Bei den Bregenzer Festspielen 2015 inszenierte Stefan Herheim Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ als Zwischending zwischen Revue und Vexierbild. Nun liegt die Aufzeichnung als DVD und Blu-ray vor. Während man über die Inszenierung geteilter Meinung sein kann, verdienen die sängerischen Leistungen uneingeschränktes Lob, meint Thomas Rothschild.

Szenenfoto: Bregenzer Festspiele/Karl Forster
Szenenfoto: Bregenzer Festspiele/Karl Forster
DVD

Romantik als Gender-Spektakel

Das Spektakel gehört zu den Bregenzer Festspielen wie das Picknick zu Glyndebourne. Das Publikum, das hierher kommt, erwartet es, zumindest auf der Seebühne. David Pountney hat, als Kontrast, im Festspielhaus jeweils eine zeitgenössische oder eine verdrängte Oper angeboten, die auf mehr als die Schaulust setzte. Seine Nachfolgerin Elisabeth Sobotka entschied sich in ihrem ersten Jahr als Intendantin der Festspiele nicht eben wagemutig für „Hoffmanns Erzählungen“ als Ergänzung zu „Turandot“ im Festspielhaus, immerhin mit dem als nicht immer leicht verständlich geltenden Stefan Herheim als Regisseur.

Der inszenierte Offenbachs Oper, die jetzt als DVD und Blu-ray erhältlich ist, als Zwischending zwischen Revue und Vexierbild. Herheim verwischt die Konturen der Figuren und lässt sie in einander verfließen. Die Vorgabe liefert das Libretto, in dem E.T.A. Hoffmann selbst in den Figuren seiner Erzählungen aufgeht. Herheim treibt diesen Gedanken weiter. Die Bühnenfigur Hoffmann nimmt vorübergehend die Identität anderer Figuren an und vervielfacht sich mehrmals. Nicht Olympia, sondern Hoffmann gibt als Puppe den Geist auf (wenn das Bild für einen Automaten zulässig ist). Aber auch aus dem Arzt Mirakel spricht nicht nur die Stimme von Antonias Mutter – er wird selbst zu dieser Mutter. Die Kurtisane Giulietta ist bei Herheim eine Reinkarnation sowohl von Olympia wie auch von Antonia und ihre Geschichte, die sich doch dezidiert von der der zwei anderen Frauen unterscheidet, somit obsolet. Und nicht nur E.T.A. Hoffmann ist in dieser Inszenierung auf der Bühne präsent, sondern auch der Komponist Jacques Offenbach. Herheim plündert die Tiefenpsychologie, die Genderforschung und die Schwulen-Ästhetik und sucht Hilfe beim Animationsfilm. Mit der Romantik hat das alles nicht viel zu tun, wohl aber mit dem sich bei Offenbach bereits ankündigenden Fin de Siècle. Der opulente, aber keineswegs provozierende Transvestitismus aber, der aufdringliche Hinweis also auf die Ambiguität von Geschlechterrollen, ist ähnlich langweilig wie es die nach 1968 mit jedem Furz verlautbarte Erkenntnis war, dass das gesellschaftliche Sein das gesellschaftliche Bewusstsein bedinge. Wir haben es begriffen.

Während man über die Inszenierung geteilter Meinung sein kann – die im Sommer angereisten Kritiker deckten das ganze Spektrum von mehrheitlich unrelativierter Verzückung bis zum spöttischen Überdruss ab –, verdienen die sängerischen Leistungen, namentlich von Daniel Johansson als Hoffmann und von Michael Volle in den Rollen der Bösewichte, uneingeschränktes Lob. Die Wiener Symphoniker unter Johannes Debus spielen mit erkennbarer Freude und gelegentlicher Nahelegung, dass es sich vielleicht doch um eine Operette und nicht um eine Oper handle.

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erstellt am 10.7.2016

Jacques Offenbach
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