Die antiken Römer hatten dort, in 1400 Meter Höhe, heiße, mineralreiche Quellen gefunden, zu denen bis heute Genießer und Bedürftige nach Leukerbad im Schweizer Kanton Wallis anreisen. Umfasst von einer hohen Felswand, findet dort jährlich das Internationale Literaturfestival Leukerbad statt. Bernd Leukert berichtet, was vom 1. bis 3. Juli 2016 geschah.

21. Internationales Literaturfestival Leukerbad

Der Tod sattelt seine Pferde

Die Dala ist ein mächtiger Gebirgsbach, der vom Balmhorn in den Oberwalliser Alpen mit Getöse ins Hochtal nach Leukerbad stürzt und an dem entlang die Literarischen Dala-Schlucht-Spaziergänge verlaufen. Die sind Teil des jährlich stattfindenden Internationalen Literaturfestivals Leukerbad. Wenn man allerdings Pech hat, fügt sich zum starken Dala-Rauschen der Regen, der auf die Schirme prasselt oder das Lärmen der Kettensägen aus dem Forst. Dann erschließt sich der gefühlige Text nur denen, die dem verhalten lesenden Autor am nächsten stehen: Benedict Wells, dessen jüngster Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ auf den Bestsellerlisten zu finden ist, zielt und trifft mit seiner Geschichte einer Internatsliebe, die sich über mehrere Lebensabschnitte hin nicht erfüllen kann, auf das Gemüt seiner Zuhörerschaft. Als Antipodin des Münchener, jetzt auch Schweizer, Schriftstellers war Anja Utler zu erleben, die aus der Oberpfalz kommt und heute auch in Wien lebt. Utler bekannte, dass sie vom Gehör her schreibt. Eine Hand horizontal hin und her wendend trägt sie ihre Gedichte, deren oft metaphorische Wortfolge heterogene, Anschaulichkeit umgehende Begriffe vereint, mit klangbetonter Artikulation vor und geht gern über in eine Stretta daktylisch-beschwörender Alliterationen, also in zeitraffende Rhythmik. Dabei geht schnell verloren, worum es eigentlich inhaltlich geht. Aber das gehört vermutlich ins Konzept dieser aufs Performative angelegten, streng nicht-erzählenden und keine Teilhabe gestattenden Lyrik.

Die Veranstalter des Literaturfestivals hatten 2016 mehrere kurzfristige Absagen hinnehmen müssen. Dennoch trat seine Komposition zutage, eine ausbalancierte Mixtur aus Romanliteratur, Essayistik, politischer Reportage, Lyrik und pointierter Erzählung. Jérôme Ferrari, Vladimir Sorokin, Jan Philipp Reemtsma, Maxim Biller, Bora Ćosić, Eliot Weinberger und Pankaj Mishra mögen für die gerade prominenten Autoren aufgezählt sein. Anne Carson, die bekannteste kanadische Lyrikerin, trug mit souveräner Gelassenheit aus ihren Gedichtzyklen vor, die, in der Tradition der amerikanischen Sachlichkeit, gerne formale Strukturen betonen oder naturmystische Erfahrungen streifen.

In bester russischer Tradition

Im Gegensatz dazu ließ Viktor Jerofejew aus seinem ‚nichtmenschlichen Roman’ „Die Akimuden“ lesen, in dem kein Wunder unmöglich erscheint, inklusive die Auferstehung der Toten. Wer die Akimuden sind, weiß niemand genau, nur, dass sie Russland bedrohen, ist gewiss. Jerofejew hat damit ein sehr dichtes satirisches Werk über die Paranoia, die Propaganda, die Spionage und den sinnlos verwalteten Staat geschrieben, voller witziger Reflexionen, in bester russischer Tradition, für die die Namen Gogol und Bulgakow stehen.

Mit seinen anekdotischen, grotesken, das Paradoxe aufspürenden Journalbüchern hatte auch Karl-Markus Gauß aus Salzburg das Publikum schnell auf seiner Seite. Das Bekenntnis zum Alltag und die Liebe zu den Scheiternden schlagen sich in seinen unterhaltsamen Erzählungen nieder, etwa in der Geschichte des österreichischen Zimmermanns Peter Mitterhofer, der die Schreibmaschine erfand, konstruierte und sie zweimal auf dem Rücken durchs Land nach Wien trug, um sie dem Kaiser zur Optimierung seiner Verwaltung zu empfehlen, aber mit einem Geldgeschenk und einer Ablehnung zurückkehren musste. Der amerikanische Waffenfabrikant Eliphalet Remington, der im Gegensatz zum Kaiser die Bedeutung des Schreibgeräts erkannte, machte dann das Geschäft, selbstverständlich ohne Peter Mitterhofer.

Ein anderer innovativer Ingenieur, Pietro Caminada, ist der Protagonist in Anita Siegfrieds Roman „Steigende Pegel“. Caminada hatte schon in Brasilien die ersten Pläne der Hauptstadt Brasília entworfen und hatte – um 1907 wieder zurück in Europa – die Idee, Lastschiffe in einem Kanal über die Alpen schwimmen lassen, auf einer Wasserstraße, die von der Hafenstadt Genua über Alessandria, Mailand, Como, Chiavenna, den 2113 Meter hohen Splügenpass, den Bodensee bis nach Basel führt und von dort über den Rhein bis in die Nordsee. Die Schweizer Autorin Siegfried lässt dieses tollkühne Projekt gelingen und erzählt die Geschichte dieser Unternehmung sachlich und konzis, nicht ohne sich in das Milieu und die Mentalität der Gesellschaft zu Anfang des 20. Jahrhunderts perfekt einzufinden.

Raoul Schrott, der sich unter anderem von dem 1574 auf dem Scheiterhaufen verstorbenen Geoffroy Vallée zu seinem Buch „Die Kunst an nichts zu glauben“ anregen ließ und zu diesem Zweck das „Manual der transitorischen Existenz“ aus dem 17. Jahrhundert erfand, band an dessen atheistischen Sinnsprüche eigentümliche lyrische Portraits, die Titel tragen wie „Der Philosoph“, „Der Taucher“, „Der Busfahrer“ oder „Die Rückenschwimmerin“, „Deutscher Soldat in Kundus“ und „Ein Flüchtling“. Wer Schrott zuhörte, konnte viel Bedeutungsvolles vernehmen, ohne immer eine Bedeutung fassen zu können: „Der Wind murmelnd in vielen unverständlichen Sprachen.“

Adolf Muschg, der, die handelnden Personen mit verstellter Stimme darstellend, aus seinem neuen Roman „Die japanische Tasche“ las, gehört zur Grundausstattung der schweizerischen Literaturszene. Eine Handvoll Menschen in einem Zug, in dem sich groteske Dinge zutragen: Das Kammerspiel wird durch den Erzählort definiert, und der erfahrene Regisseur seiner Romanfiguren führt vor, wie man so etwas inszeniert.

Vielleicht kann der Eindruck, der vom 21. Internationalen Literaturfestival Leukerbad bleibt, so auf den Punkt bringen: Viele unterschiedliche Autoren haben Kostproben ihrer Kunst perfekt exekutiert, haben Pflicht und Kür in eins gesetzt und damit brilliert. Applaus.

Begegnungen und Beobachtungen

Aber dann geschah darüber hinaus doch noch einiges andere, das sich dieser Professionalität entzog. Da gab es einmal Gespräche mit Autoren, die sich als Schriftsteller, Sachbuchautoren oder Reporter in autoritäre Staaten oder in Situationen von Asylsuchenden begaben. Der nordindische Schriftsteller und Essayist Pankaj Mishra berichtete über seine schwierigen Recherchen für seinen Reportagenband „Begegnungen mit China und seinen Nachbarn“, die Schauspielerin Ariela Sarbacher gestaltete den ohnehin schon dramatischen Text von Shumona Sinha (die krankheitshalber abwesend war) aus ihrem Flüchtlingsbuch „Erschlagt die Armen!“ noch dramatischer, der ägyptische Autor Youssef Rakha berichtete über Sexualität im Internet, die seit dem arabischen Frühling dort zu finden ist, flankiert von dem Schweizer Schriftsteller Jonas Lüscher, der mit seinen literarischen Reportagen aus Ägypten und seiner Novelle „Frühling der Barbaren“ bekannt wurde.

Aus dem Thurgau kam die vielsprachige Zsuzsanna Gahse, deren Texte sich schon lange nicht mehr um die Grenzen zwischen Roman, Essay, Erzählung, Gedicht scheren, sondern von einem ins nächste sich fortbewegen oder eben alles zugleich sind. Sie spürt den Bedeutungen der Worte nach, bringt Verwandtschaften und Alliterationen ins Spiel, findet so von Pointe zu Pointe oder streut komische Etüden ein, wie die über den Niederschlag der Nationalsprachen auf die Physiognomie der Völker (etwa das Lächeln der Polen, weil sie viele Zischlaute zwischen den Backzähnen hervorbringen). So kann man als Zuhörer Gahses auch immer einer Suchbewegung und vielen Möglichkeitserwägungen folgen. In ihrem letzten Band mit Erzählungen, „Jan, Janka, Sara und ich“, der von Beobachtungen von 23 Personen handelt, die in einem Tonstudio aufgezeichnet werden, geht es um die Vergrößerung einer Stadt und die Veränderungen, die diese Ausweitung auf die Beziehungen der Menschen untereinander bewirkt. Dass dieser ernste Hintergrund zugleich die Vorlage für groteske Betrachtungen und Fehleinschätzungen der Situation bildet, gehört sicher zu den Schreibmotiven dieser Autorin.

In Zusammenarbeit mit dem Literarischen Colloquium Berlin und Pro Helvetia fand in Leukerbad auch ein Übersetzungs-Kolloquium statt, in dessen Zentrum der Roman „Eins im Andern“ von Monique Schwitter stand, und – gewissermaßen als kleine Schwester des Kolloquiums – das Projekt „Poethreesome“ in Kooperation mit dem Babel Festival und der Poetischen Schweiz: In der Schweiz, erfährt man, sind die lyrischen Werke der jeweils anderen Sprachregionen kaum bekannt. So saßen drei Lyrikerinnen, Laura Accerboni, Odile Cornuz und Ulrike Ulrich, die die drei Hauptsprachen der Schweiz repräsentieren, auf dem Podium. Eine jede hatte Gedichte der beiden anderen über die Brücke einer Wort-für-Wort-Übersetzung übertragen, so dass eine gewisse Anzahl in den drei Sprachen vorlag. Jede las ihre Version und sprach über die Schwierigkeiten der Übertragung und die unvermeidlichen Abweichungen, die sich beim Einbürgern der Gedichte ergeben. Eine dreisprachige Publikation der Ergebnisse, die geplant ist, um die Sprachenschranken in der Schweiz wenigstens im Bereich der Poesie zu senken, könnte Modell für einen europäischen Literaturaustausch Modell stehen.

Ali Ahmed Said Esber, der als Dichter den Namen Adonis führt und seit 1986 in Paris lebt, ist sicher der in Europa bekannteste Poet Syriens. Die vorislamische Tradition der arabischen Poesie wurde nie von solch starken Erschütterungen gebrochen, wie sie die europäische durch Krieg und Vernichtung erfuhr. Mit Adonis’ Lesung wurde man denn in eine andere, ferne Zeit versetzt. Seine Verse im hohen Ton ließen an die Deklamation homerischer Hexameter denken. „O du eisiges Schweigen!“, war zu hören, „Das Grab ist meine Heimat.“, „Das Leichentuch ist meine Sonne.“ und „Der Tod sattelt seine Pferde.“ (Der Schauspieler Thomas Sarbacher, der die deutsche Übersetzung las, milderte das enorme Pathos dankenswerter Weise ab.) Das Publikum nahm die Metaphern gern entgegen. Und die Dala unterbrach ihr Rauschen nicht für einen Moment.

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erstellt am 22.7.2016

Literaturfestival Leukerbad – Auf der Torrent, Foto: Ali Ghandtschi

1.-3. Juli 2016

21. Internationales Literaturfestival Leukerbad

literaturfestival.ch

Literaturfestival Leukerbad – Jonas Lüscher liest währen des Dalaschlucht-Spaziergangs, Foto: Ali Ghandtschi

Literaturfestival Leukerbad – Moderator und Übersetzer Mustafa Al-Slaiman mit Adonis, Foto: Ali Ghandtschi