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Die Premiere markierte das Halbfinale der Saison an der Oper Frankfurt: Alban Bergs Oper „Wozzeck“ in einer Inszenierung von Christof Loy mit Sebastian Weigle am Dirigentenpult und mit Audun Iversen in der Hauptrolle. Weigle ließ sein Orchester zu Höchstform aufspielen, und Iversen gab einen schauspielerisch und musikalisch beeindruckenden Wozzeck, berichtet Stefana Sabin.

Oper

»Das stöhnt, als stürbe ein Mensch.«

Die Handlung ist ziemlich einfach: Wozzeck ist ein armer Schlucker. Er wird von dem Hauptmann, dem er dient, schlecht behandelt und von dem Arzt der Kompanie für schräge medizinische Experimente missbraucht. Als seine Geliebte Marie ihn mit dem Tambourmajor betrügt, bringt er sie – mehr aus Verzweiflung als aus Eifersucht – und dann sich selbst um.

Das Stück, in dem Georg Büchner den historisch verbürgten Fall des Mörders Johann Christian Woyzeck 1836 zum literarischen Stoff machte, blieb Fragment – und wurde erst 1913 in München uraufgeführt. Den Arzt Büchner muss vor allem die medizinische Seite des Falls interessiert haben, denn Woyzeck soll einer der ersten Straftäter gewesen sein, der auf psychische Störungen getestet wurde. (Er wurde für zurechnungsfähig befunden, zum Tode verurteilt und hingerichtet.) Bei Büchner ist er ein Opfer ungerechter sozialer Verhältnisse, und so sah ihn auch Alban Berg 1914 auf der Bühne der Wiener Kammerspiele. Schon kurz nach diesem Theaterbesuch begann Berg mit der Arbeit an einer Vertonung des Dramafragments. 1917 war die dramaturgische Einrichtung beendet, 1921 war die Oper fertig, die mit finanzieller Unterstützung von Alma Mahler-Werfel veröffentlicht (weshalb Berg ihr die Oper widmete!) und schließlich Ende 1925 an der Oper Unter den Linden in Berlin uraufgeführt wurde.

Für eine Oper, in der Atonalität und Vorformen der Zwölftontechnik die Musik bestimmen und statt Rezitativen eine Art Sprechgesang als rhythmische Deklamation verwendet wird, wurde Bergs Wozzeck ein großer Erfolg. Denn nach der Uraufführung und bis in die dreißiger Jahre, als die Nazis sie verbaten, wurde sie überall gespielt; nach dem Zweiten Weltkrieg brachte der legendäre Dirigent Karl Böhm sie in Neapel und Salzburg, in Wien und New York, in Berlin und Buenos Aires auf den Spielplan und nahm sie – mit Dietrich Fischer-Dieskau als Wozzeck – auf. Inzwischen gehört Wozzeck zum Repertoire.

Eher ein Sozialdrama

An der Oper Frankfurt wurde diese Berg-Oper mehrmals gespielt, zuletzt 1993 unter der Leitung des damaligen GMD Sylvain Cambreling und in einer geradezu existentialistischen Deutung von Peter Mussbach, der das Seelendrama der Figuren in Szene setzte. Christof Loy, der die Frankfurter Neuinszenierung verantwortet, erzählt eher ein Sozialdrama und führt die Verlorenheit der Figuren vor, indem er sie auf einer fast leeren Bühne agieren lässt – denn schon bei Büchner heißt es, die Welt sei leer und hohl. Nur zwei mit großen Türen versehene und verstellbare Trennwände unterteilen manchmal den Bühnenraum, der von Olaf Winter mal grell erleuchtet und mal in graues Licht getaucht wird, so dass die Beziehungen zwischen Wozzeck und Marie, zwischen Marie und dem Tambourmajor, zwischen Wozzeck und dem Hauptmann immer wieder als Schattenspiel auf der Rückwand erscheinen.

Loy verzichtet auf soldatische Requisiten und lässt Wozzeck in Jeans und orangefarbenem T-Shirt und den Hauptmann in schwarzem Smoking auftreten – nur die schwarzpolierten Stiefel des Hauptmanns lassen sich als Hinweis auf seine militärische Funktion deuten. Auch die Soldaten, also der Chor, trägt Alltagskleidung. Denn Loy inszeniert kein Soldatendrama, sondern ein düsteres soziales Kammerspiel um Wozzecks und Maries existentielle Verzweiflung. „Wir arme Leut’!“ klagt Wozzeck schon im ersten Akt, als der Hauptmann ihm die uneheliche Beziehung mit Marie vorhält. Bergs Wozzeck hadert von Anfang an mit seinem Unglück – und Loy zeigt ihn als gequälte Figur, die zwischen realer Unterdrückung und psychotischer Angstvorstellung hin- und hergerissen ist und schließlich kapituliert.

„Das stöhnt, als stürbe ein Mensch.“ – merkt der Hauptmann, als er mit dem Arzt am Teich vorbeigeht, in dem Wozzeck ertrinkt. Die gurgelnde Musik deutet auf schreckliche, ja schaurige Weise das Stöhnen des Ertrinkenden an, worauf das darauffolgende Orchesterzwischenspiel in d-Moll als fast schon versöhnliche Trauermusik wirkt.

Tatsächlich klang Bergs Atonalität selten so geschmeidig wie jetzt in Frankfurt! Sebastian Weigle lässt sein Orchester zu Höchstform aufspielen und entlockt der strengen Architektur der Bergschen Komposition eine geradezu erzählerische Suggestivkraft. Der norwegische Bariton Audun Iversen gibt einen schauspielerisch und musikalisch beeindruckenden Wozzeck und auch Claudia Mahnke als Marie ist in ihrem Stimmungswechsel zwischen Existenzangst, Freude und Reue immer glaubwürdig. So ist diese vorletzte Premiere der Saison zugleich ihr Höhepunkt.

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erstellt am 28.6.2016

Szenenfoto Wozzeck, Oper Frankfurt: Monika Rittershaus

Oper

Wozzeck

Oper in drei Akten von Alban Berg
Text vom Komponisten nach dem Drama Woyzeck von Georg Büchner

Musikalische Leitung Sebastian Weigle
Inszenierung Christof Loy
Bühnenbild Herbert Murauer

Oper Frankfurt

Szenenfoto Wozzeck, Oper Frankfurt: Monika Rittershaus