In Kiew 1859 geboren und in New York 1916 gestorben, war Scholem Alejchem ein jiddischer Volksschriftsteller, dessen Roman „Tewje, der Milchmann“ nicht zuletzt dank der Umwandlung zum Broadway-Musical zum Welterfolg wurde. Der österreichische Jiddist Armin Eidherr hat den Roman neu übersetzt und Tewjes Alltagsweisheit in neuer Form gegossen, berichtet Stefana Sabin.

Buchkritik

»Je mehr Habenichts, desto mehr Hoffnung.«

Als er in New York starb, blieben alle jüdischen Geschäfte in der Stadt geschlossen, und Hunderttausende begleiteten den Trauerzug: Denn Scholem Alejchem, der am 13. Mai 1916 starb, war der beliebteste jiddische Schriftsteller seiner Zeit – vielleicht der beliebteste jiddische Schriftsteller überhaupt! – und ein Volksschriftsteller im wörtlichen Sinne. Er hatte das Schtetl, das osteuropäische jüdische Städtchen, zum literarischen Schauplatz und seine Bewohner zu archetypischen Gestalten gemacht – und dabei die jüdische Folklore in jiddische Literatur verwandelt.

Als Scholem Jankew Rabinowitsch in Perejaslaw bei Kiew am 2. März 1859 geboren, wurde er gemäß der jüdischen Tradition erzogen, ging dann aufs russische Gymnasium und wurde Hauslehrer bei einer wohlhabenden jüdischen Familie, deren Tochter Olga er 1883 heiratete. Da hatte er sich schon mit Artikeln in hebräischsprachigen Tageszeitungen, die in Warschau und in Odessa erschienen, einen Namen gemacht und angefangen, Erzählungen zu schreiben.

Es war eine Liebesgeschichte, „Zwej schtejner“ – Zwei Steine, in der er möglicherweise auf seine Liebschaft mit Olga zurückgriff, mit der er den Wechsel vom Hebräischen, in dem er bis dahin Berichte und Kommentare geschrieben hatte, zum Jiddischen vollzog. Als jiddischer Schriftsteller nannte er sich fortan Scholem Alejchem, was soviel bedeutet wie „Friede sei mit Euch“, und pflegte einen realistisch-humoristischen Stil, der sich aus der russischen wie aus der jüdischen Tradition nährte. (Er übersetzte Gorki und Tolstoi ins Jiddische!)

Alejchems größter Erfolg

Alejchems Romane, meist in Fortsetzungen in jiddischen Zeitschriften erschienen, hatten eine episodische, offene Form, die ständige Ergänzung erlaubte. „Menachem Mendel“ war als Briefroman konstruiert und wurde zwischen 1892 und 1913 immer wieder erweitert; „Tewje der milchiger“ – Tewje, der Milchmann, war als Gespräch zwischen der Hauptfigur und dem Erzähler angelegt und wurde ab 1894 bis gegen 1916 fortgesetzt.

Mendel, der glücklose Spekulant, der immer wieder einen Coup zu landen versucht und immer wieder scheitert und dennoch nie aufgibt, verkörpert das jüdische Hoffnungsprinzip, das Tewje, der arme Landarbeiter, seinerseits so formuliert: „Je mehr Zores, desto mehr Gottvertrauen, je mehr Habenichts, desto mehr Hoffnung.“ Mendels immer neue Versuche, sein Schicksal zu wenden, scheinen aus derselben existentiellen Verzweiflung zu stammen wie Tewjes Hiob-artige Schicksalsergebenheit. Und beide, Mendel und Tewje, teilen die traurige Selbstironie, mit der sie allen Widrigkeiten des Lebens begegnen.

Der Tewje-Roman wurde Alejchems größter Erfolg. Denn in den Geschichten um Tewje und seine Töchter entwarf Alejchem ein tragikomisches Gesellschaftsbild des Schtetls und zeichnete zugleich dessen fortschreitendes Verschwinden (Mendel wandert nach Amerika aus, Tewje macht sich auf dem Weg nach Palästina); und mit Tewje schuf er eine Figur, die dem jüdischen Publikum eine Identifikationsfläche bot und zugleich ihre jüdischen Verhaltens- und Denkmuster transzendierte. Aber es waren vor allem sein versöhnlicher Humor und seine alltagstaugliche Weisheit, der Alejchem zum populären Autor machten.

Die Sprache des Volkes

Von Anfang an wollte Alejchem Volksschriftsteller im herkömmlichen Sinn sein. Er beschrieb eine Welt, die seiner Leserschaft ebenso vertraut war wie ihm selbst; unterlegte den Geschichten eine Moral, die sich aus der jüdischen Tradition speiste; kombinierte magisch-realistische und sozialkritische Elemente und benutzte die Sprache des Volkes, das Jiddische. Denn er wollte dieser Sprache des osteuropäischen Judentums, die weder das liturgisch Erhabene des Hebräischen noch die alltagspragmatische Funktion des Russischen hatte und sogar herablassend als Jargon bezeichnet wurde, literarischen Glanz verleihen. Auch deshalb gründete er in Kiew eine Buchreihe mit dem programmatischen Titel „Di jidische folksbibliothek“, in der er in regelmäßigen Abständen Werke jiddischer Dichter veröffentlichte: die Romane von Mendele Mocher Sforim, Jitzchak Lejb Perez, David Frischmann und auch seine eigenen ersten Romane, „Stempenju“ (1888) und „Jossele, die Nachtigall“ (1889), die somit ein breites (jüdisches) Publikum erreichten.

Angesichts der immer bedrohlicheren antisemitischen Ausschreitungen engagierte er sich in der zionistischen Bewegung, schrieb für die zionistische Wochenzeitung „Der Jid“ und arbeitete an Propagandabroschüren mit. Aber dann wanderte er nicht nach Palästina, sondern – nach einer langen Irrfahrt durch Europa – in die USA aus und ließ sich 1905 in New York nieder.

In New York war die jiddische Kulturszene sehr lebendig. Alejchems Geschichten über das harte Leben und das Überleben im Schtetl waren für die emigrierten osteuropäischen Juden literarische Folklore, also eine fiktionalisierte Beschreibung ihrer eigenen Erfahrung: Alejchem wurde zum Chronisten einer Vergangenheit, der sie entflohen waren. Sein Renommee unter den emigrierten Juden strahlte aus der Neuen in die Alte Welt zurück, so dass er 1911 und 1914 auf ausgedehnten Lesereisen durch Europa ging. Als er bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs endgültig nach New York zurückkehrte, war er schon von Krankheit gezeichnet – 1908 war Tuberkulose diagnostiziert worden.

Ein jüdischer Mark Twain

Sein letzter Roman, „Motl Pejsse dem chassan“ – Motl, der Kantorensohn, blieb Fragment. Wie Mendel und Tewje ist auch Motl ein Schelm und ein Schlemihl zugleich, ein Witzbold, der das Unmögliche versucht und ein Pechvogel, dem nichts gelingt. Wie schon Mendel vor ihm wandert auch Motl nach Amerika aus. Die jugendliche Sorglosigkeit, mit der er seine Abenteuer im neuen Land erlebt und seine naive Eigenständigkeit machen ihn zu einem jüdischen Huck Finn. Tatsächlich wird Scholem Alejchem als jüdischer Mark Twain bezeichnet – und ein bisschen sieht er auf den erhaltenen Fotos dem amerikanischen Meistererzähler sogar ähnlich: leicht welliges Haar mit Seitenscheitel, runde Nickelbrille, Schnurrbart, verschmitztes Lächeln.

Wie Mark Twains Geschichten aus dem amerikanischen Süden ging auch Alejchems Darstellung des osteuropäischen Schtetl ins kollektive kulturelle Gedächtnis ein – unterstützt durch die Trasfiguration des Tewje-Romans zum Musical „Fiddler on the Roof“, das 1964 am Broadway ein Riesenerfolgt wurde. Dieser Erfolg führte aber auch dazu, dass Alejchem, dessen Werkausgabe 28 Bände umfasst, als Autor eines einzigen Romans bekannt ist. Dieser Roman, „Tewje, der Milchmann“, ist gerade in der einfühlsamen Übersetzung des österreichischen Jiddisten Armin Eidherr wiederaufgelegt worden und bietet eine Gelegenheit, einen jiddischen Volksschriftsteller, der zugleich ein großer Erzähler ist, kennenzulernen.

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erstellt am 13.7.2016

Scholem Alejchem, Foto und Signatur in einem Band der New Yorker Werkausgabe
Scholem Alejchem, Foto und Signatur in einem Band der New Yorker Werkausgabe

Scholem Alejchem
Tewje, der Milchmann
Roman. Aus dem Jiddischen von Armin Eidherr
Gebunden, 276 Seiten
ISBN-13: 9783717524106
Manesse Verlag, 2016

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Scholem Alejchem
Panik im Schtetl
Weitere Geschichten aus Kasrilewke
Neuübersetzung von Gernot Jonas
Gebunden, 256 Seiten
ISBN-13: 978-3-7374-1015-1
Marix Verlag, 2016

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