Das Unerwartete lässt sich am besten beschreiben, wenn man dafür die knappe Form wählt. Ein Virtuose sparsam bestückter Überraschungsprosa ist Günter Kunert. Kunerts neues Buch „Vertrackte Affären“ bietet vergnügliche Geschichten für Leute, die sich gern irritieren lassen, meint Otto A. Böhmer.

Buchkritik

Aus Gewissheit wird Verstörung

Der Mensch hat’s gern regelkonform, was er aber nicht wahrhaben will, weswegen er sich auch schon mal ins Spielerische begibt, das den freien Umgang mit Regelwerken erlaubt, die außer Kraft gesetzt werden wollen. Dabei kann man sich (u.a.) der Literatur bedienen, der vieles erlaubt ist, worüber sich in erster Linie Autoren, nicht immer aber Leser und Buchhändler freuen. Das Unerwartete lässt sich am besten beschreiben, wenn man dafür die knappe Form wählt, also im Zweifelsfall lieber auf Kurzgeschichten statt auf mitteilungsfreudige Romane setzt. Ein Virtuose sparsam bestückter Überraschungsprosa ist Günter Kunert, der das auch in seinem neuen Buch „Vertrackte Affären“, das Texte aus fünf Jahrzehnten versammelt, eindrucksvoll unter Beweis stellt. Seine Geschichten lässt Kunert für gewöhnlich auf vertrautem Terrain beginnen; es geht seinen Gang, aber dann hakt es, das Gewohnte wird ungewohnt und erscheint in einem Licht, das den Leser, auch den, der gar keine Sichthilfen braucht, dazu bringt, die Brille zu putzen. Aus vorgeblicher Gewissheit wird angebliche Verstörung, und auch die hat ihr verstecktes Verfalldatum. In einem Text etwa mit dem schönen Titel „Abschied ist arm an Worten“, der aus wohlgeordneter Erinnerung aufwächst, um dann auf die sonnige Mittelmeerinsel Malta überzuwechseln, trifft „Herr O.“, der sich eben noch an solide Einsichten wie „Ohne Feinde ist das Leben ebenso stumpf wie ohne Freunde!“ gehalten hat, eine alte Liebe wieder, die ihm als bemerkenswert leidenschaftlich im Kopf geblieben ist. Was ihn seinerzeit, warum auch immer, in Wallung versetzte, erweist sich nun als eher lachhafte Posse; die Dame, um die es ging, ist alt geworden, das soll vorkommen, zumal auch Herrn O. die Jährchen, die er schon abgeleistet hat, anzusehen sind. Kurzum, von Leidenschaftlichkeit keine Spur mehr; die beglänzten Erinnerungen erweisen sich als Schaumschlägerei in eigener Sache, der danach nicht mehr über den Weg zu trauen ist.

Kunert spielt mit den Erwartungshaltungen der Leser, ohne zu übertreiben. Er weiß die Wonnen des Gewöhnlichen zu schätzen, das allerdings seine Tücken hat: Aus abendlicher Gemütlichkeit kann dann wiederholter Horror werden; ein Telefonanruf mit wechselnden Fremdstimmen erweist sich als Falle mit Sichtkontakt ins Feindesland: „Wem gehörten die Stimmen? Wo hielten sich ihre Besitzer auf? Oder irrte ich mich doch und war womöglich krank, schwerkrank, so dass ich etwas zu hören glaubte, was gar nicht existierte?“ Fragezeichen über Fragezeichen, die sich letztlich über jede Existenz setzen lassen, von der man eben noch meinte, sie sei rundum sicher. Hilft nichts, da müssen wir durch, dürfen uns aber, immerhin, an ausgesucht schöne Bilder halten, die uns gut tun, also wahrheitsähnlich sind : „Wie leer die Ufer gewesen waren; sogar die Badestellen, von denen Schneisen ins tiefere Wasser führten, völlig menschenverlassen und einsam. (…) draußen auf der freien Fläche zog er die Ruder ins Boot und ließ es treiben … Er streckte sich aus und fand erst in die Welt zurück, als der Kahn schwankte.“

Günter Kunerts Buch „Vertrackte Affären“ bietet vergnügliche Geschichten für Leute, die sich gern irritieren lassen. Zwar ist nichts so, wie es scheint, aber mit der Bodenlosigkeit sollten wir es dennoch nicht übertreiben. Unseren Teil denken können wir uns allemal, das ist, zeitgemäß gesagt, alternativlos: „Sei’s drum, dachte er, wenn ich nicht weiterdenke, wer dann, und wenn nicht jetzt, wann dann?“

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erstellt am 28.7.2016

Günter Kunert
Günter Kunert

Günter Kunert
Vertrackte Affären
Geschichten. Herausgegeben von Hubert Witt
Gebunden, 252 Seiten
ISBN-13: 9783446250567
Hanser Verlag, München 2016

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