Das Abschlusskonzert der Ludwigsburger Schlossfestspiele 2016 musste wegen einer Bombendrohung abgebrochen worden. Pietari Inkinens Aufführung einer Suite von Jean Sibelius kam wegen des falschen Alarms über den ersten von vier Sätzen nicht hinaus. Am Abend zuvor lieferten die Schlossfestspiele noch einen Höhepunkt in ihrem reichhaltigen Angebot an Alter Musik, berichtet Thomas Rothschild.

Ludwigsburger Schlossfestspiele 2016, Teil 6

Spaß und wo er aufhört

Am Morgen nach dem Vorfall meldete die Deutsche Presse-Agentur: „Das Abschlusskonzert der Schlossfestspiele in Ludwigsburg ist wegen einer Bombendrohung abgebrochen worden. Wie die Polizei in der Nacht zum Sonntag mitteilte, hatte eine Person am Rande der Veranstaltung im Forum am Schlosspark gegenüber einem Feuerwehrmann die Drohung ausgesprochen. Der Veranstalter entschied sich daraufhin die Veranstaltung abzubrechen, Gäste und Angestellte in Sicherheit zu bringen und die Polizei zu alarmieren. Die Beamten rückten mit einem Großaufgebot Polizei- und Rettungskräften sowie Sprengstoffspürhunden und einem Hubschrauber an. Das Gelände wurde daraufhin mehrere Stunden lang durchsucht. Die nahegelegene B27 sowie weitere Straßen in der Umgebung wurden für die Dauer des Einsatzes gesperrt. Kurz nach Mitternacht gab die Polizei Entwarnung. Man habe auf dem Gelände keine verdächtigen Gegenstände gefunden. Angesichts der Ereignissen in München am Freitag ging die Polizei zunächst von einem Trittbrettfahrer aus. Derjenige, der die Bombendrohung abgegeben hatte, war nicht mehr aufzufinden.“

Kurios ist die Sache schon. Da macht irgendein Passant gegenüber einem Feuerwehrmann eine Bemerkung, die einen Großeinsatz auslöst, und der Angesprochene versäumt es, sich nach dem Namen des Informanten zu erkundigen oder gar seine Personalien aufzunehmen. Aber auch die dpa-Meldung ist, wie so oft, nur halb richtig. Nachdem das Publikum das Forum am Schlosspark diszipliniert und völlig ohne Anzeichen von Panik verlassen hatte, blieb ein großer Teil auf der gegenüberliegenden Straßenseite stehen, in Erwartung einer Mitteilung, ob das Konzert fortgesetzt würde oder nicht. Erst als Musiker mit ihren Instrumenten abrückten, schien eine Entscheidung gefallen zu sein. Das Publikum ging allmählich nach Hause oder in die umliegenden Kneipen, die Autos fuhren aus dem Parkplatz auf der Bärenwiese ungehindert auf die B27, die eine halbe Stunde nach der Evakuierung des Forums noch keineswegs gesperrt war. Nicht auszudenken, was hätte passieren können, wenn es tatsächlich eine Bombe gegeben hätte.

Ehrlicher Beifall

Die gab es zum Glück nicht. Aber Pietari Inkinens missionarischer Eifer, die Baden-Württemberger mit der selten gespielten Lemminkäinen-Suite von Jean Sibelius vertraut zu machen, blieb um den Erfolg betrogen. Die Aufführung kam wegen des falschen Alarms über den ersten von vier Sätzen nicht hinaus.

Vor der Pause hatte das Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele mit einem weitaus bekannteren Werk begeistert: mit Tschaikowskys effektvollem Violinkonzert. Den Solopart übernahm Daishin Kashimoto, der Erste Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Er meisterte nicht nur die Randsätze mit der erforderlichen Virtuosität und der erwartbaren Dramatik, sondern verlieh zudem dem Mittelsatz eine nicht alltägliche Empfindsamkeit, eine elegische Melancholie, die durch das unvermittelt einsetzende Finale umso kontrastreicher aufgehoben wurde. Der anhaltende Beifall, den auch das Orchester dem aus Berlin angereisten Kollegen spendete, dürfte ehrlich gewesen sein. Zu einer Zugabe wollte sich der Solist nicht entschließen.

Am Abend vor dem Abschlusskonzert lieferten die Ludwigsburger Schlossfestspiele noch einen Höhepunkt in ihrem reichhaltigen Angebot an Alter Musik. Unter dem Leitthema „Don Quichotte“, das man allerdings nicht zu eng verstehen durfte, spielte die formidable Akademie für Alte Musik Berlin entsprechende Kompositionen des Barock. Von Mozart gibt es ein kleines Stück mit dem Titel „Ein musikalischer Spaß“, bekannt auch als „Dorfmusikantensextett“, in dem sich das Genie über die weniger begabten Komponisten seiner Zeit lustig macht und das im Falschspiel endet. In Heinrich Ignaz Franz Bibers „Battalia à 10 D-Dur“ von 1673 hatte Mozarts Scherz einen Vorläufer. Wie sich die Barockmusik denn, jenseits ihrer sakralen Variante, keineswegs immer allzu ernst nahm. Auch gegenüber der Volksmusik hatte sie keine Berührungsängste. Gleich mehrmals im Konzert der Berliner Akademie hörte man Anklänge an den Tanzboden.

Heute sind Tanzlust und Humor weitgehend aus den Konzertsälen der E-Musik verschwunden. Im Jazz wurden sie aufbewahrt. Wovon man sich, ebenfalls bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen, überzeugen konnte, als Markus Geiselhart mit seinem Orchester, das gewissermaßen die Nachfolge des wegen Unterfinanzierung eingegangenen Vienna Art Orchestra angetreten hat, und mit dem Posaunisten Ray Anderson als Gast in der Karlskaserne auftrat.

Ein weiter Weg von Biber über Tschaikowsky bis Geiselhart, und doch wiederum nicht gar so weit. Wenn keine Bombendrohungen dazwischen kommen.

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erstellt am 26.7.2016

Akademie für Alte Musik Berlin © Uwe Arens

Pietari Inkinen und das Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele © Jan David Günther / Ludwigsburger Schlossfestspiele

Daishin Kashimoto