Während seiner Schulzeit radikalisiert sich Eribon. Er tritt einer trotzkistischen Vereinigung bei und verachtet fortan die kleinbürgerlichen Anpassungsversuche seiner Eltern. Erst sehr spät versteht er, wie recht sein Vater hatte, den Verbal-Radikalismus der Neuen Linken als Zwischenstufe einer späteren bürgerlichen Karriere zu betrachten. Hier öffnet sich die Autobiographie und geht in eine Entwicklungsgeschichte der kommunistischen Linken (nicht nur Frankreichs) über. Eribon zeigt, wie die Linke seit den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts ihre angestammte Klientel verraten hat, die sich heute von keiner Partei mehr repräsentiert sieht. In der Welt seiner Jugend war man, wie selbstverständlich, kommunistisch. Und alle diese Leute, die damals, wie selbstverständlich, auch die Kommunisten wählten, sind heute beim Front National, der Rechten gelandet. Wenn man den Erfolg der AfD bei uns, den scheinbar unerklärlichen Erfolg des amerikanischen Rattenfängers begreifen will, dann bietet dieses Buch auch dafür einige wertvolle Hinweise.

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erstellt am 04.8.2016

Didier Eribon
Rückkehr nach Reims
Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn
Broschur, 240 Seiten
ISBN: 978-3-518-07252-3
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016

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