Literarische Übersetzer wirken im Hintergrund aller Weltliteratur. Ihr Name ist jedoch nicht einmal dann, wenn sie Literaturnobelpreisträger wie Salman Rushdie, Pablo Neruda oder Mo Yan ins Deutsche übersetzt haben, jenseits von Insiderkreisen bekannt. Das kreative Können literarischer Übersetzer ist jedoch einzigartig und erfordert kongeniale Kompetenzen. Zum achten Mal rückt darum in diesem Sommer der im Haus der Kulturen der Welt in Berlin verliehene Internationale Literaturpreis (ILP) Autor und Übersetzer gleichzeitig in den Blick. Es ist der einzige Preis, der in diesem Umfang auch den Übersetzer eines in die deutsche Sprache übersetzten Werkes öffentlich würdigt. Über Details des Übersetzungsprozesses hat Andrea Pollmeier mit dem renommierten Literaturübersetzter Hinrich Schmidt-Henkel gesprochen.

Internationaler Literaturpreis – Haus der Kulturen der Welt 2016

Treue entsteht durch Freiheit

Der Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel im Gespräch mit Andrea Pollmeier

Andrea Pollmeier: Die Übersetzung literarischer Werke ist eine eigenständige, kreative Leistung, die öffentlich nur selten angemessen berücksichtigt wird. Das zeigt sich nicht nur in der Diskussion um Honorare. Auch die Literaturkritik analysiert bei übersetzten Werken nur selten die Arbeit des Übersetzers. Wie sollte aus Ihrer Sicht übersetzte Literatur beurteilt werden?

Hinrich Schmidt-Henkel: Jeder literarische Text ist ein eigenes ästhetisches Projekt. Die Übersetzung ist gut, wenn sie dieses ästhetische Projekt im Stil angemessen und ohne Brüche konsistent verwirklicht. Andere literarische Kriterien wie z.B. Handlungspsychologie und Figurenzeichnung sind von Übersetzungsfragen weitestgehend unabhängig.

Bei der Übersetzung muss man jedoch zusätzlich prüfen, ob die syntaktischen Strukturen der Originalsprache noch durchscheinen, ob idiomatische Wendungen stimmig übertragen worden sind und ob die Zeitenverwendung angepasst worden ist. Hier können in der Übersetzung Störungen auftreten. Solche Schwächen bemerkt man auch dann, wenn man die Ausgangssprache nicht verstehen kann. Ich übersetze beispielsweise oft aus dem Norwegischen. Diese Sprache wird in den meisten Lektoraten nicht gesprochen, dennoch erkennt man dort recht zuverlässig, wo eine Übersetzung noch verbessert werden muss.

Wie übersetzen Sie Witze oder Wortspiele, die nicht eins zu eins zu übermitteln sind?

Der Autor setzt mit einer bestimmten Aussageabsicht an dieser Stelle der Erzählung einen Witz ein. Eventuell soll eine Figur charakterisiert oder der Lesefluss unterbrochen werden. In der Übersetzung muss an diesem Punkt auch ein Witz erzählt werden. Dieser sollte ebenso selbstverständlich begreiflich sein wie im Original. Und, der Witz sollte in der Übersetzung dieselbe Funktion erfüllen, dieselbe Wirkung haben wie im Originaltext.

Das Gleiche gilt, wenn man Wortspiele übersetzt. Man kann nicht einfach die Wörter abschreiben, sondern muss schauen, wie das Wortspiel inhaltlich und stilistisch funktioniert. Spielt man beispielsweise mit Wörtern, die im Text Schlüsselwörter oder Namen sind? Beziehen sich die spielerisch eingesetzten Wörter auf Handlungselemente im Text? In der Übersetzung muss ich ein Wortspiel wählen, das diesen Bezügen entspricht. Funktioniert ein Wortspiel im Original über die Homophonie – im Französischen gibt es ja viele Wörter, die gleich klingen, aber verschieden geschrieben werden, dies ist im Deutschen viel seltener der Fall – dann macht man vielleicht ein Wortspiel, das auf einem anderen Prinzip basiert, aber im Verhältnis zum Kontext an sich mit demselben Material umgeht.
Es gibt Vieles, was als unübersetzbar gilt, das halte ich für eine wohlfeile Position, das stimmt an sich nicht, ein Text ist verstehbar, also ist er auch übersetzbar!

Das bedeutet, dass man sich als Übersetzter in seiner eigenen Sprache fast kongenial zum Autor bewegen können muss, hierzu ist ein enormes kreatives Potenzial erforderlich.

Ziel ist es, mit den Mitteln der eigenen Sprache so zu schreiben, wie der Autor. W a s zu schreiben ist, hat der Autor ja schon gesagt. Und w i e zu schreiben ist, erkennt man auch aus dem Original, wenn man es mit einem sinnvollen Instrumentarium analysiert. Hierzu gehört gemäß Frank Heibert, der sich als Übersetzer im Rahmen der August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessur für Poetik der Übersetzung an der FU Berlin 2015/16 mit theoretischen Fragen der Übersetzung beschäftigt hat, auch die Kategorie der H a l t u n g.

Haltung ist eine Größe, die bei der Analyse von Übersetzungen oft vergessen wird. Man analysiert den Stil, fragt, welche Funktionen stilistische Entscheidungen im Original haben und klärt, worauf diese stilistischen Entscheidungen basieren. Aussage, Darstellungsweise, Wortwahl und ästhetische Absichten basieren alle zusammen auf der Haltung, aus der heraus ein Autor sich für sie entscheiden hat. Man muss beim Übersetzen also sowohl die Haltung des Autors, als auch die der Figur, aus der sie spricht, berücksichtigen. Es geht somit nicht nur um Ebenen der stilistischen Analyse plus Grammatik und Syntax. Das wird besonders deutlich, wenn man dialogische Texte wie im Theater übersetzt. Manchmal muss man aufspringen, die Bewegung der Figuren nachmachen und ihre Haltung beim Sprechen einnehmen – Körperhaltung und innere Haltung -, erst dann wachsen einem die richtigen Wörter zu. Die Begriffe kommen natürlich aus dem Wörterbuch, aber es gibt Varianten, zwischen denen man sich entscheiden muss – diese Entscheidung entspringt der Haltung.

Aus welcher Haltung heraus haben Sie sich für den Beruf des Übersetzens entschieden? Ein Kollege, der aus dem Chinesischen übersetzt, sagte einmal, er habe sich aus Liebe zur deutschen Sprache dem Beruf gewidmet und nicht, um eine Kultur zu vermitteln.

Das ist ein sympathischer Gedanke. Als ich begann, aus dem Französischen zu übersetzen, tat ich das auch nicht, weil ich der deutschen Leserschaft die französische Kultur übermitteln wollte. Es ist ein anderer Impuls. Wenn mich ein originalsprachlicher Text auf eine bestimmte Weise anspricht, gibt es den Impuls, den Text mit der eigenen Sprache formulieren zu wollen. Dieser Impuls entspringt dem Original, das Original muss etwas haben, das das Bedürfnis, zu übersetzen, auslöst und die Zusatztonspur im inneren Monitor öffnet.

Ist für Übersetzer die Zielsprache wichtiger als die Ausgangssprache?

Ohne Zielsprache gäbe es zwar meine Übersetzung nicht, beim übersetzerischen Prozess suche ich jedoch im Kleinen wie im Großen eine Deckungsgleichheit in der Wirkung, bei diesem Vorgang sind dann doch beide Sprachen gleich wichtig.
Insgesamt bin ich ein zielsprachlich orientierter Übersetzer und möchte, dass der Text in der Übersetzung ebenso natürlich wird wie das Original. Allerdings müssen auch alle im Original auftretenden stilistischen Besonderheiten und Abweichungen von der Natürlichkeit in der Übersetzung enthalten sein.

Was bedeutet für Sie die Forderung nach „Nähe“ zum Originaltext?

Übersetzen kann als ein „Er“setzen stattfinden. Das Ersetzen findet in sehr vielen Fällen dadurch statt, dass man ganz andere Lösungen findet, als das Original selbst nahelegen würde. Slogans, die zwischen „Treue“ und „Freiheit“ abwägen, finde ich ärgerlich, noch dazu, wenn sie mit Kategorien wie „Schönheit“ verbunden werden. Ich habe die Frage der „Nähe“ für mich so entschieden: Um dem Original treu zu sein, muss ich manchmal frei sein. Treue ist ein Produkt der Freiheit. Wenn ich am Original klebe, weil ich einfach diese wunderbaren norwegischen Sätze schätze und darum jedes Wort durch ein deutsches Wort ersetze, dann guckt es mich zwar an wie ein deutscher Satz, doch ist es dann noch kein deutscher Satz, dann ist es noch keine Übersetzung, es ist nur eine Abschrift; damit es Deutsch wird, muss ich vom Original weggehen.

Auch hinsichtlich der Ästhetik einer Sprache gibt es Fehleinschätzungen. Wenn man sagt, das italienische Wort „albero“ habe einen so schönen Klang und sei mit dem deutschen Wort „Baum“, das stumpf und schwer klinge, nicht zu übersetzen, dann ist das meiner Meinung nach eine voreingenommene Position. Man kann schließlich auch meinen, „Baum“ klinge wunderschön …

Das Wort steht für den Geist einer Mitteilung. In dem Moment, in dem ich mir zur Aufgabe mache, mit Klängen zu spielen, muss ich nach Möglichkeiten suchen, im Deutschen in einer adäquaten Weise mit Klängen zu spielen. Möglich ist dieses Spiel der Klänge in jeder Sprache.

Die Notwendigkeit von Freiheit wird beim Übersetzen umso sichtbarer, je speziellere Dinge man vor sich hat. Wenn ich in der Lyrik die Form erhalten will, dann muss ich mit dem Inhalt besonders jonglieren. Das Jonglieren ist beim Übersetzen jedoch immer erforderlich. Frank Heibert und ich haben jetzt von Raymond Queneau die Stilübungen neu übersetzt. Bei den einzelnen Texten sieht man technisch sehr genau, welche Schreibanweisungen des Autors vorliegen, diesen muss man im Deutschen dann eben genauso folgen. Oft wird gesagt, diese Texte seien hinsichtlich des Übersetzens ein besonderer Fall. Dieser Sicht möchte ich widersprechen: Das ist kein besonderer Fall, das ist etwas, was wir beim Übersetzen immer machen, es ist hier nur besonders sichtbar! Den Schreibanweisungen des Autors folgen – genau das ist Übersetzen!

Zur Unübersetzbarkeit gehört auch die Frage: Inwieweit gibt es Denkhorizonte, die nicht in unserem Denken vorhanden und darum schwer zu vermitteln sind. Ich möchte das an einem Beispiel deutlich machen: Das Wort „dàn“ im Chinesischen kommt aus der sinnlichen Sphäre und kann sich auf den Eigengeschmack von Speisen beziehen. Dieser soll bei der Zubereitung bewahrt bleiben. Das geistige Konzept, an das der Begriff anknüpft, bezeichnet der Sinologe Wolfgang Kubin als „Ästhetik der Verhaltenheit“. Eine Studie des französischen Kollegen Francois Jullien gibt jedoch den chinesischen Begriff “dàn”, für den es weder im Französischen noch im Deutschen einen befriedigenden Ausdruck gibt, nicht durch Verhaltenheit, sondern durch “fadeur”(Fadheit) wieder. Der Titel seiner Analyse lautet “Éloge de la fadeur”(dt. “Über das Fade – eine Eloge”, 1999). Der Begriff “fad” hat nun im Deutschen einen abwertenden Unterton, der von dem Sinologen keinesfalls beabsichtigt war. Allein durch die Begriffswahl kann somit eine irreführende Einordnung dieser bedeutenden Studie zur chinesischen Geisteshaltung erfolgen.

In diesem Moment finde ich es passend, die legendäre Russischübersetzerin Svetlana Geier zu zitieren. Sie sagt: „Hebt die Nase hoch, wir übersetzen Texte, nicht Wörter!“ Das heißt, man soll nicht auf die einzelnen Wörter oder Buchstaben schielen, sondern über das Buch hinaus schauen. Wenn ich einen stark aufgeladenen Begriff übersetze, der ein umfangreiches inhaltliches, kulturelles, philosophisches und eventuell auch historisches Gepäck beinhaltet, dann ist die Frage sehr wichtig, wie nah man dem Begriff durch eine annähernde Übersetzung kommen kann. Dem Wort „Verhaltenheit“ ließe sich möglicherweise noch ein Adjektiv hinzustellen, auch wenn es dies im Original nicht gibt. Wenn man den Kontext im Deutschen durch die Ergänzung möglicherweise besser fassen kann, wäre das auch eine Möglichkeit.

Manchmal ändert ein Übersetzter den Originaltext, weil er dem Leser eine Art „Kulturschock“ ersparen möchte. Das kann den Erzählstil, aber auch politische Konnotationen betreffen. „Nègre” bedeutet beispielsweise im haitianischen Kreolisch das Gleiche wie „homme”, der Mensch. Wenn man das Wort im Deutschen mit „Neger” übersetzt, entstehen beim Leser irreführende Verknüpfungen. Wie gehen Sie als Übersetzer mit Begriffen um, die stark politisch aufgeladen sind und im Ursprungskontext anders bewertet sind. Ich denke auch an Worte, die „Volk”, „Rasse” oder „Vaterland” betreffen und beispielsweise in der chinesischen Literatur unbefangen eingesetzt werden. Ersetzt oder mildert man dann die Terminologie, wird Fremdheit in der Übersetzung homöopathisch dosiert?

Einerseits bemüht man sich darum, dass die Wirkung der Übersetzung möglichst genau der Wirkung des Originals auf die Originalleser entspricht. Da, wo der Originalleser nicht vor den Kopf gestoßen ist, sollte eigentlich auch der Leser der Übersetzung nicht vor den Kopf gestoßen werden. Auf der anderen Seite ist übersetzte Literatur etwas Entferntes, das zu uns gebracht wird und das allein durch diesen Umstand auch immer ein Moment des Unbekannten birgt, das dem Originalleser nicht unbekannt oder fremd war. In den 50er/60er Jahren hat man versucht, diesen Unterschied abzufangen, indem akkulturiert wurde. In Übersetzungen aus dem Englischen wurde also nachmittags nicht „Tee“, sondern „Kaffee“ getrunken, Eigennamen wie „Pierre“ wurden als „Peter“ übersetzt.

Das ist natürlich völlig hilflos. Wenn wir etwas Übersetztes lesen, wissen wir, dass es übersetzt ist. Wenn wir etwas lesen, das in einer anderen Kultur spielt, dann wissen wir, dass es in einer anderen Kultur stattfindet. Man soll darum keine Sitten übersetzen. Wenn in einem Land Weihnachten der Strumpf in den Kamin gehängt wird, sollte man nicht sagen, der Weihnachtsbaum wird geschmückt!

Redewendungen darf man jedoch anpassen?

Ja, unbedingt! Dieter E. Zimmer hat dafür eine sehr treffliche Formel gefunden: Sprachliches wird übersetzt, er nannte das übrigens „Sprachtatsachen“ in Abgrenzung zu „Kulturtatsachen“, die werden nicht übersetzt.

Beim Internationalen Literaturpreis, der im Haus der Kulturen der Welt in Berlin verliehen wird und wie kaum ein anderer Preis den Übersetzer parallel zum Autor würdigt, geht es oft um Literatur, deren Entstehungskontext wir nicht gut kennen. Ist in solchen Fällen bei der Übersetzung ein anderer Umgang mit den Vorgaben des literarischen Originaltextes erforderlich? Gilt es, zusätzliche Aspekte zu berücksichtigen, die wir bei Literatur aus Frankreich vielleicht nicht mehr so dringend beachten müssen? Ich frage dies in dem Wissen, dass es im Zusammenspiel zwischen der französischen und deutschen Kultur noch Vorkommnisse der „Carambolage“ gibt, mir scheint es jedoch viel mehr Ebenen der Vertrautheit zu geben, als dies gegenüber außereuropäischen Kulturen der Fall ist.

Der Text selbst ist ja nicht das einzige editorische Mittel, das uns zur Verfügung steht. Man kann ein Wort im Text kursiv setzten und am Textende Glossare anfügen. Sie sind dann dem Text beigesellt, ohne sich in den Text zu drängen. Ich bin ein großer Feind von Fußnoten, weil hierdurch zwei Textsorten miteinander vermischt werden, dieses Vorgehen führt sehr weit vom Original weg. Ich bin jedoch durchaus ein Freund von Glossaren oder Anmerkungen am Ende des Textes. Dann kann jeder Lesende selber entscheiden, wann er oder sie nachsehen möchte.

Sagen will ich bei der Gelegenheit noch, da Sie den Internationalen Literaturpreis erwähnen, wie gut und sinnvoll und lobenswert ich es finde, wie bei ihm Autoren und Übersetzer nebeneinander gestellt werden, sogar in der Bibliografie. Ein guter Ausdruck der Tatsache, dass jedes übersetzte Werk zwei Autoren hat, den Autor des Originals und den Autor der Übersetzung. Zwei verschiedene Formen der Autorschaft, des Urheberseins, beide mit eigenem Recht.

Denken Sie, dass Texte altern?

Ich bin der Meinung, dass alle Texte altern. Seltsam ist nur, dass man es Originalen gestattet und Übersetzungen weniger gestattet. Übersetzungen sieht man immer noch als etwas an, das zwischen einem Original und einem selbst steht.

…und das ist nicht angemessen aus ihrer Sicht?

Nein, natürlich nicht. Es gibt einzelne Wörter, die älter sind und deren Gebrauch in beiden Sprachen auf unterschiedliche Art verjährt ist. Im Französischen ist „type“ noch so gebräuchlich wie vor fünfzig Jahren. Wir würden das heute jedoch nicht mehr als „Kerl“ übersetzen.
Ein anderes Beispiel sind Henrik Ibsens Neuübersetzungen. Die ersten Übersetzungen von Julius Elias und Paul Schlenther aus dem 19. Jahrhundert gehören zu denen, die heute noch am jugendlichsten wirken, warum? Weil beide wirklich übersetzt haben, sie kleben weniger im Morast der norwegischen Syntax und Bildlichkeit fest, sie sind, wie ich finde, immer noch sehr gut les- und spielbar, manch andere Übersetzung schreibt hingegen das Norwegische ab und gibt dem Text so eine Schwere und Umständlichkeit, die bei Ibsen nicht drin steht.

Neuübersetzungen können auch erforderlich werden, weil sich unser Wissen über die kulturellen Zusammenhänge verfeinert hat. Die Neuübersetzung von Chinua Achebes Roman „Alles zerfällt“ wurde aus diesem Grund besonders gelobt. Wann wird Ihrer Erfahrung nach eine Neuübersetzung erforderlich?

Manchmal passiert es, dass sich bestimmte Wirkungen, die im Original vorhanden sind, durch die Übersetzung verstärken. Ich habe die Dramen von Albert Camus neu übersetzt. Die alte Übersetzung ist nicht unkorrekt, aber komischerweise ist der latente Hang zum Pathos, der bei Camus gegeben ist, in den alten Übersetzungen viel stärker. Grund sind Wortwahl und Syntax. Bestimmte Geschraubtheiten kann man in der Übersetzung entschrauben, sodass am Ende die Dosierung stimmt. Wenn ich den Originaltext genau abschreibe, bekommt er paradoxerweise in der übersetzten Fassung eine ganz andere Schlagseite als im Original. Das gilt nicht nur hinsichtlich der Wirkungsäquivalenz – diese müssen z.B. Spanischübersetzer viel beachten. Wenn man spanische Prosa übersetzt, kommt da etwas heraus, was den Deutschen unendlich gebläht erscheint. Eine bestimmt Blähung muss allerdings bleiben, allein, um noch in der Nähe des Originals zu sein und auch, damit wir beim Lesen sehen lernen, wie die Spanier schreiben. Dennoch muss in der Zielsprache ein neuer Zungenschlag gewählt werden, damit der Text der Zunge des Originals entspricht. Treue entsteht durch Freiheit, da ist es wieder.

Der Übersetzer sollte sein Lesepublikum also sehr genau einschätzen können. Er muss wissen, welche Wahrnehmungen in dieser Zeit tonangebend sind. Gerade wenn es um die Dosierung von Pathos geht, scheint mir unser Lesepublikum sehr empfindlich zu reagieren.

Doch selbst wenn ein Text in der Übersetzung überdreht erscheint, ist der Text an sich dadurch nicht weg. Ich denke immer daran, wie ich einmal mit meinem Orgellehrer zusammen den ganzen Tag die Orgel gestimmt habe. Mit unendlicher Mühe wurden die Zungenregister, die man als Nicht-Orgelbauer stimmen kann, einzeln eingestellt. Am Ende des Tages hatte mein Lehrer noch die Idee, etwas am Winddruck zu ändern und „pling“, plötzlich waren alle Zungen, die auf den mechanischen Druck der Luft reagieren, wieder verstimmt. Der andere Luftdruck hatte bei jeder Zunge auf eine andere Weise den Ton verändert, so dass sie nicht mehr übereinstimmten. In zehn Minuten begann jedoch das Konzert. Mein Lehrer hat dann die Bachpräludien und -fugen mit einer Basisregistrierung gespielt, zu hören waren noch vollkommene Bachpräludien und –fugen, jedoch ohne Trompeten etc. Ich will mit diesem Beispiel keinen schlechten, faulen oder entstellenden Übersetzungen das Wort reden, doch will ich festhalten, dass selbst bei solchen Arbeiten vom Text noch etwas vorhanden ist. Es können gar nicht alle Übersetzungen, die für uns die Weltliteratur repräsentieren, kongenial übersetzt und auf der Höhe sein. Die Texte haben trotzdem überlebt.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 12.6.2016

Foto: Hinrich Schmidt-Henkel, Screenshot 3SAT
Foto: Hinrich Schmidt-Henkel, Screenshot 3SAT

Hinrich Schmidt-Henkel (geb.1959) ist Übersetzer für norwegische, französische und italienische Literatur und seit 2008 Vorsitzender des Verbands deutschsprachiger Übersetzer literarischer und wissenschaftlicher Werke (VdÜ).

Er hat u.a. ins Deutsche übersetzt: Louis-Ferdinand Céline, Yasmina Reza, Michel Houellebecq, Jean Echenoz, Marie Darrieussecq, Jon Fosse, Camus, Ibsen und Diderot. Von 1991 bis 1993 war er persönlicher Referent, dann Pressesprecher der Hamburger Kultursenatorin Christina Weiss. 2000/01 übernahm er die Konzeption des deutschen Auftritts beim Salon du Livre 2001 und leitete 2004 die Autorenwerkstatt Theater am Literarischen Colloquium Berlin.Er ist Autor für das Arte-Kulturmagazin „Karambolage“. Schmidt-Henkel lebt in Berlin.

Auszeichnungen:

2000 Jane-Scatcherd-Preis der Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Stiftung
2004 Celan-Preis des Deutschen Literaturfonds
2007 Deutscher Jugendliteraturpreis
2015 Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis

Raymond Queneau, STILÜBUNGEN,
neu übersetzt von Frank Heibert und Hinrich Schmidt-Henkel:

Internationaler Literaturpreis 2016 – Haus der Kulturen der Welt

Weitere Informationen

Preis für übersetzte Gegenwartsliteraturen
Shortlist 2016
8. Internationaler Literaturpreis

Preisträgerinnen des ILP 2016:
Autorin Shumona Sinha und ihre Übersetzerin Lena Müller für den Roman Erschlagt die Armen! (2015, Edition Nautilus, Original in Französisch: Assomons les pauvres!, Editions de l’Olivier, Paris 2011)

Preisverleihung & Lange Nacht der Shortlist: 25. Juni 2016