Ein Auftragskiller bereitet sich darauf vor, von einem Hotelzimmer aus sein Geschäft zu erledigen. Da kommt ihm die „Nervensäge“ in die Quere. Sie hat ihr eigenes Problem, sie will Selbstmord begehen. Wie die beiden mit einander zurecht oder vielmehr nicht zurecht kommen – davon erzählt Francis Vebers Komödie „Nervensäge“, die nun am Stuttgarter Studio Theater Premiere hatte.

Theater

Ein Heidenspaß

In den bildenden Künsten hat in den vergangenen Jahrzehnten ein grundlegender Wandel stattgefunden, der für Irritationen sorgt: Auf den Einfall kommt es an. Was früher als Bedingung der Kunst galt, die Durchführung, hat an Bedeutung bis hin zur Belanglosigkeit verloren. Für die Populärmusik gilt Ähnliches. In der Literatur, der erzählenden wie der dramatischen, ist das anders. Der Grundeinfall von Francis Vebers „Nervensäge“ ist so einfach wie genial: Ein Auftragskiller bereitet sich darauf vor, von einem Hotelzimmer aus sein Geschäft zu erledigen. Da kommt ihm die „Nervensäge“ in die Quere. Sie hat ihr eigenes Problem, sie will Selbstmord begehen. Wie die beiden mit einander zurecht oder vielmehr nicht zurecht kommen – das sorgt eineinhalb Stunden für einen Heidenspaß.

Lino Ventura und Jacques Brel haben diese beiden Rollen in einem Film von Édouard Molinaro, der in Westdeutschland unter dem dämlichen Titel „Die Filzlaus“ lief, auf unvergessliche Weise verkörpert. Am Stuttgarter Studio Theater spielt in der Regie von Dieter Nelle Boris Rosenberger den Killer und Torsten Hermentin den erfolglosen Selbstmörder. Bei Lino Ventura konnte das Image, das er in zahlreichen Filmen aufgebaut hatte, parodistisch ausgebeutet werden. Das fällt nun weg. Boris Rosenberger mimt den Berufsmörder eher wutschnaubend als cool und dann, nachdem er bei der obligatorischen Verwechslung eine Beruhigungsspritze erhalten hat, als bedröppelten Zombie. Torsten Hermentin gibt die enervierende Plaudertasche, die vom Hundertsten ins Tausendste kommt und das „Ne me quitte pas“ des Vorgängers Jacques Brel singt.

Auf den Vorzug des Films, dass er uns durch Montage scheinbar gleichzeitig an verschiedene Orte versetzen kann, muss die Bühne verzichten. Sie zeigt die beiden Hotelzimmer, in denen die Handlung abläuft, simultan, durch eine unsichtbare und durchlässige Wand getrennt. Während Pignon, der Selbstmörder, einen Strick ausprobiert, präpariert Ralph, der Killer, sein Sturmgewehr mit Zielfernrohr. Das angedeutete Fenster zum Zuschauerraum geht sowohl zum Hinterhof, wie auch nach vorn zum Justizpalast, wo das angepeilte Opfer des Killers erwartet wird. In kalkulierten Abständen fällt der Rollladen herab wie Jahre nach Vebers Stück, das im Original eigentlich „Der Kontrakt“ heißt, in Ray Cooneys Erfolgskomödie „Außer Kontrolle“. Der Bühnenrand wird als Sims imaginiert, auf dem erst Pignon und dann Ralph theaterwirksam balancieren.

Als Running Gag reißt der Hotelboy (Tobias Wagenblaß) regelmäßig die Tür auf, um auf missverständliche Situationen zu treffen, an denen auch Pignons Frau Louise (Caroline Sessler) und deren Liebhaber, der Psychiater Wolf (Christoph Franz) beteiligt sind.

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erstellt am 19.6.2016

Szenenfoto »Nervensäge«, Studio Theater Stuttgart: Daniela Aldinger

Theater

Die Nervensäge

Eine Komödie von Francis Veber
Übersetzung Dieter Hallervorden

Inszenierung Dieter Nelle

Ausstattung Hannes Hartmann, Leonie Mohr

Studio Theater Stuttgart

Szenenfoto »Nervensäge«, Studio Theater Stuttgart: Daniela Aldinger