In ihrem 1981 erschienenen Roman „Yesterday's Streets“ („Straßen von gestern“) ließ Silvia Tennenbaum, 1928 in Frankfurt geboren und 1936 mit ihrer Familie über die Schweiz in die USA geflohen, die Welt der assimilierten, kultivierten, weltläufigen Familien des Frankfurter „jüdischen Westends“ wieder auferstehen. Elisabeth Abendroth erinnert an die am 27. Juni 2016 verstorbene Autorin.

Erinnerung an Silvia Tennenbaum

Unter Lebenden und Toten

Es bleibt uns vielleicht
irgend ein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglich
wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern
und das verzogene Treusein einer Gewohnheit,
der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.

Diese Zeilen aus Rainer Maria Rilkes erster Duineser Elegie hat Silvia Tennenbaum ihrem 1981 bei Random House in New York erschienenen Roman Yesterday's Streets vorangestellt. Nach ihrem ersten durchaus aus eigener, nicht immer einfacher Lebenserfahrung gespeisten, ebenso ironischen wie unterhaltenden Publikumserfolg Rachel: The Rabbi's Wife, der 1978 in den USA erschienen war, dort viele Neuauflagen erlebt hat und erst 2010 bei AVIVA in Berlin in der exzellenten Übersetzung von Claudia Campisi auf deutsch herausgekommen ist, war die zweite große Erzählung der New Yorker Kunsthistorikerin, Rebbezen und Mutter von drei Söhnen zunächst ein ziemlicher Flop. Denn so gern die amerikanische Leserschar der siebziger, achtziger Jahre über die Konflikte einer unangepassten Hippiekünstlerin las, die es als Gattin eines nicht immer treuen Rabbiners in eine wohlsituierte jüdische Vorstadtgemeinde verschlagen hatte, so wenig interessierte sie sich für die Geschichte einer jüdischen Familie, die ihr Überleben im Zeitalter der Extreme allein der Tatsache verdankte, dass sie in den USA Asyl gefunden hatte. Jekkes galten (und gelten) auch in den USA als eine seltsame Spezies mit komischem Akzent, altmodischen Ansichten und von ziemlich bemerkenswertem Äußeren.

Silvia Tennenbaum indes, 1936 als kleines Mädchen vor Hitlers Schergen mit ihrer Mutter und ihrem Stiefvater, dem Dirigenten Hans Wilhelm (später William) Steinberg, zunächst in die Schweiz, zwei Jahre später in die USA geflohen, war beides: Der unkonventionelle amerikanische Tomboy, Baseballfan mit langen Klimperohrringen und Matisse-blauer Haarsträhne, freundlich, unkompliziert, engagiert. Eine äußerst charmante Protagonistin des Civil Rights Movement. Links, wo das Herz schlägt, und zugleich vollkommen in den USA zuhause. Noch in unserem allerletzten Telefongespräch, etwa vier Wochen vor ihrem Tod, diskutierte sie mit mir die Perspektiven von Bernie und Hillary und die Gefahr Donald Trump. „Beinah ein Faschist!“, sagte sie. „Schrecklich, was tun?“ – Aber zugleich war Silvia Tennenbaum eine Tochter aus gutem Hause, konkret: aus Frankfurter großbürgerlich-jüdischem Hause. Wenn es um die bildende Kunst ging, mit umfassender europäischer, und wenn es um Musik und Dichtung ging, vor allem mit umfassender deutscher Bildung. Bis zuletzt konnte sie auswendig Goethe- und – in reinstem Frankfurterisch – Stoltze-Verse rezitieren. Und wenn ihr jemand komisch kam, konnte die nette Amerikanerin durchaus schon mal „Dame spielen“, Dame aus einem Frankfurter Salon des beginnenden 20. Jahrhunderts. Diese wunderbare, für immer verlorene Welt ließ Silvia Tennenbaum, geborene Pfeiffer-Belli, in ihren „Frankfurter jüdischen Buddenbrooks“ – so der Rechtshistoriker Michael Stolleis nach seiner ersten Lektüre von Yesterday's Streets – wieder auferstehen. Die Welt der großen Frankfurter jüdischen Stifterfamilien, die Welt der Gans', Mertons, Weinbergs, Hirschs, denen das Städel, die Frankfurter Universität, die Frankfurter Oper Unschätzbares zu verdanken haben. Die Welt, aus der Silvia Tennenbaum kam, die Welt ihrer Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten. Die Welt der assimilierten, kultivierten, weltläufigen Familien des Frankfurter „jüdischen Westends“. Mit dem Sieg der Hitlerfaschisten wurden sie entrechtet, enteignet, vertrieben, in alle Welt verstreut, ermordet. Über ihre Mutter war Silvia Tennenbaum mit Otto Frank verwandt. Als 2012 ganz Frankfurt Straßen von gestern las, saßen Annes – und Silvias – Cousin Buddy Elias sel. A. und seine Frau Gertie bei der Eröffnung in der Deutschen Bibliothek in der ersten Reihe.

Allerspätestens 2012 wurde klar: Straßen von gestern ist eigentlich ein deutscher Roman. Schon 1983 war er auf deutsch erschienen, nicht mit riesiger, aber doch mit ziemlich andauernder Resonanz, die periodisch etwas nachließ. In den Neunzigern erschien die deutsche Übersetzung als Fischer-Taschenbuch, was Silvia Tennenbaum sehr freute, denn nun konnten auch Schüler und Studenten den Roman kaufen. Seit 1983 reiste Silvia Tennenbaum regelmäßig nach Deutschland, seit Ende der Achtziger lebte sie fast jedes Jahr mehrere Wochen in Frankfurt. Sie fand hier enge Freunde, Mitstreiter. Dass meine verstorbene Mutter, mein Mann und ich dazu gehören durften, ist ein großes Geschenk. Als 2010 die verdienstvolle Reihe Frankfurt liest ein Buch mit Valentin Sengers Kaiserhofstraße 12 begann, sagte meine Mutter spontan: „Dann müssen sie als nächstes Silvias Buch lesen. Sonst kennen sie nur das halbe jüdische Frankfurt.“ Es hat dann doch bis zum übernächsten Mal gedauert, meine Mutter Lisa Abendroth hat es nicht mehr erlebt. Aber es war ein großes Fest für Silvia Tennenbaum, die am Schluss das Gefühl hatte, sie und ihre Familie seien wieder in Frankfurt angekommen – und für Frankfurt. Inzwischen sind eine niederländische und eine französische Übersetzung erschienen. Vielleicht ist Straßen von gestern im Grunde ein europäisches Buch, gerade jetzt zur richtigen Zeit?

Und das Totsein ist mühsam
und voller Nachholn, daß man allmählich ein wenig
Ewigkeit spürt. – Aber Lebendige machen
alle den Fehler, daß sie zu stark unterscheiden.
Engel (sagt man) wüßten oft nicht, ob sie unter
Lebenden gehn oder Toten.

heißt es an anderer Stelle in Rilkes erster Duineser Elegie. Silvia Tennenbaum, die sich bis zuletzt nach Frankfurt gesehnt hat, geht unter Lebenden und Toten. Aber es ist doch sehr traurig, dass wir Lebenden uns an ihr ansteckendes Lachen nur noch erinnern können.

Kommentare


Rossella Paschi - ( 05-07-2016 06:09:52 )
Sehr interessant, natürlich bekommt man Lust, alle ihre Bücher zu lesen!

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erstellt am 02.7.2016

Silvia Tennenbaum, Foto:  Herbert Kramm-Abendroth
Silvia Tennenbaum, Foto: Herbert Kramm-Abendroth
TV-Tipp

Esther Schapira im Gespräch mit Silvia Tennenbaum

Sonntag, 10. Juli 2016, 8:55 Uhr, hr-Fernsehen

Weitere Informationen

Silvia Tennenbaum
Straßen von gestern
Roman, aus dem Englischen von Ulla de Herrera
Gebunden mit Lesebändchen, 656 Seiten
ISBN-13: 9783895614866
Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2012

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