Die wichtigste kommerzielle Kunstwoche findet gerade in Basel statt. Art Basel, Volta Show und Liste sind dabei stets einen Besuch wert. Isa Bickmann war vor Ort und stellt sich wie in jedem Jahr die Sinnfrage in Form einer subjektiven Reportage.

Kunstmessen

Basel hoch drei

Vielleicht sollte man das System grundsätzlich in Frage stellen oder gar nicht mitmachen, denn wird man nicht automatisch Teil des Ganzen, wenn man sich dem Strom anschließt? Überspitzt formuliert: In Basel wird mittels der Marktbedingungen vorgegeben, welche Kunst in den Privatsammlungen Aufnahme findet und in naher Zukunft in Kulturinstitutionen, auf Biennalen etc. zu sehen sein wird. Da der Absatz alles bestimmt, ist auch die präsentierte Kunst daran ausgerichtet, was das Sammlerherz erweicht. Und das ist oft genug gefällig-schick, bereits bekannt und folglich leicht konsumierbar. Jedoch ist der Reiz des Visuellen Teil der Magie, und darum tun wir es immer wieder und fahren nach Basel. In vielen Fällen wäre dieser Vorwurf allerdings ungerecht. Die Vermittlungsbemühungen der Galeristen, vor allem auf den kleinen Messen, sind bei weniger leicht Konsumierbarem tatsächlich unermüdlich.

Beginnen wir auf der Art Unlimited, jener Halle der Art Basel, die den monumentalen Werken vorbehalten ist. Dieser Sektor wird auch in diesem Jahr kuratiert von Gianni Jetzer (Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Washington D.C.). Es sind drei Stränge auszumachen: Klassische Positionen wie Pierrre Alechinsky, Christo, Joseph Kosuth, James Turrell und Antoni Tàpies, Rückbesinnung auf die Kunstgeschichte seitens einer jüngeren Generation sowie politische Statements, die stets in perfekte und repräsentative Form gepackt werden.

Gleich zu Beginn ist Thomas Bayrles „Flugzeug“ von 1982/83 platziert. Die riesige Collage, die von Gavin Brown’s enterprise (New York) kommt, war auf der letzten Documenta zu sehen. Die Wiederholung, die zum Muster wird, setzt sich im Folgenden fort. Haegue Yangs „Sol LeWitt Upside Down – Structure with Three Towers, Expanded 23 Times, Split in Three“ (2015, Kukje Gallery/Tina Kim Gallery, Seoul) bezieht sich auf den amerikanischen Minimalisten, der seinerseits mit zwei Werken vertreten ist.

Foto: bick

Sol LeWitt, „Irregular Tower“, 1999, Courtesy Alfonso Artiaco, Paula Cooper Gallery/Konrad Fischer Galerie, Foto: © Art Basel

Ein Turm inmitten der Halle birgt Samson Youngs „Canon“ (2015, via Galerie Gisela Capitain/team gallery, inc.), der sich mit „LRAD“ beschäftigt, einer „Tonkanone“, die Schallwellen auf ein bestimmtes Ziel hin über einen Kilometer übertragen kann. Dieses Instrument kann z. B. gegen Demonstranten angewendet werden, aber auch gegen unbeliebte Vögel auf Privatgrundstücken. Der aus Hong Kong stammende Künstler bombardiert uns mit Vogelstimmen, die man am Ende des Parcours auf einer Zwischenetage deutlich hören kann. Gekleidet in eine grüne Armeeuniform war er selbst anwesend und kontrollierte in der Höhe wie auf einem Wachturm stehend seine Soundinstallation.

Griechenland als immerwährender Quell der Nachrichten scheint sich in einer großformatigen Assemblage von Vlassis Caniaris (1928-2011) zu spiegeln, einem der wichtigsten griechischen Künstler und bei uns viel zu wenig bekannt. Doch das Werk „In Praise“ ist von 1993 und spricht von den Auswüchsen nicht kontrollierter Urbanisation. Dabei schwingen noch weitere Bedeutungsebenen mit, weswegen man auf dem ersten Blick einen Kommentar zur aktuellen „Schuldenkrise“ vermutet.

Vlassis Caniaris, In Praise, 1993, Courtesy: Galerie Peter Kilchmann, Zürich, Foto: bick

Eine 1967 bis 1972 in 20 Teilen entstandene Collagearbeit der US-amerikanischen Künstlerin Martha Rosler kontrastiert amerikanische Familien- und Wohnzimmer-Idyllen mit Bildern von der Realität des Krieges in Vietnam. Obwohl über 40 Jahre alt, hat „House Beautiful: Bringing the War Home“ nichts von seiner atemberaubenden Brisanz verloren.

Die Videoinstallationen unter den insgesamt über 70 künstlerischen Positionen waren diesmal durchweg sehenswert, wenngleich, wie im Fall des aus der Mongolei stammenden Chinesen Cheng Ran mit 7 Stunden und 48 Minuten, deutlich zu lang für eine Kunstmesse, die doch davon lebt, dass man in kurzer Zeit ein Werk erfassen kann. Hip-Hop-Rhythmen ziehen zu Kahlil Joseph (via Bernier/Eliades, Athen), der sein Split-Screen-Werk mit dem Song von Kendrick Lamar unterlegt und das Ganze auch so nennt: „m.A.A.d.“ Bilder aus den afro-amerikanischen Wohngebieten in Compton, Kalifornien, zeichnen harte brutale Realität, Partylife, Kriminalität und Bürgerlichkeit unter formalen Rückgriffen auf das französische Autorenkino à la Godard. Ein weiteres mehrstündiges Video bietet der Kanadier Stan Douglas. Unter dem Titel „Luanda-Kinshasa“ zeigt er eine fiktive Musiksession im 70er-Jahre-Miles-Davis-Setting, einem Nachbau des legendären, „The Church“ genannten Manhattan-Studios der Columbia Records. Kulturelle Vernetzungen des Jazz und Funk mit afrikanischen Elementen werden in einem Was-Wäre-Wenn (Miles Davis dieses so gemacht hätte und nicht den Weisungen der Plattenfirma gefolgt wäre) in Szene gesetzt. Der Trompeter fehlt freilich.

Stan Douglas' "Luanda-Kinshasa" Art Installation Video w/ Jason Moran from Triple Martini Productions, Inc. on Vimeo.

Hans Op de Beecks „Collector House“ ist ein begehbarer, völlig grau eingefärbter Raum wie nach einem Asche-Regen. Fürwahr ein unheimliches Ambiente, und doch kann man nicht umhin zu denken, dass das Kunstsammeln hier mit einem gewissen Zynismus als „Gesamtkunstwerk“ angegriffen wird.

Hans Op de Beeck. Courtesy: Galerie Krinzinger/Galleria Continua/Marianne Boesky Gallery © Art Basel

Die Hauptmesse wartet in diesem Jahr mit 286 Galerien auf, eine Zahl, die von der Unmöglichkeit zeugt, alles sehen zu können. Ein verschärftes Sicherheitskonzept und erweiterte VIP-Zeiten führten am Dienstag zu großem Andrang bei regnerischen Wetter und mürrischen Gesichtern bei „Menschen, die es nicht gewohnt sind, in Schlangen zu stehen“, wie es eine Kollegin kommentierte. In der Fülle der durchweg elegant präsentierten Werke fallen Künstler und Künstlerinnen auf, die man schätzt, weil man ihre Arbeit kennt. Einige enttäuschen, weil hier offensichtlich für den Markt (und die Privatwohnung) produziert wurde: Mark Manders großartige Rauminstallationen reduzieren sich so zu fahlen Objekten, die bei Weitem nicht seine Gedankentiefe wiedergeben(Zeno X, Antwerpen). Olafur Eliasson zeigt eine riesige tiefblaue Wand mit 329 Glaskugeln als „Cosmic Gaze“ (2016, Tanya Bonakdar Gallery, New York) – hübsch anzusehen und im Grunde nichts anderes als angewandte Kunst. Bei den benachbarten Galerien Ropac, Paris/Salzburg und Lisson Gallery, London, stand je eine auf Hochglanz polierte Stahlplastik von Tony Cragg, in dieser Doppelung zu pompös und dem überaus renommierten britischen Bildhauer überhaupt nicht angemessen.

Doch man findet auch das Besondere, wie z.B. eine Solopräsentation mit kleinen Werken von Kurt Schwitters (bei Zlotowski, Paris) oder eine Fotoausstellung von Jonas Mekas bei James Fuentes (New York): “Images Out of Darkness. Reminiscences of a Displaced Person. Postwar Germany, 1945-1949” zeigen seine Aufnahmen aus den DP-Lagern in Wiesbaden und Kassel, bevor er ab 1946 in Mainz Philosophie studierte und dann letztendlich 1949 in die USA emigrierte.

In der Sektion „Statements“ fiel Sara Cwynar auf, die Dinge/Objekte untersucht. Im Mittelpunkt ihres „Soft Film“ (2016) am Stand von Foxy Production, New York, stehen mit Samt bezogene Schmuckkästchen. Das Anhäufen und Sortieren nach Farben erweitert sie durch Einschübe und will dabei auf subtile Formen der Diskriminierung à la „Soft Sexism“ verweisen.

Die Liste – Art Fair Basel, die Messe, die verspricht, unverbrauchte Positionen vorzustellen, hat das Image des Improvisierten zu ihrem Programm gemacht, das überaus viele Besucher anzieht. Aufgefallen sind hier skulpturale Arbeiten von Alex Vivian (bei Sandy Brown, Berlin), die von einem Flaum von Teddybärhaaren überzogen sind. Auch hier sind schon stolze Preise zu zahlen (6.000,- CHF).

Alex Vivian, Entry level sculpture (Packaging, flora, stuff, etc.), 2016, Courtesy: Sandy Brown, Berlin. Foto: bick

Der Honduraner Adán Vallecillo (*1977) inszeniert am Stand von 80M2 Livia Benavides, Lima, Peru, mit Flicken besetztes Gummi zu objekthaften Bildern oder Plastiken im Raum. Er greift damit auf Minimal-Art-Elemente der sechziger Jahre zurück – wie so viele Künstler seiner Generation. Ein Blick in sein Portfolio lohnt unbedingt.

Adán Vallecillo, Courtesy: 80M2 Livia Benavides, Lima, Peru. Foto: bick

Ebenfalls Jahrgang 1977 ist Satoshi Hashimoto, der bei Aoyama/Megaro, Tokio, ausstellt. Seine Handlungsanweisung fand sich auf der Fensterbank platziert:

Satoshi Hashimoto, Courtesy; Aoyama/Megaro, Tokio. Foto: bick

Ein weiterer Objektkünstler arrangiert biomorphe Assemblagen: Brendan Fowler ist US-Amerikaner und Jahrgang 1978. Hier ein Beispiel, dass erotisch-fleischliche Konnotationen aufweist.

Brendan Fowler, Courtesy Mathew Gallery, Berlin/New York. Foto: bick

Eine überschaubare Präsentation von Galerien bietet die Volta 12, die nun zum wiederholten Mal in der Markthalle nahe des SBB-Bahnhofs stattfindet. Grundsätzlich ist das Niveau ansprechender als im letzten Jahr, und man konnte durchweg Positionen entdecken, die eine Beschäftigung lohnen. Zum Beispiel die der in Brixton lebenden Lesley Hilling, die mit mechanischen Teilen eines Klaviers und anderen Fundstücken, Bild-Objekte baut. Ihre Arbeiten beruhen auf dem Konzept von Sammeln und Zusammensetzen in Analogie zur Malerei, denn Farbe und farbige Teile sind konstituierende Elemente des jeweiligen Werkes.

Lesley Hilling, El Barrio, 2016, Courtesy: Knight Webb Gallery, London. Foto: bick

Irene Grau (*1986, in Valencia) ist eine junge Künstlerin, die im Außenraum mit Farbe oder farbigen Elementen arbeitet. Ihren konzeptuellen Zugang präsentiert sie mit der Foto-Serie „metría“, der sie die jeweiligen Maßstäbe beigesellt. Ihre künstlerische Vorgehensweise besteht aus Gehen und Vermessen, eine Art praktizierte Land-Art, die hernach über die Dokumentation und Präsentation der farbig gefassten Maßstäbe im Ausstellungsraum präsentiert wird.

Irene Grau, NCS S 2370-R 112 cm, 2016, Ultrachrome auf Baryt, 53 × 80 cm. Courtesy: Ponce+Robles, Madrid. Foto: Nicholas Winter, VOLTA

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erstellt am 16.6.2016

Kunstmessen in Basel

Art Basel

16. bis 19. Juni 2016
artbasel.com

Liste – Art Fair Basel

14. bis 18. Juni 2016
liste.ch

Volta 12

13. bis 18. Juni 2016
voltashow.com