Arnold Schönbergs atonale Komposition „Pierrot lunaire“ auf die Gedichte des belgischen Dichters Albert Giraud wurde 1912 in Berlin uraufgeführt. Der 1983 in Moskau geborene Komponist Michael Langemann versetzt Arthur Schnitzlers Einakter „Anatol“ in unsere Zeit – aus Anatol wird Anna Toll. Beide Werke wurden nun in Frankfurt inszeniert. Andrea Richter berichtet.

Oper in Frankfurt

Atonal, Anatol, Anna Toll

In einer Bar singt eine Sängerin in silbernem Glitzeranzug und mit Zylinder auf dem Kopf zunächst amerikanische Schlager, die jeder kennt. Ein junger Mann lauscht ihr fasziniert. Sie inspiriert ihn. Er beginnt Zeilen zu notieren. Dann hören wir sie, die Diseuse, seine Zeilen mal rezitieren, mal ihm neue suggerieren. In diesem Wechselspiel loten sie existentielle Fragen des künstlerischen Daseins eines Dichters aus.

Es war die Kabarettkünstlerin Albertine Zehme, die Arnold Schönberg gebeten hatte, für sie Gedichte aus dem Zyklus „Pierrot lunaire“ des Belgiers Albert Giraud in der deutschen Übersetzung von Otto E. Hartleben zu vertonen. Schönberg wählte 21 Gedichte aus, teilte sie in drei Gruppen auf, komponierte innerhalb weniger Monate die Miniaturen für acht Instrumente und Sprechstimme – und schuf Musikgeschichte. Das erste, sich strikter Atonalität bedienende Werk erblickte 1912 das Licht der Welt. Atonalität bedeutet zum Glück nicht das Nichtvorhandensein von Tönen. Atonalität bedeutet lediglich, dass die Musik auf einer chromatischen Tonleiter basiert und ohne Grundton auskommt. Daraus sollte Schönberg einige Zeit später die sogenannte Zwölf-Ton-Musik entwickeln, die auch nicht nur aus zwölf Tönen (nominell schon, numerisch nicht) besteht Im Bockenheimer Depot erklingen jedenfalls wunderbare atonale Töne von den acht Instrumenten, in jedem Stück unterschiedlich miteinander sowie mit der teils singenden, teils sprechenden Stimme kombiniert.

Der ursprünglich nicht für die szenische Darstellung gedachte Zyklus macht sich auf der Bühne so glänzend wie der Anzug der brillant agierenden Stimme von Laura Aikin. Und wo sonst und wo besser kann sämtlichen Facetten der Geheimnisse um Liebe, Gefühle, Leben und Tod auf den Grund gegangen werden als in einer Bar, durch deren Oberlicht der Mond sein fahles Licht wirft?

Nach dem filigranen Geflecht aus Musik und Sprache, nach diesem großem Türöffner-Werk für die Moderne, das dem Zuhörer einige Konzentration abgefordert hat, kommt der zweite Teil des Abends daher, als wolle er sich ein über den ersten Teil lustig machen. Jetzt ist Budenzauber in Reinform angesagt: die Uraufführung der Operette in sieben Szenen „Anna Toll oder die Liebe der Treue“ des 1983 geborenen Komponisten Michael Langemann. Basierend auf Arthur Schnitzlers „Anatol“ und Peter Altenbergs „Märchen des Lebens“ geht es in diesem Auftragswerk der Oper Frankfurt tonal, atonal und toll durch Betten und Beziehungen. Sechs Sänger (allesamt gewohnt formidabel) und ein Sprecher (Arthur sowohl Miller als auch Schnitzler, wunderbar vielschichtig) unterstützt von Tänzern suchen zu den Klängen des Orchesters durchaus amüsant nach der respektive dem Richtigen. Musikalische Zitate, Arien, Duette, Terzette und mehr, sogar ein Duett Sprecher-Bass, seufzende Geigen, Glockenspiel, Barbie und Ken, die Schöne und das Biest, Marilyn und Arthur, alles, alles drin. Ein bisschen viel, deshalb auch insgesamt mindestens eine halbe Stunde zu lang.

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erstellt am 23.7.2016

Szenenfoto Pierrot lunaire, Oper Frankfurt: Monika Rittershaus

Oper in Frankfurt

Pierrot lunaire

Dreimal sieben Melodramen aus Albert Girauds Pierrot lunaire op. 21
Uraufführung am 16. Oktober 1912, Choralisonsaal, Berlin

Anna Toll oder die Liebe der Treue

Operette in sieben Szenen
Text von Michael Langemann basierend auf Arthur Schnitzlers Anatol und Peter Altenbergs Märchen des Lebens

Musikalische Leitung Nikolai Petersen
Regie (PIERROT LUNAIRE) Dorothea Kirschbaum
Regie (ANNA TOLL) Hans Walter Richter
Bühnenbild und Kostüme Bernhard Niechotz

Oper Frankfurt

Szenenfoto Anna Toll oder die Liebe der Treue, Oper Frankfurt: Monika Rittershaus