Anlässlich des 400. Todestags von William Shakespeare ist eine Box mit 21 DVDs erschienen, die 19 Stücke Shakespeares sowie Christopher Marlowes „Doctor Faustus“ in Aufführungen des Globe Theatre enthalten. Diese Box ist nicht nur eine Lektion in Shakespeare, sie liefert einen Einführungskurs in das Wesen des Theaters überhaupt, meint Thomas Rothschild.

DVD

Shakespeare satt

Ein Leckerbissen für Theaterfreunde: Opus Arte bietet anlässlich des 400. Todestags von William Shakespeare eine Box mit 21 DVDs, zu zwei Dritteln mit zuschaltbaren deutschen Untertiteln, an, die 19, die Hälfte der von ihm überlieferten Stücke sowie Christopher Marlowes „Doctor Faustus“ in Aufführungen des Globe Theatre enthalten. Sie wurden zwischen 2009 und 2014, mit Publikum, für die Leinwand aufgezeichnet. Sie sind gemäß der Konvention der ersten Folio-Ausgabe nach Gattungen – Komödien, Historiendramen, Tragödien – und innerhalb dieser chronologisch angeordnet. Leider fehlen einige der schönsten und bekanntesten Stücke: „Der Kaufmann von Venedig“, „Das Wintermärchen“, „Richard III“, „Hamlet“, „King Lear“ und „Othello“. („Othello“ gibt es, als Einzel-DVD außerhalb der Serie, in einem älteren Mitschnitt aus dem Globe Theatre.) Ein umfangreiches Beiheft enthält die Besetzungen und Inhaltsangaben, auch in deutscher und französischer Übersetzung.

Shakespeare war bekanntlich Dramatiker und Theaterpraktiker in einer Person. Das mag ein Grund dafür sein, dass man sich ihm in England mit ähnlichem Respekt nähert wie Molière in Frankreich oder Nestroy in Österreich. Man kann das museal nennen. Man kann auch die Ansicht vertreten, dass nicht nur die Texte, sondern auch Aufführungskonventionen es verdienen, dem Vergessen entrissen zu werden. Am Berliner Ensemble hat man, über Brechts Tod hinaus, lange ebenso gedacht. Mittlerweile kann man authentische Brecht-Inszenierungen allenfalls in filmischen Aufzeichnungen sehen. Niemand wagt es, unter dem Dogma der Aktualisierung, eins seiner Stücke in seinem Sinn zu rekonstruieren. Eher noch werden Reminiszenzen an seine Methode auf Texte anderer Autoren übertragen.

Illusionistisches Kostümtheater

Auch im englischsprachigen Raum, wo sich das Theater in den vergangenen Jahrzehnten anders entwickelt hat als in den deutschsprachigen Ländern, gibt es zahlreiche Versuche, Shakespeare zu „modernisieren“, auf seine Signifikanz für die Gegenwart zu befragen. Am Globe Theatre beharrt man auf einem illusionistischen Kostümtheater – wobei die Kostüme ja keineswegs nur die historische Verortung, sondern auch die sozialen Rangordnungen und Differenzierungen markieren („You know me by my habit“, „Ihr wisst an meiner Tracht, wer ich bin“, sagt der französische Gesandte Montjoy in „Henry V“) und der Reiz von zum Leben erweckten bekannten Porträts historischer Persönlichkeiten hinzukommt –, und ob man das nun mag oder nicht: dass es nach wie vor „funktioniert“, beweisen die Reaktionen der Zuschauer, die sich, sitzend und stehend, notfalls im Regen, unter freiem Himmel, bis direkt an die vor einer in jedem Stück anders verkleideten hausähnlichen, der Skené des antiken griechischen Theaters vergleichbaren von einer Galerie gekrönten Konstruktion nach vorne gezogene Rampe drängen. Die pure Freude an der Verwandlung, an den Verwechslungen und Täuschungen, an der Bühnenpräsenz, an szenischen Späßen, Obszönität inbegriffen, und an Einfühlung hat nach wie vor ihren Platz im Theater. Hier hat man noch nichts von Method Acting gehört. Die große (in „Romeo und Julia“ allzu große) Geste und das exzessive Grimassieren haben hier ihren Platz und wirken nichts weniger als dilettantisch. Das Globe Theatre macht plausibel, warum das englische Wort „Comedian“ sowohl „Komödiant“ wie „Schauspieler“ bedeutet. Diese Schauspieler wissen noch, wie man Verse spricht, und sie beherrschen die Kunst der raschen Rede und Gegenrede, ohne Silben zu verschlucken. Dabei ordnen sich die Handschriften der Regisseure dem Stil des Theaters unter, wie es einst am Theater in der Josefstadt, am Deutschen Theater oder eben am Berliner Ensemble der Gepflogenheit entsprach. Es gibt auch kleine Abweichungen vom Schema – wenn etwa die Römer in „Julius Caesar“ oder in „Antonius und Cleopatra“ nicht in der Kleidung ihrer Zeit, sondern in modifizierten Renaissancekostümen auftreten.

Die teilweise äußerst deftigen Wortspiele, die in älteren deutschen Übersetzungen geglättet oder einfach nicht verstanden wurden, werden im Globe Theatre durch entsprechende Aktionen und Gesten verdeutlicht – etwa in „Der Widerspenstigen Zähmung“ der folgende Dialog: „KATHERINA. If I be waspish, best beware my sting. PETRUCHIO. My remedy is, then, to pluck it out. KATHERINA. Ay, if the fool could find it where it lies. PETRUCHIO. Who knows not where a wasp does wear his sting? In his tail. KATHERINA. In his tongue. PETRUCHIO. Whose tongue? KATHERINA. Yours, if you talk of tales; and so farewell. PETRUCHIO. What! with my tongue in your tail? Nay, come again, Good Kate; I am a gentleman.“ Die Inszenierung versucht übrigens gar nicht erst, aus Katherina, der „shrew“, die mehr ist als bloß „widerspenstig“, eine Frauenrechtlerin zu machen und zu verheimlichen, dass der Protestantismus des elisabethanischen Zeitalters nicht weniger patriarchalisch war als es der Islamismus von heute ist. Sie vertraut auf ein Publikum, das intelligent genug ist, dies ebenso zu erkennen und kritisch zu beurteilen wie den kolonialistischen Subtext im „Sturm“. Übrigens: die Handlungszeit der Römerdramen liegt von Shakespears Zeit weiter entfernt als Shakespeares Gegenwart von unserer Epoche. Strukturen bedürfen keiner „Aktualisierung“. Am nächsten zum elisabethanischen Zeitalter liegt übrigens die Handlung von Marlowes „Doctor Faustus“. Der historische Faust war noch kein halbes Jahrhundert tot, als es entstand. Das Globe Theatre macht aus der „Tragical History“ ein Spektakel, teils skurrile Komödie, teils allegorisches Mysterienspiel, teils ungestüme antiklerikale Anklage.

Unübersetzbaren Wortspiele

Die Aufführungen geben dem Fremdsprachler auch mancherlei Auskunft. Zum Beispiel, dass Shakespeares Zeitgenossen das französische Wort Monsieur als „monsjur“ aussprechen durften. Und die unübersetzbaren Wortspiele kann man halt nur im Original genießen. In den „Lustigen Weibern von Windsor“ sagt Mistress Ford zum gehörnten Falstaff: „I will always count you my deer“. In den deutschen Übersetzungen ist der Witz futsch.

Die Bühnenbildideen sind so einfach wie genial. Der Ardennerwald kommt zum Vorschein, indem Stoffverkleidungen an holzfarbenen Säulen hochgezogen werden. Das Globe Theatre hält sich an die Forderung, die im Prolog zu „Henry V“ an das Publikum gerichtet wird: „Denkt euch im Gürtel dieser Mauern nun/ Zwei mächtge Monarchien eingeschlossen,/ Die, mit den hocherhobnen Stirnen dräuend,/ Der furchtbar enge Ozean nur trennt./ Ergänzt mit dem Gedanken unsre Mängel,/ Zerlegt in tausend Teile einen Mann/ Und schaffet eingebildte Heereskraft./ Denkt, wenn wir Pferde nennen, dass ihr sie/ Den stolzen Huf seht in die Erde prägen;/ Denn euer Sinn muss unsre Kön'ge schmücken./ Bringt hin und her sie, überspringt die Zeiten,/ Verkürzet das Ereignis manches Jahrs/ Zum Stundenglase.“

Einen Hochgenuss der besonderen Art bieten die musikalischen und tänzerischen Einlagen, insbesondere die rituellen Schluss- und Verneigungschoreographien von Siân Williams, die das Publikum selbst bei den Tragödien in einer erlösenden Stimmung entlassen. Und – man höre und staune: sie kommen ganz ohne Rock des 20. Jahrhunderts aus. Stattdessen werden Kompositionen im Stil der alten englischen Musik mit Anklängen an Melodien und Rhythmen der spanischen, der jüdischen, der orientalischen, der schottischen oder der Balkan-Folklore und, ausnahmsweise, im „Sommernachtstraum“, an Gershwins „Summertime“ angereichert.

Dieses Theater erliegt nicht der Faszination des technisch Machbaren. Kein Video, keine neuen Medien, keine komplizierte Software. Eher schon eine Besinnung auf das, was Peter Brook „The Empty Space“ genannt hat.

Es ist schon alles da

Diese Box ist nicht nur eine Lektion in Shakespeare, sie liefert einen Einführungskurs in das Wesen des Theaters überhaupt. Es ist ja schon alles da in den Stücken des Elisabethaners: die Versuchsanordnungen eines Marivaux und die Lazzi der Commedia dell'arte, die Verwechslungsdramaturgie von Kleists „Amphytrion“, einer der wenigen gelungenen Komödien der deutschen Dramatik, und der vorgetäuschte Identitätstausch in Schillers „Jungfrau von Orleans“, das Schauerdrama, die Fantastik der Romantik und deren ironische Brechung der Illusion („If this were played upon a stage now, I could condemn it as an improbable fiction“), die Rhetorik und das wankelmütige Volk von Büchners „Danton“ und von Puschkins „Boris Godunow“, die Wortspielerei eines Nestroy und einer Jelinek und das schlagfertige Wisecracking eines Oscar Wilde und – im Film – der Slapstick Comedy, die Grausamkeit eines Edward Bond oder einer Sarah Kane, auch das vorübergehende Einreißen der „vierten Wand“, die direkte Anrede an das Publikum, der Wechsel von Bewegung und Statik, von Poesie und Drastik, sowie die Geschlechtsambiguität, die freilich, anders als bei der gegenwärtigen überbordenden Gendermode im Theater, eine dramaturgische Funktion erfüllt. Lediglich in „Was ihr wollt“ wurden, wie zu Shakespeares Zeiten und übrigens auch in der griechischen Antike oder im traditionellen japanischen Theater, alle Rollen mit Männern besetzt. Vom fernöstlichen Tanz hat die Inszenierung mit der komischsten Olivia und dem bemitleidenswertesten Malvolio, die man sich vorstellen kann, die winzigen Trippelschritte unter bodenlangen Röcken übernommen, die den Gängen der „Frauen“ den Anschein des Gleitens verleihen.

Schwerlich findet man in der dramatischen Literatur einen aktuelleren Kommentar zu Politikern unserer Tage als die berühmte Stelle in der Rede des Brutus: „As Caesar loved me, I weep for him; as he was fortunate, I rejoice at it; as he was valiant, I honour him: but, as he was ambitious, I slew him. There is tears for his love; joy for his fortune; honour for his valour; and death for his ambition.“ Schlegel hat „ambitious“ mit „herrschsüchtig“ übersetzt. Aber es bedeutet „ehrgeizig“! Und wenn man Ehrgeiz auch nicht für todeswürdig halten muss: die Quelle vieler Übel ist er schon, auch lange nach Cäsar und Shakespeare.

Selbst ein so moderner, aber bis heute nicht durchgesetzter Gedanke wie die Überwindung von Standesdünkeln ist bereits bei Shakespeare zu finden. In „Ende gut, alles gut“ sagt der König von Frankreich, in Ludwig Tiecks Übertragung: „Den Stand allein verachtest du, den ich/ Erhöhn kann. Seltsam ists dass unser Blut –/ Vermischte mans – an Farbe, Wärm und Schwere/ Den Unterschied verneint, und doch so mächtig/ Sich trennt durch Vorurteil. Ist jene wirklich/ Von reiner Tugend, und verschmähst du nur/ Des armen Arztes Kind, so schmähst du Tugend/ Um eines Namens willen. Das sei fern!/ Wo Tugend wohnt, und wärs am niedern Herd,/ Wird ihre Heimat durch die Tat verklärt./ Erhabner Rang bei sündlichem Gemüte/ Gibt schwülstig hohle Ehre: wahre Güte/ Bleibt gut auch ohne Rang, das Schlechte schlecht./ Nach innerm Kern und Wesen fragt das Recht,/ Nicht nach dem Stand.“

Fortdauernde Attraktivität von Shakespeares Werk

„We are such stuff/ As dreams are made on“: das ist der Leitsatz, dem das Globe Theatre folgt. Nur ab und zu fallen einem vergleichbare Shakespeare-Inszenierungen aus dem deutschsprachigen Raum ein, etwa Ernst Wendts „Wie es euch gefällt“ von 1982 mit der wunderbaren Irene Clarin als Rosalind oder die „Rosenkriege“ von Peter Palitzsch.

Die fortdauernde Attraktivität von Shakespeares Werk ist umso erstaunlicher, wenn man sich vor Augen hält, was in Deutschland noch nach seinem Tod für die Bühne geschrieben wurde: „Catharina von Georgien“ oder „Horribilicribrifax Teutsch“ von Andreas Gryphius, „Ibrahim“ oder „Agrippina“ von Daniel Casper von Lohenstein. Wie kommt es, dass man bei Stücken, die man viele Male gesehen hat, deren Fabel man genau kennt, stets aufs Neue lachen oder weinen, in manchen Fällen, beispielhaft bei „Viel Lärm um nichts“, beides zugleich kann? Die Antwort gibt eine Anekdote, die Andrej Sinjavskij einst erzählt hat:

Die Tochter eines amerikanischen Millionärs zeichnete sich durch Leidenschaftlichkeit des Temperaments, Freizügigkeit der Moral und Reichtum an Einbildungskraft aus. Mit einem Wort, sie vollführte eine permanente sexuelle Revolution. Damit die einzige Tochter nicht völlig verkommen möge, engagierte der alte Millionär mit seinen Dollars einen Schauspieler, der sich, je nach den Launen der Tochter, sozusagen von einem Liebhaber in einen anderen Liebhaber verwandeln und dabei zugleich ihr einziger Mann bleiben sollte. Zunächst wollte die Tochter des Millionärs einen einfachen englischen Seemann im Bett haben. Und der Schauspieler füllte großartig die Rolle des Seemanns aus. Er legte sich mit schmutzigen Stiefeln auf ihre Spitzendecke, trank Whisky, rauchte eine Pfeife und fluchte ununterbrochen. Bald wurde er ihr langweilig, und sie wollte sich mit einem auserwählten östlichen Prinzen ablenken. Und sofort spielte der selbe Schauspieler die Rolle des Prinzen, und sie war einige Zeit mit ihm glücklich. Aber dann forderte sie einen anderen, einen fünften, einen zehnten. Und all diese unwahrscheinlichen Rollen und Wünsche erfüllte ein und derselbe Schauspieler. So ging das ziemlich lange, bis sie eines Tages das Theater besuchte. Dort sah sie ihren Geliebten auf der Bühne und begriff auf einmal, dass in all diesen Verkleidungen ein und dieselbe Person vor ihr aufgetreten war. Und da sagte sie ihm: „Liebster, ich will keinen englischen Seemann mehr und keinen östlichen Prinzen und all die übrigen, ich will nur dich, dich allein, als den Menschen, der du im Leben bist.“ „Verzeihen Sie, Madame“, antwortete er ihr, „aber mir gelingt nichts im Leben.“ „Was redest du da!“ rief sie aus. „Du hast doch solche Wunder der Leidenschaft vollbracht!…“ „Ach, Madame, das war alles die Macht der Kunst. Aber im Leben, im Leben – bin ich impotent…“

Nachbemerkung:

Wenn bei uns von Quoten und „Affirmative Action“ die Rede ist, geht es fast stets ausschließlich um Frauen. Nicht mehr Gerechtigkeit – ein größeres Stück vom Kuchen einer ungerechten Distribution ist das Ziel. Wen kümmern schon all die anderen Kollektive, die benachteiligt, diskriminiert, übergangen werden. Wo sind die Massen, die sich, ohne selbst homosexuell zu sein, für die Rechte von Schwulen und Lesben einsetzen, die, ohne selbst aus „bildungsfernen“ Familien zu stammen, gegen die anhaltende Verweigerung von Bildungsgerechtigkeit kämpfen, die, ohne selbst behindert zu sein, die Missachtung von Behinderten anprangern, wie sich einst weiße Amerikaner für die Bürgerrechte der Schwarzen, wie sich einst sozialistische Männer für die Frauenrechte stark machten? Da ist es schon bemerkenswert, was das Globe Theatre regelmäßig anbietet, nämlich spezielle Aufführungen nicht nur für Hörgeschädigte, Taubstumme und Blinde, sondern auch für Autisten, für Zuschauer mit Bewegungs-, Kommunikations- oder Lernbehinderungen. Die „Relaxed Performances“ bitten das Publikum, auf das Bedürfnis dieser Mitmenschen, sich zu bewegen oder unwillkürliche Geräusche von sich zu geben, Rücksicht zu nehmen. Das Theater bietet sogar Eingewöhnungsbesuche an für Leute, bei denen neue Örtlichkeiten Ängste auslösen. Irgendwie geraten solche Möglichkeiten in Deutschland gar nicht erst in den Blick, weil man so sehr mit den auf der Bühne verhandelten Stoffen beschäftigt ist, mit denen man die – zugegeben: schlechten – Zustände verändern möchte, und mit den – zugegeben: nicht weniger schlechten – ökonomischen Bedingungen der Schauspieler. Emanzipation aber findet nicht nur auf und hinter, sondern auch vor der Bühne statt.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 24.6.2016

William Shakespeare
William Shakespeare

Shakespeare 400 – The Globe Collection
21 DVDs
Opus Arte OA 1209 BD

DVD-Box bestellen