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Die 9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst wurde vom New Yorker Künstlerkollektiv DIS kuratiert. Unter dem Titel „The Present in Drag“ schwelgt die Schau in der Aneignung einer kapitalistischen Konsumästhetik. Sie ist weder kritisch noch ironisch und erst recht nicht provokativ, meint Ellen Wagner.

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst

Im Zeichen der Vorsilbe

Der Akkustand ist zu niedrig, um die Kamera nutzen zu können. Bitte laden Sie Ihr Telefon auf. Es ist acht Uhr abends, ich stehe inmitten einer „postnatürlichen“ Landschaft aus Autoteilen und Plastikblumen, und seit heute Vormittag habe ich Katzenstreu in den Schuhen. Mein Handyakku ist offenbar der Ansicht, heute schon mehr als genug Energie in die eilige Produktion von installation shots investiert zu haben, und hat sich in den Feierabend verabschiedet. Doch was sich mir auf dieser vom New Yorker Künstlerkollektiv DIS kuratierten 9. Berlin Biennale besonders einprägt, sind ohnehin weniger visuelle Eindrücke als die Gerüche: Es riecht nach aufgeheizter Tartanbahn und PVC, nach Sperrholz und Möbelhaus. Es sind Gerüche von Bühnen und Kulissen, die Gerüche einer ‚Einbauausstellung’, die scheinbar per Drag and Drop aus digitalen Sphären gezogen, grob verspachtelt und stellenweise mit reflektierendem Glanzlack überzogen wurde. Das Einzige, was paradoxerweise nicht riecht, ist eine schwitzende Rihanna im knappen Bikini, die als gigantische Cut-out-Figur im Innenhof des KW Institute of Art residiert (Abb. 1: Juan Sebastián Peláez: Ewaipanoma (Rihanna), 2016). Sie hat keinen Kopf, aber ein Gesicht, das digital aufs Dekolleté montiert wurde. Dadurch erinnert sie an eine lustige Chiquita-Banane und spielt auf den inflationären Einsatz dekorativer Exotismen in Werbung und Kulturindustrie an.

Angesichts dieser Ausgeburt ist das Schlimmste zu befürchten: die ungeheuerlichsten Desaster aus der Photoshop-Trickkiste, die oberflächlichsten Oberflächen der uns nicht nur im Digitalen überschwemmenden Celebrity-Kultur, die radikale Verscreenung sämtlicher verfügbarer (Haut-)Oberflächen, die selbst zum Bildträger, hier für Tattoos und Glanzreflexe, werden – all das ist Teil dieser 9. Berlin Biennale, die sich nicht zu schade ist, genau die Klischees zu erfüllen, die man ihr schon vor der Eröffnung zugetraut hat. Unter dem Titel The Present in Drag beschäftigt sich die Schau damit, wie Kunst auf neoliberale Vereinnahmung reagieren kann, und schwelgt heiter bis melancholisch in der Aneignung einer kapitalistischen Konsumästhetik. Wie ein Text der Kuratoren verlauten lässt, will man „Bühnen“ für eine „zersplitterte“ Individualität schaffen und uns mit diesen Inszenierungen das Fürchten lehren: „Statt Vorträge über Ängste zu halten, lasst uns die Leute erschrecken.“

Der tägliche Smoothie

Folgt man der recht beliebten These, dass das Individuum in einer auf grenzenlose Mobilität und Flexibilität hin ausgerichteten, globalisierten und digitalisierten Welt gar nicht anders kann, als sich und sein Bild immer weiter zu ‚zerstückeln’, stellt sich die Frage, wie sich denn der Scherbenhaufen, der einst das Individuum war, durch den Alltag schleppt. Was verleiht ihm die Spannung, die es am Auseinanderfallen hindert? Ist es der tägliche Green Smoothie, den man auf der Biennale in einer von der Debora Delmar Corp. eingerichteten Saftbar schlürfen kann (Abb. 2)? Oder setzt man besser auf äußerliche Körpermodellierung? Letzteres demonstriert ein im Contouring-Trend geschminkter Backpacker im Video von Ryan Trecartin und Lizzie Fitch. Auch der Waschbrettbauch des Protagonisten in Nicolas Ceccaldis Monument Left und Monument Right (2015) ist von dunklen Schatten regelrecht zerpflügt, so dass man das Pensum an physischer Arbeit erahnen kann, das in diesen Körper gesteckt wurde.
Wie schon in früheren Jahrhunderten verrät der Umgang der jeweils zeitgenössischen Kunst mit dem ‚schönen Kontur’, der das Subjekt festigt und die Imagination herausfordert, auch heute viel über die Beziehung des Individuums zur Welt. Momentan scheint unser Verhältnis zu unserem persönlichen Umriss von einem besonderen handwerklichen Ehrgeiz bestimmt zu sein, der genau weiß, wie er sein Material von innen wie von außen zu bearbeiten hat, ‚damit es hält’. Und wenn Ernährungspläne und Make-up-Tutorials mal versagen, dann muss eben die Heißklebepistole ran.

Ausgestattet mit einer solchen kurvt Johannes Paul Raethers Schwarmwesen | (geopathologos) | Prussian Chronostrophy [6.1.5] auf einem Segway wie auf einem Triumphwagen vor dem Brandenburger Tor auf und ab (Abb. 3). Touristen ergreifen die Flucht und machen Fotos. Die Performance-Teilnehmer, die über Kopfhörer einem poetischen Text über sprechende Selfie-Sticks lauschen, beeilen sich hinterherzukommen. Und machen Fotos. Im einem Souvenirshop rafft das Schwarmwesen einige billige Schlüsselanhänger zusammen. Nebenan bei Starbucks beginnt es, diese mit Heißkleber an den Tischen festzukleben. Die Dame, die gern in Ruhe ihren Iced Coffee Latte trinken würde, muss damit warten, bis das Schwarmwesen von der Kellnerin des Cafés verwiesen wird. Der Grat zwischen künstlerischer Performance, Touristen-Attraktion und der Belästigung zahlender Kunden ist eben mehr als schmal – und würde Raether ernsthaft versuchen, elegant auf ihm zu balancieren, hätte er dazu wohl kaum das Segway gewählt. Raethers Performance verwischt die Grenze zwischen vermeintlichen Kunstinsidern und ‚ganz normalen’ Hauptstadttouristen. Auch die Schar der Kunstreisenden hat ihre „geopathologisch“ zu nennenden Verhaltensmuster und lauert stets darauf, den perfekten Kunstmoment mit der Handykamera einzufangen.

Man kann die Exponate nicht wegklicken

Man braucht auf der Biennale eine gewisse Bereitschaft zum Übersehen allzu plakativer Gesten. Anna Uddenbergs verquält-verdrehte Skulpturen (Abb. 4) oder Anne de Vries mäßig eindrückliche Modellansicht eines Massen-Musikevents gehören zu den Dingen, die ich persönlich lieber übersehen würde. Vielleicht sind die Arbeiten auch gerade darum wieder interessant: als individuell erfahrbare Störfaktoren in der Art unliebsamer Posts auf der persönlichen Timeline in den Social Media – nur dass man die Exponate der Biennale eben nicht mit nur einem Klick verbergen kann. Vermutlich aber schenkt man ihnen mit dieser etwas umständlichen Überlegung schon zu viel der knapp bemessenen Aufmerksamkeit, die man ansonsten auf anderes verwenden könnte. (Etwa darauf, sich das Katzenstreu, das man unfreiwillig aus Josh Klines durchaus politisch gedachter Videoinstallation mitgenommen hat, aus der Fußsohle zu pulen.) Mit fünf analogen Ausstellungsorten, von denen einer als Fahrgastschiff über die Spree schippert, einem ambitionierten Internetauftritt und einem auf CD erhältlichen Soundtrack fordert die Biennale nicht mehr Aufmerksamkeit von ihren Betrachtern als andere Großausstellungen. Aber auch nicht weniger.

In manchen Räumen aber wird es dann plötzlich ganz ruhig. Verdächtig ruhig. Fast drückend harmonisch. Das Kollektiv åyr stellt eine Wandkonstruktion mit Sitznischen zur Verfügung (Abb. 5: ARCHITECTURE, 2016). Jede Nische beherbergt das hinterleuchtete Bild einer strahlend weißen Ausstellungsarchitektur. Der offensichtlich digital erzeugte ideale White Cube wird zur sakral-atmosphärischen Leselampe in den sonst eher nachlässig hergerichteten Kojen, die dem realen Lebensraum des Kreativitäts-Prekariats doch um einiges näher kommen als die lichtdurchfluteten Tempel der Kunst. Gerahmt werden die Nischen durch eine über die Konstruktion gezogene Fototapete mit Motiven durchgestylter Wohnungsansichten – in die man sich aber nur versenken kann, solange man von außen auf die Sitzecken blickt.
Camille Henrot wiederum präsentiert im Office of Unreplied Emails (2016) massenhaft Ausdrucke unbeantworteter E-Emails von Umweltorganisationen, politischen Vereinigungen, Onlineshops usw. zusammen mit persönlichen Antwortschreiben der Künstlerin in großzügig verschnörkelter Typographie (Abb. 6 und 7). Die auf weiße Kunststoffmatten geprinteten Nachrichten sind wie nasse Handtücher aufgehängt, teils liegen sie halb eingerollt am Boden. Sie wirken von ihrem eigenen Gewicht erschöpft und verweisen auf eine verschwenderische Investition von Material und emotionaler Involviertheit für oftmals gute Zwecke, die in einer allgemein verbreiteten Marketing-Rhetorik zu versinken drohen.

Digitale Kommunikationsformen und Wunschbilder idealer Wohn- und Arbeitssituationen materialisieren sich bei åyr und Henrot auf eher ernüchternde Weise. Das Verdienst dieser Arbeiten wie auch der Biennale insgesamt ist wohl vor allem im Diagnostischen zu suchen. Um dies zu würdigen, muss man die Ausstellung nicht nur als Symptom unserer Zeit sehen. Sie ist symptomatisch, und sie weiß, dass sie es ist. Sie ist weder kritisch noch ironisch und will auch weder das eine noch das andere sein. Erst recht ist sie nicht provokativ. Doch ist sie tatsächlich Drag? Ist die Mimikry am Kapitalismus Travestie genug, um Rollenmuster zu verkehren, oder läuft die beherzte Übertreibung ins Leere, wie ein verwaister Waggon in einer als Shopping-Mall getarnten Geisterbahn?
DIS ist eine Vorsilbe. Sie deutet auf ein Auseinanderklaffen, eine Unterbrechung oder ein Aufeinandertreffen widerstreitender Motive hin. Mitunter fragt man sich jedoch, ob die auf der Biennale stellenweise sehr ausgeprägte Kaufhausatmosphäre tatsächlich einen reflexiven Zugang zu den natürlich ganz bewusst in kommerzielle Kontexte gerückten gesellschaftskritischen Themen ermöglicht oder ob sie nicht vielmehr die Zusammenfassung sehr verschiedener Ansätze unter einer ganz bestimmten, vereinheitlichenden Anmutung betreibt. Konflikte zwischen einzelnen Arbeiten werden in dieser Art der Inszenierung eher unterbunden. Alle Arbeiten sind von einem gleichmäßigen Hauch der Ambivalenz umweht, der mehr ihre Affinität zueinander als ihre – zweifellos vorhandenen – Unterschiede hervortreten lässt. Dies bringt die Ausstellung als Ganze allerdings um ein Potenzial, das im Streit zwischen den Positionen liegen und der Vorsilbe DIS Kontur verleihen könnte.

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erstellt am 05.7.2016

Abb. 1: Juan Sebastián Peláez: Ewaipanoma (Rihanna), 2016.

Ausstellung in Berlin

9. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst

The Present in Drag

4. Juni – 18. September 2016

bb9.berlinbiennale.de

Abb. 2: Debora Delmar Corp.: MINT, 2016.

Abb. 3: Johannes Paul Raethers Schwarmwesen in Aktion

Abb. 4: Anna Uddenberg: Transit Mode – Abenteuer 2014-2016: Lady Unique #2, 2016.

Abb. 5: åyr: ARCHITECTURE, 2016.

Abb. 6 + 7: Camille Henrot: Office of Unreplied Emails, 2016.

Alle Fotos: Ellen Wagner