Der weltberühmte Fundamentalontologe Martin Heidegger verstand Philosophie als Bauen, Wohnen und Gedenken. Sein Hauptgebäude „Sein und Zeit“ entstand in einer Hütte in Todtnauberg, wohin er sich im Alter wieder zurückzog, um den guten Wein, der ihm einige Katerstimmungen bescherte, zu genießen und in Tagträumen sein Leben Revue passieren zu lassen. Der unbeschwerte Student Heidegger war niemandem Rechenschaft schuldig. Der in die Jahre gekommene und zum Doppelwesen gewordene Heidegger zog sich selbst zur Rechenschaft. Das konnte er aber nur tun, weil er nicht allein, sondern einsam war. Einsam ist man im Wald, allein ist man in der vollen rauchgeschwängerten Gaststube, weiß Otto A. Böhmer mit Heidegger über Heidegger zu berichten.

Der Philosoph Martin Heidegger

Einsam ist man im Wald

Der Philosoph Martin Heidegger saß vor seiner Hütte; er hatte ein Glas Wein vor sich und fühlte sich – dafür konnte er nicht zur Rechenschaft gezogen werden – behaglich und sicher. Über ihm wölbte sich der Sternenhimmel; im Tal sah er die Lichtpunkte der widerständig-verschwiegenen Schwarzwälder Behausungen, ein leichter Wind ging, und Heidegger dachte daran, dass in Nächten wie dieser das Denken fast heiter-resignierend zum Erliegen kommen musste. Alles war so, wie es sein sollte; er, ein in die Jahre gekommener Philosoph, saß hier und wurde flugs wieder jung: Die Zeit hielt inne, ließ sich, nur im Traumspiel einer einzigen wiederholbaren Nacht, noch einmal neu in die Karten schauen.

Er sah sich, nun schon mit geschlossenen Augen, als stämmigen Studenten die Schneeberge hinabjagen, ein Skifahrer auf Abwegen, der sich die Höhenflüge erfuhr; an seiner gewaltigen Zipfelmütze wuchsen Eiskristalle, und vom Fahrtwind bewegt fing die beinhart gefrorene Bommel an zu schlagen, als müsse er ihm, dem seine Spur haltenden Denker, einige schnelle Glockenklangfolgen des Ewigen mit beigeben. „Aus dem Weg!“ rief er, denn einige hilflos vor sich hinstaksende Anfänger rutschten ihm von der Seite her in die Piste. „Aus dem Weg!“ Gehorsam warfen sie sich, um seiner rasenden Zielschussfahrt zu entgehen, in den Schnee; er stob an ihnen vorbei und erkannte im Vorüberfliegen noch einige Professoren der Philosophie, die ihm, wen wun­dert’s, erstaunlich klein vorkamen. Unten, im Hofsgrund, kam er vor einem Wirtshaus zum Stehen, und er schnallte ab, um sich einen Schlummer- und Stärkungstrunk zu gönnen.

In der rauchgeschwängerten Gaststube aber war alles voll, und so hielt es der Philosoph Heidegger für zweckmäßig, die Augen wieder zu öffnen. Noch immer breitete sich die sternenklare Nacht über ihm, und die Lichter standen bereit in der Senke; der Wind aber war heftiger geworden und vor allem kühler. Irgend jemand hat frecherweise mein Weinglas ausgetrunken, dachte Heidegger. Kaum ist man ein wenig eingenickt, kommen heimtückische Zecher aus dem Gebüsch, um alles wegzusaufen, was ihnen in die trüben Augen sticht. Er erhob sich seufzend, nahm sein Weinglas zur Hand und ging in die Wohnküche, wo unter der Lampe die Weinflasche stand, aus der er nachzuschenken gedachte. Auf dem Tisch aber war gar nichts Trinkbares zu entdecken, sondern nur ein am Kopfrand beschriebenes Blatt Papier. Wo kommt denn diese Manuskriptseite her, dachte der Philosoph, ist denn hier oben, noch unter der Baumgrenze, mittlerweile auch schon die Unordnung eingekehrt? Es würde mich nicht wundern, wenn die Weinflasche dafür in der Studierzelle steht; dort, wo sie wahrlich nicht hingehört.

Da seine Vermutung den Tatsachen entsprach, nahm er, jetzt fast verschämt wirkend, die Weinflasche vom Schreibtisch und ging zurück in die Wohnküche. Er schenkte sich ein, und sein Blick fiel auf das mit zarten Weinflecken versehene Blatt Papier. „Ich erfahre“, stand da zu lesen, „den stündlichen, täglich-nächtlichen Wandel der Landschaft im großen Auf und Ab der Jahreszeiten. Der Gang der Arbeit bleibt in das Geschehen der Landschaft eingesenkt.“

Heidegger, der sich auf einmal beobachtet, ja: ausgespäht vorkam, nahm am Tisch Platz, und er ergänzte das Geschriebene um den Satz: „In der hellen Nacht des Nichts der Angst ersteht erst die ursprüngliche Offenbarkeit des Seienden.“ Schon wieder war jemand an meinem Weinglas, dachte er, als er sich danach erhob, und er sah seine Frau in der Tür stehen, die ihn vorwurfsvoll, aber nicht unfreundlich anschaute. „Komm, Martin“, sagte sie. „Eh du mir gänzlich ein anderer wirst. Es ist spät.“

Am nächsten Morgen brummte dem Philosophen der Schädel, und nach dem Frühstück, das ihm nicht recht munden wollte, machte er sich auf zu einem Gang ins Freie. „Bleib bitte nicht so lange weg“, sagte seine Frau. „Es gibt und es gab eine Rückkunft“, erwiderte er und schnürte die schweren Wanderschuhe fürs unbehauene Gelände. Draußen, vor der Hütte, empfing ihn ein seltsames Zwielicht: Der Himmel wirkte wie aufgelöst; Wolken trieben dahin, und der Widerschein des Lichts legte sich über Bergburgen und Senken. Heidegger ging seines Weges; ab und zu drückte es ihn ein in die Erde, und er hatte Mühe vorwärtszukommen. Im Wald war es still; es gab nur den Lärm, den der mächtig ausschreitende Philosoph ins Gehölz brachte. Nein! dachte Heidegger. Es ist kein Meinsein, wohl aber Einsamkeit.

In einer Lichtung setzte er sich auf einen Baumstumpf. Nun spürte er seinen trägen Herzschlag, und mit einem Mal kam Leben ins Wäldchen. Kleinvieh raschelte im Laub; Vögel lärmten in den Bäumen, und in naher Ferne schien sich jemand mit einer Säge zu schaffen zu machen. Aus dem Sperrgestrüpp hinter dem Philosophen kam plötzlich ein Mann gekrochen, ein kleiner, untersetzt wirkender Mann mit derber Zipfelmütze auf dem Schädel. „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ fragte er und nahm neben ihm auf dem Stumpf Platz. „Nein“, sagte der Philosoph. „Ich weiß“, sagte der Mann, „es ist kein Meinsein, wohl aber die Einsamkeit! In den großen Städten kann der Mensch zwar mit Leichtigkeit so allein sein wie kaum irgendwo sonst. Aber er kann dort nie einsam sein. Denn Einsamkeit hat die ureigene Macht, dass sie uns nicht vereinzelt, sondern das ganze Dasein loswirft in die weite Nähe des Wesens aller Dinge.“ Der Philosoph sah zur Seite, und er ahnte, wer der lästige Mensch war, der sich ihm da zugesellt und aufgedrängt hatte. Den werde ich wohl nie mehr los! dachte er voller Ingrimm. Dieses Bürschchen weicht mir nicht mehr von der Seite. Immer redet es mir dazwischen, immer hat es etwas zu sagen und schwelgt in der einschüchternden Kargheit seiner Gedanken. Ich kann diesen im großen und ganzen doch wohl entschieden zu klein geratenen Mann nicht leiden! Aber er wird mir folgen, ein Leben lang.

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erstellt am 22.7.2016

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Der Philosoph Martin Heidegger
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