Kate Tempest ist eine erfolgreiche Rapperin und Spoken-Word-Artistin. In ihrem Roman „Worauf du dich verlassen kannst“ erzählt sie von jungen Menschen in London, die sich in Zeiten der Wirtschaftskrise eine Existenz aufbauen möchten und nach Sinn suchen. Tempests Figuren rappeln sich trotz der Krise immer wieder unbeirrt auf, berichtet Riccarda Gleichauf.

Buchkritik

Die Großstadt, ein pulsierendes Monster

Kate Tempest ist momentan eine der zu Recht gefeierten Rapperinnen und Spoken-Word-Artistinnen Englands. Jetzt gibt sie in ihrem Romandebüt „Worauf du dich verlassen kannst“ den Stimmen einen Raum, denen bisher auf der Bühne zu wenig Platz eingeräumt werden konnte.

Im Fokus stehen die „kids“ der Wirtschaftskrise, die gewohnt sind, mehrere Jobs parallel zu haben; für die es normal ist, wie Eichhörnchen den „Nüssen“ tagtäglich hinterherzuhüpfen. Die Kraft dafür holen sie sich aus dem Selbstverständnis, für ihren Traum malochen zu müssen. Für den Traum vom eigenen Leben. Von diesem zukünftigen, authentischen Leben sind sie fast alle überzeugt, wenn die erbarmungslos-schöne Stadt, konkret hier London, sie nicht vorher verschlingt. Denn ohne Drogen und Alkohol sind die Fratzen des Alltags schwer zu ertragen:

„Sie (kids) existieren in der Masse und fühlen sich als Teil des Ganzen. Sie misstrauen allem außer Trends. Ihre Hoffnung besteht darin, abends rauszugehen und sich abzuschießen, die Gesichter entstellt von Alkohol und Drogen, die sich am Morgen grausam rächen (…). Sieh, durch feuchte Augen und blutige Finger, wie die Stadt zugrunde geht und wiederaufersteht.“

Da ist zum Beispiel die talentierte und gutaussehende Becky, die eigentlich eine Ausbildung zur Tänzerin abgeschlossen hat und in einem festen Tanzensemble arbeiten möchte. Da sie aber nur ab und zu für alberne Hintergrundtanzereien auf Musikvideos gebucht wird, kann sie sich finanziell nicht über Wasser halten. Deswegen jobbt sie in einem Café und arbeitet zusätzlich zweimal die Woche als „Masseuse“.

Unverstellter Blick auf London

Auf einer Party trifft sie die androgyne Harry und fühlt sich direkt von ihr angezogen. Die zunächst wortlose Verbundenheit erzeugt ein Vertrauen, durch das sich die beiden, ohne zu wissen warum, ihre intimsten Vorstellungen von einem echten Leben erzählen. Vielleicht liegt es auch an der Mischung aus Koks und Alkohol, die ihre Redseligkeit fördert.

Es sind die verzweifelt-kompromisslosen, glasklar geschliffenen Sätze, die „Worauf du dich verlassen kannst“ zu einem Roman machen, den man nicht mehr einfach so abschüttelt:

„Alle sind auf der Suche nach ihrem persönlichen Quäntchen Sinn. Nach irgendeiner flüchtigen Vollkommenheit, die ihnen das Gefühl geben könnte, lebendig zu sein.“

Es ist nicht nur die Story, die sich mehr und mehr aufbaut und sich zu einer nahenden Katastrophe verdichtet, die beim Lesen fesselt. Vielmehr verfolgen einen die unverstellten Schilderungen der Stadt London als lebendig-pulsierendes Monster. Sie ist ein unruhiges, schlafloses Tier, das auch liebenswerte Seiten hat und dem man deswegen nicht einfach den Rücken zukehren kann, auch wenn es psychisch und physisch zerstörerisch wirkt. Der Satz „Menschen töten wieder für Götter. Uns tötet das Geld“ zeigt den roten Faden der Handlung auf – ein Text, den man phasenweise laut vor sich hinrappen möchte, damit er einen noch stärker in Trance versetzt.

Eine der weiteren Hauptfiguren ist die bereits erwähnte Harry. Sie verkauft Kokain an reiche Geschäftsleute, indem sie als extra gebuchter „Gast“ auf deren Feiern auftaucht. Ein eigentlich perfektes Geschäftsmodell, dessen riskantes Gesicht sie ausblendet, weil sie sich irgendwann in naher Zukunft für die Einnahmen einen Ort erschaffen möchte, an dem sich Menschen versammeln können, um sich zuhause zu fühlen, denn:

„Wir sind einsam. Wir sind alle so einsam in dieser Stadt. Wir brauchen Orte, wo wir hingehen können. Glaub ich.“

Becky und Harry – so unterschiedlich ihre Charaktere auch sind – vereint eine innere Stärke, die mit Blick auf ihre in Rückblenden erzählte Vergangenheit, erstaunlich ist. Was nicht tötet, hat die zwei jungen Frauen abgehärtet, ohne sie gleichzeitig verbittern zu lassen. In ihren vielen (Schein-)leben, die ihnen der Kapitalismus zumutet, versuchen sie herauszufinden, wie sie wirklich sein wollen:

„Als hättest du zwei Leben. Aber welches ist das echte? Welches ist das, das du tatsächlich lebst?“

Der Einfluss der Wirtschaftskrise

Zu dieser nicht leicht zu klärenden Frage tritt noch eine andere irritierende Beobachtung der Dealerin Harry hinzu. Sie wundert sich darüber, dass ja „angeblich Wirtschaftskrise“ sei und sie aber noch nie „so viel Stoff vertickt“ habe. Irgendetwas läuft schief im Königreich, irgendjemand muss das Geld horten. Bei der jungen Londoner Generation ist es jedenfalls nicht.

Pete, die einzige männliche Hauptfigur, ist derjenige, der keine Träume mehr hat. Er existiert mehr schlecht als recht vom Jobcenter und antwortet auf den Vorwurf seiner Halbschwester Harry, dass er sich zu schade sei zu arbeiten:

„Ich halte es nicht für unter meiner Würde, ich kann nur einfach nicht mehr, ich kann einfach nicht mehr für Mindestlohn und auf Abruf arbeiten. Ich arbeite zu jeder Tages- und Nachtzeit und kann trotzdem meine Miete nicht bezahlen und keinen Penny zurücklegen. Ich will einen Beruf wie jeder andere auch.“

Pete hat schon alle möglichen Jobs angenommen, nur um „Arbeit“ zu haben. Dabei besitzt er ein abgeschlossenes Studium, ist diplomierter Politologe.

Auch die Liebe wird von dem Einfluss der Wirtschaftskrise überschattet. Leider trägt Kate Tempest in einzelnen Passagen thematisch dazu etwas dick auf. Gleichzeitig hat es aber natürlich eine eigene Komik, die subversiv à la Judith Butler Geschlechterstereotype kritisiert, wenn man einer Frau Aussagen in den Mund legt, die normalerweise oft von Männern benutzt werden. Die permanente Reduzierung Beckys auf ihre körperlichen Qualitäten durch die verliebte Harry wäre so ein Beispiel:

„Beckys Schönheit ist wie Durst in ihrem Mund.“

Tempest hat ihre Sprache in der Rapperszene entwickelt, die gerne kitschige, klischeebeladene Bilder bedient und in „Worauf du dich verlassen kannst“ den Leser in der einen oder anderen Beschreibung vielleicht genervt die Augenbrauen hochziehen lässt. Wirklich störend bei der Lektüre ist aber das mangelhafte Lektorat der deutschen Übersetzung. Nicht selten fehlen ganze Worte, Satzzeichen und Buchstaben. Ein Freestyletext, vorgetragen auf der Bühne, interessiert sich nicht unbedingt für Grammatik, und es fällt nicht weiter auf, wenn Buchstaben im Eifer des Sprachgefechts verschluckt werden. Bei verschriftlichter Literatur, die eine sorgfältige Behandlung verdient, tut es aber besonders weh, wenn der poetische Lesefluss permanent unterbrochen wird.

„Worauf du dich verlassen kannst“ ist ein Großstadtroman und erinnert an Alfred Döblins Meisterwerk „Berlin Alexanderplatz“. Alle auftretenden Figuren zappeln wie Franz Biberkopf tagtäglich ums Überleben, geben sich richtig Mühe, etwas daraus zu machen, und trotzdem ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie über das wie zufällig gestellte Bein stolpern, um der Länge nach hinzuschlagen.

Kate Tempests Protagonisten rappeln sich, anders als „Franzeken“, zum Glück immer wieder unbeirrt auf und halten an ihren Träumen fest, weil sie glauben, dass es sich lohnt. Nach jedem Sturz bildet sich ein dickerer Schorf auf den erlittenen Wunden und damit auch die Voraussetzung, sich gegen die Gesetze des geldgierigen Molochs Großstadt zu wehren – um einem einsamen Dasein andere (utopische?) Lebensentwürfe entgegenzusetzen.

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erstellt am 03.8.2016

Kate Tempest
Kate Tempest

Kate Tempest
Worauf du dich verlassen kannst
Roman. Aus dem Englischen von Stella Umlaut und Karl Umlaut
Taschenbuch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-499-26989-9
Rowohlt Verlag, Reinbek 2016

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