Bevor Ludwig Wittgenstein 1951 starb, äußerte er noch, dass er ein wundervolles Leben gehabt habe. Tatsächlich aber wurde der Philosoph der Sprache und der Mathematik von Depressionen geplagt. „Er sagt von sich, dass er jeden Morgen voller Hoffnung beginne, aber jeden Abend in Verzweiflung ende.“, berichtete Bertrand Russell. Otto A. Böhmer sah, dass es auch umgekehrt ging.

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein

Der russische Freund

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein war dem dicken, rothaarigen Mann gefolgt, der so überzeugend nach Whisky roch, dass man ganz einfach Vertrauen zu ihm haben musste. „Sie werden sich wohlfühlen auf Rosro Cottage“, sagte der Mann. Sicher doch, dachte der Philosoph. Man muss sich selber die Mutproben abnehmen, jeden Tag und mehr noch in der Nacht. Wer sich nicht selbst befeuert, stirbt bei lebendigem und leicht faulendem Leib.

„Wir sind da“, sagte der Mann. „Rosro Cottage. Die Perle der irischen Westküste, und Sie allein dürfen sie zum Glänzen bringen. Wie gefällt es Ihnen, Sir?“ „Na ja“, ächzte Wittgenstein. „Auch hier braucht man wohl seine Zeit.“ – Er schaute sich um. Das Landhaus, das er sich, nach Ratschlag eines Freundes und doch auf gut Glück ausgesucht hatte, war eher ein Häuschen; der irische Wind schien es klein bekommen zu haben im Lauf der Jahrhunderte: Es duckte sich am Hang; unter einem sturmschiefen aschgrauen Dach lugten drei Türen hervor. „Vergessen Sie nicht, den Kopf einzuziehen, wenn Sie aus dem Haus gehen“, sagte der Mann. „Im Moment will ich erstmal hinein“, meinte Wittgenstein. „Innen ist das Haus sehr geräumig“, sagte der Mann. „Kommen Sie.“ Der Philosoph folgte ihm; hocherhobenen Hauptes ging er auf die mittlere der drei Türen zu, die sich beim Näherkommen förmlich zu strecken schien und sich wie von Geisterhand öffnete. „Sehen Sie“, sagte der Mann. „Habe ich Ihnen zuviel versprochen?“

„Ich sehe gar nichts“, sagte Wittgenstein. „Es ist arg düster hier.“ „Warten Sie. Ich mache Licht an. Dann wird Ihnen heimgeleuchtet. Es gibt keinen schöneren Flecken an der Westküste als Rosro Cottage“, sagte der Mann, „da lass ich nicht mit mir reden.“ „Das fürchte ich auch“, sagte Wittgenstein. „Deswegen bleibe ich. Und bitte Sie hiermit zu gehen.“ „Mit Vergnügen“, erwiderte der Mann. „Ich bin froh, wieder nach Hause zu kommen. Übrigens, was da rauscht und tost vor Ihrem Haus, ist das wilde Meer.“ „Danke“, sagte der Philosoph. „Darauf wäre ich nun wirklich nicht gekommen.“ Am nächsten Tag regnete es. Wittgenstein ging gegen den Wind. Das Meer warf sich auf; die Wogen brachen am Fels und wurden an Land gedrückt. Treibgut lag am Strand; alle zehn Meter lugte eine leere Whiskyflasche aus dem Sand. Keine Botschaften, die man mir schickt, dachte der Philosoph. Nur dieser gewaltige Himmel über mir und die vorlaute See. Treibjagd der Wolken. Imposante Gebilde. Nimmersatt. Wer ist der Jäger, der dort oben und längst auch auf Erden die Schonzeit unter Strafe gestellt hat? Wer ist er; muss man ihn kennen? Oder gar benennen? Die Reise der Wolken; sie ist wie unser Sprachspiel etwas Unvorhersehbares. Sie ist nicht begründet. Nicht vernünftig (oder unvernünftig). Sie steht da – wie unser Leben. Es wurde ein sehr langer Spaziergang. Wittgenstein hatte das Gefühl, das Meer zu umrunden; der jagende Himmel über ihm, der das Land hob und zu Wasser brachte, gab ihm Geleitschutz. Im Regen ging er und spürte nur sich selbst; alles, was war, versorgte ihn mit den absonderlichsten Bildern. Als er zurückkehrte, war er so müde, dass er sich gleich ins Bett legte und einschlief. Am nächsten Morgen spürte er die alte Verzweiflung und die neu hinzugekommenen Schmerzen. Er ging vors Haus: Das Meer war fast gar nicht zu sehen, und der zusammengeschnurrte Horizont glich einer verhängten Fallbeilskulptur. Unruhig ging der Philosoph auf und ab; gegen Mittag setzte er sich hin und versuchte, einen Brief zu schreiben. „Es ist mir in der letzten Zeit nicht gut gegangen“, notierte er. „Seele, Geist & Körper. (Haben wir noch immer das Jahr 1948??) Viele Wochen lang fühlte ich mich übermäßig niedergeschlagen, dann wurde ich krank & jetzt bin ich schwach & völlig lustlos. Fünf bis sechs Wochen lang habe ich überhaupt nichts gearbeitet. Ich lebe hier allein in einem Cottage an der Westküste, direkt am Meer, von jeder Zivilisation weit entfernt …“ In der Nacht lag Wittgenstein wach; er hörte das Rauschen der Brandung, ein asthmatischer Wind machte sich an seinem geliehenen Häuschen zu schaffen, das noch immer nicht klein beigeben mochte. Im Morgengrauen, das seinen Namen verdiente, verfiel er in einen dumpfen Sackschlaf; er rührte sich nicht, bis ihm Licht vor die Augen kam: Mit einem Mal war da ein kleiner, vierschrötiger, sehr alter Mann, den er zu kennen glaubte; ja, das war er, der Dichter, sein russischer Freund, den er so gut verstand, obwohl er ihm nie leibhaftig begegnet war. „Mein guter unbekannter Freund“, sagte der alte Mann. „Ich weiß, was du durchmachen musst. Als ich vor etwa vierzig Jahren starb, war mir klar, dass ich weiterleben würde. Der Mensch führt sein Erdendasein nun mal nicht ungestraft, und aus der irdischen Zeit wird die Ewigkeit. Leide, mein Freund, und sei getröstet in dem Gedanken, dass dieses Leiden kein Ende hat. Mein Gott, habe ich oft gerufen, mein Gott, wie schwer ist es, zu leben nur vor Gott … Aber man muss, man muss so leben, weil nur solch ein Leben ein Leben ist. Du musst aushalten, mein Freund; aushalten.“

Als der Philosoph erwachte, fühlte er sich gerädert und merkwürdig erfrischt zugleich. Draußen schien der Wind zum Sturm werden zu wollen, und das Meer brandete an seine drei Türen. Auf dem Tisch lag noch der Brief, den er tags zuvor begonnen hatte, und Wittgenstein schrieb: „Natürlich ist alles (!) nicht wahr … Heute allerdings hat sich zum ersten Male seit mehr als zwei Jahren der Vorhang in meinem Hirn wieder gehoben. Morgen kann alles wieder vorbei sein, aber augenblicklich tut’s mir sehr wohl … (Gut auch, dass sich kein Besuch hierher ins Cottage nach Renvylle verirrt. Mir genügt’s, wenn sich ab & zu ein russischer Freund hören lässt. – Er wusste: ‚Um an die Unsterblichkeit zu glauben, muss man ein unsterbliches Leben leben‘ … Aber er wusste auch: ‚Es ist leichter, zehn Bände Philosophie zu schreiben, als einen einzigen Grundsatz in der Praxis durchzuführen.‘)“

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erstellt am 27.6.2016

Otto A. Böhmers Reihe Holzwege berichtet von den mal erhabenen, mal erheiternden Bemühungen der Philosophen, im Geschäftsbetrieb des Alltags Haltung zu bewahren und der eigenen Rede Sinn nicht zu vergessen. Die kleinen Begebenheiten im Leben großer Philosophen, die der Autor zu sich bittet, erzielen fast immer angemessene Wirkung: Sie passen so trefflich ins Bild der jeweiligen Philosophie, dass man vermuten muss, sie könnten erdacht worden sein, um den dazugehörigen Philosophen bei merk- und denkwürdiger Laune zu halten.

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein
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