Für seinen Roman „Die Wolfssymphonie” erhielt Marius Daniel Popescu 2008 den Robert-Walser-Preis. Darin geht es um das Leben in Ceausescus Diktatur, um das Land der Einheitspartei, der Popescu eine vielfältige Symphonie aus Wiederholungen, Variationen und Sprachspielen entgegenstellt. Hanne Kulessa ist begeistert.

Rezensionsgespräch

Menschen in der Diktatur

hr2-kultur: Hanne Kulessa, Sie haben den Roman gelesen. Und ich sehe, es ist ein umfangreicher Roman. Wie viele Seiten?

Hanne Kulessa: Knapp 600. Und die lohnen sich! Eigentlich versteht man nicht, dass das Buch irgendwann aufhört, man könnte, man möchte weiterlesen, die Sprache, die Geschichten haben einen seltsamen Sog – ich sage seltsam, weil es streckenweise auch nicht einfach zu lesen ist, und „nicht einfach“ in dem Sinn, dass es Wiederholungen, Variationen, Sprachspielereien gibt, eine komplexe Symphonie eben. Manchmal möchte man lieber schneller in den Geschichten fortschreiten, ist also neugierig, ja begierig auf die Erzählungen, die die Kindheit und Jugend des Autors in Rumänien aufleben lassen.

Verstehe ich das richtig, dass es sich um einen autobiographischen Roman handelt?

Es gibt viele Hinweise darauf, dass Popescu identisch ist mit seinem Erzähler bzw. dass die Geschichten, die erzählt werden, Geschichten aus seinem Leben sind. Doch wir reden ja über Literatur, und in der Literatur wird gelogen und erfunden. Popescu, der Autor, arbeitet z.B. in Lausanne als Buschauffeur, der Protagonist des Romans ist ein Plakatierer, ein Plakatankleber.

Der Roman wird aus zwei Perspektiven erzählt: zum einen aus der des Plakatklebers, der in der Schweiz lebt, verheiratet ist und zwei Töchter hat, das betrifft also die Gegenwart, zum anderen aus der Perspektive des 98-jährigen Großvaters, der die Kindheits- und Familiengeschichten aus Rumänien erzählt. Das ist ein Kunstgriff, ein legitimer, der aber so nur in der Literatur funktioniert, denn der Großvater weiß alles, bis in die Gedanken und innersten Regungen des Kindes und Jugendlichen oder jungen Mannes. Der Hauptteil des Romans spielt in Rumänien zu Zeiten Ceaucescus, wobei weder sein Name noch der Name des Landes jemals genannt wird. Es ist immer nur die Rede vom Land der Einheitspartei. Diktaturen brauchen sozusagen keinen Namen, sie sind überall gleich, sie verlangen Gehorsam, Konformität und Unterwürfigkeit, aber sie produzieren eben auch versteckte Widerstände. Aber das Land und seine Deformationen stehen nicht unbedingt im Vordergrund, Popescu erzählt von den Menschen, die in dieser Diktatur leben, er erzählt – minutiös genau – von ihrem Alltag, Leben und Lieben.

Diese „Wolfssymphonie“ hat etwas von einer rumänischen „Suche nach der verlorenen Zeit“, auch wenn es natürlich nicht das Proustsche Milieu ist, hier geht es um einfache Menschen, um eine ganz andere Gesellschaftsschicht. Aber diesen Titel, die „Suche nach der verlorenen Zeit“ habe ich manchmal beim Lesen mitdenken müssen. Der Autor hat mir übrigens eine kleine Manie in den Kopf gesetzt: es geht in diesem Buch oft um die Wörter, um die Sprache, um die Bilder, das sind ja die Mittel, um die kostbaren Erinnerungen festzuhalten, und oft heißt es bei diesem oder jenem Wort: zum Beispiel: das Wort „Armut“ dürfte es nicht geben, oder: das Wort „Ding“ dürfte es nicht geben, das Wort Schnee, Genosse, Kilometer, Scheiße usw. dürfte es nicht geben. Was aber nicht heißt, dass dem Autor die Wörter ausgehen. Im Gegenteil. Ja, und ich denke jetzt auch ganz oft: dieses oder jenes Wort dürfte es nicht geben – z.B. das Wort ZEIT …denn ich brauchte jetzt, z.B. viel Zeit, um auf die wunderbaren Geschichten, die Popescu erzählt, einzugehen, über den Vater, über die Großmutter, über die Zigeuner, über die Verrückten, über die perfiden Methoden der Einheitspartei, die Menschen kleinzuhalten und zu drangsalieren –

Jedenfalls sind Sie begeistert…

Ja, das bin ich. Es ist ein ganz ungewöhnliches Buch, aber man braucht ein bisschen Zeit dazu, nicht nur wegen des Umfangs, sondern auch, um sich auf diese Welt einzulassen. Dafür wird man dann reich belohnt. Popescu ist ein grandioser Erzähler, der seine Figuren von innen beschreibt, sie gleichsam ausleuchtet, und doch detailversessen auch Äußeres beschreibt, seien es Kleidung, Landschaft oder Arbeitsvorgänge. So entstehen mit den Wiederholungen, den Variationen atemberaubende Situationen zwischen Leben und Tod, Erotik, Bedrohung, Betrug.

Eine sehr gute Übersetzung im Übrigen. Und im französischen Original erschien das Buch bereits 2007, Popescu erhielt dafür den Robert-Walser-Preis. Nun kann man nur hoffen und wünschen, dass die deutschen Leser den Autor und den Roman auch entdecken. Ich würde es dem Buch – und natürlich den Lesern – wünschen.

Ein Rezensionssgespräch, gesendet am 17.06.2013 in hr2-kultur
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin

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erstellt am 15.6.2016

Marius Daniel Popescu
Marius Daniel Popescu

Marius Daniel Popescu
Die Wolfssymphonie
Aus dem Französischen von Michèle Zoller
Gebunden, 580 Seiten
ISBN 978-3-906050-03-4
Verlag Urs Engeler, Solothurn, 2013

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