Benjamin Patterson organisierte 1962 mit George Maciunas die „Wiesbadener Festspiele Neuester Musik“, die als das erste Fluxus-Festival in die Geschichte eingegangen sind. Nun ist Patterson 82-jährig in Wiesbaden gestorben. Stefan Fricke erinnert an den vielseitigen Künstler.

Zum Tod von Ben Patterson

Ästhetik der Unbestimmtheit

Er wollte der erste afroamerikanische Musiker in einem Sinfonieorchester der USA werden. Doch daraus wurde nichts; die Rassengesetze der Vereinigten Staaten waren in den 1950er Jahren noch brutalste Realität. So siedelte der am 29. Mai 1934 in Pittsburgh geborene Ben Patterson nach seinem Musikstudium an der University of Michigan ins benachbarte Kanada über, wo die Hautfarbe in den philharmonischen Zirkeln keine Rolle spielte. Während er seit 1956 zunächst im Halifax Symphony Orchestra, dann im Ottawa Philharmonic Orchestra als Erster Kontrabassist arbeitete, später auch als assistierender Dirigent, beschäftigte er sich zudem mit elektronischer Musik. Das einzige Resultat dieser Beschäftigung ist ein (später dann verschollenes, bis heute unauffindbares) „Tape Piece“ mit Sinustonloops, das er dem aus interkontinentaler Ferne wahrgenommenen Karlheinz Stockhausen in Köln zeigen wollte. So machte sich der damals 26-jährige Ben Patterson im Juni 1960 auf den Weg ins Rheinland und kontaktierte Stockhausen. Man begegnete sich im Umfeld der damals in Köln stattfindenden Weltmusiktage der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM), sprach kurz miteinander, und Patterson spürte gleich, dass sich die individuellen Wellenlängen der beiden nicht harmonisieren ließen. Zur Präsentation seines elektronischen Stücks, das er auch als „An Experiment in Extended Rhythms“ bezeichnet hat, kam es dann auch gar nicht mehr. Dafür bildete sich bei ihm ein Nährboden für eine Anti-Stockhausen-Haltung, ein stetig wachsender Humus des Protests, den alsbald viele der nun noch nicht so heißenden Fluxus-Leute, zu denen ab 1962 auch Patterson gehörte, teilten.

Ganz anders als dieses Stockhausen-Treffen war Pattersons erste und zufällige Begegnung mit John Cage am darauffolgenden Tag. Beim Spazierengehen durch die Kölner Altstadt entdeckte er irgendwelche Hinweise (Zettel oder Plakate), die ihn auf das sogenannte „Contre-Festival“ aufmerksam machten, das als Gegenveranstaltung zu dem von einigen Komponisten und Künstlern als viel zu etabliert wahrgenommenen IGNM-Fest realisiert wurde. Im Atelier der Kölner Künstlerin Mary Bauermeister, der späteren, zweiten Frau Stockhausens, fanden etliche Antikonzerte statt – mit Werken intermedialer Prägung u.a. von George Brecht, La Monte Young, Toshi Ichiyanagi und John Cage. Patterson besuchte das Konzert am 14. Juni und sprach danach auch Cage an. Der interessierte sich für den 22 Jahre jüngeren Musiker, fragte ihn, was ihn so umtrieb, hörte ihm zu und sagte dann, so überlieferte es Patterson in einem Interview: „Oh, it’s interesting, would you like to perform with us tomorrow night.“ Und klar, beim nächsten Konzert machte Patterson mit. Und nicht nur das. Die Kölner Unterhaltung mit Cage und die dortigen Antikonzerterlebnisse veränderten alles, was Patterson bis dahin ästhetisch gedacht und biografisch geplant hatte. Quasi über Nacht verließ ihn das Interesse für elektronische Musik Kölner Provenienz und öffnete den Raum für etwas anderes, was ihn fortan nicht mehr loslässt: die Ästhetik der Unbestimmtheit. Und den ursprünglich auf eine Woche festgelegte Köln-Besuch verlängerte er auf anderthalb Jahre. In dieser Zeit agierte er als Performer in eigener Sache – mit und ohne Kontrabass, schrieb er etliche aleatorische Stücke, darunter das Paper Piece – hier gilt es, verschiedene Papiersorten zum Klingen zu bringen (Zerreißen, Zerknüllen, Reiben…) – oder das Sprechstück Pond, für deren Aktionen die acht Ausführenden auch mechanische Spielzeugfrösche benötigen.

Wie Fluxus in die Welt kam

Und dann kam das Ereignis Wiesbaden 1962. Hier im Städtischen Museum der hessischen Landeshauptstadt hatte der Fluxus-Worterfinder George Maciunas, damals zum Broterwerb und auf der Flucht vor New Yorker Gläubigern als Grafiker bei der in Wiesbaden stationierten US-Army arbeitend, für die ersten vier Septemberwochenenden die „Internationalen Festspiele Neuester Musik“ organisiert. Und neben Maciunas, Dick Higgins, Nam June Paik, Alison Knowles, Emmett Williams, Wolf Vostell und anderen war Patterson einer der ganz maßgeblichen Akteure. Am Samstag, dem 8. September 1962 war auch das Fernsehen des Hessischen Rundfunks zugegen, filmte und strahlte drei Tage später im hr Fernsehen regional einen gut sechsminütigen Beitrag von Helmut Herkenroth aus. Es ist der einzige TV-Bericht, zumal ein recht amüsant-charmanter, über das später kunstgeschichtlich so prominent gewordene Festival, bei dem nämlich die Kunstvokabel „Fluxus“ in die Welt kam. Eine etwa anderthalb Minuten dauernde Sequenz widmet der Beitrag auch einem Patterson-Stück. „Von Ben Patterson stammen die Variationen für Kontrabass“, sagt die Off-Stimme, „Anno 1962 kommt ein Bassist mit Instrument und Bogen nicht mehr aus. Er braucht einen ganzen Koffer voll Requisiten.“ Und das sind z.B. Wäscheklammern, Papier, Postkarten, Zigaretten, Spielzeugpfeifen, ein Hammer, eine Luftpumpe, ein Staubwedel, ein Handfächer, eine Landkarte und etwas Essbares, Popcorn oder Chips vielleicht, die Patterson mit einer Gabel aus der Schnecke seines Instruments fischt und isst. Pattersons 1961 komponierten und im selben Jahr von ihm in der Kölner Galerie Hugo Lauhus uraufgeführten Variations for Double-Bass sind ein turbulentes, vielfarbiges Klang-Spiel mit unzähligen Extras aus dem Alltagsleben, mit denen das Instrument nach und nach präpariert wird; hinzu kommen einige Bartók-Pizzicati und laut Partitur auch „Quasi-Anton-Webern-Sounds“. Das Stück ist eine, wie der Komponist und Musikologe Dieter Schnebel, selbst mit seinem Dirigenten-Solo nostalgie bei den Fluxus-Festspielen vertreten (aufgeführt hier übrigens durch Ben Patterson), in jener Zeit sagte „sichtbare Musik“.

Nach Wiesbaden und sich in kommenden Wochen anschließenden Fluxus-Konzerten in Paris und Kopenhagen zog Patterson Ende 1962 dann nach New York – er musste Geld für die junge Familie verdienen –, arbeitete hier als Musikbibliothekar, als Orchestermanager und in der Ära von Bürgermeister John Lindsay, Anfang der siebziger Jahre, in dessen Kulturbehörde. Anschließend lehrte Patterson als Professor Performance-Art am Staten-Island-College, beriet und leitete verschiedene Kulturinstitutionen, Stiftungen und Ensembles. 1989 entschloss er sich, das mehr oder weniger bürgerliche Leben aufzugeben und wieder ein „full-time artist“ zu sein. Mehr aus Zufall denn aus Absicht ließ er sich in Wiesbaden nieder, in jener Stadt, in der ebenfalls mehr aus Zufall denn als Wunsch George Maciunas die Wiege von Fluxus aufgestellt hatte. Ursprünglich hatte der Fluxus-Chef für seine komisch-lustigen, die Grenzen der Musik sprengenden theatralischen Aktionskonzerte nämlich an Köln und an andere Orte gedacht, nur nicht an Wiesbaden. Aber Joe Jones, Pattersons alter Fluxus-Freund und schon seit geraumer Zeit in Wiesbaden wohnhaft, konnte ihn überzeugen, dass es doch schön wäre, sich ein gemeinsames Haus zu teilen. Und schließlich fand Patterson auch, zum Reisen in die ganze Welt „logisticly Wiesbaden is perfect“. Zudem war eine seiner „Groß-Groß-Groß-Groß-Groß-Groß-Groß-Sieben-Generationen-Zurück-Oma mütterlicherseits“ irgendwo im Rheingau geboren; ein anderer Urahne Pattersons war ein befreiter Sklave von den Bahamas, der im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gekämpft hatte.

Und in Wiesbaden produzierte Ben Patterson wieder intensiv Kunst oder besser Kunst mit Musik, reiste von hier aus via Flughafen Frankfurt in die ganze Welt, um zu performen, um die zunehmend seinem Werk gewidmeten Ausstellungen zu betreuen. Natürlich auch vor Ort. Bei den Wiesbadener Fluxus-Revivals 1982, 1992, 2002 und 2012 war er präsent; und im Nassauischen Kunstverein hatte er 2012 auch eine Einzelausstellung. Pattersons witzige, oft kunterbunte Assemblagen aus diversen Alltagsgegenständen haben fast immer einen Bezug zu irgendwelchen Aspekten der Musikgeschichte, oder sie sind Reflexionen über seine Mitstreiter von einst, die Fluxisten. „Wenn man einmal“, so resümierte er in einem Gespräch, „ein Musiker war, ist man Musiker, bis man stirbt. Man sieht die Welt durch Musik.“ Ben Pattersons Arbeiten sind vordergründig gehört oder gesehen amüsant, erschließt man sich durch Querbezüge und Zeitgeschichte deren jeweiligen Hintergründe, sind sie zugleich melancholisch, ja bitter – mit einem – was Ben Patterson selbst nie tat, aber seine Kunst umso mehr – Lächeln der Verzweiflung. Nun ist er am 24. Juni 2016 in seiner Wiesbadener Arbeitswohnung gestorben, friedlich im Bett liegend fand man ihn.

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erstellt am 11.7.2016

Max Pauer: Ben Patterson nach seiner Performance am 24. April 2016 vor der Galerie Kaiser & Cream in Wiesbaden © Max Pauer
Max Pauer: Ben Patterson nach seiner Performance am 24. April 2016 vor der Galerie Kaiser & Cream in Wiesbaden © Max Pauer

Ben Patterson: Paper Piece (1960)

Max Pauer: Ben Patterson während seiner letzten Performance am 24. April 2016 mit dem Mainzer Künstler Brandstifter beim „Performance Day Wiesbaden” © Max Pauer

Max Pauer: Ben Patterson während seiner letzten Performance am 24. April 2016 mit dem Mainzer Künstler Brandstifter beim „Performance Day Wiesbaden” © Max Pauer

Abzüge dieser und zahlreicher weiterer Fotos von Ben Patterson zeigt der Frankfurter Künstler Max Pauer vom 8. Oktober 2016 bis Mitte Januar 2017 in der Gruppenausstellung „Existenzielle Korrespondenzen“ im MACS – Museu de Arte Contemporânea de Sorocaba in Sorocaba/São Paulo.

Ben Patterson, Top 5 Noises, Walker Art Center Teen Programs (in englischer Sprache)