Die Erfahrung des Schreckens hat ihn zum Moralisten gemacht: Elie Wiesel, der den Naziterror überlebt hatte und zum Aktivisten gegen Ungerechtigkeit und Demütigung wurde, ist am 2. Juli in New York gestorben. Schon in der Nacht trauerte Barack Obama auf Twitter um „das moralische Gewissen unserer Zeit“, und George Clooney forderte auf, Wiesels humanitären Kampf fortzusetzen. Stefana Sabin erinnert an Elie Wiesels Leben und Werk.

Nachruf auf Elie Wiesel

Gegen jede Demütigung kämpfen

Immer wieder hat Elie Wiesel in den letzten Jahren die rhetorische Frage gestellt: Hat die Welt etwas dazugelernt? In seinen Augen meinte man fast die Verzweiflung zu erkennen, dass die Welt tatsächlich nichts aus dem Schrecken, den er selbst erlebt und überlebt hatte, dazu gelernt hat. Dabei wollte er sein eigenes Überleben als eine Mahnung gegen die Verzweiflung verstehen und hat seine intellektuelle (und finanzielle!) Kraft daran gesetzt, Aufklärung zu betreiben, damit eine Erneuerung des Schreckens unmöglich wird. Er wollte nicht Vergessen und Vergeben, sondern vorbeugen.

Denn etwas sei geschehen im 20. Jahrhundert, sagte Elie Wiesel einmal in einem Gespräch, etwas, das die Welt, den Menschen und Gott verändert habe. Das welt-, menschen- und gottverändernde Geschehen war Auschwitz. Dieser Ortsname, der ein Vernichtungslager bezeichnet, war für Wiesel Symbol der systematischen Ermordung der europäischen Juden durch die Nazis, für die er seit den 1950er Jahren den Begriff „Holocaust“ (vom griech. holókauston – „Brandopfer“) verwendete. Es waren Wiesels essayistische, literarische und religionsphilosophische Schriften und nicht zuletzt seine öffentlichen Auftritte, die dieses Wort dem Allgemeinwortschatz und seine Bedeutung dem kollektiven Bewusstsein einverleibten. Der Holocaust war Wiesels Thema: die Nummer A-7713, die ihm in die Haut eingebrannt wurde, war für ihn ein Mal unauslöschlicher Erinnerung – und eine Verpflichtung, wie auch für Primo Levi, Imre Kertesz oder Jean Améry, von dem erlebten Schrecken zu berichten.

Auschwitz, Buna, Birkenau, Buchenwald

Wiesel, 1928 in dem siebenbürgischen Schtetl Sighet geboren, wurde im Frühjahr 1944 nach Auschwitz deportiert. Buna, Birkenau, dann Buchenwald wurden weitere Stationen einer Reise in die Hölle, die der Talmudschüler nach der Befreiung zuerst verdrängte, dann beschwieg, dann in einem achthundertseitigen Bericht beschrieb: „Un di Velt Hot Geshvign“ – „Und die Welt hat geschwiegen“, 1956 in Buenos Aires auf Jiddisch erschienen, war Klage und Anklage zugleich, mehr Zeugnis als Literatur, aber ein erster Schritt auf dem Weg zur fiktionalen Verarbeitung eines Geschehens, das sich der Literatur zu entziehen schien. Als zwei Jahre später sein Roman „Die Nacht“ in Paris erschien, hatte er die Sprache und den Ton gefunden, um von einer unvermittelbaren Erfahrung zu erzählen und aus seinem persönlichen Trauma ein erschütterndes Narrativ zu formulieren. Indem er vom Jiddischen zum Französischen wechselte und den Text auf 127 Seiten zusammenstrich, wurde er von einem rasenden jiddischen Chronisten zu einem kühlen existentialistischen Schriftsteller.

Tatsächlich war der Existentialismus von Albert Camus eine Quelle, aus der Wiesel seinen literarischen und philosophischen Standpunkt bezog – eine andere war Kafka, dem er die Vision einer undurchschaubaren, absurden Welt entlehnte. Und wie Kafka, den er in Essays und Interviews gerne zitierte, schöpfte Wiesel aus der jüdischen Tradition. Nachdem die Deportation seine religiöse Ausbildung unterbrochen hatte, nahm er in Paris, wo er an der Sorbonne Philosophie belegte, auch das Talmudstudium wieder auf. Ende der 1950er Jahre ging er nach New York und lehrte Jüdische Studien am City College, und nachdem ihn die englischsprachige Übersetzung von „Die Nacht“ berühmt gemacht hatte, wurde er Professor in Boston.

Aber nicht als Wissenschaftler, sondern vor allem als Schriftsteller etablierte sich Wiesel in den folgenden Jahrzehnten. Er schrieb Romane und Theaterstücke, die er mit biblischen Anspielungen und Anleihen aus der rabbinischen Literatur und aus der jüdischen Folklore durchsetzte und in denen er auf die narrativen Strategien der chassidischen Erzähler zurückgriff: Er baute Paradoxien in die Handlung ein, machte Mehrdeutigkeiten zu einem Grundelement der Geschichten oder gestaltete die Figuren zu Gotteszweiflern. Dabei überhöhte er konkrete Erlebnisse zu abstrakten Erfahrungen, wobei er den Holocaust nie direkt, sondern immer nur indirekt thematisierte: sei es, dass er von Pogromen in ferner Vergangenheit erzählte („Der Schwur von Koldivàg“); sei es, dass er die peinigenden Schuldgefühle von Überlebenden beschrieb („Die Morgendämmerung“, „Der Tag“, „Gezeiten des Schweigens“); sei es, dass er zur Erinnerung mahnte („Der Vergessene“). Indem er die Geschichten psychologisch auflud und zugleich parallele Bedeutungsschichten einbaute, suggerierte er durch die textuelle Ambivalenz eine existentielle Angst, die nur scheinbar im Erzählen aufgehoben wurde.

Literatur des Zeugnisses

Das Erzählen wurde für Wiesel zu einer Form des Zeugnisses, durch die er die Vergangenheit in die Gegenwart zurückholte als Mahnung für die Zukunft. Es war „Literatur als Mitteilung“, wie Martin Walser im Vorwort zur deutschen Ausgabe von „Die Nacht“ schrieb: „die einzige Literatur, die notwendig ist“. Wiesel selber nannte die Literatur, die aus dem Dilemma von Nichtvermittelbarkeit und Mitteilungsdrang entstand, „literature of testimony“, Literatur des Zeugnisses. „Wenn die Griechen die Tragödie, die Römer die Epistel und die Renaissance das Sonett erfunden haben, dann hat meine Generation ein neues literarisches Genre erfunden, die Literatur des Zeugnisses. Wir sind alle Zeugen gewesen und wir meinen, dass wir Zeugnis ablegen müssen für die Zukunft. Das bezeichnende Merkmal dieses Genres ist die Besessenheit, von der unvermittelbaren Erfahrung von Auschwitz Zeugnis ablegen zu wollen.“ Die Biographie des Autors verlieh der Literatur eine besondere Authentizität, aber die dadurch genährte Identifikation zwischen Autor und Erzähler stellte das literarische Oeuvre gewissermaßen außerhalb der Kritik – und verdeutlichte zugleich den stets implizierten Zusammenhang von fiktiver und historischer Realität. Wiesels Glaubwürdigkeit als Überlebender gab seinem Werk moralische Stringenz.

So wurde Wiesel zu einer moralischen Instanz. Denn sein eigenes Schicksal und das nicht nachlassende Zeugnisablegen verstand er als Verpflichtung, sich für Gerechtigkeit einzusetzen. Er prangerte die religiöse Unterdrückung in der Sowjetunion ebenso an wie die ethnische Benachteiligung der Indios in den südamerikanischen Diktaturen, das mörderische Pol Pot-Regime in Kambodscha ebenso wie die Apartheid in Südafrika. „Es ist wahr, wir sind oft zu schwach, um Unrecht abzuschaffen, aber wir können wenigstens dagegen protestieren,“ schrieb Wiesel 1994. „Es ist wahr, wir sind zu hilflos, um den Hunger auszulöschen; aber wenn wir einem einzigen Kind zu essen geben, protestieren wir gegen den Hunger. Es ist wahr, wir sind zu ängstlich und zu machtlos, um gegen alle Wächter aller politischen Gefängnisse auf der Welt anzutreten; aber wenn wir einem einzigen Gefangenen unsere Solidarität beweisen, prangern wir alle Peiniger an.“ Darin steckte der Grundsatz von Wiesels sozialem und politischem Engagement, für das er 1986 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Der Preis war die Würdigung seines idealistischen Kampfes gegen Gewalt und Ungerechtigkeit aller Art, aber er bedeutete auch die Anerkennung seines anhaltenden Versuchs, aus dem Opferschicksal eine spirituelle Identität zu machen.

Das Judentum als kultureller und spiritueller Anker

Gerade deshalb wurde Wiesel manchmal als „Monsieur Holocauste“ und als „professional Holocaust survivor“ tituliert. Aber der Pathos seiner Erklärungen und Auftritte gehörte zu seinem Bemühen, die Erinnerung an den Schrecken als Mittel gegen die grassierende Gleichgültigkeit zu aktivieren. Erinnern hielt Wiesel für die einzig angemessene Form des Gedenkens – und baute darauf, dass man den Schrecken, den man erinnert, nicht wiederholt.

Erinnern, sich erinnern müssen, ist ein essentieller Teil jüdischer Identität und Tradition. Das Judentum war für Wiesel kultureller und spiritueller Anker. Aber sein Gott war weniger der allmächtige biblische Gott als jenes kabbalistische „Unendliche“, das sich der spekulativen Betrachtung ebenso entzieht wie dem gebethaften Zugang. Dementsprechend versuchte er in chassidischer Manier, die Gegenwart durch und mit Geschichten zu verstehen und griff auf die traditionelle jüdische Form des Kommentars zurück, den Midrasch: Er las die kanonischen Schriften im Kontext einer neuen historischen Erfahrung und machte ein Geschehen vorstellbar, das dennoch unvorstellbar bleiben musste. „Man kann Auschwitz mit Gott nicht nachvollziehen, noch kann man Auschwitz ohne Gott verstehen.“

Das Hadern mit Gott – auch das eine jüdische (An)Gewohnheit! – unterminierte Wiesels Glauben nicht, sondern festigte ihn. Seine Entfremdung und seine Rückkehr zur Religion bildeten einen Erzählstrang im ersten Band seiner Autobiographie, den er 1969 unter dem Titel „Alle Flüsse fließen ins Meer“ veröffentlichte. Darin erzählte er die Entwicklungsgeschichte eines schüchternen Talmudschülers aus einem obskuren osteuropäischen Schtetl, der den Tod in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern überlebt und in der Auseinandersetzung mit den eigenen Erinnerungen und Schuldgefühlen psychische und moralische Kraft findet. Die darauf folgende Bildungsgeschichte erzählte Wiesel im zweiten Band seiner Autobiographie, den er unter dem Titel „… und das Meer wird nicht voll!“ 1996 veröffentlichte und in dem er seinen Werdegang zum gefeierten Schriftsteller und zum weltweit anerkannten Zeugen gegen Terror und Unrecht rekonstruierte.

Nicht zufällig sind die Titel dieser beiden autobiographischen Bücher Zitate aus dem Prediger Salomon. Diesen biblischen König, Propheten und Dichter hat Wiesel in einem Aufsatz porträtiert, in dem er den Willen zur Macht und das Entstehen einer poetischen Identität untersuchte und in subtilen Anspielungen die Vergangenheit auf die Gegenwart bezog. Dass man aus vergangenem Geschehen für die Zukunft lernen kann, ja muss, gehörte zu Wiesels Weltanschauung. „Weil wir gedemütigt wurden, müssen wir gegen jede Demütigung kämpfen,“ schrieb er. „Weil wir die hässlichste Seite der Menschheit erlebt haben, müssen wir an ihre schönste Seite appellieren.“ Diesem Appell galt der moralische Kampf von Elie Wiesel.

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erstellt am 04.7.2016

Elie Wiesel (1987)
Elie Wiesel (1987) Foto: © ErlingMandelmann.ch

Ein Gespräch mit Elie Wiesel (2013) in englischer Sprache

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