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Die Schriftstellerin Katja Lange-Müller hält unter dem Titel „Das Problem als Katalysator“ die Frankfurter Poetikvorlesungen im Sommersemester 2016. Riccarda Gleichauf war bei der ersten Vorlesung dabei und berichtet von ihren Eindrücken.

Frankfurter Poetikvorlesung

Die Sehnsucht des Schreibens

Dass Schreiben eine existenzielle Angelegenheit ist, würden vermutlich einige namhafte Autorinnen und Autoren bestätigen. Die aktuelle Frankfurter Poetikgastdozentin Katja Lange-Müller fügt in ihrer ersten Vorlesung unter dem Titel „Das Problem als Katalysator“ hinzu, dass gute Literatur, ein gutes Gedicht zum Beispiel, unter diesem existenziellen Schreibdruck entstanden sein müsse.

Schriftsteller/innen werden von ihren Ideen verfolgt, die vielleicht gleichzusetzen sind mit den Problemen, die von klein auf in den Ecken, bei Lange-Müller speziell im Klassenraum, lauern.

Mit amüsanter „Berliner Schnauze” beschreibt sie, wie es gewesen ist, als Linkshänderin von der Lehrerin genötigt worden zu sein, rechts zu schreiben. Gleichzeitig hat der früh ausgeübte gesellschaftliche Druck aber auch dazu geführt, viel zu lesen. Der empfundene Mangel, das nicht So-Schreiben-Können wie alle anderen, bildet den Grundstein für ihr späteres Schreiben-Müssen. Denn, und hier paraphrasiert sie Durs Grünbein: „Die Sehnsucht des Schreibens kommt durch das Lesen“.

Soweit gelingt der Vortrag, und es macht Spaß ihren autobiographischen Gedankenspielen zu folgen, weil sie so angenehm unakademisch daherkommen, und gleichzeitig literaturtheoretisch gefärbt sind.

In der zweiten Hälfte der Vorlesung versucht die Autorin Lange-Müller ihrer Bewunderung für die kleine, aber gerade deswegen ihrer Meinung nach gehaltvolle literarische Form der Erzählung Ausdruck zu verleihen. Sie selbst ist keine Vielschreiberin, der letzte Roman „Böse Schafe“, ein schmaler Band, ist bereits 2007 erschienen. Ihr realistisch-poetischer Stil lebt von der Verknappung und passt gut zu ihren lebensnahen Geschichten, in denen die eigene Erfahrung oft eine zentrale Rolle spielt.

Ihr Lob auf die „Kurzgeschichte“ als Königsdisziplin, artet leider in eine etwas langatmige Aufzählung sämtlicher bekannter Autor/innen aus, so dass der Eindruck erweckt wird, Lange-Müller müsse ihre Belesenheit zumindest gegen Ende der Vorlesung dem Publikum präsentieren – anstatt ihren authentisch begonnenen Gedankenfaden weiterzuspinnen.

Zu Beginn betonte die Autorin, dass sie nicht gerne frei spreche, weil man sich dafür frei fühlen müsse. In dem eher steifen, akademischen Rahmen der legendären Poetikdozentur mag die Luft im Raum des Hörsaalzentrums für künstlerische Freigeister wie Katja Lange-Müller vielleicht etwas zu stickig sein.

Kunst kann gut und gerne durch die Brille des Akademischen bewertet und kommentiert werden, manche (gerade die wahren) Schreibkünstlerinnen, verkünsteln sich dabei etwas, obwohl sie das absolut nicht nötig haben.

Für viele Autoren scheint es sich wie eine Zumutung anzufühlen, über ihre eigenen Texte vor Publikum sprechen zu müssen, gerade wenn das Schreiben, wie Katja Lange-Müller betont, auch einen autotherapeutischen Zweck erfüllt. Viele ihrer Vorgänger/innen in Frankfurt – ich erinnere zum Beispiel an den „wütenden“ Auftritt von Robert Menasse im Jahr 2006 – hatten mit diesem paradoxen Anspruch zu kämpfen. Sie alle konnten sich aber von Vorlesung zu Vorlesung immer stärker in eine poetische Rage reden, so dass auch im öffentlichen Vortrag der Eindruck erweckt wurde, dass sich da jemand frei fühlt, weil er sich frei macht. Gerade im Sprechen. Katja Lange-Müller hat auf ihre kraftvolle, tiefgründig-intelligente Art auf jeden Fall das Potential dazu, einen zunächst ungewohnten Agitationsraum mit ihren Gedanken zu füllen.

Lassen wir uns von den folgenden Auftritten also überraschen!

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erstellt am 16.6.2016

Katja Lange-Müller
Katja Lange-Müller
Frankfurter Poetikvorlesungen

Katja Lange-Müller: Das Problem als Katalysator

Dienstag, 14.6., 21.6., 28.6., 5.7., 12.7.2016, jeweils 18 Uhr c.t.

Campus Westend, Audimax der Goethe-Uni (Hörsaalzentrum HZ1&2), Frankfurt

Abschlusslesung im Literaturhaus Frankfurt am 13. Juli 2016 ab 19:30 Uhr

Weitere Informationen zu den Frankfurter Poetikvorlesungen

Katja Lange-Müller
Böse Schafe
Roman
Broschiert, 208 Seiten
ISBN-13: 9783596156252
Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main

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