Die Choreographin Anne Teresa De Keersmaeker hat bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen Arnold Schönbergs frühe Komposition „Verklärte Nacht“ inszeniert. Die Gegenposition zu De Keersmaekers Reduktionismus konnte man an der Stuttgarter Oper sehen. Hier wurde Demis Volpis Ballett „Salome“ uraufgeführt, berichtet Thomas Rothschild.

Ballett

Ludwigsburg und ein Ausflug nach Stuttgart

Anne Teresa De Keersmaeker und ihr Ensemble Rosas haben Arnold Schönbergs „Verklärte Nacht“ schon 1995 im Rahmen der mit Klaus-Michael Grüber an ihrem Stammhaus, dem Théâtre Royal de la Monnaie, inszenierten und in mehreren Ländern bejubelten Schönberg-Trilogie auf die Bühne gebracht und ein Jahr später zusammen mit zwei weiteren Stücken der Moderne in einen Tanzabend gepackt. Jetzt hat sich die vielleicht bedeutendste Choreographin unserer Tage auf Schönbergs frühe Komposition zurück besonnen und zugleich für äußerste Reduktion entschieden. Diesmal tanzt, nach einem kurzen Vorspiel ohne Musik, lediglich ein nicht mehr ganz junges Paar auf leerer Bühne. Auch von den charakteristischen ruckartigen Kopfbewegungen, dem Schrauben des Oberkörpers aus der Hüfte heraus, den Box- und Schneidegesten der Arme, die seit 1983 für Faszination sorgen, sind nur noch Andeutungen geblieben. Hauptbestandteil des aktuellen Pas de deux sind die für Anne Teresa De Keersmaeker typischen Fallbewegungen.

Das (für den heutigen Geschmack ziemlich schaurige) Gedicht von Richard Dehmel, das Schönbergs Komposition zugrunde liegt, handelt von der Begegnung einer Frau mit einem Mann. Das ist auch die Grundlage für das Prinzip des Pas de deux. Wenn es bei Dehmel heißt „Er fasst sie um die starken Hüften“, so klingt das geradezu wie die Anweisung für Tänzer. Aber De Keersmaeker illustriert nicht den Text, sondern Schönbergs Musik, die in diesem Werk noch ganz der Spätromantik verhaftet und für das Ballett vorzüglich geeignet ist, zumal in der Fassung für Streichorchester von 1917, die in der Ludwigsburger Karlskaserne etwas zu laut aus den Boxen quoll.

Etwas Neues ausprobieren

Die Gegenposition zu De Keersmaekers Reduktionismus konnte man sechs Tage später 15 Kilometer entfernt an der Stuttgarter Oper sehen. Hier wurde Demis Volpis Ballett „Salome“ uraufgeführt. Zwar limitiert sich die Bühnenbildnerin Katharina Schlipf auch hier auf einen leeren Raum mit einer spiegelglatten schwarzen Fläche, hinter der sich eine endlos scheinende Treppe zum Horizont erstreckt. Unterhalb der Bühne, die sich vier Mal nach oben bewegt, kommt dann Jochanaan in seinem Verlies zum Vorschein. Aber was die Besetzung angeht, greift Volpi in die Vollen. Und zwar zunehmend. Dieser Abend folgt dem Gesetz des Crescendo und findet erst ganz zum Schluss wieder zur Askese des Anfangs zurück.

Demis Volpi hat vor drei Jahren mit seinem „Krabat“ einen der größten Erfolge des Stuttgarter Balletts kreiert und wurde unmittelbar danach zum Hauschoreographen der Truppe ernannt. „Krabat“ wird in der kommenden Spielzeit wieder aufgenommen. Mit der dreistündigen Adaption eines Kinderbuchklassikers hat die nur halb so lange „Salome“ allerdings wenig zu tun. Volpi wollte sich offenkundig nicht selbst plagiieren, sondern etwas Neues ausprobieren. Das ist ihm gelungen. Dass das ein Risiko bedeutet, versteht sich von selbst. Die Reaktionen waren gespalten, der stürmische Schlussapplaus bei der Premiere allerdings blieb von Missfallensbekundungen unbeeinträchtigt.

Intendant Reid Anderson hatte diese „Salome“ bereits geplant, ehe er wusste, dass die Oper in der laufenden Spielzeit im selben Haus eine „Salome“ aufführen würde. Auch mit der hat Demis Volpis Interpretation des alttestamentarischen Stoffes wenig zu tun. Volpi und seine Librettistin und Dramaturgin Vivien Arnold gehen nicht den Umweg über Richard Strauss, sondern greifen direkt auf das Drama von Oscar Wilde zurück. Dafür collagierten sie Musikstücke ganz unterschiedlicher Herkunft und Stilrichtung. Indische Phrasen aus John Adams' „The Dharma at Big Sur“ mischen sich da in neoromantische Anklänge von Vladimir Martynov und in Jazzrock à la Jaco Pastorius von Tracy Silverman. Dieser Musik verdankt der Abend einen guten Teil seiner Wirkung, und sie entspricht dem Eklektizismus der choreographischen Einfälle, die wiederum der individuellen Charakterisierung der Figuren dienen. Das Extrem stellt der Herodes dar, der sich vom Rollstuhl aus auf nur wenige Handbewegungen beschränken muss.

Klassisches Ballett als Zitat

Demis Volpi unterschlägt weder den Décadencecharakter, noch die homosexuelle, manchmal freilich eher schwulstige als schwule Komponente von Oscar Wildes Text. Mit der Lieblichkeit eines „Schwanensees“ hat das nichts mehr gemeinsam, klassisches Ballett wird fast stets ein wenig ironisch zitiert, aber darin folgt Volpi nur der allgemeinen Entwicklung des Tanztheaters.

Die Titelrolle tanzt als moderne Kindfrau und darin von der Stuttgarter Opernauffassung gar nicht so weit entfernt die beliebte Solistin Elisa Badenes. Für den zugleich exotischen und jugendstiligen Akzent sorgt im Hintergrund die zumindest ebenso populäre Alicia Amatriain als allegorischer „Mond“, der, buchstäblich, über alle Beteiligte leuchtet. Apropos „leuchten“. Gleichberechtigter Partner der Tänzer sind die Lichtkegel, die jene aus dem Dunkel schälen.

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erstellt am 13.6.2016

Szenenfoto Verklärte Nacht © Anne Van Aerschot

Tanz

Verklärte Nacht

Arnold Schönberg Verklärte Nacht op. 4 (Fassung für Streichorchester)

Choreografie Anne Teresa De Keersmaeker
Tanz Samantha van Wissen, Thomas Vantuycom, Nordine Benchorf

Ludwigsburger Schlossfestspiele

Szenenfoto Verklärte Nacht © Anne Van Aerschot

Ballett

Salome

Nach Oscar Wilde

Choreographie Demis Volpi
Musik John Adams, Vladimir Martynov, Tracy Silverman u.a.
Bühne und Kostüme Katharina Schlipf

Stuttgarter Ballett

Szenenfoto Salome © Stuttgarter Ballett

Szenenfoto Salome © Stuttgarter Ballett