Zum Tod von Paul Wühr

Auf Lessings Gartenbank

Der Dichter Paul Wühr ist am Dienstag, dem 12. Juli am Lago Trasimeno im Alter von 89 Jahren gestorben. Für mich ist es ein schmerzhafter persönlicher Verlust, den ich nicht besser darstellen kann, als durch die folgenden beiden Gedichte. Ich lernte Paul in den neunziger Jahren kennen, nachdem er eine Lesung im Hessischen Literaturbüro gehabt hatte, zu der damals noch Paulus Böhmer ihn einlud. Zu der Feier von Paul Wührs 70. Geburtstag fuhr ich mit seiner Tochter Konstanze im Juli 1997 nach Wolfenbüttel ins Lessinghaus. Jörg Drews, dessen Tod im März 2009 Paul sehr erschütterte, sagte damals: „Ich sehe Paul Wührs Werk nicht zuletzt auch in permanenter Spannung zu einer Stelle, die in unserem ganzen geistigen System und wahrscheinlich in unser aller Existenz, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nicht mehr besetzt ist, in Spannung nämlich zu der Stelle, wo früher Metaphysik oder Transzendenz angesiedelt waren. Dein Werk, lieber Paul, ist, denke ich, immer noch in Spannung hierzu, obwohl keine definitive, positive Aussage zu dieser Stelle mehr zu machen ist. Böse gesagt: Unsere Gesellschaft hat wirklich nur noch ein wirkliches Metaphysicum, das sie am liebsten leugnet: das Geld“. Und Herbert Heckmann schrieb – wie viele Poeten – einmal ein Gedicht für Paul. Darin heißt es: „Nimm dem Akrobaten das Seil, und er geht immer noch auf dem Seil.“

jetzt

wäre, was ich noch sagen wollte,
fast ein richtiges wort. so bleiben wir
stehen, ein schwarzer, ein weißer, vor dem
glühenden hibiskus auf trasimenischer höhe

auf lessings gartenbank bleiben wir sitzen
und träumen, die bibliothek sei der baum
von dem wir fallen als beschriebenes blatt

was war, steht in stille zu jeder zeit

wie vor dem falschen himmel
die wahren wolken vergehen

vergehen die worte nicht
schweigend hör ich dir zu

displaced person

für paul wühr

gegen münchen kennt niemand mich als ich
deine absperrung überschreite im blauweiß-
karierten, im multigedirndelten oktober an der
großen freiheit. nach ein paar schritten löst
die sohle sich selbst los vom schuh. schlepp ich
mich also mühsam quer übers platzerl, gleich schon
ein erich geworden, ein falscher. sitz alsdann ratlos
bei den autoren der buchhandlung gleichen namens
herum, der falsche richtige im falschen film, richtig
falsch im richtigen leben. so war’s – ich schwör’s.
in den verlotterten hauptkopfbahnhof spuckt spät
in der nacht des ludwigsersten königin therese
die bierleichen aus. der falsche flüchtling heute
im richtigen flüchtlingsherbst 2015 bin ich hier,
der in den nachtzug nach frankamsterdamfurt flieht,
zu niederländern und nürnbergern. im kargen gepäck
einen faulen strick, träume ich wirre zöpfe in meiner
muttersprache, die aber ich leider kannitverstan

Gedichte © Harry Oberländer

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erstellt am 15.7.2016

Paul Wühr in Köln, 2014. Foto: Irmgard Maria Ostermann
Paul Wühr in Köln, 2014. Foto: Irmgard Maria Ostermann
Paul Wühr und Harry Oberländer in Passignano sul Trasimeno, 2005. Foto: Inge Poppe-Wühr
Paul Wühr und Harry Oberländer in Passignano sul Trasimeno, 2005. Foto: Inge Poppe-Wühr

Der Literaturkritiker Jürgen Drews hielt 2003 die Laudatio, anlässlich der Verlehung der Ehrendoktorwürde an Paul Wühr.

Zum Download

Paul Wühr im Gespräch mit dem Verleger Klaus Ramm über seinen Gedichtband „Rede“, ein Fernsehbeitrag (1979)