Andreas Neesers eindrückliche Sprachbilder betreffen jeden, der Natur als eigenwillige Macht erfahren kann und das eigene Vermögen zu befragen hat. Drei Gedichte aus seinem Band Wie halten Fische die Luft an lassen die Kunst dieses Schweizer Lyrikers ahnen.

Gedichte

Wie halten Fische die Luft an

Von Andreas Neeser

Warme Fährte

Schnee war gefallen
im stumpferen Licht
lag er oben am Waldrand
wie graublaues Fell.

Ich ging übers Land und hinauf
folgte ziellos der Spur eines Rehs
und verlor mich zum Mittag
ganz licht und ganz leicht im Gehölz.

Morgen, vielleicht
klopf ich die Gegenwart
leis aus der Sohle, vielleicht
trag ich sie fort.

Frühe Stunde

Sätze steigen auf
wie Vögel vom Schlafbaum
Geflüster, gefiedert, wir
suchen uns Flugwind
als wär es ein Kinderspiel
worten wir aus
ohne Komma und Punkt.

Baumkunde

Ein eisiger Wind
wäscht das Altgrün
am Ufer
die Finger der nackten Platane
suchen steifer als gestern
die Schulter Orions.

Angsttriebe, schau, sag ich
Lichtwuchs, sagst du
wie das Kind
von dem anderen Stern –
und verschiebst mich
zum hölzernen Steg.

Auf der äußersten Planke
lehn ich mich an.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Haymon Verlags (Innsbruck, Wien)

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erstellt am 01.7.2016

Andreas Neeser
Andreas Neeser, © Ayse Yavas

Andreas Neeser
Wie halten Fische die Luft an
Gedichte
Gebunden, 80 Seiten
ISBN-13: 9783709972199
Haymon Verlag, Innsbruck 2015

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