Zur Halbzeit der Ludwigsburger Schlossfestspiele interpretierte der israelische Pianist Boris Giltburg Rachmaninows „Variationen über ein Thema von Corelli“ und Stücke von Schostakowitsch, Skrjabin und Prokofjew. Ein weiterer Höhepunkt war „Fractus V“, eine Tanzproduktion des belgischen Choreographen Sidi Larbi Cherkaoui. Zudem berichtet Thomas Rothschild aus Stuttgart, wo Gauthier Dance ein neues abendfüllendes Handlungsballett zeigte.

Ludwigsburger Schlossfestspiele 2016, Teil 5

Pianistische Virtuosität und modernes Tanztheater

Die Spannweite des Angebots bei den Ludwigsburger Festspielen dürfte einmalig sein. Zwischen den Cellosonaten von Beethoven und Gabriel Fauré in der Interpretation von Nicolas Altstaedt und Alexander Lonquich auf der einen Seite und der „Song Conversation“ von Judith Holofernes, Gisbert zu Knyphausen und Käptn Peng liegen Welten. Die Vorstellung von der Schließung der Kluft dürfte allerdings ein Traum bleiben. Die Schnittmenge zwischen den Publika bei den beiden Konzerten tendierte gegen Null. Und man muss denn auch konzedieren, dass die Songs der drei Repräsentanten der Popkultur textlich und musikalisch sehr schlicht ausfielen – und zwar nicht im Vergleich zu Fauré und Beethoven, sondern zu Joni Mitchell, Van Morrison, Randy Newman oder auch zur Ersten Allgemeinen Verunsicherung. Da klingt es schon nach Hochstapelei, wenn die drei auf die Frage, welche Songwriter sie am meisten geprägt hätten, die Namen Bob Dylan, Tom Waits und Frank Zappa nennen.

Am Anfang der diesjährigen Festspiele stand Sergej Rachmaninows „Rhapsodie über ein Thema von Paganini“. Zur Halbzeit interpretierte Boris Giltburg Rachmaninows „Variationen über ein Thema von Corelli“, das gar nicht von Corelli stammt, sondern unter dem Namen La Folia aus der traditionellen Musik Portugals, und das von zahlreichen Barockkomponisten benutzt und variiert wurde. Dabei erwies sich der israelische Pianist als nicht weniger virtuos als sein Kollege Cameron Carpenter an der Orgel. Man kann nur darüber staunen, wie er bei einem atemberaubenden Tempo nicht nur die richtigen Tasten trifft, sondern auch noch mit der linken und der rechten Hand ganz unterschiedliche Klangfarben und dynamische Nuancen produziert. Der Rachmaninow-Knüller war die Einleitung zu einem rein russischen Abend, an dem eins die Stücke von Schostakowitsch, Skrjabin und Prokofjew mit den „Corelli-Variationen“ verband: dass sie dem Künstler eine seltene technische Perfektion abverlangen. Das gilt insbesondere für den Schostakowitsch. Es handelte sich nämlich nicht etwa um eine originale Klavierkomposition, sondern um eine Bearbeitung Giltburgs vom achten Streichquartett des durch seine dramatische Energie immer wieder faszinierenden Russen. Dass die Virtuosität des Klavierspiels nicht auf Kosten der musikalischen Durchdringung ging, macht den erst 32jährigen Giltburg zu einem der großen Pianisten unserer Tage. Der hatte offenkundig Freude an der begeisterten Reaktion des Publikums und bedankte sich mit drei Zugaben, ohne den russischen Rahmen zu sprengen. Noch ein Rachmaninow, noch ein Prokofjew, noch eine Schostakowitsch-Transkription. Es hätte so weiter gehen können. Obwohl das erste EM-Spiel der deutschen Mannschaft bereits begonnen hatte.

Bis zur Grenze des Erträglichen erschreckend

Nach diesem Höhepunkt pianistischer Virtuosität – ein weiterer Höhepunkt modernen Tanztheaters: die Eastman Kompanie des belgischen Choreographen Sidi Larbi Cherkaoui mit „Fractus V“, einer Koproduktion zahlreicher Veranstalter aus mehreren Ländern, darunter der Ludwigsburger Schlossfestspiele. „Fractus V“ ist eine anderthalbstündige eklektische Folge von ganz unterschiedlichen Elementen. Nicht nur seriell, auch synchron stoßen Teile, die nicht zusammen zu gehören scheinen, aufeinander. Da wird zu indischer Musik Flamenco getanzt. Eleganz der Bewegung mischt sich mit Akrobatik, Ordnung mit Chaos. Mitwirkende tragen dreieckige und trapezförmige Platten hin und her, als wären sie Bühnenarbeiter, und fügen sie, wie ein Puzzle, zu immer neuen Mustern zusammen. Auch die Arme der ausschließlich männlichen Tänzer bilden mit Ausdauer sich wandelnde geometrische Formen. Zwischen „abstrakten“ Choreographien provozieren hyperrealistische, aber auch wie in Zeitlupe zerdehnte Szenen der kruden Brutalität. Und siehe da: das ist keine Spur komisch wie in den Italowestern mit Bud Spencer, sondern nur bis zur Grenze des Erträglichen erschreckend.

Nicht nur tänzerisch, auch musikalisch ist dieser Abend ein Erlebnis der nicht alltäglichen Art. In einer schönen Sequenz von kollektiver Körperperkussion bilden Tanz und Musik eine Einheit. Die gesungenen Passagen ganz divergenter Herkunft werden von indischen und fernöstlichen Instrumenten begleitet. Dazu kommen in englischer Sprache vorgetragene Texte von Noam Chomsky und dem Zen-Spezialisten Alan Watts. Am Schluss: unbeschreiblicher Jubel und eine sich ganz unorthodox verneigende Tanztruppe.

Zwischen Imitation und Verfremdung

Zugleich mit dem Gastspiel des Cherkaoui-Ensembles zeigte Gauthier Dance, das inzwischen, Gauthier selbst nicht eingerechnet, auf sechzehn Mitglieder angewachsen ist, im Stuttgarter Theaterhaus sein neues Programm, ein abendfüllendes Handlungsballett von Marco Goecke, einem der Hauschoreographen des Stuttgarter Staatsballetts. Es hat das Leben des legendären Balletttänzers Vaclav Nijinski zum Thema. Von seiner Konzeption her hätte es ebenso am Staatstheater stattfinden können. Die Eigenart von Gauthier Dance – die Vorliebe fürs Groteske – musste man diesmal vermissen. Und eigentlich gibt die Biographie Nijinskis nicht genug Stoff her für eine choreographische Umsetzung. Da hat sich Goecke vom Namen verführen lassen. Wäre Nijinski Schauspieler oder gar Buchhalter gewesen, wäre man wohl kaum auf die Idee gekommen, sein Leben tanzen zu lassen.

Zum Glück hat Goecke darauf verzichtet, seine berühmten Partien nachtanzen zu lassen. Das hätte, so begabt Rosario Guerra auch ist, nur ins Auge gehen können. Das alte Paradox: Genialität lässt sich auf der Bühne oder auch im Film nicht eins zu eins darstellen, sonst wäre sie nämlich nicht mehr Genialität, also einmalig und unreproduzierbar. Die heikle Gratwanderung zwischen Imitation und Verfremdung bedeutet für den Gustav Gründgens in Ariane Mnouchkines „Mephisto“ ebenso eine Herausforderung wie für den Ray Charles eines Jamie Foxx. Die Verfremdung reicht bei „Nijinski“ so weit, dass die Andeutung von „Petruschka“ nicht zur Komposition von Strawinsky, sondern zu Chopin stattfindet, dessen Klavierkonzerte den Hauptteil der verwendeten Musik abgeben. Ohne die Einführung von Gauthier und den Programmzettel wäre die „Handlung“ kaum zu verstehen. Diaghilew (so die französische Transkription des russischen Namens), der berühmte, aber nicht unbedingt jedem Zuschauer bekannte Begründer der Ballets Russes, getanzt von David Rodriguez, gleicht eher Rogoschin aus Dostojewskis „Idiot“ oder auch Lopachin aus Tschechows „Kirschgarten“ als einem Impresario.

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erstellt am 21.6.2016

Der Pianist Boris Giltburg © Sasha Gusov

Sidi Larbi Cherkaoui: FRACTUS V © Filip Van Roe

Ballett

Nijinski

Künstlerische Leitung Eric Gauthier
Musik Frédéric Chopin u.a.
Choreografie Marco Goecke
Bühne / Kostüme Michaela Springer
Es tanzt Gauthier Dance//Dance Company Theaterhaus Stuttgart

Theaterhaus Stuttgart

Videoteaser: Gauthier Dance//Dance Company Theaterhaus Stuttgart – NIJINSKI